Auf dem Radar

Von der Geldpolitik, kriselnden Konzernen, verschwundenen Büchern – und Kindern

The Market präsentiert eine Auswahl an Texten, die uns in dieser Woche aufgefallen sind - und gefallen haben.

Sandro Rosa

Auch zehn Jahre nach der Finanzkrise sind die Notenbanken weit von einer Normalisierung der Geldpolitik entfernt. John Taylor, ein wichtiger Geldtheoretiker, plädiert in seinem neuen Buch für Reformen in der internationalen Geldpolitik.  

Zudem sind mir in dieser Woche gleich zwei Artikel über strauchelnde Grosskonzerne aufgefallen – im Fokus stehen das Industriekonglomerat General Electric und der Autokonzern Renault-Nissan. 

Ein weiterer Bericht widmet sich elektronischen Büchern, die gelöscht werden, während ein Aufsatz auf zweihundert Jahre schweizerische Geldpolitik zurückschaut. Und zum Schluss folgt noch eine etwas leichtere Leseempfehlung für die Sommerferien. 

1. Für ein Umdenken in der internationalen Geldpolitik

John Taylor ist einer der ganz grossen Ökonomen. Der an der renommierten Stanford University in Kalifornien lehrende Wirtschaftsprofessor ist eine Kapazität auf dem Gebiet der Geldtheorie.

Sein soeben publiziertes Buch «Reform of the International Monetary System» basiert auf den Ideen, die er an der «Karl Brunner Distinguished Lecture Series» der Schweizerischen Nationalbank, die jährlich in Zürich gehalten wird, im Herbst 2017 präsentiert hatte.

John Taylor: Reform of the International
Monetary System

In seinem Buch zeigt er auf, dass bei den Zinsentscheiden der Notenbanken in den vergangenen Jahren eine immer stärkere Gleichläufigkeit beobachtet werden konnte – im Jargon spricht man von einer gestiegenen Korrelation. Gleichzeitig bemerkt er eine zunehmende Abweichung von einer regelbasierten Geldpolitik, wie sie etwa die von ihm in den Neunzigerjahren entwickelte Taylor-Regel vorgeben würde.

Diese Regel postuliert, dass der US-Leitzins von der Inflationsrate der letzten vier Quartale, dem realen Gleichgewichtszins, der Produktions- und der Inflationslücke abhängt. Während sich die Zinsen von 1990 bis 2003 weltweit ziemlich nahe auf dem von der Taylor-Regel prognostizierten Pfad bewegt hatten, habe danach ein Auseinanderdriften stattgefunden – die Zinsen waren zu niedrig. Die Lücke hat sich zwar in der Finanzkrise 2008 kurz geschlossen – danach hat sie sich allerdings wieder geöffnet.

Seine Vermutung: Die Notenbanken folgen sich gegenseitig, um eine allzu kräftige Aufwertung der eigenen Währung zu verhindern. Das führt zu einem Überschwappen der Geldpolitik von einem Land zum nächsten.

Die erwähnte erhöhte Gleichläufigkeit lässt sich aber nicht nur bei den Zinsentscheiden beobachten. Dasselbe gilt für die Ausweitung der Notenbankbilanzen (quantitative Lockerung), die im Zuge der Finanzkrise von vielen Institutionen eingeführt wurde: Als erste Zentralbank ergriff das Fed in den USA diese Massnahme, gefolgt von der Bank of Japan und dann von der Europäischen Zentralbank. 

Eine Konsequenz dieses Verhaltens sei eine kompetitive Abwertung der Währungen und stärkere Ausschläge in den Wechselkursen. Diese Tendenz sei ungünstig, meint Taylor. Denn insgesamt führe sie dazu, dass die Geldpolitik vielerorts von einer optimalen Geldpolitik abweicht, welche die Inflation und die Wirtschaft stabilisiert.

Er plädiert für eine Reform der internationalen Geldpolitik, die wieder stärker auf einen regelbasierten Ansatz setzt. Neben der erhöhten konjunkturellen Stabilität habe ein solches Vorgehen weitere Vorteile.

So reduzieren Regeln etwa unter anderem die Unsicherheit über die zu erwartende Geldpolitik, lassen sich der Bevölkerung einfacher erklären und – angesichts der vermehrten Einflussnahme der Politik besonders wichtig – mindern den politischen Druck, da sich die Währungshüter erklären müssten, wenn sie von den aufgestellten Vorgaben abweichen wollen.

2. Achtung, Ihr gekauftes E-Book ist bloss geliehen

Stellen Sie sich vor, die freundliche Verkäuferin der Buchhandlung Ihres Vertrauens, die Ihnen vor einigen Jahren die wunderschöne, ledergebundene Jubliäums-Ausgabe von Ray Bradburys «Fahrenheit 451» verkauft hat, klingelt eines Morgens an Ihrer Haustür. Ardelia Lortz – so heisst sie – streckt Ihnen die 47 Fr. entgegen, die Sie damals bezahlt haben, und verlangt das erwähnte Buch zurück. 

