The Big Picture

Alle Augen auf die USA

Den Finanzmärkten sind schwache Zahlen zum zweiten Quartal egal. Wichtiger ist, dass der Kongress in Washington einen Kompromiss zur Verlängerung der fiskalpolitischen Stützungsmassnahmen finden wird.

Mark Dittli
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Das zweite Quartal ist abgeschrieben.

Nachrichten, wonach die Wirtschaftsleistung in zahlreichen Ländern im zweiten Jahresviertel in historisch einmaligem Ausmass eingebrochen ist, liefern zwar dicke Schlagzeilen: In den USA ist das Bruttoinlandprodukt im Vergleich zum Vorquartal um 9,5% geschrumpft, in Deutschland um 10,1% eingebrochen, in Frankreich um 13,8% und in Italien um 12,4%.

Doch den Finanzmärkten ist das weitgehend egal. Auch schwache Quartalszahlen von Unternehmen werden an den Börsen gut verdaut, während starke Zwischenabschlüsse – zum Beispiel im Tech-Sektor – bejubelt werden.

Die Mischung aus üppiger Notenbankliquidität und fiskalpolitischen Stützungsmassnahmen hat den Aktienmärkten bis anhin den Treibstoff für weitere Avancen sowie die Zuversicht gegeben, dass der Wirtschaftseinbruch einigermassen akzeptabel überbrückt werden kann.

Dass die Covid-19-Krise freilich noch alles andere als vorbei ist, zeigen die wieder steigenden Fallzahlen in Ländern wie Japan, China – besonders in Hongkong –, Frankreich oder auch der Schweiz. So sieht zum Beispiel die zweite Welle in Japan aus:

Quelle: worldometer

Quelle: worldometer

Den grössten Einfluss auf den weiteren Verlauf an den Börsen haben jedoch die Ereignisse in den USA. Dort hat die Erholung der Wirtschaft im Juli an Schwung verloren, der Kongress feilscht um ein neues Stimuluspaket und der Präsidentschaftswahlkampf nimmt an Fahrt auf.

Der dieswöchige «Big Picture» widmet sich daher primär den USA.

Die Themen:

  1. Covid-19 und die US-Wirtschaft
  2. HEROES vs. HEALS
  3. Das Fed und die «Strategic Review»
  4. Schwächling Dollar
  5. Ein Blick nach Taiwan

1. Covid-19 und die US-Wirtschaft

Die Wochen seit Mitte Juni waren in den USA von einem signifikanten Anstieg der täglich neu bestätigten Covid-Fälle geprägt. Nun sieht es jedoch so aus, als hätten Staaten wie Texas, Kalifornien und Florida den Höhepunkt überschritten, die täglich neuen Fallzahlen steigen immerhin nicht mehr:

Doch mit Verzögerung von einigen Wochen – wie erwartet werden musste – steigt nun die Zahl der täglich gemeldeten Todesfälle als Folge einer Covid-Erkrankung:

Zwar ist noch nicht das Niveau von Anfang April erreicht, aber der rollende Durchschnitt der täglich registrierten Todesfälle hat sich im Lauf des Monats Juli auf über 1000 verdoppelt.

Das ist deshalb relevant, weil steigende Erkrankungszahlen immer mit vermehrtem Testen erklärt werden können. Doch Todesfälle sind politisch brisanter, da sie die Gouverneure in den einzelnen Gliedstaaten praktisch zwingen, wieder lokale Lockdown-Massnahmen zu verhängen.

Wie die folgende Grafik von BCA Research zeigt, mussten zehn Staaten (rot) ihre Lockdown-Massnahmen wieder verschärfen, darunter Kalifornien, Texas, Florida und Michigan. 14 weitere Staaten (grau) mussten die begonnene Öffnung ihrer Wirtschaft pausieren.

Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die grösste Volkswirtschaft der Welt im Verlauf des Juli nach der kräftigen Erholung im Mai und Juni wieder an Schwung verloren hat.

Einen wichtigen Anhaltspunkt dazu werden die Märkte am Montag erhalten, wenn der ISM-Einkaufsmanagerindex für den Juli publiziert wird.

Zentral für die weitere Erholung der US-Wirtschaft wird sein, ob die fiskalpolitischen Stimuli weiterhin üppig fliessen. Das bringt uns zum nächsten Thema.

2. HEROES vs. HEALS

Arbeitslose in den USA erhielten seit April pro Woche zusätzlich 600 $, um die Folgen der Covid-bedingten Rezession abzufedern. Das war ein kräftiger Fiskalstimulus für die heimische Wirtschaft, führte jedoch auch zur paradoxen Situation, dass Millionen von Arbeitslosen auf diese Weise mehr Geld vom Staat erhielten, als wenn sie eine neue Stelle angenommen hätten.

