Auf dem Radar

Gier, Angst und Herdentrieb

Pirmin Hotz zeigt in seinem lesenswerten Buch «Über die Gier, die Angst und den Herdentrieb der Anleger», wie man erfolgreich investiert und Fallstricke umgeht.

Sandro Rosa
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«Über die Gier, die Angst und den Herdentrieb der Anleger», Pirmin Hotz | FinanzBuch Verlag | 2021 | 368 Seiten | ISBN-13: 978-3959722964

«Über die Gier, die Angst und den Herdentrieb der Anleger»,
Pirmin Hotz | FinanzBuch Verlag | 2021 | 368 Seiten | ISBN-13: 978-3959722964

Anders als die meisten seiner Berufskollegen hat der Schweizer Vermögensverwalter Pirmin Hotz noch nie einen Börsencrash vorhergesehen – keinen einzigen! Auch glaubt er nicht daran, dass man mit Stock Picking nachhaltig den Benchmark schlägt, und kann keine todsicheren Strategien empfehlen, mit denen man schnell reich wird. Von komplexen Finanzprodukten und Absicherungsstrategien hält er wenig bis gar nichts.

Weshalb soll man also sein Buch «Über die Gier, die Angst und den Herdentrieb der Anleger» lesen? Gerade deswegen.

Genau wie ein seriöser Ernährungsberater empfiehlt Hotz einen disziplinierten Ansatz, der auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und langjähriger Erfahrung fusst. Er verspricht keine Diäten, bei denen man angeblich so viel essen kann, wie man will und man trotzdem abnimmt. Er ist kein Blender und plädiert für eine möglichst schnörkellose Anlagephilosophie.

Keep it simple, lautet die Devise.

Pragmatisch schlägt kompliziert

Je komplizierter der Ansatz, desto höher sind nämlich in der Regel die Kosten für den Anleger und desto schwieriger ist es, die Risiken zu überblicken – und am Ende stimmt nicht einmal die Rendite. Einzig Produkteverkäufer und Banken profitieren von hoher Komplexität und Intransparenz, mahnt Hotz. Das sei auch ein Grund, weshalb Finanzinstitute ihren Kunden in der Schweiz und in Deutschland so gerne hauseigene Fonds und strukturierte Produkte ins Depot legten: sie verdienen prächtig an den versteckten Gebühren.

Aber gab es da in der Schweiz nicht Gerichtsurteile, die besagen, Retrozessionen gehören den Kunden? Eigentlich schon – ausser, die Kunden verzichten vorgängig explizit darauf, indem sie etwa die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) akzeptieren. Und siehe da: 80 bis 90% aller hiesigen Banken haben offenbar ihre AGB so angepasst, dass sie die Retrozessionen weiterhin einkassieren können. Interessenkonflikte sind programmiert.

Kosten tief halten

Überhaupt seien die Kosten der Performancekiller Nummer eins, weshalb auch viele vermeintlich überlegene Vermögensklassen und Anlagestile – von Private Equity über Hedge Funds bis zu Schwellenländeranleihen – für Investoren oft eine Enttäuschung seien, schreibt Hotz. Kein Wunder, wenn z.B. bei Infrastruktur- und Private-Equity-Investments geschätzte jährliche Kosten von 5 bis 6% anfallen.

In seinem Buch räumt Pirmin Hotz mit allerlei Finanzmythen und Missverständnissen auf. So widerlegt er schön das Märchen, dass sich mit illiquiden Anlagen eine nachhaltige Überrendite erzielen lässt. Ein grosser Teil der Performance sei illusorisch, weil sie sich spätestens im Zeitpunkt des Verkaufs in Luft auflöst – dann nämlich, wenn sich nur schwer ein Käufer finden lässt. Und das dürfte häufig der Fall sein, sonst wären die Vermögenswerte ja nicht illiquide.

