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Firefighting: The Financial Crisis and its Lessons

Die drei Protagonisten Ben Bernanke, Henry Paulson und Timothy Geithner werfen einen Blick zurück auf Finanzkrise 2008.

Sandro Rosa
«<strong>Firefighting: The Financial Crisis and its Lessons</strong>»,&nbsp;Ben Bernanke, Timothy Geithner und Henry Paulson | Penguin Books | 2019 | 240 Seiten | ISBN: 9780143134480

«Firefighting: The Financial Crisis and its Lessons», Ben Bernanke, Timothy Geithner und Henry Paulson | Penguin Books | 2019 | 240 Seiten | ISBN: 9780143134480

Vor elf Jahren starrte die Weltwirtschaft in den Abgrund. Am 15. September 2008 musste die ehrwürdige Investmentbank Lehman Brothers Konkurs anmelden, zu gross waren die im US-Immobilienmarkt erlittenen Verluste und zu dramatisch waren die Geldabflüsse der Kunden geworden.

Alle Bemühungen, das Finanzinstitut vor dem Untergang zu bewahren, scheiterten. Bis zuletzt hofften die Märkte auf eine Rettung. Doch als die britische Barclays Bank sich angesichts der grossen Risiken gegen eine Übernahme des US-Konkurrenten entschieden hatte, war der Untergang von Lehman Brothers besiegelt.

Die Nachricht versetzte die Märkte in helle Panik. Kaum jemand hatte es für möglich gehalten, dass die US-Behörden den Finanzkoloss würden untergehen lassen. Mit dem Ende der Investmentbank fragten sich alle, welches Institut wohl das nächste Opfer sein würde — und schickten die Aktien anderer Finanzunternehmen in den Keller.

Brutaler September 2008

Die Börsen, die angesichts der seit über einem Jahr schwelenden Immobilienkrise ohnehin gewaltig unter Druck standen, sackten noch einmal ab. Die Stresssymptome im Finanzmarkt machten sich immer deutlicher bemerkbar.

Das Ende von Lehman Brothers war jedoch bloss das prominenteste Ereignis im September 2008 – und ein vorläufiger Höhepunkt in der Finanzkrise.

Denn innerhalb von bloss vier Wochen

  • wurden die Hypothekarinstitute Fannie Mae und Freddie Mac verstaatlicht (dabei handelte es sich um die grösste staatliche Intervention in den USA seit den Dreissigerjahren),
  • ging die Investmentbank Lehman Brothers Konkurs,
  • musste sich die Investmentbank Merrill Lynch in die Arme des grösseren Konkurrenten Bank of America retten,
  • rettete der amerikanische Staat den Versicherungsgiganten AIG mit einer Finanzspritze von 85 Mrd. $,
  • meldeten die beiden Grossbanken Washington Mutual und Wachovia Insolvenz an,
  • wurde die erste Staatsgarantie für Geldmarktfonds im Umfang von 3 Bio. $ ausgesprochen,
  • gab es Auffangmassnahmen von einer weiteren Bio. $ für sogenannte Commercial Paper (kurzfristige Schuldverschreibungen grosser Unternehmen) und
  • genehmigte der Kongress ein Paket von 700 Mrd. $ an staatlicher Unterstützung für das Finanzsystem (das Troubled Asset Relief Program).

Mittendrin in diesem perfekten Sturm befanden sich Ben Bernanke, Henry Paulson und Timothy Geithner. Ben Bernanke war der Vorsitzende der US-Notenbank Fed, Henry «Hank» Paulson der Finanzminister in der Regierung von George W. Bush und Timothy Geithner Chef der Fed-Distriktnotenbank New York und danach Finanzminister unter Präsident Barack Obama. Damit besetzten die drei Schlüsselpositionen in der Regierung und waren hautnah am Geschehen beteiligt.

In ihrem kürzlich erschienen Buch «Firefighting: The Financial Crisis and its Lessons» blicken die Protagonisten zurück auf die turbulente Phase, in der der Einbruch am US-Immobilienmarkt in Kombination mit den Exzessen in der globalen Finanzbranche zur weltweit schlimmsten Rezession seit den Dreissigerjahren geführt hatte.

