Auf dem Radar

Wenn Entwicklungshilfe auf Bankkonten in der Schweiz landet

Drei Ökonomen weisen nach, dass die Finanzhilfe der Weltbank an arme Staaten zum Teil von korrupten Eliten in die eigene Tasche abgezweigt wird. Das Paper steht möglicherweise hinter dem abrupten Rücktritt der Chefökonomin der Weltbank.

Mark Dittli
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Ausgangslage: Ein armer Staat erhält Finanzhilfen von der Weltbank. Noch im gleichen Quartal, als die Hilfe der Weltbank eintrifft, fliesst Geld aus dem fraglichen Staat auf Konten von Offshore-Finanzzentren wie der Schweiz, Singapur oder Luxemburg.

Ist das ein Zufall?

Nein, schreiben die Ökonomen Jørgen Juel Andersen (BI Norwegian Business School), Niels Johannesen (Universität Kopenhagen) und Bob Rijkers (Weltbank) in einem aktuellen Paper mit dem Titel «Elite Capture of Foreign Aid: Evidence from Offshore Bank Accounts».

Die drei Autoren zeigen, dass es sich dabei um ein etabliertes Muster handelt. Sie haben 22 Staaten untersucht, die im Zeitraum zwischen 1990 und 2010 Weltbank-Hilfe von durchschnittlich mindestens 2% ihres Bruttoinlandproduktes erhalten haben. Zu diesen Staaten zählen beispielsweise Armenien, Eritrea, Madagaskar, Tansania und Sambia.

Mit Hilfe von Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) haben sie sodann untersucht, wie viel Geld aus diesen 22 Staaten nach Erhalt der Weltbank-Zahlung in internationale Finanzzentren geflossen ist. Das Resultat: Die Einlagen von Personen aus den 22 Staaten auf Bankkonten in Offshore-Finanzzentren erhöhten sich um signifikante 3,4%.

Andersen, Johannesen und Rijkers liefern damit einen Beweis für eine Bereicherung korrupter Eliten in den Empfängerstaaten. Konkret errechnen sie eine «Leakage» von 7,5%; von 100 $, die ein Empfängerstaat von der Weltbank erhält, fliessen 7.50 $ umgehend auf private Konten, unter anderem in der Schweiz.

Die Resultate sind robust und werden über mehrere Kontrollrechnungen plausibilisiert.

«Wahrscheinlich wird der Leakage-Effekt damit noch unterschätzt, weil die BIZ-Daten nur Bankeinlagen umfassen, nicht jedoch Käufe von Immobilien oder Luxusgütern im Ausland», schreiben die Autoren.

Grund für den Rücktritt der Weltbank-Chefökonomin?

Die Erkenntnis mag auf den ersten Blick wenig überraschen. Korrupte Eliten in armen Ländern zweigen einen Teil der von der Weltbank erhaltenen Entwicklungshilfe in die eigenen Taschen ab.

Das Paper hat aber noch einen zusätzlichen Dreh: Die Untersuchung wurde nämlich von der Weltbank nicht veröffentlicht. «Conditionally accepted to the World Bank Working Paper series», steht bloss auf der ersten Seite des Papers.

Pinelopi Koujianou Goldberg, Chefökonomin der Weltbank von November 2018 bis Februar 2020.

Pinelopi Koujianou Goldberg, Chefökonomin der Weltbank von November 2018 bis Februar 2020.

Vergangene Woche trat die Chefökonomin der Weltbank, Pinelopi «Penny» Goldberg, nach nur 15 Monaten im Amt überraschend zurück. Sie fühle, es sei an der Zeit, an ihren Lehrstuhl an der Yale University zurückzukehren, schrieb Goldberg gegenüber Medien – ohne weitere Erklärungen.

Der «Economist» setzt Goldbergs Rücktritt in seiner aktuellen Ausgabe direkt in Verbindung mit dem Entscheid der Weltbank-Führung, das Paper über die Bereicherung der Eliten in Empfängerstaaten nicht zu publizieren.

Veröffentlicht hat das Paper nun einer der Autoren, Niels Johannesen, auf seiner eigenen Homepage.