Bild. Bloomberg

Dieses Programm läuft per heute, 31. Juli, aus. Im Kongress konnten sich die beiden Parteien noch nicht auf eine Weiterführung der verschiedenen Stimulusmassnahmen einigen.

Simpel gesagt steht auf der einen Seite der HEROES Act, ein vom demokratisch dominierten Abgeordnetenhaus im Mai verabschiedetes Paket im Gesamtumfang von 3400 Mrd. $. Auf der anderen Seite hat der republikanisch dominierte Senat eine eigene Vorlage ausgearbeitet, den «nur» 1100 Mrd. $ schweren HEALS Act.

Nun müssen Demokraten und Republikaner einen Kompromiss aus diesen beiden Vorlagen finden – und zwar so schnell wie möglich, denn der Wegfall der ausserordentlichen Arbeitslosenunterstützung wird den Konsum im Land bereits ab der kommenden Woche empfindlich schwächen.

Auf der Hand läge ein Kompromisspaket im Umfang von rund 2500 Mrd. $, doch selbstverständlich geht es den Exponenten der beiden Parteien auch um Gesichtswahrung.

Mit jedem Tag, der in Washington ohne Kompromiss vergeht, werden die Aktienmärkte in den kommenden Tagen nervöser reagieren.

Besonders den republikanischen Senatoren muss dabei ein Spagat gelingen: Auf der einen Seite haben sie plötzlich ihre fiskalkonservative Ader wieder entdeckt (was völlig lächerlich ist angesichts der Tatsache, dass sie Trump in den vergangenen drei Jahren jeden noch so absurden fiskalpolitischen Wunsch erfüllt haben), doch gleichzeitig können sie es sich nicht leisten, die Wirtschaft und die Finanzmärkte abzuwürgen und «ihrem» Präsidenten die Chancen auf die Wiederwahl im November zu verderben.

Deshalb ist unser Basisszenario, dass der Kongress irgendwann in den ersten beiden Augustwochen einen Kompromiss findet – aber nicht ohne dass Wall Street zuvor einige «Cliffhanger» wird überstehen müssen.

Auch der Wahlkampf gewinnt an Fahrt. Joe Biden wird in der ersten Augustwoche seine Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentschaft vorstellen. Er wird damit ein wichtiges Signal geben, wie weit links er politisieren wird. Zudem ist die Person der Vizepräsidentin auch deshalb ausserordentlich wichtig, weil angesichts des Alters von Biden – er wird im November 78 – die reelle Chance besteht, dass sie dereinst den Stuhl im Oval Office übernehmen wird.

Trump ist es derweil gelungen, seine Zustimmungsraten in der Bevölkerung wieder marginal zu erhöhen:

Alles in allem liegt Biden in den Umfragen wie auch an den Wettbörsen nach wie vor klar in Führung. Doch wir wissen: Drei Monate sind in Washington eine sehr lange Zeit.

3. Das Fed und die «Strategic Review»

Schon seit bald einem Jahr arbeitet die Führungscrew der US-Notenbank an einer strategischen Überprüfung der Ausgestaltung ihres Mandats. Diese Woche versuchte Fed-Chef Jerome Powell vor den Medien die Erwartungen an diese «Strategic Review» herunterzuspielen, indem er sagte, es sei nichts zu erwarten, worüber die Fed-Führung nicht schon öffentlich debattiert habe.

Die nächste Sitzung des Fed-Offenmarktausschusses findet am 15. und 16. September statt. Möglicherweise wird Powell danach das Resultat der strategischen Überprüfung präsentieren.

Vielleicht wird er ankündigen, dass das Fed das Instrument der Zinskurvenkontrolle (Yield Curve Control) ins Repertoire aufnimmt und damit die langfristigen Zinsen festsetzen wird. Oder, wahrscheinlicher, Powell wird offiziell ankündigen, dass das Fed auch ein «temporäres Überschiessen» der Inflationsrate über 2% über längere Zeit tolerieren wird.

Schon jetzt ist jedenfalls klar, dass das Fed noch sehr lange keine restriktive Politik einschlagen wird. Zitat Powell: «Wir denken nicht einmal daran, über eine Zinserhöhung nachzudenken.» Die Fed-Leute werden alles daran setzen, a) die Inflationsrate steigen und b) den Dollar sinken zu lassen.

Die Kombination aus leicht sinkenden Nominalzinsen – die Rendite zehnjähriger Treasury Notes fiel bis Freitag auf 0,54% – und leicht gestiegenen Inflationserwartungen führte diese Woche zu einem weiteren Abfall der Realzinsen in den USA:

Sinkende Realzinsen sind die wichtigste Determinante für die Entwicklung des Goldpreises. Das Edelmetall egalisierte diese Woche sein bisheriges Rekordhoch von 1921 $ je Feinunze und nimmt bereits Kurs auf 2000 $.