Bernanke, Paulson und Geithner beleuchten die Ursachen der Krise und zeigen auf, weshalb es so schwierig war, sie unter Kontrolle zu bringen, und wie sie es dennoch schafften, eine erneute Grosse Depression abzuwenden.

Exzesse im Hypothekarmarkt

Am Anfang der Krise stand die rasant gestiegene Hypothekarverschuldung in den USA und der Irrglaube, die Immobilienpreise können nicht fallen — zumindest nicht landesweit. Steigende Häuserpreise begünstigten die Immobilienspekulation, während Förderprogramme für weniger gut situierte Bevölkerungsschichten Leute zu Immobilienbesitzern machten, die es sich eigentlich nicht leisten konnten. 

Fehlanreize, undurchsichtige Finanzprodukte und das Wachstum des unregulierten Finanzsektors (Schattenbanken) befeuerten den Markt zusätzlich. Da die vergebenen Hypotheken nicht in den Bilanzen der Banken landeten, sondern verpackt, gestückelt und dann mit optimistischen Ratings versehen weiterverkauft wurden, war die Nachfrage nach Hypothekarschulden gross — und die Kreditvergabe nachlässig. «Jeder, der einen Puls hat, erhält eine Hypothek», lautete damals ein zynisches Bonmot.

Als die Immobilienpreise zu fallen begonnen, platzte die Blase — und riss beinahe die ganze Weltwirtschaft mit sich.

Schlimmste Krise nicht kommen sehen

Bernanke, Paulson und Geithner gewähren Einblick in ihre damaligen Überlegungen und Handlungen. Sie geben auch zu, Fehler gemacht und — da es einfach keine Erfahrungswerte gab — mitunter gewaltig improvisiert zu haben. «Trotz aller Erfahrung haben wir die schlimmste Krise unseres Lebens nicht vorhergesehen», schreiben sie erfrischend ehrlich.

Dass das Fed mit seiner jahrelangen Niedrigzinspolitik unter Bernankes Vorgänger Alan Greenspan den Grundstein für die verzweifelte Jagd nach Rendite der Anleger und damit für die Finanzkrise gelegt haben, wollen sie indes nicht eingestehen.

Erhellend ist die Passage zum Untergang von Lehman Brothers. Im Markt wurde damals intensiv diskutiert, ob das Fed ein Zeichen setzen wollte und die Bank absichtlich untergehen liess. Das war aber offenbar nicht der Fall: «Wir haben Lehman nicht absichtlich scheitern lassen. Mit einigen Aussagen, die wir nach dem Zusammenbruch von Lehman machten, trugen wir zur Verwirrung über unsere Motive bei. Wir wollten die Märkte nicht verunsichern und zugeben, dass wir machtlos waren, eine systemisch relevante Firma zu retten», schreiben Bernanke, Geithner und Paulson.

Was, wenn die nächste Krise kommt?

Wer die Finanzkrise nicht direkt miterlebt hat, erhält mit «Firefighting» einen schönen Überblick über die damaligen Ereignisse. Wer diese bereits kennt, dem liefert das Buch keine neuen Fakten, gewährt aber einen interessanten Einblick, wie die drei Autoren ihr Krisenmanagement selber einschätzen – nicht ganz überraschend stellen sie sich kein schlechtes Zeugnis aus. 

Wie gut ist das heutige Finanzsystem auf künftige Krisen vorbereitet`? Die Autoren warnen, dass angesichts der immer noch äusserst niedrigen Zinsen, der weiter gewachsenen Schulden und der quantitativen Lockerung durch die Notenbanken das Arsenal zur Bekämpfung künftiger Brände weitgehend ausgeschöpft wurde.

Die USA hätten zwar Massnahmen ergriffen, so dass die Gefahr künftiger Krisen geringer sei als vor der Finanzkrise. Sollte es jedoch trotzdem wieder zu einer Panik kommen, verfüge das Land über weniger griffige Notfallmassnahmen als früher. Kein beruhigendes Fazit.