The Big Picture

Anlagen für eine alternativlose Welt

Der wöchentliche Blick auf die Grosswetterlage in der Weltwirtschaft und an den Finanzmärkten.

Mark Dittli

Morgen Samstag ist es soweit. Donald Trump und Xi Jinping reichen sich in einem bilateralen Treffen am Rande des G20-Gipfels in Osaka die Hand.

Das zumindest ist der Plan.

Voraussichtlich werden sich die Staatschefs der USA und der Volksrepublik China auf einen Waffenstillstand im Handelsdisput einigen und deklarieren, dass ihre Delegationen die Verhandlungsgespräche wieder aufnehmen.

Die Eskalation des Streits, die am 5. Mai mit einem Tweet aus dem Weissen Haus begonnen hatte, wäre damit vorbei. Vorübergehend.

Gut möglich, dass die Finanzmärkte darauf mit Erleichterung reagieren werden. Allerdings: Die Erwartung eines Waffenstillstandes ist als wahrscheinlichstes Szenario des G20-Treffens an den Börsen bereits eingepreist.

Doch Investoren dürfen niemals vergessen: Ein oberflächlicher Deal zur Beilegung der jüngsten Eskalationsstufe im Handelsstreit wird nichts an der Tatsache ändern, dass zwischen den beiden Supermächten eine neue Phase der Rivalität begonnen hat – eine Rivalität, die vor allem auf den Feldern der Geopolitik und der Technologie ausgefochten wird.

Wie es unser Gastautor Felix Zulauf zu Beginn der Woche beschrieben hat: Ein neuer, langer kalter Krieg hat begonnen. Er wird uns noch Jahre beschäftigen.

Damit kommen wir zu den Themen des dieswöchigen «Big Picture»-Newsletters:

  1. Das Fed und der Dollar
  2. Die Gefahr einer Gewinnrezession
  3. Anlagen für eine alternativlose Welt

1. Das Fed und der Dollar

Das Experiment ist gelungen. Die US-Notenbank hat die Finanzmärkte darauf vorbereitet, dass der Offenmarktausschuss an seiner nächsten Sitzung am 30. und 31. Juli eine Senkung der Leitzinsen beschliessen wird. Wie wir im «Big Picture» der vergangenen Woche aufgezeigt haben, haben die Futuresmärkte die Zinssenkung bereits mit 100% Wahrscheinlichkeit eingepreist.

Die Aussicht auf die Hilfe von Seiten des Fed hat den US-Aktienmarkt im Juni auf ein neues Allzeithoch steigen lassen.

Wichtiger für Fed-Chef Jerome Powell dürfte jedoch die Erkenntnis gewesen sein, dass er mit seinen Aussagen nach wie vor auch Herr über den Wechselkurs des Dollars ist. In den drei Wochen, seit Powell in einem öffentlichen Auftritt einen überraschend milden Ton zu seiner künftigen Zinspolitik angeschlagen hatte, ist der handelsgewichtete Dollarkurs um mehr als 1,5% gesunken:

Quelle: Jefferies

Quelle: Jefferies

Für die Gewinnentwicklung der amerikanischen Unternehmen ist ein schwächerer Dollar dringend nötig.

Ein schwächerer Dollar ist auch ein gutes Signal für die Emerging Markets, deren Aktienmärkte seit Anfang Jahr angesichts des bis anhin starken Dollars deutlich zurückgeblieben sind:

Quelle: Jefferies

Quelle: Jefferies

Allerdings: Am Dienstag schlug Powell in einer Rede einen marginal weniger milden Ton an. Offensichtlich wollte er die verbreitete Erwartung dämpfen, dass das Fed die Leitzinsen Ende Juli gleich um 50 Basispunkte senken wird.

Prompt reagierte der US-Aktienmarkt verschnupft, und der Dollar-Index stieg wieder leicht.

Powell – der Mann mit dem Charisma einer Scheibe Toast – steht unter Druck. Nicht nur von Donald Trump, der sich in den vergangenen Wochen mehrmals abfällig über seinen Fed-Chef geäussert hat, sondern auch von den Finanzmärkten. Bereits die Aussicht auf eine Zinssenkung von «bloss» 25 Basispunkten werten sie mittlerweile als Enttäuschung.

In der Frage, ob Powell am 31. Juli nun um 25 oder doch gleich um 50 Basispunkte senkt, wird die kommende Woche entscheidende Signale liefern: Am Montag wird der ISM-Einkaufsmanagerindex veröffentlicht, am Freitag folgt der monatliche Arbeitsmarktbericht.

2. Die Gefahr einer Gewinnrezession

Der Hauptgrund für die zumeist gute Börsenstimmung im Juni war die Aussicht auf die baldige Fed-Zinssenkung, gepaart mit der erwarteten De-Eskalation im Handelsdisput.

Aber Achtung: Die blosse Hoffnung auf eine baldige Zinssenkung dürfte den Aktienmärkten keine nachhaltigen Wachstumsimpulse liefern. Der Grund für den Schwenker des Fed liegt ja in der überraschend kräftigen Abkühlung der amerikanischen Konjunktur.

