Auf dem Radar

«Achtung, Zinssenkung», Aktiensplits und «Wem gehört Corporate Switzerland?»

The Market präsentiert eine Auswahl an Texten, die uns in dieser Woche aufgefallen sind - und gefallen haben.

Sandro Rosa

Wer jubiliert, weil die Notenbanken schon bald wieder die Zinsen senken, sollte einen Blick auf den aktuellen Newsletter von John Hussman werfen. Er warnt, dass auf praktisch jede geldpolitische Lockerung ein Konjunkturabschwung folgte – mit unschönen Folgen für die Märkte.

Yvonne Seiler Zimmermann und Heinz Zimmermann versuchen derweil herauszufinden, wem eigentlich die börsenkotierten Schweizer Firmen gehören. US-Finanzprofessor Gary Smith geht der Frage nach, weshalb Unternehmen ihre Aktien splitten.

Yuji Nakamura und Yuki Furukawa von Bloomberg berichten vom japanischen Technlogiekonzern Disco Corp, der innerhalb des Unternehmens die totale Marktwirtschaft umsetzt. 

1. Achtung, das Fed lockert die Zinsen

Wenn die Börsen in die Höhe rauschen – der Swiss Market Index hat allein seit Januar fast 17% zugelegt –, fällt es vielen Anlegern schwer, sich von der allgemeinen Euphorie nicht anstecken zu lassen. Wer Gefahr läuft, übermütig zu werden, dem sei der aktuelle Newsletter von Fondsmanager John Hussman empfohlen.

Er warnt davor, die Kehrtwende der US-Notenbank Fed, die von Zinserhöhungen noch Anfang Jahr auf baldige Zinssenkungen umgeschwenkt ist, als positives Signal für die Aktienmärkte zu interpretieren. Denn auf jede Zinssenkung des Fed – mit den Ausnahmen 1967 und 1996 – sei die Konjunktur kurz darauf in eine Rezession geschlittert.

Angesichts der sich eintrübenden Wirtschaftsentwicklung und der fallenden kurzfristigen Anleihenrenditen erwartet Hussman in den kommenden Monaten eine Zinssenkung in den USA. Investoren bietet sich deshalb jetzt noch die Chance, überteuerte Aktien abzustossen, bevor es zur Korrektur kommt. Ein Rückschlag von 50% würde die Bewertungen gerade einmal auf ein normales Niveau bringen.

Das Problem: Leider sind praktisch alle Anlageklassen überteuert. Der Experte schätzt, dass ein Portfolio bestehend aus 60% US-Aktien, 30% langfristigen und 10% kurzfristigen US-Staatsanleihen in den kommenden zwölf Jahren bloss eine Rendite von 0,8% per annum abwerfen werden. Willkommen in der «Everything Bubble»!

2. Wem gehören eigentlich die Schweizer Unternehmen?

Übernehmen ausländische Konzerne Schweizer Traditionsunternehmen oder erwerben grosse Anteile an ihnen, kann die Diskussion schnell emotional werden. Der Abfluss von Know-how, ein möglicher Verlust von Arbeitsplätzen oder aber Ängste, der faire Wettbewerb werde Schaden nehmen, sind bekannte Kritikpunkte.

Im Parlament wurden deshalb in jüngster Zeit Vorstösse eingereicht, welche vom Bundesrat einen Bericht über den Umfang solcher Beteiligungen und über die Notwendigkeit einer Regulierung fordern.

Doch welche Bedeutung haben solche Beteiligungen überhaupt? Wem gehören die börsenkotierten Schweizer Gesellschaften wie Roche, Nestlé oder UBS? Was nach einer simplen Frage klingt, ist erstaunlich schwierig zu beantworten.

«Die Frage, welchen Anteil ausländische Investoren an schweizerischen börsenkotierten Gesellschaften aufweisen, kann aufgrund der Datenlage nur unvollständig und mit geringer Präzision beantwortet werden», schreiben Yvonne Seiler Zimmermann und Heinz Zimmermann in einem Artikel in der Zeitschrift «Die Volkswirtschaft».

Die beiden Autoren haben im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft die Besitzverhältnisse für das SMI-Expanded-Universum, das knapp fünfzig Titel umfasst, untersucht. Angesichts der schwierigen Datenlage – erst ab der Mindestschwelle von 3% müssen Aktionäre ihr Beteiligungen melden –, können sie lediglich ungenaue Aussagen über die Anteilseigner machen.

Auf Basis meldepflichtiger Informationen ermitteln die beiden Autoren einen Ausländeranteil von 30 bis 50% der gemeldeten Stimmrechte. Unter Berücksichtigung der Daten aus verschiedenen Geschäftsberichten kommen die beiden Autoren bei den grössten hiesigen Unternehmen auf einen Ausländeranteil von rund 50%. Verlässlichere Aussagen sind anscheinend nicht möglich. 

