The Market Risk Barometer

Anlegerstimmung: Die Märkte im Sturm

Die Finanzmärkte stehen in heftigen Turbulenzen. Während die Aktienkurse einbrechen, schiessen die Rohstoffpreise in die Höhe – eine gefährliche Mischung. Der Risikoappetit nimmt weiter ab.

Sandro Rosa
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Die Lage in der Ukraine wird zusehends schlimmer, das Vorgehen der russischen Armee immer brutaler. Es häufen sich die Berichte über Angriffe auf zivile Einrichtungen wie Spitäler und Schulhäuser, russische Scharfschützen nehmen offenbar auch gezielt Zivilisten unter Beschuss.

Angesichts der eskalierenden Gewalt dürfte der Westen die Wirtschaftssanktionen noch einmal verschärfen. Im Fokus steht dabei ein möglicher Importstopp von russischem Öl. Wie realistisch ein derartiger Schritt angesichts der Energieabhängigkeit Europas ist, wird sich weisen. Die Nachricht, die USA führten mit den Europäern Gespräche über ein Verbot von Öleinfuhren aus Russland, liess jedenfalls den Ölpreis auf den höchsten Stand seit 2008 schnellen.

Aktuell kostet ein Fass der Rohölsorte Brent 📈 nicht ganz 130 $, rund doppelt so viel wie noch im August.

Rohstoffmärkte werden durchgeschüttelt

Auch andere Rohstoffe wie Weizen, Erdgas, Kupfer und Palmöl haben sich in den vergangenen Tagen und Wochen rasant verteuert. Der S&P-GSCI-Rohstoffindex ist im Wochenvergleich um 20% gestiegen – ein Rekordwert:

Russland und die Ukraine gehören zu den wichtigsten Rohstoffproduzenten und -exporteuren weltweit, der Krieg hat die Förderung und die Ausfuhr vieler Rohstoffe erheblich gestört. Verschärfend kommt hinzu, dass der Handel mit Russland praktisch zum Erliegen gekommen ist, weil keine Finanzierungen mehr zur Verfügung gestellt werden.

Börsen reagieren mit empfindlichen Abgaben

Nachdem sie sich lange erstaunlich widerstandsfähig gezeigt hatten, haben nun auch die Aktienmärkte den Ernst der Lage erkannt. Im Wochenvergleich erlitten sie schmerzhafte Abgaben. Nach einem Minus von knapp 3% vergangene Woche notiert der Weltaktienindex von MSCI seit Anfang Jahr nun ziemlich genau 10% im Minus.

Alle wichtigen Börsenindizes mussten im Wochenverlauf Verluste hinnehmen. Wiederum führten die europäischen Börsen die Abwärtsbewegung an. Der Euro Stoxx 50 gab in der vergangenen Woche 10,4% nach – damit hat er seit Mitte November mehr als 20% an Wert verloren. Dem Dax, dem britischen FTSE 100 und dem Swiss Market Index erging es nicht viel besser.

Auch in der vergangenen Woche schnitten defensive Sektoren besser ab als ihre zyklischen Pendants. Die Branchen Immobilien, Versorger und Gesundheit hielten sich wacker, während Finanz, zyklischer Konsum und IT überdurchschnittlichem Abgabedruck ausgesetzt waren. Entgegen dem allgemeinen Trend vermochte der Energiesektor um 4,5% zu avancieren.

Risk Barometer fällt marginal

In diesem Umfeld haben die Marktteilnehmer keinerlei Appetit auf Risiko. Das in den vergangenen Jahren dominante «Buy the Dip»-Mantra, demzufolge man jeden Kursrückschlag für Zukäufe nutzen solle, ist nicht mehr zu vernehmen. Das The Market Risk Barometer ist von zuletzt 35 auf neu 33 Zähler gerutscht.

Von den neun Inputvariablen im Barometer haben sich vier aufgehellt, während sich fünf weiter verschlechtert haben. Das (relativ) starke Abschneiden der Small Caps gegenüber den Large Caps und die etwas zuversichtlicheren US-Privatanleger haben den Löwenanteil zur Stimmungsaufhellung beigetragen.

Im Gegenzug drückten die kräftig gestiegenen Volatilitätsindizes und die sich ausweitenden Kreditrisikoaufschläge auf hochverzinsliche Anleihen auf das Risk Barometer. In der Summe ergab sich die marginale Abschwächung. Insgesamt ist die Verunsicherung enorm, aber ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass das Risk Barometer in Panikphasen – etwa im Corona-Crash von März 2020 – noch weiter gefallen war.

Volatiles Umfeld

Die Situation in der Ukraine bleibt verworren, die Chance auf ein baldiges Ende der russischen Aggression scheint gering. Im Gegenteil, das Ausbleiben rascher Erfolge und der eindrückliche Widerstand der Ukrainer verleitet Wladimir Putin zu immer hemmungsloseren Attacken.

Die in die Höhe schiessenden Rohstoffpreise stellen vor dem Hintergrund einer ohnehin schon ungemütlich hohen Inflation eine weitere Herausforderung für die Konsumenten rund um den Globus dar. Steigende Nahrungsmittelpreise sind besonders für Schwellenländer wie Indien, Ägypten, Pakistan, die Philippinen oder Algerien eine erhebliche Belastung und bergen das Potenzial für soziale Konflikte. Sollte es tatsächlich zu einem Boykott von Erdöllieferungen aus Russland kommen, droht die Lage erst recht ungemütlich zu werden.

Auf die Gefahr hin, langweilig zu klingen, wiederholen wir daher unsere seit Wochen geltende Empfehlung einer defensiven Portfolioausrichtung. Unseres Erachtens braucht es noch einen intensiveren Verkaufsschub, bis das Risiko-Rendite-Profil attraktiv wird.