The Market Risk Barometer

Anlegerstimmung: Au revoir tristesse

Die Börsen erleben ihre beste Woche seit November 2020. Der mit der russischen Invasion erlittene Rückschlag ist überwunden. Die Anleger gewinnen wieder an Zuversicht.

Sandro Rosa
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Auch eine tote Katze springt auf, wenn man sie aus ausreichender Höhe fallen lässt – das zumindest besagt ein altes Börsenbonmot.

Ob es sich bei der jüngsten Gegenbewegung des Weltaktienindex von MSCI bloss um einen «dead cat bounce» handelt – also um eine Erholung, die schnell wieder verpufft –, wird sich weisen. Der Gewinn von 5,7% in der vergangenen Woche war jedenfalls der grösste seit November 2020 und kann sich durchaus sehen lassen.

Russland-Rückschlag wieder aufgeholt

Zwar notieren die wichtigen Börsenindizes im Vergleich zum Jahresanfang immer noch im Minus. Die Verluste seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine am 24. Februar haben der Weltaktienindex und der Index der Industrieländer aber bereits wieder ausgemerzt.

Angeführt wurde die Aufwärtsbewegung vom technologielastigen Nasdaq 100, der innert Wochenfrist eindrückliche 8,4% zulegte. Dahinter folgten der Nikkei 225 in Tokio (+6,6%) und der S&P 500 (+6,2%). Just diejenigen Indizes, die in den vergangenen Wochen besonders unter Druck standen, setzten sich nun an die Spitze. Auch der Swiss Market Index avancierte kräftige 6%.

Enttäuscht haben – relativ betrachtet – derweil Aktien aus den Schwellenländern (+3,4%) sowie der Londoner FTSE 100 (+3,5%).

Bei den Sektoren gaben ebenfalls die vormaligen Verlierer aus den Sektoren zyklischer Konsum (+8,8%) und IT (+8,4%) den Ton an. Der einzige Sektor, der im Wochenvergleich an Terrain einbüsste, war Energie (–2,3%). Seit Jahresbeginn liegt die Branche mit einem Zuwachs von knapp 24% allerdings immer noch deutlich in Führung.

Spürbare Erholung des Risikoappetits

Die Anlegerstimmung hat sich in der vergangenen Woche deutlich aufgehellt. Das The Market Risk Barometer ist von niedrigen 37 auf nunmehr 47 Punkte geklettert. Damit ist die Stimmung zwar noch immer nicht besonders ausgelassen, doch der markante Pessimismus scheint vorerst überwunden zu sein.

Von den neun Inputvariablen im Barometer haben sich, wie schon vor einer Woche, deren sechs aufgehellt, drei haben sich weiter eingetrübt. Den grössten Beitrag zur Stimmungsaufhellung haben die marktbasierten Indikatoren geleistet: So war bei den Volatilitätsindizes auf den S&P 500 und den Euro Stoxx 50 eine Entspannung zu beobachten, während sich die Nachfrage deutlich von Put- zu Call-Optionen verschoben hat. Schliesslich haben auch zyklische Aktien wieder Lebenszeichen von sich gegeben.

Derweil lassen Umfragen unter amerikanischen Privatanlegern eine unvermindert grosse Skepsis erkennen, und auch spekulative Anleger haben ihre Positionen im S&P 500 im Wochenvergleich signifikant reduziert. Insgesamt hat sich das Sentiment der Anleger wieder normalisiert.

Fed macht den ersten Schritt

Ob diese bessere Stimmung gerechtfertigt ist, muss sich weisen. Zweifel sind angebracht, hat doch die US-Notenbank in der vergangenen Woche den Leitzins erstmals seit 2018 angehoben und um 25 Basispunkte auf ein Zielband von 0,25 bis 0,5% erhöht. Das Fed hat zudem klar signalisiert, dass sie einen straffen Zinserhöhungszyklus umzusetzen gedenkt.

Die Federal Funds Rate soll in diesem Jahr weitere sechsmal und 2023 noch dreimal um jeweils einen Viertelpunkt angehoben werden. Nicht nur das: Fed-Chef Powell hat ebenfalls angekündigt, das Fed werde bald mit der Reduktion seiner auf knapp 9 Bio. $ angeschwollenen Bilanz beginnen (Quantitative Tightening). Am nächsten Fed-Meeting vom 3. und 4. Mai dürften die Details dazu beschlossen und kommuniziert werden. Angesichts der bevorstehenden Liquiditätsverknappung scheint die Stimmungsaufhellung trügerisch zu sein.

Auch der Krieg in der Ukraine, der immerhin die grösste Kampfhandlung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg darstellt, birgt die Gefahr einer weiteren Eskalation. Westeuropa muss sich auf einen grösseren Flüchtlingsstrom als 2015 einstellen, schätzungsweise drei Millionen Menschen sind bereits aus der Ukraine geflüchtet. Die wiederholten Drohungen Putins, Atomwaffen einzusetzen und die wegen des Krieges gestiegenen Rohstoffpreise bergen das Potenzial, der europäischen Wirtschaft beträchtlichen Schaden zuzufügen.

Etwas weiter weg, aber nicht minder zu unterschätzen, ist der wuchtige Ausbruch des Coronavirus in China und die damit verbundenen Lockdowns in diversen Städten. Diese Massnahmen bedrohen erneut die globalen Lieferketten – mit entsprechend negativen Effekten auf die Industrieproduktion und Inflation.

Wir werden wohl bald sehen, ob die Katze tatsächlich lebt.