Mr Market

Swiss Steel hat noch viel Raum für Verbesserungen

Die Aktien des krisengeplagten Stahlherstellers sind in den vergangenen Monaten stark gestiegen – das Ende der Fahnenstange dürfte damit aber noch nicht erreicht sein.

Andreas Kälin
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Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

«Swiss Steel macht Hoffnung auf einen Turnaround», schrieb ich gegen Ende März, nach geglückter Kapitalerhöhung. Seit dieser Kapitalsanierungsmassnahme haben die Aktien des Stahlherstellers rund 90% zugelegt.

Es gibt Beobachter, die meinen, die Titel würden damit nun sehr viel von der weiteren Entwicklung vorwegnehmen und seien gar teuer – was natürlich kurzsichtig und falsch ist.

Denn Swiss Steel steht erst am Anfang des Turnarounds. Die Erholung hat eben erst begonnen – wobei sie in diesem Jahr allerdings erstaunlich rasch Fahrt aufgenommen hat.

Bestes Quartal seit langem

Im zweiten Quartal 2021 ist der Umsatz gegenüber der pandemiegeprägten Vorjahresperiode dank starker Nachfrage aus der Automobilindustrie sowie dem Maschinen- und Anlagenbau um fast 79% auf 839 Mio. € gestiegen.

Gleichzeitig verbesserte sich das Betriebsergebnis auf Stufe Ebitda von -45,8 auf 65,4 Mio. €. Wie der neue CEO Frank Koch anfügt, ist das abgelaufene Quartal damit das beste seit mehreren Jahren gewesen.

Der freie Cashflow ist in der Berichtsperiode mit -65,2 Mio. € allerdings deutlich schlechter als in der Vorjahresperiode, was nicht gross überrascht: Denn durch die gesteigerte Marktaktivität hat sich das Nettoumlaufvermögen temporär kräftig erhöht. Der Anstieg wurde noch verstärkt durch die starken Rohmaterialpreiserhöhungen. Diesbezüglich muss Swiss Steel im Einkauf eine Vorleistung erbringen. Danach kann das Unternehmen die höheren Rohmaterialpreise, dank Zuschlagsmechanismen in den Verträgen, aber an die Kunden weitergeben, mit einer gewissen Verzögerung.

Über das erste Halbjahr 2021 betrachtet hat der Umsatz gegenüber Vorjahr um 35% auf 1,59 Mrd. € zugenommen. In der zweiten Jahreshälfte wird er etwas geringer ausfallen, aufgrund der üblichen Saisonalität. Eine Faustformel besagt, dass im ersten Halbjahr rund 55% und im zweiten rund 45% des Jahresumsatzes anfallen. Swiss Steel weist zudem auf Begrenzungen der kurzfristig verfügbaren Kapazität hin.

Das bereinigte Ebitda belief sich im ersten Halbjahr auf 109,9 Mio. €, was eine noch vergleichsweise tiefe Marge von 6,9% ergibt. Unter der Annahme stabiler Endmärkte und unter Berücksichtigung der saisonalen Effekte prognostiziert das Management für das gesamte Jahr einen Ebitda in der Bandbreite von 150 bis 180 Mio. € – das hiesse, dass unter dem Strich nach Finanzergebnis und Steuern die Gewinnschwelle erreicht oder sogar ein leichter Überschuss resultieren würde.

Die Sicht auf das Potenzial

Aus Sicht der Anleger gilt es nun festzuhalten: Erstmal ist, sozusagen als Disclaimer, auf die Risiken hinzuweisen. Das Geschäft von Swiss Steel zählt per se gewiss nicht zu den hochattraktiven, es ist kapitalintensiv und zyklisch.

Abgesehen davon hat der Spezialstahlhersteller aber noch viel Raum für Verbesserungen: Ich meine, dass das Unternehmen, das eine harte Zeit hinter sich hat, in Normalform auf Stufe Ebitda einmal eine klar zweistellige Marge erreichen sollte. CEO Koch, erst seit Juli im Amt, will natürlich noch keine Ziele formulieren, teilt auf Nachfrage aber meine Sicht auf das Unternehmenspotenzial.

Ich bin zuversichtlich, dass bei Swiss Steel manche Weichen nun richtig gestellt werden und es aufwärtsgeht. Man kann sagen, dass das Unternehmen in den vergangenen Jahren unter schlechter Führung litt, wobei auch der damalige Hauptaktionär, Victor Vekselberg via seiner Beteiligungsvehikel, keine glückliche Hand bewies.

Nun hat es aber im Aktionariat und im Management die für einen nachhaltigen Turnaround unabdingbaren Wechsel gegeben: Heute hält Martin Haefner gut 41% an Swiss Steel, der Unternehmer Peter Spuhler hat sich mit 12% beteiligt. Vekselberg ist mit einem Anteil unter 26% sozusagen ins zweite Glied getreten.

Ausgewiesener Sanierer

Der neue CEO Koch wiederum hat sich als Sanierer bereits bewiesen: Der 49-jährige Deutsche hat von 2017 bis Ende 2020 den traditionsreichen deutschen Stahlproduzenten GMH Gruppe (Georgsmarienhütte) geführt und restrukturiert. Dazu hat sich Finanzchef Markus Böning, auch er ist erst seit vergangenem Oktober im Amt, dem Vernehmen nach gut eingeführt bei Swiss Steel.

In Bezug auf die Bewertung bleibt festzuhalten, dass Swiss Steel zum aktuellen Kurs – der heute infolge des erfreulichen Halbjahresberichts rund 7% gestiegen ist – einen Börsenwert von gerade 1,4 Mrd. Fr. aufweist: Er liegt damit noch unter dem ausgewiesenen Halbjahresumsatz.

Gemessen am geschätzten Ebitda für dieses Jahr, der noch längst nicht das Ende der Fahnenstange markieren kann, beträgt der Börsenwert das Siebenfache.

Den Swiss-Steel-Aktien bleibt also noch deutlich Raum nach oben.

Freundlich grüsst im Namen von Mr Market

Andreas Kälin