Mr Market

Valora: Zug um Zug zur Normalität

Das Geschäft des Detaillisten und Lebensmittelproduzenten liegt noch deutlich unter dem Vorkrisenniveau. Mit jeder Lockerung der Corona-Massnahmen verfestigt sich der Trend nach oben.

Gabriella Hunter
Drucken

Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

Schon diese Woche dürfte es so weit sein: Die Maske fällt auch im öffentlichen Verkehr. Mit der Rückkehr zu normalen Lage unter dem Pandemiegesetz hat der Bund keine rechtliche Möglichkeit mehr, eine nationale Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes zu verfügen. Die Verantwortung geht zurück an die Kantone.

Und auch eine private Massnahme wird es wohl im Grossteil der öffentlichen Verkehrsmittel nicht geben: Die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) halten sich gemäss eigenen Angaben an die Vorgaben des Bundes und setzen dies um. Mehr nicht.

Gut möglich, dass sich dann der seit Februar anhaltende Trend verstärkt und wieder mehr Menschen mit Bahn, Bus und Tram unterwegs sein werden. Zwar gibt es durchaus Reisende, die wohl vom maskenlosen Zugfahren abgeschreckt werden. Die bisherigen Erfahrungen mit Lockerungsschritten zeigt aber in die andere Richtung: Je mehr Einschränkungen weggefallen sind, desto mehr Menschen waren unterwegs.

Die SBB wagt dazu keine Prognose. Die Entwicklung stimme aber zuversichtlich, schreibt mir ein Pressesprecher.

Mehr Reisende, mehr Umsatz

Mehr Menschen an den Bahnhöfen – und Flughäfen – bedeutet mehr Umsatz für Valora. Die Kioskbetreiberin erwirtschaftet knapp die Hälfte ihrer Einnahmen an Verkehrsknotenpunkten in der Schweiz und in Deutschland mit Pendlern, Studenten und Freizeitreisenden. Wobei erstere zwei Gruppen zusammen gegen 50% des Zugaufkommens in der Schweiz ausmachen.

Während die Aufhebung der Homeoffice-Pflicht Anfang Februar vor allem die Zahl der Berufsreisenden erhöht haben dürfte, was mit den Zahlen der SBB übereinstimmt, könnte die nun fallende Maskenpflicht auch bei den restlichen Reisenden für einen Anstieg sorgen. So hielt Valora anlässlich der Präsentation der Geschäftszahlen die Erwartung fest, «dass sich die zwischen März und Oktober 2021 erlebte rasche Erholung mit der Aufhebung der wesentlichen Einschränkungen fortsetzen wird».

Alle Pendler werden jedoch nicht zurückkehren: Dank den Erfahrungen während der Pandemie hat das Homeoffice klar an Akzeptanz gewonnen. Die Zürcher Kantonalbank erwartet, dass in der Schweiz künftig bis zu eineinhalb Tage pro Woche von zu Hause aus gearbeitet wird; zumindest dort, wo es der Job zulässt. Das würde eine Verdreifachung gegenüber 2019 bedeuten.

In Deutschland, wo Valora rund 40% des Umsatzes erwirtschaftet, dürften es im entsprechenden Segment sogar drei Tage sein, wobei dort schon vor der Pandemie im Durchschnitt wöchentlich zwei Tage im Homeoffice gearbeitet worden ist. Insgesamt errechnet der zuständige Analyst, dass der Pendlerverkehr gegenüber 2019 um rund 6% niedriger liegen wird.

Bei einem Anteil von 50% ergäbe das ein lediglich 3% niedrigerer Umsatz. Vergangenes Jahr lagen Valoras Einnahmen mit 2230 Mio. Fr. noch rund 17% unter dem Niveau von 2019.