3. Weshalb Aktiensplits?

In der Theorie sollten Splits keine Auswirkung auf den Aktienkurs eines Unternehmens haben. Hat eine Firma ein Aktienkapital von 1000 Aktien zu je 100 Fr. und erwägt, mittels Split den Kurs auf 50 zu halbieren, sind danach einfach 2000 Aktien im Umlauf. Ein gegebener Kuchen wird einfach in kleinere Stücke aufgeteilt. An der wirtschaftlichen Lage der Gesellschaft ändert sich dadurch nichts – ausser, dass für die ganze Übung  Kosten anfallen. 

So viel zur Theorie. Aber wie bereits Yogi Berra wusste, bestehen in der Praxis sehr wohl Unterschiede zwischen Theorie und Praxis. So zeigen akademische Untersuchungen, dass die Aktienkurse nach der Ankündigung und auch nach der Durchführung eines Splits im Schnitt stärker steigen als der Gesamtmarkt.

Eine Erklärung dafür ist, dass Aktiensplits ähnlich wie Dividendenerhöhungen als Signal für permanent höhere Aktienkurse und Gewinne wirken. Eine andere Theorie besagt, ein Split verbessere die Handelsliquidität, während eine weitere These postuliert, mit den «leichteren» Titeln gäbe es eine grössere Nachfrage von Kleinanlegern. Schliesslich glauben gewisse Akademiker, die Unternehmen strebten einen optimalen Kurs für ihre Aktien an.

US-Finanzprofessor Gary Smith fügt mit seinem Aufsatz «Stock Splits: A Re-Evaluation» in der aktuellen Ausgabe des «Journal of Investing» ein weiteres Kapitel zur bereits umfangreichen Literatur hinzu. Er untersucht 460 Aktiensplits in den USA in der Zehnjahresperiode ab Januar 2007. Davon sind fast 80 Splits von börsengehandelten Fonds (ETF).

Gerade der Vergleich der Splits von Einzeltiteln mit solchen von ETF lässt Smith schliessen, dass die «Signalling»-Hypothese – also die Vermutung, Unternehmen signalisieren mit einem Split ihre Zuversicht über den weiteren Geschäftsverlauf – am glaubwürdigsten sei. Denn bei Einzelaktien lasse sich eine positive Kursreaktion auf Aktiensplits feststellen, die bei den ETF jedoch ausbleibe. Das spreche für die Hypothese, dass die Firmen prächtige Aussichten signalisieren wollen. Denn bei ETF mache die Signalling-Hypothese wenig Sinn, da die ETF-Anbieter kaum besondere Informationen über die im passiven Fonds enthaltenen Firmen hätten.

Im Gegenzug sei damit auch gleich die Vermutung, dass leichtere Titel für Kleinanleger erschwinglicher und somit der Kursentwicklung zuträglich seien, diskreditiert – sonst hätten die ETF ebenfalls besser abschneiden müssen. Bestätigt wird die Vermutung des Signalling auch dadurch, dass eine positive Kursreaktion bereits mit der Ankündigung des Splits erfolgt und nicht erst mit der tatsächlichen Durchführung.

Wenn also Unternehmen Splits ankündigen, sollten Anleger wachsam sein. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass die Firma an der Börse belohnt wird.

4. Wenn Angestellte für das Sitzungszimmer bezahlen müssen

Man kennt es von der Migros und vom Coop: Seit die Wegwerf-Plasticeinkaufstaschen 5 Rp. kosten, ist ihr Verbrauch dramatisch zurückgegangen. Einen ähnlichen Ansatz, um die Verschwendung zu reduzieren, verfolgt das japanische Technologieunternehmen Disco Corp.

Alle internen Ressourcen in der Firma haben ihren Preis: Wer eine Sitzung plant, dem wird eine Raummiete verrechnet, wer die Unterstützung eines Kollegen oder einer Kollegin für ein Projekt benötigt, muss einen entsprechenden internen Lohn entrichten, wie «Bloomberg BusinessWeek» schreibt. Sogar der Platz für den Regenschirm kostet. Für die interne Verrechnung wurde eigens die virtuelle Währung «Will» kreiert. 

Jeder Angestellte von Disco arbeitet also wie ein Unternehmer. Der Erfolg scheint den Japanern Recht zu geben: Das Unternehmen ist im Quervergleich äusserst profitabel und kann überdurchschnittliche Löhne bezahlen – wobei die Boni einen signifikanten Anteil ausmachen. 

Allerdings hat das knallharte ökonomische Modell auch seine Schattenseiten. Angestellte beklagen den hohen Druck und die Lohnunsicherheit sowie das Kurzfristdenken. Auch die Konkurrenz scheint nicht überzeugt: Kein anderes Unternehmen habe das Modell kopiert.