Mister Market

SGS: Von Fincks Rückzug lädt zu Spekulationen ein

Die Familie von Finck löst sich vom Genfer Warenprüfkonzern. Alleinige Grossaktionärin bleibt die transaktionsfreudigere Groupe Bruxelles Lambert. Der Kursrückschlag ist eine Kaufgelegenheit.

Andreas Kälin

Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

Ist der Weg für SGS jetzt frei, um einen grösseren Deal im Warenprüfsektor anzugehen?

In der Nacht auf Dienstag hat die Familie von Finck 960'000 Aktien von SGS verkauft, das entspricht einem Anteil von 12,7%.  Damit hält die Familie jetzt nur noch 3% am weltweit grössten Warenprüfunternehmen.

GBL stockt auf

Im Zuge dieser von Credit Suisse durchgeführten Aktienplatzierung hat die Groupe Bruxelles Lambert (GBL) ihren Aktienanteil von 16,7 auf 18,9% erhöht. Damit ist die Beteiligungsgesellschaft, die letztlich von der belgischen Familie Frère und der kanadischen Familie Desmarais kontrolliert wird, alleinige Grossaktionärin von SGS.

Der weitgehende Verkauf des Aktienanteils durch die Familie von Finck kam für den Markt überraschend, wie Analysten kommentieren. Für die Analysten der Bank Vontobel ist der Schritt «eindeutig ein wichtiger Meilenstein für SGS».

Die Familie von Finck hatte sich bei SGS Anfang der Neunzigerjahre engagiert und die Beteiligung danach auf bis zu 25% aufgestockt. In dieser Zeit hatte sie den SGS-Verwaltungsrat de facto in der Hand.

2009 reduzierte die Familie ihren Anteil im Rahmen eines beschleunigten Bookbuilding-Verfahrens auf 15%, wodurch der Aktienkurs mehr als 6% einbüsste. Die Familie von Finck hat sich bisher aber einen grossen Einfluss im Verwaltungsrat erhalten: Zurzeit sitzen im Gremium August François von Finck (52) und Luitpold von Finck (49). Als VR-Präsident fungiert zudem Peter Kalantzis, der der Familie nahesteht.

Diese Machtverhältnisse werden sich ändern. An der Generalversammlung von SGS am 24. März wird es zu Umbesetzungen im VR kommen: Der Einfluss der Familie von Finck wird verschwinden, jener von Groupe Bruxelles Lambert dürfte sich akzentuieren.

Mögliche Folgen

Das könnte Folgen haben: In der TIC-Branche (Testing, Inspection, Certification) ist immer mal wieder über einen Zusammenschluss unter Grossen spekuliert worden. Kolportiert wurde dabei auch, dass sich die an nachhaltigen Dividenden interessierte Familie von Finck solchen Deals entgegengestellt habe.

Die Beteiligungsgesellschaft GBL dagegen ist grossen Transaktionen erwiesenermassen nicht abgeneigt. The Market ist im November auf das Szenario einer erneuten Annäherung von SGS und der französischen Bureau Veritas, der Branchennummer zwei, eingegangen.

Ein Türöffner für solch einen Zusammenschluss könnte etwa eine geringere Wachstumsdynamik im Prüfgeschäft sein. Die industrielle Logik des Schrittes wird unter Marktbeobachtern kaum bestritten. Dies würde Einsparungen ermöglichen – das Thema Kosten ist bei SGS und Bureau Veritas zurzeit sowieso im Fokus: Beide verfolgen das Ziel, die bereinigte Betriebsgewinnmarge in diesem Jahr auf über 17% zu steigern. SGS ist ihm dank einem starken zweiten Halbjahr 2019 einen wichtigen Schritt nähergekommen.

Ein weiterer Türöffner für einen Zusammenschluss zwischen SGS und Bureau Veritas könnten nun die Beteiligungsveränderungen bei SGS sein.

Tiefere Kurse als Chance

Die SGS-Aktien haben auf die Nachricht vom Beteiligungsabbau der Familie von Finck erneut – wie schon im Jahr 2009 – mit einem starken Kursverlust reagiert: Die Valoren haben heute morgen an der Börse bis zu 6,5% auf 2550 Fr. eingebüsst.

SGS: Einbusse nach Ausstieg der Familie von Finck

SGS Na., in Fr., von Februar 2017 bis Februar 2020

Die Anteile der Familie von Finck waren zuvor zu je 2425 Fr. platziert worden, also mit einem Abschlag von rund 11% zum gestrigen Schlusskurs.

Für Anleger sind die tieferen Kurse von heute eine Kaufgelegenheit.

Denn SGS gehört angesichts der hohen Renditen auf das investierte Kapital und damit einer steten Wertschaffung für die Aktionäre nicht nur zu den absoluten Topunternehmen der Schweiz. Der Ausstieg der Familie von Finck gibt jetzt auch noch einen Schuss Fantasie.

Freundlich grüsst im Namen von Mister Market,

Andreas Kälin