The Market Risk Barometer

Anlegerstimmung: grosse Nervosität

Russland hat seiner Drohung blutige Taten folgen lassen. Die Märkte reagieren mit heftigen Bewegungen auf die Invasion der Ukraine. Der Risikoappetit der Anleger bleibt gedämpft.

Sandro Rosa
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Die Hoffnung, Krieg in Europa könne noch abgewendet werden, wurde vergangene Woche jäh zerschlagen: Am 24. Februar attackierte die russische Armee von drei Seiten die Ukraine und marschierte ins Land ein. Was zunächst nach einer raschen Einnahme wichtiger Städte und insbesondere Kiews aussah, erweist sich angesichts des ukrainischen Widerstands als eine unerwartet schwierige Aufgabe.

Natürlich lässt sich die Situation aus der Ferne nur bedingt einschätzen, und sie kann sich auch jederzeit rasch ändern. Aber es macht den Anschein, als ob sich Wladimir Putin mit seinem Angriff verrechnet hätte. Ziemlich sicher hat er sich in Bezug auf die geeinte Reaktion des Westens verspekuliert.

Der Westen beschliesst umfassende Sanktionen

In den vergangenen Tagen hat dieser als Antwort auf die Aggression Moskaus eine Fülle an Sanktionen beschlossen. Waren die ersten Schritte eher enttäuschend – so wollten Deutschland und Italien vorerst die russischen Banken nicht aus dem Finanzinformationssystem SWIFT ausschliessen –, sind über das Wochenende einschneidendere Massnahmen beschlossen worden, darunter:

  • Diverse russische Finanzinstitute sollen vom globalen Interbanken-Kommunikationssystem SWIFT ausgeschlossen werden. Ob Zahlungen für Rohstofflieferungen aus Russland explizit von den Sanktionen ausgenommen werden, ist noch unklar.
  • Die Reserven der russischen Zentralbank wurden blockiert. An den Devisenmärkten brach der russische Rubel zum Dollar rund 30% ein, worauf die russische Zentralbank den Leitzins von 9,5 auf 20% anheben musste. 
  • Deutschland hat seine während Jahrzehnten verfolgte Politik, keine Waffen in Kriegsgebiete zu schicken, aufgegeben. Zudem hat Kanzler Olaf Scholz verkündet, Deutschland werde künftig deutlich mehr in seine Streitkräfte investieren und mehr als 2% des BIP für das Militär ausgeben.
  • Das Weisse Haus hat den Kongress um 6,4 Mrd. $ für militärische und humanitäre Hilfe für die Ukraine, Polen und die baltischen Staaten ersucht.
  • Zudem plant eine Arbeitsgruppe bestehend aus den USA, der EU, Grossbritannien und Kanada, die Vermögenswerte von sanktionierten russischen Personen und Unternehmen einzufrieren. Damit sollen die reichen Oligarchen getroffen werden.
  • Am Sonntagnachmittag verkündete die EU ein Verbot für Landungen, Starts und Überflüge für russische Flugzeuge in ihrem Luftraum. 

Heftiger Schlag gegen die russische Wirtschaft

Das Ziel ist es, der russischen Wirtschaft grossen Schaden zuzufügen, um damit das Staatsoberhaupt Putin zum Einlenken zu bewegen. Die Märkte haben jedenfalls heftig reagiert: Der Rubel ist zum Dollar am Montag um mehr als 30% eingebrochen, die Aktien und Anleihen büssten ebenfalls markant an Wert ein. Der Ölpreis der Sorte Brent ist um knapp 4% auf 102.50 $ pro Fass geklettert. Auch die Gaspreise sind in die Höhe geschossen. In Europa eröffnen die Märkte mit deutlichen Einbussen.

Damit scheint die Erholung an den Märkten, die sich vor dem Wochenende abgezeichnet hatte, bereits wieder zu Ende zu sein. Denn die breiten Indizes aus den Industrieländern hatten sich vergangene Woche erstaunlich gut gehalten. Der MSCI World bewegte sich im Wochenvergleich kaum (–0,1%), die US-Indizes Nasdaq 100 und S&P 500 vermochten gar leichte Gewinne zu verbuchen.

Wegen der geografischen Nähe und der damit verbundenen stärkeren wirtschaftlichen Verflechtungen mussten vor allem die europäischen Börsen Federn lassen. Gemessen am Euro Stoxx 50 gaben die europäischen Aktienmärkte in der vergangenen Woche 2,5% nach. Noch schlechter erging es dem Schwellenländerindex: Er büsste nahezu 5% ein.

Des weiteren liess sich ein Rückzug in defensive Sektoren beobachten: Branchen wie Gesundheit und Versorger schwangen obenaus, während Grundstoffe, Finanz und zyklischer Konsum unter Abgabedruck gerieten.

Risk Barometer wenig verändert

Der Risikoappetit der Marktteilnehmer bleibt gedämpft, hat allerdings trotz der dramatischen Ereignisse nicht weiter abgenommen. Im Vergleich zur Vorwoche ist das The Market Risk Barometer von 33 auf 35 Zähler geklettert.

Von den neun Inputvariablen im Barometer haben sich fünf aufgehellt, während sich vier weiter eingetrübt haben. Den grössten Beitrag zur Stimmungsaufhellung haben das (relativ) starke Abschneiden der Small Caps gegenüber den Large Caps und die rückläufige Nachfrage nach Put-Optionen geleistet.

Im Gegenzug drückten das schwache Abschneiden der zyklischen Aktiensegmente, die Stimmungseintrübung unter US-Kleinanlegern sowie der weitere Anstieg des Volatilitätsindex auf den Euro Stoxx 50 (Vstoxx) das Risk Barometer. In der Summe resultierte der leichte Anstieg.

Grosse Unwägbarkeiten

Vor dem Hintergrund der Eskalation nach der russischen Invasion bleibt die Lage extrem volatil und unübersichtlich, die Risiken sind entsprechend hoch. Putins Drohung, unter Umständen auch vor dem Einsatz atomarer Waffen nicht zurückzuschrecken, illustriert das höchst beunruhigende Umfeld.

Aber auch weniger drastische Massnahmen könnten enormen Schaden anrichten. Sollte etwa Putin auf die jüngsten Verschärfungen westlicher Sanktionen mit einer Drosselung oder gar mit einem Stopp von Öl- und Gaslieferungen reagieren, würden die Energiepreise einen weiteren Schub nach oben erfahren. Das hätte einschneidende Konsequenzen für die Inflation, die europäische Konjunktur – und die Märkte.

Optimistische Szenarien muss man zwar nicht ausschliessen – für heute sind Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine angekündigt –, ihre Eintrittswahrscheinlichkeit scheint momentan allerdings eher gering. Wir wiederholen deshalb unsere Empfehlung einer defensiven Portfolioausrichtung.