Mr Market

TX Group erhält einige Vorschusslorbeeren für Digital-Deal

Die Aktien von TX Group machen einen Sprung, nachdem die Zürcher Mediengruppe ein Joint Venture im Digitalbereich angekündigt hat. Vieles an dem Deal ist noch unklar. Die Nebenwerte sind damit kein Kauf.

Andreas Kälin
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Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

Die TX Group bringt ihre Online-Marktplätze und -Plattformen Ricardo, tutti.ch, Homegate sowie Car For You in ein Gemeinschaftsunternehmen ein. Auf der anderen Seite steuern die beiden Partner Ringier und Mobiliar die Plattformen der von ihnen gemeinsam gehaltenen Scout24 Schweiz Gruppe bei.

Dazu gesellt sich mit General Atlantic noch ein vierter Gesellschafter. Diesem global tätigen Finanzinvestor kommt eine ausgleichende Funktion zu: Wie ich höre, hatte Pietro Supino, VR-Präsident der TX Group, Angst, im gemeinsamen Konstrukt von den beiden Partnern Ringier und Mobiliar dereinst überstimmt zu werden.

Nun sind folgende Verhältnisse vorgesehen: Am Kapital des noch namenlosen Joint Ventures wird die TX Group letztlich 31% halten und Ringier sowie der Versicherer Mobiliar jeweils 29,5%; General Atlantic beteiligt sich mit einem Anteil von 10%, den sie von der TX Group erwirbt. Bezüglich der Stimmrechte wird jeder Aktionär über 25% verfügen.

Handlungsbedarf absehbar

Dass etwas im Bereich der schweizerischen Online-Plattformen geschehen muss, ist eigentlich offensichtlich gewesen. Im März 2020 schrieb ich, dass die TX Group vor einer Weichenstellung stehe: Sie hatte gerade ihren alten Namen Tamedia abgelegt und sich dabei auch eine neue Struktur mit vier weitgehend eigenständigen Gesellschaften gegeben – eine davon war TX Markets mit den digitalen Rubrikenplattformen und Marktplätzen.

Ein Unternehmensbeobachter meinte mir gegenüber, dass man solch eine Neuorganisation nur unternehme, «wenn man sich öffnen will für Beteiligungen von Dritten». Die Folgen von Covid-19, von denen die TX Group auch hart getroffen worden ist, haben diesen Prozess verzögert. Aber nun ist ein Deal eingefädelt worden, der definitive Abschluss soll in ein paar Wochen erfolgen.

Ein wichtiger Punkt des Ganzen ist, dass die Aktionäre für das Joint Venture «als mittelfristiges Ziel» einen Börsengang verfolgen.

Die Aktien von TX Group sind darauf heute bis mehr als 15% nach oben geschossen. Der Analyst der Zürcher Kantonalbank hatte zuvor die Meinung bekundet, dass die Schaffung solch eines separaten Digital-Geschäfts «mit Aussicht auf Börsengang» die Titel beflügeln sollte. Zweierlei bezeichnete er allerdings als schade: Erstens den Umstand, dass die TX Group die Aktion nicht alleine durchziehe, und zweitens, dass Job Cloud, «die klar profitabelste Einheit», darin nicht enthalten sei.

Tatsächlich gehören die Stellenplattformen von JobCloud, an der die TX Group und Ringier je 50% halten, nicht dem neuen Joint Venture an.

Schöne Worte, vieles unklar

Ich frage mich, ob ich die Bildung des digitalen Joint Ventures nun als offensiven oder defensiven Schritt von TX Group und Ringier sehen soll. Es ist wohl eine Mischung aus beidem: Die zwei grossen Schweizer Medienhäuser haben Angst, von den globalen Riesen im Geschäft mit digitaler Werbung, Google & Co, an die Wand gedrückt zu werden.

TX Group und Ringier wollen diesem Druck begegnen, indem sie mit der Bündelung ihrer Kräfte nun «eines der grössten Digitalunternehmen der Schweiz» entstehen lassen, das als «Vorreiter im Schweizer Markt» agieren soll.

