Auf dem Radar

Der Dollar als Waffe, Substanzwert-Aktien, Big in Vietnam und Amazon

The Market präsentiert eine Auswahl an Texten, die uns in dieser Woche aufgefallen sind - und gefallen haben.

Sandro Rosa

Mittlerweile ist allen klar, dass Donald Trump international gerne die Muskeln spielen lässt. Ein mächtiges Instrument, um US-Interessen durchzusetzen, ist der Dollar, wie die «Financial Times» berichtet. 

Value oder Growth? Diese Frage hat sich The Market, aber auch das US-Analysehaus Ned Davis Research gestellt.

Die letzten zwei Artikel, die mir in dieser Woche aufgefallen sind, drehen sich um Unternehmen, die zu gross und zu einflussreich zu werden drohen – oder es vielleicht schon sind. Die Rede ist vom vietnamesischen Konglomerat VinFast und von Amazon. 

1. Der Dollar als Waffe

Bereits der ehemalige französische Finanzminister (und spätere Präsident) Valéry Giscard d’Estaing klagte über das «exorbitante Privileg», das die USA mit ihrer Leitwährung geniessen. An diesem Vorteil habe sich seit den Sechzigerjahren wenig geändert, wie Sam Fleming in der Financial Times schreibt.

Obschon der Anteil der USA an der globalen Wirtschaftsleistung seither zurückgegangen ist, werden immer noch über 60% der weltweiten Schulden in Dollar emittiert. Das Gewicht bei den internationalen Währungsreserven bewegt sich auf ähnlichem Niveau. Der Greenback dominiert den internationalen Zahlungsverkehr, ist die Leitwährung im Rohstoffhandel und ist für rund 40% aller grenzüberschreitenden Finanztransaktionen verantwortlich. Am Dollar führt kein Weg vorbei.

Dank der zentralen Stellung des Dollars im internationalen Finanzsystem verfügen die USA über viel Macht – und diese verwenden sie immer häufiger, um ihre Ansprüche global durchzusetzen. Das mussten etwa die Türkei, Venezuela, Iran oder Russland erfahren, die von Dollar-Transaktionen ausgeschlossen wurden. Unter Trump wurde der Einsatz solcher Strafaktionen noch einmal deutlich gesteigert.

Das sorgt weltweit für Unmut – und zu Bestrebungen vieler Länder, ihre Dollar-Abhängigkeit zu reduzieren. So hat China in Renminbi denominierte Oil-Futures eingeführt und arbeitet an einem eigenen internationalen Zahlungssystem. Zudem haben Russland und China vereinbart, vermehrt in ihren Währungen Handel zu treiben. Der massive Anstieg bei den Goldkäufen vieler Notenbanken ist wohl auch Teil dieser Strategie.

Doch an der Vorherrschaft des Dollars dürfte sich so schnell wenig ändern, ist die FT überzeugt. Das verdeutlicht etwa die Stagnation des Euro, der seit der Finanzkrise leicht an Bedeutung eingebüsst hat. Die USA dürfen also noch eine Weile von ihrem Privileg profitieren.

2. Value oder Growth?

Value-Aktien befinden sich im Tal der Tränen: Seit mittlerweile fast 13 Jahren hinken sie hinter den unter Anlegern beliebteren Growth-Titeln wie Amazon und Apple hinterher. Ed Clissold und Thanh Nguyen vom Analysehaus Ned Davis Research stellen in einer Studie die provokative (und nicht ganz ernst gemeinte) Frage, ob Value – sie fokussieren dabei auf den amerikanischen Aktienmarkt – jemals wieder outperformen wird.

Die Autoren zeigen die verschiedenen Gründe hinter dem schlechten Abschneiden auf. Dazu gehören etwa effizientere Märkte – da sich immer mehr Anleger auf die Suche nach unterbewerteten Titeln machen, sei es viel schwieriger geworden, mit einem solchen Ansatz den Markt zu schlagen – und die schleppende Konjunktur seit der Finanzkrise. Zudem habe sich die Struktur der US-Wirtschaft stark gewandelt und mit ihr die Konjunkturzyklen, was den Value-Ansatz benachteiligt.

Was braucht es, damit Value wieder besser abschneidet? Die Experten nennen vier Faktoren, welche Substanzwert-Aktien in den USA momentan belasten:

  • Value benötigt eine stärkere Wirtschaft. Erst wenn die US-Konjunktur ein (reales) Wachstum von mindestens 4% erreicht, schlägt die Stunde der Value-Aktien.
  • Finanzwerte benötigen eine steilere Zinskurve.
  • Dividendentitel müssen von den Anlegern wieder gesucht werden.
  • Geringes Beta: In einem Bullenmarkt bleibt Value oft zurück, in einem Rückschlag könnte sich das Blatt wenden.