Wichtiger für eine nachhaltige Kursentwicklung sind die Gewinne der Unternehmen. Und auf diesem Feld stehen die Signale auf Rot. Wie David Rosenberg von kanadischen Vermögensverwalter Gluskin Sheff in einem Kommentar schreibt, rechnen die Analysten für die im S&P 500 enthaltenen US-Konzerne im zweiten Quartal mit einem Gewinnrückgang von 2,6%. Im ersten Quartal waren die Gewinne bereits um 0,3% gesunken. 

Die Gewinnrezession in den USA ist also bereits Tatsache. Noch rechnen die Analysten für das zweite Halbjahr mit einer Beschleunigung der Gewinnentwicklung, doch diese Hoffnung erhält immer mehr Kratzer: Der Expresslieferdienst FedEx hat diese Woche enttäuschende Quartalszahlen präsentiert und einen verhaltenen Ausblick abgegeben. 

Für einen reflexartigen Euphorieschub sorgte am Dienstag eine Aussage von Sanjay Mehrotra: Der CEO des Chipherstellers Micron Technology sagte anlässlich der Publikation der Drittquartalszahlen, er sehe «erste Signale einer Nachfragebelebung».

Die Euphorie erfasste im Wochenverlauf auch Schweizer Halbleiterwerte wie VAT.

Allerdings scheinen nur wenige Investoren den zweiten Teil der Aussage von Mehrotra gelesen zu haben: «We plan to reduce our capital expenditures in fiscal 2020 to help improve industry supply-demand balance.» Micron kürzt also die Kapitalinvestitionen. Das ist zwar eine gute Nachricht für das Preisgefüge im Chipmarkt, aber es ist keine gute Nachricht für alle Zulieferer der Branche – zu denen eben auch VAT gehört.

Die Gewinnentwicklung der Unternehmen wird auch an der Schweizer Börse in den Fokus rücken, wenn ab Mitte Juli die Halbjahresberichterstattung beginnt. Besonders von Unternehmen, die von der Automobilindustrie abhängig sind, muss mit Enttäuschungen gerechnet werden.

Dann wird sich auch zeigen, welche Schweizer Unternehmen ihre Kosten gut im Griff haben (Ems-Chemie?) und welche weniger gut abschneiden (Autoneum und Komax?).

3. Anlagen für eine alternativlose Welt

Die Republik Österreich hat diese Woche eine Anleihe mit hundert Jahren Laufzeit platziert. Die Emission war fünffach überzeichnet. Die Rendite auf Verfall: mickrige 1,2%. Nominal, ohne jeden Inflationsschutz. 

Ein anderes Beispiel: Die Zinskurve der Schweiz liegt weit über dreissig Jahre in die Zukunft im negativen Bereich.

Das sind die Auswüchse des erbärmlichen Renditeumfeldes, das der Bondmarkt gegenwärtig bietet. Investoren haben deshalb keine andere Wahl, als in risikoreichere Segmente der Finanzmärkte vorzustossen. Das ist die «TINA»-Welt: There Is No Alternative.

Das Dilemma: Sollte sich die Hoffnung auf einen Aufschwung der Gewinnentwicklung im zweiten Halbjahr verflüchtigen, sind die zyklischen Sektoren an den Börsen gefährdet. Ein denkbares Szenario ist deshalb, dass dann noch mehr Anlagekapital in die Aktien von defensiven, qualitativ hochwertigen Unternehmen fliesst, deren Dividendenausschüttungen zunehmend als «Bond-Ersatz» akzeptiert werden: Nestlé, Unilever, Coca-Cola, Givaudan, Procter & Gamble, Heineken, Microsoft, Lindt&Sprüngli und möglicherweise auch Pharmawerte wie Novartis, Roche oder AstraZeneca.

Diese Titel sind zwar oft schon hoch bewertet, doch in einer alternativlosen Welt kann ihre Bewertung noch viel höher steigen.

Eine zweite Anlageklasse, die angesichts der angekündigten Fed-Zinssenkung erwacht ist, ist Gold. Das Edelmetall hat sich seit Ende April um mehr als 10% verteuert und dabei diverse technische Widerstände durchbrochen. Für unseren Gastautor Alfons Cortés ist klar: Gold steht vor einer langen Hausse.

Das spricht für Anlagen in Gold sowie in Aktien von Goldminen-Unternehmen. Zurückgeblieben ist bislang der kleine Bruder des gelben Metalls: Weil Silber auch ein Industriemetall ist, unterliegt der Silberpreis stärkeren konjunkturellen Schwankungen. Doch wie mein Kollege Sandro Rosa in dieser Analyse schreibt, bietet Silber eine Kaufgelegenheit.

Am Bondmarkt schützen Treasuries vor der Gefahr eines Konjunktureinbruchs oder gar einer Rezession in den USA – denn dann würde die Rendite zehnjähriger Treasury Notes noch deutlich unter den aktuellen Stand von 2% sinken.

Die kommenden Monate dürften an den Märkten ruppig werden, wie mein Kollege Gregor Mast hier schreibt. Da lohnt es sich, etwas Cash zu halten. Schliesslich muss man auch zuschlagen können, wenn sich attraktive Kaufgelegenheiten bieten.

Vielen Dank für die Zeit, die Sie uns diese Woche gewidmet haben. Das gesamte Team von The Market wünscht Ihnen ein schönes Wochenende – stay cool!

Herzliche Grüsse,

Mark Dittli und das Team von The Market