Auf dem Radar

Die Wirkung von Negativzinsen, die Ostindien-Kompanie und die «Blase der Sorglosigkeit»

The Market präsentiert eine Auswahl an Texten, die uns in dieser Woche aufgefallen sind - und gefallen haben.

Sandro Rosa

Auch diese Woche hat The Market einiges gelesen. Drei Texte haben mir besonders gefallen: Ein Aufsatz zum Thema Negativzinsen, der empirisch die Effekte der bisherigen Massnahmen einzelner Notenbanken beleuchtet. 

Interessant war auch das Porträt eines der ersten, weltumspannenden Unternehmen, der britischen Ostindien-Kompanie – und die Einsichten, die sich für die heutigen Kolosse wie Amazon oder Google gewinnen lassen. 

Drittens schliesslich fand ich das Transkript des Advisory Board Meetings des Liechtensteiner Vermögensverwalters Incrementum lesenswert – die vier Teilnehmer heben die vielen Risiken hervor, die von Anlegern ignoriert werden. Und sie sagen, wie man sich davor schützen kann. 

1. Beleben Negativzinsen tatsächlich das Kreditgeschäft?

Vor einer Woche habe ich an dieser Stelle das Arbeitspapier von Agarwal und Kimball vorgestellt. Darin plädieren die beiden Autoren dafür, dass Notenbanken in der nächsten Krise die Leitzinsen deutlich in den negativen Bereich drücken sollten, um so die Konjunktur zu unterstützen. 

Doch zeitigen negative Zinsen tatsächlich den erhofften positiven Effekt? Agarwal und Kimball haben dies in ihrem Aufsatz ohne Beleg behauptet.

Hier kommt die Arbeit von Philip Molyneux, Alessio Reghezza, John Thornton und Ru Xie wie gerufen. Sie gehen der Frage in einem aktuellen Aufsatz auf den Grund (Did Negative Interest Rates Improve Bank Lending?, «Journal of Financial Services Research»).

Die Autoren möchten konkret wissen, ob Negativzinsen in einem Land tatsächlich zu einer regeren Kreditvergabe – die wiederum das Wachstum beschleunigt – geführt haben. 

In ihrer Untersuchung verwenden sie Daten von über 6500 Banken aus 33 OECD-Ländern in den Jahren 2012 bis 2016. In diesem Zeitraum haben verschiedene Notenbanken – etwa in der Schweiz, Dänemark, oder der Eurozone – damit begonnen, die Leitzinsen unter Null zu drücken. 

Die Autoren vergleichen sodann die Kreditvergabe in diesen Ländern mit solchen, die keine Negativzinspolitik umgesetzt hatten. Ihr Fazit widerspricht den Verfechtern der Negativzinspolitik: «Im Gegensatz zu den Schlussfolgerungen der Mehrheit der jüngsten Forschung zu diesem Thema stellen wir fest, dass Banken in den Negativzins-Ländern die Kreditvergabe im Vergleich zu den Ländern, die die Politik nicht übernehmen, deutlich reduzieren».

Mit anderen Worten: Negativzinsen sind kontraproduktiv.

Insbesondere bei kleineren Banken, solchen mit einem signifikanten Retailgeschäft, solchen, die stark vom Zinsgeschäft abhängen, oder bei weniger solide kapitalisierten Instituten waren die negativen Effekte – sprich der Rückgang in der Kreditvergabe – am stärksten ausgeprägt. 

Hoffen wir, dass sich die beiden Ökonomen Agarwal und Kimball die Studie zu Gemüte führen.  

2. Die «Blase» der Sorglosigkeit

Der Vermögensverwalter Incrementum hat das Transkript seines Advisory Board Calls vom Juli veröffentlicht. Am Gespräch dabei waren Ronald Stöferle, Heinz Blasnik, Jim Rickards sowie Spezialgast Simon Mikhailovich.

Die vier Marktbeobachter und Investoren sorgen sich über den fragilen Zustand der Weltwirtschaft und die immer extremeren Massnahmen der Notenbanken. Wie es sich für «Gold-Bugs» gehört – Incrementum publiziert jedes Jahr den mittlerweile legendären «In Gold We Trust»-Report – sehen sie viele Risiken.

Darunter die schwache Konjunktur, die rasant wachsende Verschuldung der USA und die zunehmenden wirtschaftlichen Ungleichgewichte. Da Letztere nicht korrigiert werden, entlädt sich der Druck in der Politik – sprich in der Wahl Donald Trumps oder im Brexit –, in der Geopolitik oder in sozialen Spannungen.

Trotz der vielen dunklen Wolken seien die Anleger ziemlich entspannt. «Die Anleger wissen um all die Probleme, aber es scheint sie nicht sonderlich zu kümmern», meint Simon Mikhailovich. Er spricht von einer «Blase der Sorglosigkeit» – ein Thema, das er kürzlich auch in seinem Beitrag für The Market behandelt hat. 

Zur Absicherung empfehlen die Experten wenig überraschend Gold. Zwar sei das Risiko gross, dass es zu einer kurzfristigen Korrektur kommt, da sich die Spekulanten stark exponiert haben (siehe auch unseren Beitrag). Auf lange Sicht gehöre das Edelmetall aber in jedes Portfolio.   

3. Das mächtigste Unternehmen der Geschichte 

Es ist ein brandaktuelles Thema: die zunehmende (nicht zuletzt politische) Macht von Unternehmen wie Google, Facebook oder Amazon. Doch bei allem Einfluss, den diese Firmen heute ausüben, sind sie zahme Biester im Vergleich zur britischen Ostindien-Kompanie, wie William Dalrymple in der «Financial Times» schreibt.

Das Beispiel der Ostindien-Kompanie bleibe die «bedrohlichste Warnung der Geschichte über das Missbrauchspotenzial von Unternehmensmacht», schreibt der schottische Historiker.

Die 1600 durch einen Freibrief von Königin Elizabeth I. entstandene Governors and Company of Merchants of London Trading to the East-Indies, war eine der ersten modernen Aktiengesellschaften. 

Eine normale Gesellschaft war die Company allerdings nicht: Ausgestattet mit dem Handelsmonopol der britischen Krone, konnte sie in ihren Überseegebieten Münzen prägen, Recht sprechen – und Kriege führen. Zeitweise verfügte sie über eine Privatarmee von mehr als 200'000 Mann – doppelt so viele wie ganz Grossbritannien.

Mit dieser militärischen Macht eroberte die Kompanie in den 1760er-Jahren das wohlhabende Bengalen und verschaffte sich Zugang zu den Schätzen der Region. Bald darauf erlangte das Unternehmen die Steuerhoheit über mehr als 10 Mio. Einwohner – plötzlich verfügte ein Privatunternehmen über die öffentlichen Finanzen eines Staats. 

Profitgier, Korruption und die Folgen einer Hungersnot in Bengalen läuteten jedoch den Untergang ein. 1772 musste die Kompanie von der britischen Regierung gerettet werden. Die Politik verschärfte die Kontrollen, und die Kompanie wurde in den folgenden Jahren zurückgestutzt, bis sie mit dem India Act 1858 verstaatlicht wurde. 1874 wurde die Company ganz aufgelöst.

Das ist es bereits wieder von «Auf dem Radar». Fortsetzung folgt in einer Woche. Nun wünsche ich Ihnen ein angenehmes Wochenende und verbleibe mit den besten Grüssen,

Sandro Rosa, Stv. Chefredaktor