Mr Market

Zur Rose kann die hohen Erwartungen nicht erfüllen

Der Online-Versandhändler von Medikamenten erhöht die Mittelfristziele. Da die Erwartungen aber noch höher lagen, korrigiert die Aktie. Das zeigt, dass in den Titeln bereits sehr viel Fantasie steckt.

Michael Griesdorf
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Geschätzte Leserin, geschätzter Leser,

Zur Rose überrascht und enttäuscht trotzdem. Das auf den Versandhandel mit Medikamenten spezialisierte Unternehmen aus Frauenfeld hat neben der Publikation der Gewinnzahlen für 2020 – sie lagen im Rahmen der Erwartungen – heute auch das Mittelfristziel angehoben. Dennoch verlieren die Aktien deutlich.

Die Aktie von Zur Rose

Konkret soll der Umsatz bis in rund drei Jahren bei 4 Mrd. Fr. liegen Bisher gab Zur Rose «mittelfristig» einen Erlös von 3 Mrd. Fr. als Ziel an. 2020 lag er bei 1,75 Mrd. Fr.

Das Management zeigt sich damit immer zuversichtlicher, dass das Potenzial der in Deutschland auf Anfang 2022 geplanten Einführung des elektronischen Rezepts (einem der Kernmärkte der Gesellschaft) wirklich gross ist. So werden Online-Apotheken laut Zur Rose in drei bis fünf Jahren im Markt für verschreibungspflichtige Medikamente einen Marktanteil von rund 10% erreichen. Heute sind es etwa 1,4%.

Wie bisher immer wieder kommuniziert, soll die Ebitda-Marge zudem in drei bis fünf Jahren bei 8% liegen. Allerdings ist in der Pressemitteilung von heute diesmal nicht mehr von einer «um Wachstumsinitiativen bereinigten», sondern einer tatsächlich ausgewiesenen Marge die Rede. Implizit hat die Gesellschaft damit auch hier die Zielvorgaben erhöht. Weiter will sie Ende 2022 oder spätestens Mitte 2023 die Gewinnschwelle auf Stufe Ebitda erreichen. Bereinigt um Wachstumsinitiativen war dies, wie bereits im Januar anlässlich der Publikation der Umsatzzahlen erwartet, bereits 2020 der Fall.

Für 2021 rechnet Zur Rose derweil mit einem Umsatzwachstum von rund 20% auf 2,1 Mrd. Fr. Dabei spielen auch Akquisitionseffekte eine Rolle. Die im August 2020 übernommene Online-Apotheke Apotal trug letztes Jahr erst vier Monate zum Erlös bei. Zum Ebitda werden keine Angaben gemacht. Allerdings lancierte Zur Rose im Februar eine umfangreiche Marketingkampagne zur Steigerung des Bekanntheitsgrades der europäischen Dachmarke DocMorris, was kurzfristig erhöhte Kosten vermuten lässt.

Spannender Investment Case

Der Investment Case von Zur Rose ist spannend. Tatsächlich bietet die Einführung des elektronischen Rezepts in Deutschland hohe Wachstumschancen, weil dann die Hürde des Einsendens von Papierrezepten für den Online-Kauf von verschreibungspflichtigen Medikamenten entfällt.

Weiter hat auch die neue, eigens entwickelte Gesundheits-App Potenzial. Mit ihr will Zur Rose ihre Kunden direkt auf ihre Angebote locken und kann damit die Vermittlungsgebühren des Suchdienstes Google umgehen. Noch ist vieles davon aber Zukunft und Schätzungen sind naturgemäss mit Unsicherheiten behaftet. Es braucht eine gewisse Portion Risikofähigkeit, um in den Titeln engagiert zu sein.

Der Aktienkurs nimmt zudem bereits viel Fantasie vorweg, wie auch die Reaktion der Anleger heute zeigt. Die Erwartungen der Investoren beim Gewinn auf Stufe Ebitda liegen mit Blick auf die mittlere Frist noch höher als die heute von Zur Rose nach oben revidierten Mittelfristziele.

Ich hege zwar grundsätzlich Sympathien für die Aktie von Zur Rose und ihr langfristiges Kurspotenzial. Sie ist jedoch bereits stattlich bewertet und für einen Neueinstieg rate ich, einen Kursrücksetzer abzuwarten.

Zur Rose ist als Risikoposition im The Market Best Ideas Portfolio enthalten. Nach der guten Kursentwicklung haben wir dort Ende Januar einen Teil der Gewinne mitgenommen.

Freundlich grüsst im Namen von Mr Market

Michael Griesdorf