The Market Risk Barometer

Die Anleger im Stimmungstief

Trotz aufziehender Wolken setzen die meisten Aktienindizes ihre Erholung fort. Die Nervosität unter den Marktteilnehmern nimmt aber spürbar zu.

Sandro Rosa
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Auch in der vergangenen Woche machten die globalen Aktienmärkte Terrain gut. Der Weltaktienindex von MSCI avancierte 0,4% und notiert damit noch 6% unter seinem Stand zum Jahresbeginn.

Angeführt von den Schwellenländern (+1,8%) legten nahezu alle wichtigen Börsenindizes zu. Auch die europäischen Aktienmärkte überzeugten mit kräftigen Kursavancen: Der Euro Stoxx 50 gewann 1,3%, der Dax avancierte 1% und der Londoner FTSE 100 verbuchte ein Plus von 0,7%. Einzig der japanische Nikkei 225 vermochte seinen Schwung nicht aufrechtzuerhalten und gab im Wochenverlauf 1,7% nach.

Bei den Sektoren war defensiv Trumpf: Valoren aus der Versorger-Branche verteuerten sich um 3,5%, während Immobilienaktien 3,2% vorpreschten. Basiskonsum rückte 2% vor.

Zyklische Segmente hatten im Gegenzug das Nachsehen: Energie (–1,7%), Finanz (–1,6%) und Industrie (–1,3%) verzeichneten im Wochenvergleich einen Rückschlag. Zur Schwäche von Energie hat sicherlich die Ankündigung der USA beigetragen, in den kommenden sechs Monaten 180 Mio. Fass Rohöl aus den strategischen Reserven freizugeben.

Stimmung erleidet kräftigen Dämpfer

Wie bereits vor einer Woche zeigten sich die Marktteilnehmer angesichts der weiteren Erholung an den Aktienmärkten wenig beeindruckt. Das Risk Barometer von The Market signalisiert sogar eine markante Stimmungseintrübung: Es ist von 42 auf bloss noch 26 Zähler abgesackt und notiert damit auf einem historisch ungewöhnlich niedrigem Niveau.

Von den neun Inputvariablen, die ins Barometer fliessen, haben sich fünf abgeschwächt, vier zeigten einen höheren Risikoappetit an. Positiv zum Barometer beigetragen hat die Beruhigung der beiden Volatilitätsindizes Vix und Vstoxx, die sich wieder verengenden Aufschläge auf hochverzinsliche Anleihen sowie die bessere Stimmung unter US-Privatanlegern. Erstmals seit Ende 2021 überwiegt der Anteil der amerikanischen Kleinanleger, die in den kommenden sechs Monaten einen steigenden S&P 500 erwartet gegenüber denjenigen, die mit einem fallenden S&P 500 rechnet.

Insgesamt aber überwogen die vorsichtigen Signale: Die Hedge Funds haben ihre Positionen im S&P 500 und auch im Nasdaq 100 im Wochenvergleich noch einmal merklich reduziert sind nun neu auch beim Nasdaq «short» – sie wetten insgesamt also auf einen Kursrückgang. Bereits seit einer Woche haben sich die Profis beim S&P 500 für fallende Notierungen positioniert.

Des Weiteren können die kleinkapitalisierten Unternehmen nicht mit den Large Caps mithalten und konjunktursensitive Zykliker bleiben hinter ihren defensiven Pendants zurück. Die Nachfrage der Anleger nach Put-Optionen bleibt ebenfalls gross. Das hat in der Summe zu einem deutlichen Rückgang des Barometers geführt.

Hartnäckiger Pessimismus

Aus Contrarian-Optik stimmt dieser Pessimismus zuversichtlich. Da die Marktteilnehmer der Erholung offensichtlich nicht trauen, könnte sie sich durchaus noch fortsetzen. Allerdings bleibt das Umfeld für Aktien herausfordernd. Die russische Aggression hat jederzeit das Potenzial, neue Schockwellen auszulösen. Wer weiss, welche Wendung der Krieg noch nehmen wird? Ein rasches Ende scheint jedenfalls wenig wahrscheinlich.

Auch die Nachrichten aus China sind wenig erbaulich. Bislang vermochten sie die Märkte nicht zu beunruhigen. Aber die jüngsten Lockdown-Massnahmen, um die Ausbreitung der Virusvariante BA.2 Omicron zu bekämpfen, erhöhen die Gefahr, dass die Lieferketten erneut unter Druck geraten, was die Teuerung weiter anheizen könnte.

Schliesslich sendet auch der Bondmarkt ein klares Warnsignal. So sind wichtige Segmente der Zinskurve invertiert, sprich: die kurzfristigen Zinsen notieren höher als die langfristigen. Das ist ungewöhnlich, da die Marktteilnehmer typischerweise höhere Renditen verlangen, wenn sie in längerfristige und damit riskantere Anleihen investieren. Eine Inversion der Zinskurve spiegelt eine angespannte Marktlage.

Der Bondmarkt zeigt an, dass die US-Notenbank der Bekämpfung der Inflation alles unterordnen und womöglich auch eine Rezession in Kauf nehmen wird. Das ist ein ungemütliches Umfeld für Aktien. «Nur Mutige setzen im aktuellen Umfeld auf risikobehaftete Anlagen», warnt Marktbeobachter Alfonso Peccatiello gegenüber The Market. Ob der Mut belohnt wird, wird sich weisen.