The Market Risk Barometer

Anlegerstimmung: Alles neu macht der Mai?

Die Börsen neigen weiterhin zur Schwäche: der MSCI World fällt auf ein Jahrestiefst. Die Marktteilnehmer bleiben zurückhaltend.

Sandro Rosa
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Alles neu macht der Mai – oder «Sell in May and Go Away»? Momentan sieht es eher nach Letzterem aus, zeigen doch die meisten Börsenindizes unvermindert nach unten. Der MSCI World, der die Entwicklung der grössten Unternehmen aus den Industrieländern abbildet, büsste im Wochenverlauf weitere 3% ein und ist auf ein neues Jahrestiefst gefallen. Etwas besser erging es den Schwellenländern (+0,1%), die eine zaghafte Gegenbewegung andeuten.

Derweil entweicht aus den aufgeblähten Aktienkursen der lange hochgejubelten «disruptiven» Internet- und Technologieunternehmen unvermindert Luft. Exemplarisch dafür steht der ARK Innovation ETF von Cathie Wood, der im Höhepunkt der Euphorie 2021 den S&P 500 weit hinter sich gelassen hatte. Nach einem regelrechten Absturz liegen die beiden ETF (inklusive Ausschüttungen) inzwischen nahezu gleichauf.

US-Indizes haben das Nachsehen

Auch bei den Länderindizes festigt sich der Favoritenwechsel. Die US-Barometer Nasdaq 100 (–3,8%) und S&P 500 (–3,3%) zogen in der vergangenen Woche den Weltaktienindex nach unten. Von den wichtigsten Aktienindizes vermochten sich bloss der Londoner FTSE 100 (+0,3%) und der bereits erwähnte Schwellenländerindex (+0,1%) dem Abwärtssog zu entziehen. Die europäischen Märkte schnitten im Vergleich insgesamt passabel ab.

Bei den Sektoren waren in der Tendenz defensive Branchen und Rohstoffe gefragt: Energie (–1,4%), Basiskonsum (–1,5%) und Grundstoffe (–1,6%) hielten sich vergleichsweise gut. Die Sektoren zyklischer Konsum (–6,3%), Immobilien (–4,6%) und Finanz (–4,1%) mussten deutlich kräftigere Rückschläge einstecken.

Gleich drei Branchen haben seit Jahresbeginn mehr als 20% an Wert eingebüsst: Kommunikation, zyklischer Konsum und Technologie (siehe The Market Chart Pack, Seite 34).

Konstant konsterniert

Die Stimmung unter den Anlegern bleibt gedrückt. Zu umfangreich ist der Sorgenkatalog, als dass sich die Optimisten durchzusetzen vermögen. Wie vor einer Woche notiert das The Market Risk Barometer auf niedrigen 35 Zählern, und somit deutlich unter dem langfristigen Mittelwert von 50.

Von den neun Inputvariablen, die im Barometer berücksichtigt werden, haben sich deren fünf abgeschwächt und vier aufgehellt. Die Hedge Funds, die ihre Aktienpositionen aufgestockt haben und das bessere Abschneiden der kleinkapitalisierten Unternehmen haben sich positiv auf das Barometer ausgewirkt.

Das wurde jedoch durch den Schub bei den Volatilitätsindizes und der weiteren Stimmungseintrübung unter amerikanischen Kleinanlegern neutralisiert. Wie die wöchentliche Umfrage der Privatanlegervereinigung American Association of Individual Investors (AAII) zeigt, herrscht ein eklatanter Mangel an «Bullen».

Keine Bullen weit und breit

Die AAII will jede Woche von ihren Mitgliedern wissen, wie sie die Aussichten für amerikanische Aktien über die kommenden sechs Monate einschätzen. Wie die aktuellen Resultate zeigen, erwarten nur noch knapp über 16% der Befragten steigende Kurse, während hohe 59% fallende Kurse prognostizieren (der Rest rechnet mit einer Seitwärtsbewegung). In den vergangenen 35 Jahren waren selten solch niedrige Werte zu beobachten.

Sind die Anleger damit bereits so pessimistisch, dass man als Contrarian zuschlagen kann? Angesichts des heftigen Gegenwindes, der den Märkten entgegenbläst, kommen Zweifel auf. Natürlich sind die grössten Gefahren bekannt – Inflation, Krieg, Lockdowns in China und die geldpolitische Straffung werden seit Wochen an den Märkten thematisiert.

Aber sind die Konsequenzen wirklich bereits eingepreist?

Erstmals seit mehr als vierzig Jahren ist die US-Notenbank Fed wieder damit konfrontiert, eine Inflationsrate von mehr als 8% bekämpfen zu müssen. Nach einem eher zaghaften Schritt von 25 Basispunkten (Bp) im März dürfte am Mittwoch ein weiterer Schritt von 50 Bp sowie der Startschuss zum Rückbau der Fed-Bilanz folgen. Bis Ende Jahr rechnen die Terminmärkte mit bis zu neun weiteren Zinserhöhungen von jeweils 25 Bp.

Versteckte Risiken

Das ist eine geldpolitische Zeitenwende, deren Effekte noch kaum abschätzbar sind. Nach Jahren des billigen Geldes dürften sich im Finanzsystem versteckte Risiken aufgebaut haben, die mit einer strafferen Geldpolitik erst zum Vorschein kommen werden. Es ist fraglich, ob die Märkte diese negativen Nachrichten wirklich eingepreist haben.

Derweil bleibt die Inflation hoch und die chinesische Wirtschaft leidet enorm unter den aktuellen Lockdowns. Die heute publizierten Einkaufsmanagerindizes, die zu den verlässlichsten Frühindikatoren zählen, sind auf den niedrigsten Stand seit Februar 2020 gefallen. Damals erreichte die erste Coronawelle in China ihren Höhepunkt. Der Pessimismus der Anleger könnte durchaus berechtigt sein.

The Market hält an seiner Einschätzung fest: Das Marktumfeld bleibt herausfordernd und eine defensive Positionierung scheint sinnvoll. Für eine nachhaltige Gegenbewegung an den Börsen scheint es zu früh.