Auf dem Radar

Wie man tiefe Negativzinsen durchsetzt, teure Immobilien, Helikopter- und digitales Geld 

The Market präsentiert eine Auswahl an Texten, die uns in dieser Woche aufgefallen sind - und gefallen haben.

Sandro Rosa

Eine Einschätzung des Währungsprojekts Libra, ein Arbeitspapier des Internationalen Währungsfonds zum Thema Negativzinsen, ein Aufsatz zum Einsatz von Helikoptergeld sowie ein Blog zu unerschwinglichen Immobilienpreisen in der Schweiz sind mir in den vergangenen Tagen aufgefallen. 

1. Drei Gründe, weshalb Libra besser ist als ihr Ruf

Die Kritik war erheblich, als Facebook mit seinen Partnern im Juni verkündete, eine digitale Währung mit dem Namen «Libra» zu kreieren. Ausgerechnet über die Datenkrake Facebook sollen die Menschen ihren Zahlungsverkehr abwickeln?

Christian Honey geht in seinem Beitrag im deutschsprachigen Ableger von «Technology Review» drei gängigen Irrtümern rund um Libra auf den Grund. Der erste Irrglaube: Libra nützt nur Facebook. Doch erstens seien es 28 Gründungsmitglieder – der Einfluss von Facebook somit viel kleiner als gemeinhin befürchtet – und der potenzielle Nutzen zudem für viele Menschen sehr gross. So dürften internationale Geldüberweisungen signifikant günstiger werden und Libra könne Menschen in Ländern mit massiver Währungsentwertung helfen, sich davor zu schützen.

Zweitens fürchten sich viele Beobachter vor einer riesigen «Superbank», die allein wegen ihrer Grösse zu heftigen Währungsschwankungen führen könnte. Auch diese Bedenken seien unbegründet, da Libra eher wie der Zahlungsdienst PayPal funktioniere als wie eine Bank. Zumal Libra keine Kredite vergebe und durch andere Währungen gedeckt sei.

Drittens schliesslich, sei der Glaube verbreitet, Facebook könne bloss mit den anfallenden Daten Gewinn erzielen. Wiederum falsch, meint Honey. Libra könne mit kurzfristigen Einlagen wie Staatsanleihen Gewinn machen. Dann funktionierte die digitale Währung wie ein Currency Board.

Hipp, hipp, hurrah also? Nicht ganz. Trotz einiger Vorteile gibt es ein gewichtiges Argument gegen Libra: der Verlust der Privatsphäre. Denn anders als etwa Bitcoin basiert Libra aus Gründen der Effizienz nicht auf einer dezentralen Datenstruktur – dadurch aber haben alle beteiligten Unternehmen Einsicht in die gesamte Transaktionshistorie der Nutzer.

In Kombination mit dem von Libra ebenfalls geplanten digitalen Identitätsausweis lässt sich die Privatsphäre kaum mehr schützen.

2. Wie man tiefe negative Zinsen durchsetzt

Was noch vor wenigen Jahren unvorstellbar schien, ist heute Alltag: Negativzinsen. Mittlerweile notiert die gesamte Schweizer Zinskurve in negativem Territorium, dasselbe Phänomen lässt sich bei deutschen Staatsanleihen beobachten. Bereits sind erste Finanzinstitute so weit, Hypotheken mit Minuszinsen zu vergeben.

Auf insgesamt rund 16 Bio. $ beläuft sich gegenwärtig der Wert aller Anleihen, die einen negativen Ertrag abwerfen. Und das zehn Jahre nach der globalen Finanzkrise.

Behalten die beiden Ökonomen Ruchir Agarwal und Miles Kimball recht, ist das erst der Anfang. «Angesichts der moderaten Erholung der Weltwirtschaft mag der Gedanke reizvoll sein, die Erfahrung von Null- oder leicht negativen Zinsen sei eine einmalige Erfahrung gewesen. Es gibt jedoch gute Gründe, daran zu zweifeln», schreiben sie in ihrem im April veröffentlichten IWF-Arbeitspapier «Enabling Deep Negative Rates to Fight Recessions: A Guide».