Unerhört, nicht war?

Doch genau dies macht der Technologie-Konzern Microsoft mit seinen Kunden, wie die Zeitschrift «Wired» berichtet. In diesem Monat werden ihnen nämlich alle elektronischen Bücher gelöscht, da das Unternehmen seine digitale Buchhandlung schliesst. Angesichts der Übermacht von Amazon war Microsoft offenbar chancenlos.

Am 2. April wurden alle Verkäufe gestoppt, und in diesen Wochen beginnt Microsoft, alle gekauften Bücher von den Geräten der Kunden zu entfernen. Immerhin ist der Konzern solvent und sie erhalten ihr Geld zurück. Wer in den Büchern Notizen angebracht hat, dem werden 25 $ zusätzlich vergütet.  

Diese Episode illustriert einmal mehr, dass Kunden, die digitale Inhalte – seien es Bücher, Filme oder Musik – «gekauft» haben, diese nicht vollständig besitzen – und von den Launen und vom Gedeihen des Verkäufers abhängig sind. Korrekterweise müsste man wohl von einem Mietvertrag sprechen. Der Kauf-Knopf auf Amazon ist daher irreführend. 

Kaufen Sie also Bücher, die Ihnen wirklich am Herzen liegen, weiterhin in der Buchhandlung Ihres Vertrauens. Und keine Angst, Frau Lortz ist schon lange tot.

3. Zweihundert Jahre Schweizer Geldpolitik

Auch die nächste Lektüre fokussiert auf die Geldpolitik – und präsentiert einen kurzen Ausflug in die Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Daniel Kaufmann, Assistenzprofessor an der Universität Neuchâtel, geht in seinem Aufsatz «Nominal Stability over Two Centuries» (veröffentlicht im «Swiss Journal of Economics and Statistics») der Frage nach, wie stabil das geldpolitische Umfeld in den vergangenen zwei Jahrhunderten in der Schweiz war.

Dafür kreierte er einen neuen Datensatz, der die vier Variablen Konsumentenpreise, Grosshandelspreise, einen BIP-Deflator sowie das nominale BIP pro Kopf bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts (oder noch weiter zurück) umfasst.

Er vergleicht die Entwicklung dieser Datenreihen in sieben verschiedenen geldpolitischen Phasen: Dazu zählen etwa der Bimetallismus (1850-1873), der Goldstandard (1874-1906) oder die Bretton-Woods-Ära (1945-1973). Er kommt zum Schluss, dass das seit 1999 geltende heutige Regime des «Flexible Inflation Targeting» im Vergleich zu den übrigen Phasen zu einem relativ stabilen geldpolitischen Umfeld geführt habe. Diese Strategie kann demnach als Erfolg gewertet werden.

Allerdings schränkt er ein, dass die verschiedenen geldpolitischen Regime immer wieder den äusseren Umständen angepasst werden mussten, und er stellt die Frage, ob das aktuelle Umfeld niedriger Inflation nicht ebenfalls zu Anpassungen führen wird. Komplementäre Massnahmen wie Deviseninterventionen oder Negativzinsen auf Reserven dürften für die nächsten Jahre jedenfalls zum Standardrepertoire der SNB gehören, glaubt der Autor.

Nebst der Bewertung der geldpolitischen Phasen liefert Kaufmann zusätzlich einen kurzen historischen Überblick über die Schweizer Wirtschaftsgeschichte. So erfährt man – oder wird wieder daran erinnert – unter anderem, dass in der Schweiz erst 1848 mit der Verfassung ein Einheitsmarkt und eine Einheitswährung eingeführt wurden. Zuvor gab es von Kanton zu Kanton unterschiedliche Valuten.

Oder man lernt, dass die Schweiz gemeinsam mit Frankreich, Belgien, Italien und später Griechenland Teil der Lateinischen Münzunion war, bei der sich die beteiligten Länder auf den Silbergehalt in den Münzen einigten. Dann setzte eine Abwertungsspirale ein, als die Italiener den Silbergehalt ihrer Münzen senkten, denn damit wurden die französischen Münzen verdrängt, da es sich lohnte, französische Münzen zu schmelzen und italienische zu prägen. 

Doch die Meister waren die Schweizer, die in der Folge den Silbergehalt noch weiter senkten und damit auch die italienischen Münzen aus dem Markt drängten. Die Münzunion bestand offiziell von 1865 bis 1926, de facto aber bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914. 

4. General Electric: Fall einer Ikone

From Hero to Zero: Noch 2006 wurde General Electric (GE) von der britischen Finanzzeitung «Financial Times» zum «respektiertesten Konzern der Welt» gewählt – und zwar zum siebten Mal innerhalb von acht Jahren. Mittlerweile ist das Unternehmen ein Sanierungsfall, wie Sabrina Kessler in der «NZZ am Sonntag» schreibt.

