Auf dem Radar

Von Preisblasen, der Globalisierung, einem neuen Währungskrieg und der amerikanischen Opioid-Krise

The Market präsentiert eine Auswahl an Texten, die uns in dieser Woche aufgefallen sind - und gefallen haben.

Sandro Rosa

Auch diese Woche bin ich bei meiner Lektüre auf interessante Texte gestossen. So beleuchten drei US-Finanzwissenschafter in ihrem Aufsatz Preisblasen an den Aktienmärkten und wollen wissen, was eine starke Preisperformance in der Vergangenheit für das künftige Abschneiden bedeutet. 

Susan Lund, James Manyika und Michael Spence argumentieren, der Westen haben einen äusserst schlechten Zeitpunkt für eine Abkehr von der Globalisierung gewählt, während der «Economist» vor einem neuen Währungskrieg warnt. Die «NZZ am Sonntag» beschreibt die amerikanische Opioid-Krise und die unrühmliche Rolle, die Purdue Pharma – und die Besitzerfamilie Sackler – spielt.

1. Börsenblasen auf der Spur

Vor dem Hintergrund des aktuellen Höhenrauschs an vielen Börsen kommt dieser Text wie gerufen: Robin Greenwood, Andrei Shleifer und Yang You haben sich nämlich in ihrem Aufsatz «Bubbles for Fama» im «Journal of Financial Economics» auf die Suche nach Preisblasen an den Aktienmärkten gemacht.

In gewissen akademischen Kreisen ist das noch immer ein ketzerisches Unterfangen. Gemäss der Theorie der effizienten Märkte sollte es nämlich keine Preisblasen geben.

Dieser Ansicht ist auch der einflussreiche Nobelpreisträger Eugene Fama. Er behauptet, dass Aktien oder Portfolios, deren Preise kräftig gestiegen sind, in den darauffolgenden Jahren renditemässig nicht enttäuschen. Auf eine Blasenbildung müsse aber zwingend ein prognostizierbarer, kräftiger Kursrückgang folgen.

Deshalb also der Titel «Bubbles for Fama».

Um die Aussagen Famas zu prüfen, haben die drei Akademiker die Kursinformationen aller US-Industrien seit 1928 untersucht, bei denen kräftige Kursanstiege von mindestens 100% innerhalb von zwei Jahren zu beobachten gewesen waren. Danach schauten sie, wie sich ihre Kurse in den darauffolgenden zwei Jahren entwickelt haben. In einem nächsten Schritt berücksichtigten sie auch Sektordaten ausserhalb der USA, um ihre Thesen zu validieren.

Was haben Greenwood, Shleifer und You herausgefunden?

  • Ein kräftiger Kursanstieg in einer Industrie signalisiert im Durchschnitt tatsächlich keine unterdurchschnittlichen Renditen in der Zukunft. Die Kurse entwickelten sich ungefähr im Gleichschritt mit dem Gesamtmarkt.
  • Allerdings – und diese Beobachtung scheint Famas Aussagen zu widersprechen – erhöhen solche Kursschübe die Wahrscheinlichkeit eines Absturzes spürbar.
  • Die Episoden mit rasanten Preiszuwächsen, die in einen Crash mündeten, wiesen gewisse Gemeinsamkeiten auf. Dazu gehören etwa eine Zunahme bei der Volatilität, eine signifikante Ausweitung im Kurs-Gewinn-Verhältnis, eine Beschleunigung in der Kursentwicklung und die Ausgabe vieler neuer Aktien.
  • Berücksichtigt man diese Gemeinsamkeiten, lassen sich die Aktienmarktrenditen bis zu einem gewissen Grad vorhersagen.

2. Schlechtes Timing für eine Abkehr von der Globalisierung

Vergangene Woche hatten wir an dieser Stelle einen Text von Dani Rodrik vorgestellt, der argumentierte, die Globalisierung sei mittlerweile übers Ziel hinausgeschossen.

In einem Aufsatz in derselben Zeitschrift – «Foreign Affairs» – widmen sich Susan Lund, James Manyika und Michael Spence ebenfalls dem Thema Welthandel. Sie zeigen, wie er in den vergangenen Jahren im Westen zusehends unter Druck geraten ist. Sie kommen indes zum Schluss, das Timing für die vermehrt zu beobachtende Abschottung sei denkbar schlecht gewählt.