Denn bis es zur nächsten Krise kommt, werden die Zinsen kaum so stark gestiegen sein, dass genügend Senkungen zur Stimulierung der Wirtschaft durchgeführt werden können. In einem typischen Konjunkturabschwung wurden die Leitzinsen in den Industrieländern in der Vergangenheit um fünf bis sechs Prozentpunkte gesenkt.

Die aktuell niedrigen Leitzinsen lassen solche Massnahmen nicht zu, da Bargeld als effektives unteres Zinslimit wirkt – das sei ein gravierendes Problem.

In ihrem Papier liefern Agarwal und Kimball deshalb eine Anleitung, wie das Ziel tief negativer Zinsen erreicht werden kann. Warum das der Wirtschaft auf die Sprünge helfen sollen, wird allerdings nicht erläutert. Schädliche Nebeneffekte wie etwa eine Blasenbildung in Aktien und Immobilien oder die Erosion der Vorsorgegelder werden elegant ausgeblendet. Einzig der Druck auf die Bankprofitabilität wird erläutert – dieser soll abgefedert werden, indem die Notenbank Zinsen auf Reserven bezahlt.

Agarwal und Kimball argumentieren, in der Rezession stehe man vor der Wahl zwischen stark negativen Zinsen und einer raschen Wiederbelebung der Konjunktur oder aber Zinsen nahe bei null und einer langgezogenen, schleppenden Erholung. Weder der bisherige Ansatz der quantitativen Lockerung noch die Fiskalpolitik seien gleich gut geeignet, die Konjunktur zu beleben, wie einschneidende Negativzinsen.

Deshalb präsentieren sie mehrere Strategien, wie Notenbanken das Ziel tief negativer Zinsen erreichen können. Dazu muss primär ein Negativzins auf Bargeld eingeführt werden und/oder die Verwendung von Bargeld eingeschränkt, beziehungsweise massiv erschwert werden.

Eine der beschriebenen Varianten besteht darin, dass beim Schalter- oder Bancomatbezug der ausgegebene Betrag kleiner ausfällt, als der effektiv belastete. Wer also 100 Fr. in bar abhebt, dem werden vielleicht 103 Fr. auf dem Konto abgezogen. Bis zu einem Negativzins von 3% lohnt es sich dann nicht mehr, Bargeld «zu horten». Damit entsteht schliesslich ein Wechselkurs zwischen elektronischem Geld und Cash.

Die «Klassiker», um das Bargeld unpopulär zu machen, wie die Abschaffung grosser Banknoten oder eine Beschränkung nur auf Münzen werden ebenfalls diskutiert. Ein origineller Vorschlag ist es, Banken sollen absichtlich wenig Bargeld in ihren Filialen halten, damit sie den Kunden oft «ehrlich sagen können, sie können kein Bargeld herausgeben». Oder aber Bankkunden sollen pro Monat nur einen streng begrenzten Betrag gratis abheben können.

Interessant – oder vielmehr entlarvend – ist, wie Bargeld im Aufsatz praktisch immer als etwas Anrüchiges dargestellt wird, das bloss für illegale Zwecke verwendet wird. Es entsteht der Eindruck, einzig Kriminelle bezahlten heute noch in bar. Unternehmen wird gar der legitime Einsatz von Cash abgesprochen.

Bemerkenswert ist auch, wie oft Ansätze zur Einführung von Minuszinsen propagiert werden, die explizit ohne demokratische Entscheidungsfindung durchgesetzt werden können. Wie es scheint, sollen die Notenbanken ungestört möglichst autonom Schalten und Walten können.

Die Umsetzung der Strategie sollen die Privatbanken übernehmen, damit werden Implementierungsaufwand und die politischen Kosten für die Notenbank minimiert. Zudem sei so der Bedarf an neuen Regulierungen – und an zeitraubenden politischen Diskussionen – am geringsten.

