The Market Risk Barometer

Die Anlegerstimmung bleibt gedämpft

Inflationsdruck, kräftig steigende Zinsen und das russische Säbelrasseln sorgen für Nervosität. Die Marktteilnehmer wagen sich nicht aus der Deckung.

Sandro Rosa
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An den Börsen sind weiterhin starke Nerven gefragt. Nach einem erfreulichen Start in die vergangenen Woche drückten zur zweiten Wochenhälfte die hohe Inflation in den USA und die anhaltenden Spannungen an der russisch-ukrainischen Grenze auf die Stimmung. Heute Vormittag handeln die europäischen Indizes mit deutlichen Abgaben.

Per Saldo büsste der Weltaktienindex von MSCI vergangene Woche 0,5% an Wert ein. Angeführt wurde die Abwärtsbewegung von den Börsen der Industrieländer, die 0,7% nachgaben, während die Schwellenländer 1,6% zulegten (in Dollar gerechnet). Noch erfreulicher haben sich die europäischen Indizes entwickelt, allen voran der Dax, der 2,2% zulegen konnte.

Nachdem sie 2021 deutlich zurückgeblieben waren, halten sich die Schwellenländer seit Beginn des neuen Jahres ganz ordentlich. Ihrem Plus von 0,7% steht ein Verlust von 6% der Industrieländer gegenüber.

Gefragte Zykliker und Value-Aktien

Besonders gefragt waren jüngst zyklische Sektoren wie Grundstoffe (+2,3%) und Energie (+1,9%), die einen hohen Anteil an Value-Aktien aufweisen. Tendenziell stolz bewertete Wachstumstitel aus den Branchen IT (-2,2%) und Kommunikation (-2,7%) wurden auch in der vergangenen Woche von den Anlegern im Gegenzug abgestossen.

Der Hauptgrund für das anhaltende Umschichten von Wachstums- (Growth) in Substanzwertaktien (Value) sind die steigenden Zinsen. Die Rendite auf zehnjährige US-Staatsanleihen übertraf Ende vergangener Woche erstmals seit Juli 2019 zwischenzeitlich die Marke von 2%. Damit notieren die langfristigen Zinsen über dem Niveau von vor der Pandemie. Noch eindrücklicher war indes der Schub am kurzen Ende der Zinskurve: die Renditen auf zweijährige US-Staatsanleihen haben sich allein seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt und sind auf über 1,5% geklettert.

Druck auf Zinsen hält an

Angesichts des engen Arbeitsmarkts und der hohen Inflation in den Vereinigten Staaten - im Januar ist der Konsumentenpreisindex (CPI) in den USA im Jahresvergleich um 7,5% gestiegen - dürfte der Aufwärtsdruck bei den Zinsen hoch bleiben. Das Narrativ des vorübergehenden Preisanstiegs wird immer weniger plausibel, und die Notenbanken sind zunehmend unter Druck, zu handeln.

An den Märkten wird mittlerweile erwartet, dass die US-Notenbank Fed bis Ende Jahr die Leitzinsen mindestens sechsmal anheben wird. Neu schätzen die Terminmärkte eine Leitzinserhöhung an der nächsten Sitzung des Fed-Offenmarktausschusses am 16. März um 50 Basispunkte (Bp) als zunehmend wahrscheinlich ein. Gewisse Stimmen reden gar von einem Zinsschritt vor der nächsten regulären Sitzung. Veteranen erinnern sich: Die letzte «doppelte» Zinserhöhung um 50 Bp geschah im Mai 2000, kurz vor dem Ende der Nasdaq-Blase.

Auch die Europäische Zentralbank klang jüngst «hawkisher», ist doch die Teuerungsrate in der Eurozone im Januar auf 5,1% gestiegen.

Hinzu kommen die zunehmenden Spannungen zwischen dem Westen und Russland und der damit verbundene, unaufhörlich steigende Ölpreis. Die USA warnen vor einer bevorstehenden russischen Invasion in die Ukraine diese Woche, während Präsident Wladimir Putin den USA vorwirft, seinen Forderungen nicht nachzukommen. Das ist eine explosive Mischung für die Finanzmärkte.

Stimmung bleibt gedrückt

Kein Wunder, bleibt die Stimmung unter den Anlagern gedämpft. Das Risk Barometer von The Market stagnierte zum dritten Mal in Folge bei niedrigen 35. Es verharrt damit weiterhin deutlich unter dem langjährigen Mittel von 50.

Vier der im Risk Barometer verwendeten neun Indikatoren zeigten eine Verbesserung der Stimmung, vier haben sich eingetrübt, einer hat sich nicht verändert.

Positiv zu Buche geschlagen hat vor allem die Gegenbewegung bei den Small Caps gegenüber den grosskapitalisierten Unternehmen. Neutralisiert wurde das Signal indes durch den deutlichen Anstieg des Volatilitätsindex Vix und des Put-Call-Verhältnisses. Offensichtlich hat das Absicherungsbedürfnis vieler Marktteilnehmer in der abgelaufenen Woche spürbar zugenommen.

In der Summe signalisiert das Risk Barometer damit eine unverändert grosse Zurückhaltung der Marktteilnehmer. Das ist aus Contrarian-Sicht zwar positiv zu werten. Angesichts der geballten Ladung an Risikofaktoren und des nach wie vor eher stolz bewerteten US-Aktienmarktes dürfte eine vorsichtige Positionierung aber weiterhin angezeigt sein.