Dank rasanter technologischer Fortschritte in der Robotik, in der Verwendung von Big Data und beim Internet der Dinge seien Unternehmen heute nicht mehr auf der Suche nach möglichst günstigen Arbeitnehmern, sondern sie versuchten, wieder näher und rascher bei den Kunden zu sein.  Das zeigen Beispiele wie Adidas, Fast Radius, Lincoln Electric und Apple, die jüngst neue Standorte in den USA aufgebaut haben.

Mit diesem Trend werde der Druck auf die westlichen Arbeitnehmer – die in den vergangenen zwanzig Jahren zu den Verlierern der Globalisierung gehört haben – in den kommenden Jahren abnehmen. Waren in den USA 1997 noch 17,6 Mio. Menschen in der Industrie tätig, sind es heute nur noch 12,8 Mio.

Künftig werden indes Dienstleistungen bei den Exporten – wie etwa Software, juristisches Fachwissen oder Finanzdienstleistungen – eine weitaus grössere Rolle spielen. Damit werden künftig genau diejenigen Fähigkeiten besonders gefragt sein, bei denen der Westen heute die Nase vorn hat.

3. Vor einem neuen Währungskrieg?

Eine Welt mit schwachem Wirtschaftswachstum ist geradezu prädestiniert für einen Währungskrieg, schreibt der «Economist» in seiner aktuellen Ausgabe. Zumal die Zinsen global niedrig und fiskalpolitische Massnahmen zur Stimulierung der Konjunktur entweder an hohen Schulden oder politischen Widerständen scheitern.

Eine schwächere Währung sei deshalb eines der wenigen Werkzeuge, um die Wirtschaft eines Landes in die Gänge zu bringen. Dabei sei nicht der Euro-Dollar, sondern der Dollar-Yuan-Wechselkurs entscheidend, denn die chinesische Währung gebe global zunehmend den Takt an. Die jüngste Abschwächung des Yuan müsse deshalb in den Augen behalten werden.

Die Marke von 7 Yuan zum Dollar sei wichtig. Sollte Peking Signale senden, dass es bereit ist, die Währung unter diese Schwelle fallen zu lassen, könnten sich weitere Valuten zum Dollar abwerten.

Trump ist zunehmend irritiert wegen der Dollar-Stärke. Wenn er einen schwächeren Greenback möchte, solle er im Handelskrieg Frieden schliessen, meint der «Economist». Ansonsten gehörten die USA zu den Verlierern an der Währungsfront.

4. Die amerikanische Opioid-Krise

Es ist eine Tragödie: Jedes Jahr sterben in den USA zehntausende Menschen an übermässigem Opioid-Konsum. Allein 2017 forderte der Medikamentenmissbrauch mehr als 45’000 Todesopfer – das entspricht praktisch der gesamten Bevölkerung der Stadt Biel.

Wer nun dubiose mexikanische Narcos hinter der Misere vermutet, täuscht sich: Mitten drin steckt das Pharmaunternehmen Purdue Pharma und sein Medikament OxyContin. Wie Andreas Mink in der «NZZ am Sonntag» schreibt, habe Purdue – und die Besitzerfamilie Sackler – schon seit Jahren um das hohe Suchtpotenzial gewusst, aber aus Profitgier nichts dagegen unternommen. Seit 2007 soll OxyContin einen Gewinn von über 4 Mrd. $ erzielt haben.

Mit überaus aggressiven Verkaufs- und Marketingmethoden habe das Unternehmen den Absatz des Medikaments gefördert, um die angeblich grassierende «Unterbehandlung von Schmerzen» in den USA zu bekämpfen. Um nicht mit härteren Auflagen belegt zu werden, nimmt Purdue offenbar auch fleissig Einfluss auf Behörden, Beamte und Politiker. McKinsey helfe dem Konzern ebenfalls, den Verkauf von OxyContin zu unterstützen.

Doch dies reicht offenbar nicht, neue Märkte wollen erschlossen sein. Nun will Purdue angeblich mit einem neuen Medikament, das dem Drogenentzug dienen soll, auch noch an der Lösung des von ihnen verursachten Problems Geld verdienen.

Das wär's schon wieder für heute von «Auf dem Radar». Fortsetzung folgt in einer Woche. Nun wünsche ich Ihnen ein angenehmes Wochenende und verbleibe mit den besten Grüssen,

Sandro Rosa, Stv. Chefredaktor