The Market Risk Barometer

Kein Markt für Bären

Die Börsen sind nicht zu stoppen. Der Stoxx Europe 600 hat seit 135 Tagen keinen Rückschlag von mehr als 5% erlitten. Doch die Marktteilnehmer trauen der Sache nicht, wie das Risk Barometer zeigt.

Sandro Rosa
Drucken

Die Bären können einem leidtun. Die Aktienmärkte machen keinerlei Anstalten, ihren Aufwärtstrend zu unterbrechen. Scheinbar unaufhaltsam streben sie nach oben und lassen all jene verzweifeln, die auf eine günstigere Einstiegsgelegenheit warten.

In der vergangenen Woche hat der Weltaktienindex von MSCI weitere 0,7% zugelegt. Seit Jahresbeginn beläuft sich der Zuwachs auf fast 14%, inklusive Dividenden ergibt sich ein Plus von 15,3%.

Der breite Stoxx Europe 600 Index hat seit 135 Tagen keinen Rückschlag von mehr als 5% erlitten, der US-Leitindex S&P 500 hat am Freitag zum 48. mal in diesem Jahr ein neues Rekordhoch erklommen.

Schweizer Börse an der Spitze

Doch der Gewinner der vergangenen Woche war der Swiss Market Index: Angeführt von Zurich Insurance (+7,1%) und Roche (+4,2%) legte das hiesige Blue-Chip-Barometer stolze 2,4% zu. Dahinter folgten der MSCI China (+2,1%) und der Dax (+1,4%), der vergangene Woche erstmals die Marke von 16'000 Punkten überwunden hat. Derweil kommen die Schwellenländer immer noch nicht richtig auf Touren – entgegen dem Trend büsste der MSCI Emerging Markets 0,9% ein (in Dollar gerechnet).

Wie schon in der Woche zuvor gehörten Finanzwerte (+1,9%) zu den Zugpferden, einzig überholt vom Sektor Grundstoffe. Seit Anfang Jahr resultiert eine Avance von 24,7%, was Finanz zum stärksten Sektor im MSCI World macht. Zu den Verlierern zählten Unternehmen aus den Branchen IT (–0,1%), Immobilien (–0,1%) und Energie (–0,5%).

Delta ist noch kein Grund zur Sorge

Offensichtlich lassen sich die Börsen von den Nachrichten rund um die Deltavariante des Coronavirus nicht allzu sehr beunruhigen. Die Fortschritte bei den Impfungen lassen neuerliche Lockdowns in den westlichen Volkswirtschaften derzeit als wenig wahrscheinlich erscheinen. Zwar steigen die Fallzahlen in Europa und den USA wieder rasant an, solange aber die Hospitalisierungen und Todesfälle moderat bleiben, dürften strengere Massnahmen ausbleiben.

Schwieriger präsentiert sich die Lage in diversen Emerging Markets und in einigen asiatischen Ländern, die bislang nur einen kleinen Teil der Bevölkerung impfen konnten. Vorderhand wird das Problem von den Märkten aber als ein lokales eingestuft.

Nicht einmal die Nachricht, dass die chinesischen Behörden wegen eines Covid-Falls ein Terminal am Containerhafen von Ningbo-Zhoushan – gemäss Bloomberg immerhin der drittgrösste Frachthafen der Welt – geschlossen haben, sorgte für grössere Nervosität. Obschon damit das Risiko neuerlicher Störungen in den globalen Lieferketten zunimmt und sich bereits jetzt die Anzeichen einer konjunkturellen Abkühlung in China mehren. So stieg die Industrieproduktion in China im Juli im Jahresvergleich bloss noch um 6,4%, nach 8,3% im Vormonat, während der Detailhandelsumsatz um 8,5% expandierte, verglichen mit 12,1% im Juni. Beide Werte lagen deutlich unter den Erwartungen der Ökonomen.

In den USA hat derweil der Druck an der Inflationsfront etwas nachgelassen, bleibt aber erhöht. Die Konsumentenpreise sind im Juli im Vergleich zum Vorjahr um 5,4% gestiegen – die Inflationsrate verharrt also auf hohem Niveau (gelbe Kurve in der Grafik). Gleichzeitig sind die Produzentenpreise um 7,8% in die Höhe geschnellt, was dem kräftigsten Zuwachs seit mindestens 2010 entspricht. Damit sind die Inputkosten für viele Unternehmen stärker gestiegen als die Preise für die Konsumenten. Schaffen es die Firmen nicht, die höheren Kosten weiterzureichen, könnten die Gewinnmargen schon bald unter Druck geraten.

Risk Barometer steigt leicht

Noch bleiben die Anleger jedenfalls eher vorsichtig. Allerdings hat sich das Risk Barometer von The Market im Wochenverlauf etwas erholt und ist von rund 43 auf 49 Punkte gestiegen. Damit bewegt es sich wieder im neutralen Bereich, was eine gewisse Orientierungslosigkeit erkennen lässt. (Das aus neun Sentiment-Indikatoren bestehende Barometer ist so konstruiert, dass es zwischen 0 und 100 schwankt und der Mittelwert bei 50 liegt.)

Nur drei der neun berücksichtigten Indikatoren haben sich im Wochenverlauf eingetrübt und signalisieren eine abnehmende Risikoneigung. So haben die professionellen Marktteilnehmer ihre Positionen im technologielastigen Nasdaq weiter reduziert, Umfragen lassen einen zunehmenden Pessimismus unter Privatanlegern erkennen, während sich die Aufschläge auf hochverzinsliche Anleihen leicht ausgeweitet haben.

Sechs Indikatoren haben sich im Gegenzug deutlich verbessert: zyklische Aktiensegmente haben sich in der vergangenen Woche zurückgemeldet, und Small Caps haben ebenfalls eine ansprechende Performance erzielt. Auch die von den Marktteilnehmern erwartete Volatilität – gemessen am Vix und am VStoxx – ist weiter gesunken, während wieder vermehrt Call-Optionen nachgefragt wurden.

Orientierungslose Anleger

Insgesamt lässt sich dennoch eine mangelnde Überzeugung unter den Marktteilnehmern feststellen. Möglicherweise ist sie Ausdruck dessen, dass viele Aktienmärkte nicht mehr sonderlich attraktiv bewertet sind und sich das Umfeld nicht mehr ganz so positiv präsentiert wie noch vor einigen Wochen. Der Schwung der globalen Konjunktur lässt nach, während Covid-19 nach wie vor ein Problem darstellt. Der desaströse Truppenabzug der Amerikaner aus Afghanistan ist der Stimmung ebenfalls nicht zuträglich.

Anderseits sind die alternativen zu Aktien auch nicht wahnsinnig attraktiv. Dass die Anleger vor diesem Hintergrund unentschlossen sind, überrascht deshalb nicht.