Um dem Widerstand in der Bevölkerung zu begegnen, sollen Banken dazu ermuntert – und via Zinsen auf Reserven unterstützt – werden, dass Kleinanleger nicht mit Minuszinsen bestraft werden, sondern wenigstens Nullzinsen erhalten.

Das Papier zeigt Szenarien auf, auf die sich Anleger wohl oder übel einstellen müssen. Damit dürften Alternativen wie Gold und Kryptowährungen weiter an Popularität gewinnen.

3. Helikoptergeld im Anflug

Anders als die IWF-Ökonomen kommen Elga Bartsch, Jean Boivin, Stanley Fischer und Philipp Hildebrand (ja genau, der ehemalige Präsident der Schweizerischen Nationalbank) vom Vermögensverwalter BlackRock in einem Aufsatz zum Schluss, die Geldpolitik könne in einer kommenden Rezession nichts mehr ausrichten. Weiter fallende Zinsen werden kaum für Wachstumsimpulse sorgen, befürchten sie. 

Obwohl höhere Ausgaben für Infrastruktur, Bildung oder Umweltschutz sinnvoll wären, dürfte auch die Fiskalpolitik nur unzureichend wirken, da viele Staaten über keinerlei Spielraum mehr verfügen, weitere Schulden zu machen. Zudem treffe die positive konjunkturelle Wirkung von Fiskalpaketen in der Regel erst mit einer langen Verzögerung ein.   

Eine «noch nie dagewesene Antwort» werde notwendig sein, wenn der nächste Abschwung droht. Die Autoren schlagen vor, die Notenbank solle direkt Projekte und Investitionen der Staaten finanzieren, ohne Umweg über den Zinsmechanismus und das Finanzsystem. In anderen Worten, die Ökonomen empfehlen den Einsatz von «Helikopter-Geld», wie er bereits von Milton Friedman vor fünfzig Jahren skizziert wurde. Der verstorbene Ökonom hatte die Idee der direkten Staatsfinanzierung mit dem Abwurf von Banknoten aus einem Helikopter verglichen.

Dass diese Ideen von einflussreichen ehemaligen Notenbankern wie Hildebrand, Fischer (ex Fed und ehemaliger Notenbankchef Israels) und Boivin (ehemals Bank of Canada) geäussert werden, ist bemerkenswert. Das lässt erahnen, dass die Akzeptanz solcher – noch vor wenigen Jahren als absurd eingeschätzter – Ansätze auch unter den Währungshütern stark zugenommen hat.

Dies trotz des Risikos einer stark steigenden Inflation und einer unguten Vermischung zwischen Politik und Notenbanken. Auch hier gilt: Angesichts solcher Ideen dürften Gold und Kryptowährungen weiter gesucht sein.

4. Unerschwingliches Wohneigentum

Die Immobilienpreise in der Schweiz steigen und steigen: So haben sich Eigentumswohnungen seit 2000 um rund 90% verteuert, der Preisanstieg bei Einfamilienhäusern liegt bei 80%. Bald kann sich keine Schweizerin, kein Schweizer mehr Wohneigentum leisten. Soll man da nicht die Anforderung an die Vergabe von Hypothekarkrediten lockern?

Nein, sagt Wirtschaftsprofessor Mathias Binswanger in einem Blog des «Tages-Anzeigers», das sei durchaus im Sinne des Erfinders. Denn sonst würden die Immobilienpreise einfach weiter steigen, und wir hätten bald eine spekulative Blase. Der Befund, dass sich weniger Menschen in der Schweiz ein Eigenheim leisten können, sei eine gute Nachricht, die zeige, dass die Kontrollmechanismen bei den Banken tatsächlich funktionieren. Nur so liessen sich gefährliche Exzesse verhindern. 

Das ist es bereits wieder von «Auf dem Radar». Fortsetzung folgt in einer Woche. Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende und verbleibe mit den besten Grüssen,

Sandro Rosa, Stv. Chefredaktor