The Market Risk Barometer

Gespannte Ruhe an den Aktienmärkten

Das Gros der Börsen verzeichnet im Wochenverlauf Kurseinbussen. Den Marktteilnehmern fehlt es weiterhin an Überzeugung.

Sandro Rosa
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Es kann ja nicht immer nur in die Höhe gehen. In der vergangenen Woche erlitt der Weltaktienindex von MSCI wieder einmal einen kleinen Dämpfer und gab 1,2% nach.

Nahezu alle wichtigen Länderindizes verzeichneten in den letzten Tagen Abgaben, wobei der Swiss Market Index seine defensiven Qualitäten nicht auszuspielen vermochte. Mit einem Verlust von 2,4% bildete er das Schlusslicht unter den wichtigsten Aktienindizes. Aber auch der MSCI China (–2,1%) und der S&P 500 (–1,7%) bereiteten den Anlegern zuletzt wenig Freude.

Japan setzt zur Aufholjagd an

Ganz anders der Nikkei 225: Seit der Rücktrittsankündigung des japanischen Premierministers Yoshihide Suga zeigt seine Kursentwicklung steil nach oben. In der abgelaufenen Woche hat sich der Index mit einem Kursgewinn von 4,3% souverän an die Spitze gesetzt. Da die Impfkampagne nun endlich auch in Japan in Schwung gekommen ist, könnte der Rückenwind für die Börse durchaus noch anhalten.

Auch bei den Sektoren dominierten in der vergangenen Woche die Abgaben: einzig das Segment zyklischer Konsum vermochte sich knapp im Plus zu halten. Besonders hart traf es die defensiven Branchen Versorger (–1,9%), Gesundheit (–2,7%) und Immobilien (–3%).

Rekalibrierung, Tapering und Zinserhöhungen

Kommt es nun zur geldpolitischen Wende? Am Donnerstag jedenfalls fasste die Europäische Zentralbank den Beschluss, das Tempo der Anleihenkäufe im Rahmen des Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) zum Jahresende hin leicht zu drosseln. Seit März 2020 erwirbt die EZB Anleihen von öffentlichen Schuldnern und Unternehmen im Umfang von monatlich 80 Mrd. €. Nun soll das Tempo reduziert werden – der Konsens rechnet mit einer Verlangsamung auf rund 70 Mrd. € pro Monat.

Auch die US-Notenbank (Fed) stellt Gedanken zum «Tapering» an. Derweil haben diverse Notenbanken in den Schwellenländern bereits damit begonnen, die Leitzinsen zu erhöhen. Vor dem Hintergrund zunehmenden Inflationsdrucks haben die Notenbanken Perus (um 50 Basispunkte auf 1%) und Russlands (um 25 Bp auf 6,75%) in der vergangenen Woche die Zinsen angehoben.

Damit haben in diesem Jahr bereits mindestens 26 Notenbanken gestrafft. Noch reagieren die Börsen insgesamt aber gelassen auf die sich abzeichnende Abnahme der Liquidität.

China dreht weiter an der Regulierungsschraube

Aus China kommen ebenfalls weitere schlechte Nachrichten. Wie die «Financial Times» berichtet, will die chinesische Regierung die Bezahl-Plattform Alipay, die über mehr als eine Milliarde Nutzer verfügt und zur von Alibaba kontrollierten Ant Group gehört, auflösen und eine separate App für das hochprofitable Kreditgeschäft des Unternehmens schaffen.

Dem Bericht zufolge soll Ant die Nutzerdaten, auf denen seine Kreditentscheidungen beruhen, in ein neues Joint Venture für Kreditwürdigkeitsprüfungen überführen, an dem künftig auch der chinesische Staat beteiligt sein würde. Damit setzt die Regierung ihre Kampagne gegen in ihren Augen allzu marktmächtige Technologiekonzerne fort, was dem Anlegervertrauen nicht zuträglich sein dürfte. Insgesamt zeigen sich die Börsianer jedoch nicht allzu beunruhigt.

Risikobarometer signalisiert Unentschlossenheit

Bereits zum dritten Mal in Folge verharrt das Risk Barometer von The Market bei 47 Punkten und somit im neutralen Bereich leicht unter dem langjährigen Mittelwert. (Das aus neun Sentiment-Indikatoren bestehende Barometer ist so konstruiert, dass es zwischen 0 und 100 schwankt und der Mittelwert bei 50 liegt.)

Von den neun berücksichtigten Inputfaktoren haben sich fünf eingetrübt und vier aufgehellt. So ist etwa der Volatilitätsindex Vix, der die erwartete Schwankungsbreite des US-Leitindex S&P 500 abbildet, wieder über die Marke von 20 geklettert. Die Marktteilnehmer stellen sich demnach wieder auf etwas grössere Kursausschläge ein. Die gestiegene Vorsicht lässt sich u.a. auch an der höheren Nachfrage nach Put-Optionen ablesen.

Bei anderen Marktsegmenten lässt sich allerdings weiterhin ein gesunder Risikoappetit feststellen. Die Zinsen auf hochverzinsliche Anleihen bleiben beispielsweise äusserst niedrig, und zyklische Aktien schlugen sich zuletzt besser als defensive Werte. Spekulative Anleger haben zudem ihre Positionen im Nasdaq 100 deutlich aufgestockt. Insgesamt hielten sich die positiven und die negativen Kräfte die Waage, weshalb sich das Risk Barometer im Wochenverlauf nicht bewegte.

Offenbar wagen sich die Anleger im Spannungsfeld zwischen einer sich eintrübenden Grosswetterlage (Inflationsdruck, schwächere Konjunktur, hohe Aktienbewertung und regulatorische Massnahmen in China) und wenig attraktiver Alternativen zu Aktien nicht allzu weit auf die Äste hinaus.