The Market Risk Barometer

Sanfte Landung oder Bärenmarkt?

Der Weltaktienindex beendet die fünfte Woche in Folge mit Kursverlusten. Die Marktteilnehmer wagen sich noch nicht aus der Deckung.

Sandro Rosa
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«Everyone has a plan until they get punched in the mouth», wusste schon der legendäre Boxer Mike Tyson. Und nach den Schlägen in den vergangenen Wochen an den Märkten dürfte manch ein Anleger ohne Plan dastehen.

Egal ob Aktien, Anleihen oder Bitcoin – sie alle haben in diesem Jahr bereits deutlich an Wert eingebüsst. Das klassische Portfolio, bestehend aus 60% Aktien und 40% Anleihen, auf das in der Vergangenheit fast immer Verlass war, ist heuer klar unter Wasser. Einzig wer seinem Portfolio rechtzeitig und grosszügig Rohstoffe beigemischt hatte, dürfte 2022 mit seiner Performance einigermassen zufrieden sein.

Fünfte Woche in Folge mit Verlusten

Anders als in den vergangenen Jahren bereiten insbesondere Aktien derzeit wenig Freude. Auf das starke Plus unmittelbar nach der Sitzung der US-Notenbank am Mittwoch, als das Fed die Leitzinsen um 50 Basispunkte anhob, folgte am darauffolgenden Tag umgehend die Korrektur.

Zum fünften Mal in Folge beendete der Weltaktienindex die Woche mit einem Verlust. In 13 von 18 Wochen in diesem Jahr hat das Barometer schwächer geschlossen: zuletzt hat der MSCI AC World 1,5% eingebüsst.

Im Wochenvergleich mussten vor allem europäische Aktienindizes sowie Barometer aus den Schwellenländern Federn lassen, während sich die US-Pendants vergleichsweise gut hielten. Entgegen dem allgemeinen Trend beendete der japanische Nikkei 225 (+1,6%) die Woche mit einem Zuwachs.

Eine der wenigen Konstanten bei den Sektoren ist die Stärke der Energiebranche. Allein in der vergangenen Woche avancierte sie nahezu 8%. Kommunikation (+0,3%) und Versorger (+0,1%) waren stabil, während die übrigen Segmente zwischen 1 (Finanz) und fast 4% einbüssten (Immobilien).

Die Aussichten für Wachstumsaktien bleiben angesichts des Zinsschubs schwierig. Vergangene Woche sind die Renditen auf zehnjährige US-Staatsanleihen deutlich über die 3%-Marke geklettert und werden zunehmend zu einem Problem für die Aktienmärkte.

Die Augen der Marktteilnehmer dürften deshalb am Mittwoch auf die Publikation der Inflationsdaten in den USA gerichtet sein. Im März hatte der Preisauftrieb mit 8,5% den höchsten Stand seit über vierzig Jahren erreicht, was dem Fed keine andere Wahl lässt, als die Leitzinsen entschieden zu erhöhen.

Ein spürbarer Rückgang des Teuerungsdrucks würde den Börsen deshalb mit grosser Wahrscheinlichkeit Rückenwind verleihen. Gemäss dem Datenanbieter Bloomberg wird von den Ökonomen für den April eine Inflation von 8,1% erwartet.

Anleger bleiben in Deckung

Vor diesem Hintergrund bleiben die Marktteilnehmer unvermindert pessimistisch. Nachdem das The Market Risk Barometer vor einer Woche bereits bei niedrigen 35 Zählern lag, ist es noch einmal marginal gesunken und erreicht nun noch 33 Punkte. Seit nunmehr sechs Wochen verharrt der Sentimentindikator unter 40, was die schlechte Stimmung verdeutlicht.

Von den neun Inputvariablen, die im Barometer berücksichtigt werden, signalisieren lediglich drei eine Entspannung – der Volatilitätsindex Vix, die Hedge Funds, die ihre Positionen im Nasdaq 100 aufgestockt haben und das Verhältnis von Put- und Call-Optionen, das sich wieder in Richtung Calls verschoben hat.

Zwei Drittel der Stimmungsindikatoren zeigen indes eine weitere Eintrübung an. Den grössten Beitrag haben die enttäuschende Kursentwicklung der zyklischen Aktiensegmente, die anhaltende relative Schwäche der kleinkapitalisierten Unternehmen sowie der Anstieg des Volatilitätsindex auf den Euro Stoxx 50 geleistet. In der Summe liess sich deshalb eine weitere Stimmungseintrübung erkennen.

Gelingt die sanfte Landung?

Entscheidend für die weitere Entwicklung an den Märkten wird das Zusammenspiel von Inflation und Wachstum bleiben. Die Frage, die die Anleger umtreibt, ist, ob es den Notenbanken gelingen wird, die Inflation in den Griff zu kriegen, ohne die Konjunktur abzuwürgen. Zwar zeigte sich Fed-Chef Jerome Powell an der Pressekonferenz nach dem Zinsentscheid diesbezüglich zuversichtlich, ein Blick in die Vergangenheit lässt allerdings erhebliche Zweifel aufkommen.

«Seit den Siebzigerjahren gab es in den USA insgesamt neun Zinserhöhungszyklen des Fed, wobei es lediglich in zwei Fällen zu einem Soft Landing der Konjunktur gekommen ist – Mitte der Achtzigerjahre und zu Beginn der Neunzigerjahre», schreiben die Analysten der Zürcher Kantonalbank.

Kein Wunder, bleibt der Risikoappetit der Marktteilnehmer gedämpft.