Auch wirft der Autor einen kritischen Blick auf Anlageklassen wie Immobilien oder Kryptowährungen und thematisiert unter anderem, ob die Absicherung von Währungsrisiken bei Aktienanlagen sinnvoll ist (Antwort: Nein). Er schafft es gekonnt, komplizierte Zusammenhänge verständlich zu erklären, so dass auch Laien auf ihre Kosten kommen dürften.

Von Prognosen und anderen Fehlern

Hotz nimmt kein Blatt vor den Mund und fährt auch einmal vermeintlichen Koryphäen der Finanzbranche an den Karren. Amüsant – und für Leser, die die Börsen und das Geschehen am Paradeplatz weniger genau verfolgen, erhellend – ist die Untersuchung über die Prognosefähigkeit von Strategen, Anlagechefs von Grossbanken und anderen Marktkommentatoren.

Im Brustton der Überzeugung prognostizieren diese Auguren etwa ein schwieriges Aktienjahr, steigende Inflation oder einen schwachen Dollar – und prompt kommt es ganz anders. Oder das Szenario tritt ein, aber aus anderen Gründen als den ursprünglich genannten. Anhand diverser Beispiele und Aussagen legt Hotz dar, dass auch die Profis nur mit Wasser kochen und die Zukunft nicht vorhersehen können.

Das überrascht ihn nicht, ist er doch überzeugt davon, dass die Märkte informationseffizient sind und dass einzelne Anleger den Markt nicht nachhaltig schlagen können. Das ist sicher eine vernünftige Prämisse, um sich auf dem Börsenparkett zu bewegen.

Nicht ganz konsistent ist allerdings, wenn sich Hotz gegen passives Anlegen ausspricht und schreibt: «Indexiertes Investieren führt inhärent zu einer prozyklischen Anlagepolitik, was auf Dauer viel Performance kostet», oder wenn er meint, es gebe Branchen wie die Luftfahrt, die Automobil- oder die Finanzbranche, die man «schlicht und einfach» nicht haben müsse. Wieso soll man in effizienten Märkten ganze Branchen ignorieren? Aber natürlich hat er Recht, wenn er sagt, auch wer «passiv» anlege, müsse aktiv entscheiden, wie er sein Vermögen aufteilt.

Effiziente Märkte - oder doch nicht?

Quer durch das Buch zieht sich seine Begeisterung für Aktien, an denen kein Weg vorbeiführt, wenn man langfristig sein Vermögen erhalten und vermehren will. Wissenschaftlich untermauert zeigt Hotz auf, welche Rendite Investoren realistischerweise erwarten können und dass die wichtigste Entscheidung diejenige ist, in welche Anlageklassen (sprich: Aktien, Anleihen, Gold, etc.) zu welchen Teilen investiert wird. Ob schliesslich die Titel von Roche oder Novartis ins Depot kommen, sei von sekundärer Bedeutung. Auch illustriert Hotz, wie unglaublich schwierig es im aktuellen Umfeld ist, ohne Dividendenpapiere einen akzeptablen Ertrag zu erwirtschaften.

Sehr schön sind die zahlreichen Zitate rund um die Börse – The Market hat mehr als hundert gezählt –, die im ganzen Buch zu finden sind. «Wenn es heisst, ein Mensch sei unbestechlich, frage ich mich unwillkürlich, ob man ihm genug geboten hat» (Joseph Fouché, Polizeiminister unter Napoleon) ist eines davon.

Ein kleiner Wermutstropfen ist das fehlende Stichwortverzeichnis. Denn angesichts der Fülle an Informationen dürfte manch ein Leser zu einem späteren Zeitpunkt das gelesene Buch wieder aus dem Büchergestell holen, um sich einzelne Passage nochmals zu Gemüte zu führen. Das vermag aber den Gesamteindruck nicht zu trüben: Pirmin Hotz ist ein wunderbares Buch über die Welt der Geldanlage gelungen, dass man wärmstens empfehlen kann.