Auf dem Radar

Die Geschichte der Weltwirtschaft

In seinem neuen Buch «More» schildert Philipp Coggan die Entwicklung der Weltwirtschaft in den vergangenen 10'000 Jahren.

Sandro Rosa
«More. The 10,000 Year Rise of the World Economy», Philipp Coggan | Profile | 2020 | 480 Seiten | ISBN-13: 978-1788163859

«More. The 10,000 Year Rise of the World Economy», Philipp Coggan | Profile | 2020 | 480 Seiten | ISBN-13: 978-1788163859

Philipp Coggan, ehemaliger Journalist bei der Londoner «Financial Times» und heute in Diensten des Wochenmagazins «The Economist», legt mit seinem neuen Buch «More» eine umfassende und äusserst lesenswerte globale Wirtschaftsgeschichte vor.

Coggan beschreibt die Entwicklung der Weltwirtschaft, beginnend mit den ersten Obsidianklingen, die 7000 Jahre vor Christus ihren Weg von der heutigen Türkei bis zur iranisch-irakischen Grenze fanden, bis zum aktuellen sino-amerikanischen Handelskrieg. Er zeigt, wie die Zusammenarbeit zwischen den Menschen zu mehr Handel, einer stärkeren Spezialisierung und mehr Innovation führte, was schliesslich einen eindrücklichen Gewinn an Wohlstand brachte. 

Gewaltige Fortschritte im Lebensstandard

Nur schon der deutliche Anstieg der Lebenserwartung zeugt von den enormen Fortschritten: Bezifferte sich die mittlere Lebenserwartung im Jahr 1820 gerade einmal auf 29 Jahre, waren es 1913 bereits 34 Jahre und heute sind es über 70 – und diese Jahre dürften dank Zentralheizung, medizinischer Versorgung und Internet zudem deutlich komfortabler zu leben sein als damals.

Immer wieder verbesserten Innovationen die Lebensqualität: Ob Brille, Druckerpresse, neue Ansätze in der Landwirtschaft, Schiffs-Kanäle, die Dampfmaschine, Elektrizität oder das Internet. Die Fortschritte sorgten dafür, dass sich die pessimistischen Prognosen über die Grenzen des Wachstums oder die Gefahren der Überbevölkerung – zu den berühmtesten gehören wohl diejenigen von Thomas Malthus und des Club of Rome – nicht bewahrheiteten.

Auch waren wichtige Innovationen keineswegs immer physischer Natur: So trug das Konzept der juristischen Person mit beschränkter Haftung dazu bei, dass dank der so ermöglichten Risikostreuung auf einmal Expeditionen unternommen oder Gesellschaften gegründet werden konnten, die zuvor nicht finanzierbar waren.

Aufstieg Europas, schlafendes China

Coggan beleuchtet auch die Faktoren, die im Lauf der Zeit dazu geführt hatten, dass Nationen wohlhabend wurden. Ein wichtiger Punkt für den Aufstieg Europas war beispielsweise die Bereitschaft, sich zu öffnen und Neues zu lernen.

Während sich China im 15. Jahrhundert vom Rest der Welt abnabelte – Schiffe zu bauen, die über mehr als zwei Masten verfügten, wurde 1500 mit dem Tod bestraft und ozeantaugliche Gefährte wurden auf Geheiss der Behörden zerstört –, setzte der Alte Kontinent mit Seefahrten zum Siegeszug an. Durch die selbstgewählte Abschottung begann demgegenüber der lange Abstieg Chinas, der erst im 20. Jahrhundert sein Ende fand.

Der Autor zeigt zudem auf, woran arme Länder typischerweise leiden: Unter schwachen Regierungen, unter schlechten Beziehungen zu den Nachbarländern, schwelenden Konflikten und einer zu grossen Abhängigkeit von Rohstoffen. Letztere führte dazu, dass der Aufbau anderer Wirtschaftsbereiche verpasst wurde.

Wichtige Energiequellen

Entscheidend für den Wachstumsschub der Weltwirtschaft in den vergangenen zwei Jahrhunderten war das Erschliessen neuer Energiequellen. Setzten die Menschen zu Beginn auf Nutztiere und auf Wasserkraft, folgte mit der Verwendung von Kohle ein eindrücklicher Produktivitätsschub, der zum Bau von Schiffskanälen und Eisenbahnlinien führte. Die Transportkosten und -risiken nahmen global massiv ab und führten zu entsprechenden Wohlfahrtsgewinnen.

Mit Zügen und Dampfschiffen fanden nun Nahrungsmittel aus den USA den Weg nach Europa – und hiesige Emigranten suchten in Übersee ein neues Zuhause. Durch die Entdeckung von Erdöl und durch die Erfindung von Automobilen sowie Flugzeug entstanden wiederum ganz neue Branchen und eine Zunahme der Mobilität.

Obschon sich Coggan für den Freihandel stark macht und Immigration als vorwiegend positiv sieht, ist er kein ökonomischer Hardliner. Er beleuchtet Stärken und Schwächen des freien Marktes – aber auch staatlicher Interventionen. Die Exzesse in Corporate America, wo ein CEO 1980 rund dreissigmal so viel verdiente wie ein typischer Angestellter, heute jedoch mehr als das Dreihundertfache erhält, erwähnt er ebenso wie die wiederkehrenden Spekulationsblasen, die Anleger, seit es Börsen gibt, regelmässig um Verstand und Vermögen bringen.

Die Schweiz als Textilmacht

Obschon sich «More» leicht und flüssig liest, ist das Buch gespickt mit interessanten Daten und Fakten. So erfährt der Leser etwa, dass die Schweizer Textilindustrie unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg die zweitgrösste in ganz Europa war – hinter derjenigen Grossbritanniens – und sich auf Leinen, Baumwolle und Stickereien spezialisierte.

Oder, dass ums Jahr 1850 die Insel Java, die damals eine holländische Kolonie war, über ein Drittel zum niederländischen Budget beigetragen hatte. Und dass Indien um 1700, bevor die Briten auftauchten, ein Viertel der globalen Wirtschaftsleistung erbrachte und nur noch 4% im Jahr 1950, nachdem das Land die Unabhängigkeit erlangt hatte.

Insgesamt ist Coggan mit seiner Wirtschaftsgeschichte ein eindrückliches und empfehlenswertes Werk gelungen.