Positive Entwicklung

Klar, die Normalisierung erfolgt nur schrittweise. Und auch mit Rückschlägen muss gerechnet werden. Besonders, wenn wieder eine neue, unter Umständen gefährlichere Virusvariante auftauchen sollte. Doch grundsätzlich bin ich zuversichtlich, dass Valora das Umsatzniveau von vor der Pandemie wie angekündigt im zweiten Halbjahr 2022 erreichen wird. Unterstützt wird das Wachstum durch die Kooperation mit Moveri und der Übernahme von Back-Factory.

Wobei das normalerweise höhermargige Foodservice-Geschäft (Brezelkönig, Caffé Spettacolo, Backwerk) bisher stärker vom Umsatzeinbruch betroffen war als der Einzelhandel. Denn im Foodservice ist zum einen das wegbleibende Pendlersegment wichtiger. In Deutschland, wo die pandemiebedingten Massnahmen stets einschneidender waren als in der Schweiz, macht dieser Bereich zum anderen den grössten Teil des Umsatzes aus.

Dank Sparmassnahmen und staatlichen Unterstützungsbeiträgen verbesserte sich im vergangenen Jahr die Profitabilität von Valora. Trotzdem erreichte der Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) mit 30,3 Mio. Fr. lediglich einen Drittel des Vorkrisenniveaus. Der für 2022 angestrebte Ebit von 70 Mio. Fr. (+/–10%) ist entsprechend ambitiös. Das Management hat dieses Ziel im Februar indes zum wiederholten Mal bestätigt. Ohne einen weiteren Lockdown halte ich das Ziel jedoch im Gegensatz zu einige Analysten für erreichbar.

Dies, obschon staatliche Beiträge wegfallen und Valora vor allem in Deutschland mit steigenden Lohn- und Inputkosten konfrontiert ist. Eine Angleichung an den neuen bundesweit geltenden Mindestlohn von 10.45 € pro Stunde ist dagegen nicht nötig, weil die Mitarbeitenden bereits besser bezahlt werden.

Das Risiko erneuter Einschränkungen und stärker steigender Preise dürften erklären, warum die Valora-Aktien weiterhin deutlich unter dem Niveau von Anfang 2020 notieren, obschon damals wie heute das Erreichen der Langfristziele laut Management etwa fünf Jahre entfernt lag. Das wäre nicht wie ursprünglich geplant 2025, sondern mit 18 bis 24 Monaten Verzögerung erst gegen 2027.

Zu Verzögerungen kam es, weil das Unternehmen jüngst sehr vorsichtig investierte, um die Liquidität zu schonen. Mit Erfolg: Die Nettoverschuldung im Vergleich zum Ebitda ist trotz der pandemiebedingten Herausforderungen und der Übernahme von Back-Factory leicht auf das 2,2-fache gesunken. Doch in den kommenden Jahren müssen diese Investitionen nachgeholt werden. Das wird den freien Cashflow belasten.

Die Kapitalinvestitionen dürften sich im laufenden Jahr gegenüber 2021 (41,4 Mio. Fr.) etwa verdoppeln. Diese geplanten Ausgaben, zum Beispiel in die SBB-Standorte und in die Expansion des Retailnetz, sind wichtig, damit Valora weiterhin vom grundsätzlichen Trend hin zu mehr Mobilität profitieren kann.

Der Trend ist klar: Es geht nach oben – wenn auch nur schrittweise und unter dem Vorbehalt, dass die Virusbekämpfung keine grösseren Eingriffe in die Wirtschaft erfordert. Kursavancen über 200 Fr. erwarte ich vorab nicht. Im gegenwärtig unsicheren Umfeld kann aber schon eine gewisse Stabilität und die angekündigte Wiedereinführung der Dividende ein Kaufargument sein.

Freundlich grüsst im Namen von Mrs Market

Gabriella Hunter


In einer früheren Version dieses Artikels wurde der Anteil Pendler und Studenten am Zugaufkommen in der Schweiz auf «gegen 60%» angegeben. Gemäss Angaben des Unternehmens sind es gegen 50%.