Das sind verheissungsvolle Worte. Für mich bleibt bei diesem Gemeinschaftsunternehmen nebst dem Namen vorläufig aber noch vieles offen oder unklar.

Die einzelnen eingebrachten Marken bleiben offenbar derzeit weiter bestehen – ungeachtet von Überschneidungen wie im Fall der Immobilienmarktplätze Homegate und ImmoScout24. Ab wann ist vorgesehen, hier Synergien zu nutzen?

Die Aktionäre sehen sich zurzeit auch ausserstande, Kennzahlen zum neuen Gemeinschaftsunternehmen bekanntzugeben, wie zum Beispiel den Umsatz. Es gibt nur kleine Hinweise zur Grösse: Das Joint Venture soll ungefähr 1000 Mitarbeiter beschäftigen, wovon je die Hälfte von TX Group und von Scout 24 Schweiz stammen.

Börsengang fern

Dazu kommt der Hinweis, dass das neue Gebilde keine Genehmigung der Wettbewerbskommission benötigt – unter anderem, weil es die dafür erforderliche Umsatzgrösse nicht erreicht: Gemäss Gesetz sind Zusammenschlüsse der Weko nur zu melden, wenn die beteiligten Unternehmen (resp. die eingebrachten Teile) einen auf die Schweiz anfallenden Umsatz von insgesamt mindestens 500 Mio. Fr. erzielten oder mindestens zwei der beteiligten Unternehmen einen Umsatz in der Schweiz von je mindestens 100 Mio. Fr. machten – vielleicht liegt in diesem gesetzlichen Rahmen mit ein Grund, warum JobCloud als besonders einträgliche Einheit nicht Teil des Joint Ventures wird.

Offen bleiben auch Fragen zum Börsengang: Was bedeutet der Terminus «mittelfristig»? Der Vertreter des Finanzinvestors General Atlantic konstatierte, dass die Bewertungen für einen Börsengang aktuell «sehr attraktiv» seien. Es geht zuerst aber darum, eine gemeinsame Gruppe aufzubauen. Es werde daher «ein paar Jahre dauern, bis man sich einen Börsengang überlegt».

Im Fall von TX Group bleibt für mich eine weitere Frage offen: Was geschieht mit dem übrigen Teil? Vor anderthalb Jahren stellte ich ein Szenario auf, gemäss dem die TX Group zum einen das digitale Geschäft TX Markets via Spin-off ausgliedern oder wie nun geschehen in ein Gemeinschaftsunternehmen einbringen werde und zum anderen den verbleibenden Teil (die Pendler- und Bezahlmedien sowie die Werbevermarktung) dann von der Börse nehmen könnte.

Angesprochen auf solch ein Going Private meinte TX-Chef Supino heute: «Möglich ist vieles, aber es gibt keine Pläne dafür».

An der Seitenlinie

Mir macht das Ganze noch keinen runden Eindruck und so vieles liegt in ferner Zukunft. Auch das ebenfalls heute bekanntgegebene Halbjahresergebnis von TX Group, das etwas besser ausgefallen ist als von der ZKB erwartet, ist für mich kein Grund, um in diese Aktien zu investieren. Das Medienhaus wurde wie andere von Covid-19 stark getroffen. Im ersten Halbjahr 2021 stieg der Betriebsertrag nun organisch um 8% auf 453 Mio. Fr., er lag damit aber klar unter Vorkrisenniveau.

Auch dass mit General Atlantic ein «Wachstumsinvestor» beim neuen Gemeinschaftsunternehmen im Digitalbereich grosse Chancen erkennt und mitmacht, ist noch kein Gütesiegel per se: Wie die «Financial Times» schreibt, hat der bewunderte Tech-Investor zwar das Potenzial des chinesischen Internetriesen Alibaba früh erkannt, aber auch in Greensill Capital investiert – also in jene Finanzgesellschaft, über deren zweifelhaftes Gebaren The Market mehrmals und früh berichtet hat, die inzwischen insolvent ist und die die Credit Suisse tief in die Bredouille gebracht hat.

Ich bleibe bei TX Group an der Seitenlinie.

Freundlich grüsst im Namen von Mr Market

Andreas Kälin