Erst,wenn sich hier eine Wende zum Besseren abzeichnet, glauben Clissold und Nguyen an ein Value-Revival. Vorderhand deuten ihre Indikatoren auf eine weitere Outperformance von Wachstumswerten in den USA.

3. Big in Vietnam

Der sino-amerikanische Handelskrieg kennt viele Verlierer, aber auch einen potenziellen Gewinner: Vietnam. Das Land wird von vielen Marktbeobachtern als das «neue China» bejubelt, das – nicht zuletzt dank der günstigeren Löhne – zunehmend von westlichen Unternehmen als Produktionsstandort ausgewählt wird. Oder von asiatischen Firmen, die ihre Abhängigkeit von China reduzieren möchten.

Der Zeitpunkt ist deshalb günstig, einen genaueren Blick auf Land und sein mächtigstes Unternehmen zu werfen: VinFast. Wie John Reed im FT Weekend Magazine schreibt, ist VinFast das grösste Privatunternehmen des Landes und wird von Pham Nhat Vuong, dem reichsten Vietnamesen, kontrolliert.


Die Unternehmensgruppe wurde als Instant-Nudel-Unternehmen in der Ukraine ins Leben gerufen. Dieses verkaufte der Gründer für geschätzte 150 Mio. $ an Nestlé und begann darauf, in Vietnam in Immobilien zu investieren. Dank des erfreulichen Geschäftsgangs vermochte VinFast in immer neue Geschäftsbereiche wie Schulen, Ladenketten, Spitäler und zuletzt Autos und Smartphones vorzudringen.

Mit der zunehmenden Macht des Unternehmens nimmt aber auch die Kritik aus der Bevölkerung zu – diese wird allerdings systematisch unterdrückt. Wie China wird Vietnam von einer Partei regiert, die von Pressefreiheit nicht allzu viel hält. «Negative Berichte über das Unternehmen verschwinden in der Regel von staatlich kontrollierten Medien-Websites und Facebook», meldet John Reed.

Kritikern des Unternehmens stattet mitunter auch die Polizei einen Besuch ab. Bislang ist diese Verbandelung zwischen VinFast und Politik gut gegangen. Wie lange noch?

4. Amazon is watching you

In einer aktuellen Umfrage, die von Forschern der Georgetown University und der New York University durchgeführt wurde, belegte der Technologie-Konzern Amazon unter den vertrauenswürdigsten US-Institutionen Platz zwei. Nur der Armee wurde ein noch grösseres Vertrauen entgegengebracht. Will Oremus vom Magazin OneZero wundert sich über diese Platzierung.

Denn Amazon dringe immer stärker ins Privatleben ihrer Kunden ein. Dass der Konzern das Kaufverhalten von Hunderten von Millionen von Menschen bis ins Detail kennt, ist offensichtlich. Mit seinen neuen Produkten wie etwa den sprachgesteuerten Echo-Lautsprechern oder Kamerasystemen inklusive Gesichtserkennung für die Haustüre nimmt die Macht Amazons aber noch einmal gewaltig zu. Von Stimmenprofilen über Gesichtserkennung über Lese- und Hörverhalten weiss der IT-Koloss bald alles über seine Kunden.

Das könnte zunehmend zu einem Problem werden, denn Amazon vermarktet und analysiert Daten, entschlüsselt Texte und Bilder und gibt Vorhersagen und Empfehlungen – und arbeitet (wie VinFast oben) mit der Polizei und auch dem Geheimdienst CIA zusammen.

Während Google eine Kooperation mit dem US-Militär nach internen Protesten beendet hatte, ist für Amazon-Chef Jeff Bezos eine solche Kooperation eine patriotische Pflicht. Gleichzeitig scheint aber der Datenschutz nicht allzu hoch oben auf der Prioritätenliste der Firma zu stehen. So landeten die von einem Echo-Smartspeaker aufgezeichneten Gespräche eines Nutzers auch schon einmal bei einem anderen Kunden.

Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch Amazon in einen Skandal à la Facebook und Cambridge Analytica gerät.

Das wär's für heute von «Auf dem Radar». Fortsetzung folgt in einer Woche. Nun wünsche ich Ihnen ein angenehmes Wochenende und verbleibe mit den besten Grüssen,

Sandro Rosa, Stv. Chefredaktor