Dabei hat GE eine illustre Vergangenheit. Das Unternehmen wurde 1879 vom Thomas Edison, dem Erfinder der Glühbirne, unter dem Namen Edison General Electric Company gegründet. Nach dem Zusammenschluss mit Thomson-Houston Electric Company entstand die General Electric Company.

Unter den Star-Managern Reginald Jones und Jack Welch und ihren knallharten – und von den Medien gerühmten – Managementmethoden erlebte GE einen rasanten Aufstieg. Unter der Ägide von Welch legte der Aktienkurs 4000% zu, das Unternehmen avancierte zum weltweit grössten Konglomerat.

Doch die Expansion in den Finanzsektor läutete den Abstieg von GE ein. Bescherte der Finanzarm über Jahre satte Gewinne, geriet GE in der Finanzkrise gewaltig unter Druck – der staatliche Einlagensicherungsfonds musste einspringen.

Aber auch Welchs Nachfolger Jeffrey Immelt, der just im Höhepunkt aggressiv in den Energiesektor expandierte, bewies mit seinen Entscheiden kein glückliches Händchen. Kurz nach dem Zukauf der Gasturbinensparte des französischen Konzerns Alstom brachen in der Industrie die Aufträge ein. Nun muss der neue CEO Lawrence Culp das Unternehmen wieder auf Kurs bringen. Hoffen wir, dass es ihm gelingt.

5. Renault und Nissan haben sich auseinandergelebt

Die Krise kam nicht im verflixten siebten Jahr, sondern nach zwei Dekaden. Die Allianz der Automobilkonzerne Renault und Nissan scheint zunehmend brüchig, und einige Marktbeobachter bezweifeln sogar, dass es ein 21. Jahr der Zusammenarbeit geben wird.

Seit der Verhaftung des CEO Carlos Ghosn im vergangenen November wegen Veruntreuung treten die Differenzen immer offener zutage, schreibt die «Financial Times». Die Chefs der beiden Unternehmen, Thierry Bolloré und Hiroto Saikawa, kommen offenbar äusserst schlecht miteinander aus.

Einen ungünstigeren Zeitpunkt für Querelen hätten sich die Autokonzerne wahrlich nicht aussuchen können. Der Absatz bricht ein, und um für die Zukunft der Elektorautos bereit zu sein, fallen grosse Investitionen an, während der US-Präsident mit seinem Handelskrieg die globalen Lieferketten durcheinanderwirbelt. 

Ein zynischer Beobachter meint, es wäre günstiger gewesen, Ghosn weiter Gelder veruntreuen zu lassen, wenn damit das gegenwärtige Chaos – mit entsprechenden negativen Konsequenzen für das wirtschaftliche Gedeihen – hätte vermieden werden können.

6. «The Chain»

Wer für die Sommerferien etwas Packenderes lesen möchte als wissenschaftliche Aufsätze oder Berichte über strauchelnde Unternehmen, dem sei der Anfang Woche publizierte Thriller «The Chain» von Adrian McKinty empfohlen. Aficionados dürfte der Autor dank seiner mittlerweile sieben Titel umfassenden Serie um Sean Duffy, den nordirischen Polizisten, ein Begriff sein.

Nach einer schwierigen Zeit schien ihr Leben doch noch eine Wende zum Besseren genommen zu haben: Die Chemotherapie war erfolgreich, die Scheidung überstanden, und nun hat Rachel ihren ersten richtigen Job als Philosophie-Professorin an Land gezogen. Endlich ging es wieder aufwärts.

Bis sie unverhofft eine Nachricht von ihrem Onkologen erhält, sie solle ihn doch bitte umgehend zurückrufen. War der Brustkrebs doch nicht besiegt?

Doch das ist nichts im Vergleich zum Anruf, den sie kurz darauf erhält: Ihre dreizehnjährige Tochter Kylie ist an der Bushaltestelle auf dem Weg zur Schule entführt und als Geisel genommen worden.

Adrian McKinty: The Chain

Die Forderungen der Erpresser sind brutal: Ein Lösegeld von 25'000 $ (die sie nicht hat) und die Anweisung, Rachel müsse im Gegenzug ebenfalls ein Kind entführen, damit Kylie wieder freigelassen wird. Allerdings geschieht das erst dann, wenn die Eltern des nächsten Opfers ebenfalls ein Kind «erfolgreich» gekidnappt haben. Denn Rachel ist nun Teil der «Kette».

Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Das wäre es schon wieder von «Auf dem Radar». Fortsetzung folgt nach einer Sommerpause am 2. August. Nun wünsche ich Ihnen ein angenehmes Wochenende, gute Erholung, falls Sie in die Ferien reisen, und verbleibe wie immer mit den besten Grüssen,

Sandro Rosa, Stv. Chefredaktor