4. Schwächling Dollar

Der Dollar hat seine Schwächephase fortgesetzt. Der handelsgewichtete Dollar-Index ist seit dem Panikhoch im März um 9,5% gesunken:

Das Momentum spricht derzeit für eine Fortsetzung der Dollarschwäche, mit einem wichtigen Vorbehalt: Sollte es wider Erwarten zu keinem Kompromiss im US-Kongress und damit zu einer abrupten fiskalpolitischen Straffung in Amerika kommen, wäre eine «Risk Off»-Welle an den Märkten und damit ein Anstieg des Dollars so gut wie sicher.

Doch insgesamt gehen wir nicht von diesem Szenario aus, sondern rechnen mit einer weiteren Abschwächung des Dollars. Das ist positiv für den Goldpreis und generell für Rohstoffe. Die grössten Nutzniesser einer Dollarschwäche sind aber die Aktienmärkte in Schwellenländern. Anleger dürften gut daran tun, Emerging Markets in den kommenden Monaten in ihrem Portfolio zu übergewichten.

5. Ein Blick nach Taiwan

Vor einer Woche musste der US-Halbleiterriese Intel eine Schlappe in der Entwicklung von Chips der nächsten Generation eingestehen. Wenige Tage später berichtete die «Commercial Times» in Taipei, Intel habe einen Grossauftrag für die Auftragsfertigung von 6-Nanometer-Wafern an Taiwan Semiconductor (TSMC) vergeben.

Weder TSMC noch Intel bestätigten den Bericht, doch der Aktienkurs von TSMC schoss zu Wochenbeginn in Taipei um rund 14% in die Höhe. Der Konzern schaffte es punkto Marktkapitalisierung sogar in die globalen Top Ten und wird seinem Status als Mitglied der «Neuen Nifty Fifty» mehr als gerecht.

Weil TSMC für fast 30% des Taiex verantwortlich ist, erreichte auch Taiwans Aktienindex ein neues Allzeithoch.

Die Episode zeigt, dass Taiwan endgültig das Zentrum der globalen Chiptechnologie geworden ist.

Damit wird auch immer deutlicher, dass sich der Technologiekrieg zwischen den USA und China letztlich um Taiwan drehen wird. Es wird dabei nämlich nicht um Google, Facebook und Amazon gehen, denen auf der anderen Seite Baidu, Tencent und Alibaba gegenüberstehen. Nein, das Herz der technologischen Entwicklung schlägt im Chipsektor; Halbleiter stehen im Zentrum aller technologischer Anwendungen, vom Mobilfunk bis hin zu künstlicher Intelligenz.

China liegt in der Entwicklung einer eigenen Chipindustrie noch Jahre im Rückstand, doch Taiwan – eine Insel mit knapp 24 Mio. Einwohnern, die nach dem Verständnis Pekings ohnehin zu China gehört – liegt nur wenige Kilometer vom Mutterland entfernt. Das ist eine zu verlockende Perspektive für die Staatsführung in Peking, um die Abhängigkeit von Technologie-Importen aus den USA zu kappen.

Daher: Peking wird in den kommenden Jahren den Griff nach Taiwan versuchen. Das kann auf freundlichem Weg geschehen, über vertiefte wirtschaftliche Vernetzung (was mit der aktuellen Regierung in Taipei schwierig sein dürfte); das kann mit Zwang geschehen, über Sanktionen; oder das kann mit Waffen geschehen.

Aber wir vertreten die These, dass es geschehen wird. Hongkong war bloss ein Vorspiel für Peking, um zu sehen, wie die internationale Gemeinschaft reagiert.

Doch damit genug für den dieswöchigen «Big Picture». Wir schliessen mit zwei Hinweisen:

Der Autor des «Big Picture» verabschiedet sich für zwei Wochen in die Ferien. Der nächste «Big Picture» erscheint am 21. August. Ab Ende August nehmen wir im 14-Tages-Rhythmus auch das «The Big Picture Live»-Videowebinar wieder auf.

Und: Wir haben zusammen mit Prof. Erwin Heri, dem Gründer der Finanzvideo-Plattform Fintool, ein Buch publiziert: «Geschichte reimt sich – auch am Aktienmarkt. Der Corona-Crash und seine Lehren», ein «SmartBook» über die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Finanz- und Aktienmärkte. Entstanden ist eine Art Tagebuch als Kombination von Text, Videos und Podcasts, in welchen die Autoren die ersten Monate des Jahres 2020 an der Wirtschafts- und Finanzfront Revue passieren lassen. Erläuterungen der konkreten Ereignisse und Entwicklungen, ergänzt mit historischen Lehrstücken und Reminiszenzen aus früheren Krisen.

Sie können das Buch unter diesem Link bestellen. Abonnentinnen und Abonnenten von The Market erhalten es zum Vorzugspreis von 21 Fr.

Wir wünschen Ihnen eine gute Zeit, geniessen Sie Ihr Wochenende – und keep cool!

Herzlich,

Mark Dittli und das Team von The Market