The Big Picture

Bahn frei für ein starkes Jahresende?

Zyklische Sektoren gewinnen an den Börsen an Fahrt, der Kupferpreis steigt, die Marktbreite wird grösser. Das sind positive Signale für die kommenden Wochen.

Mark Dittli

Im Grunde genommen sind die Finanzmärkte – respektive deren Akteure – bemitleidenswert: Seit Monaten hängen sie am Nachrichten- und Gerüchtefluss rund um das Thema des US-chinesischen Handelsdisputs, stets in der Hoffnung auf eine baldige Einigung.

Gegenwärtig dreht sich wieder alles um die Perspektive eines «Phase One Deals». Am Donnerstag bestätigte ein Sprecher des chinesischen Handelsministeriums, beide Seiten hätten sich geeinigt, einen Teil der bereits verhängten Strafzölle rückgängig zu machen, um die Unterzeichnung der Vereinbarung zu ermöglichen.

Eine eindeutige Bestätigung aus dem Weissen Haus blieb zwar aus, doch momentan scheint es, als ob sich Peking und Washington in den kommenden Wochen zu einer Form von Waffenstillstand finden werden.

Es wird ein oberflächlicher Deal sein, der keine der grundlegenden Differenzen zwischen den beiden Mächten löst. Er wird wohl bloss einen Teil der von Donald Trump ausgelösten Zölle rückgängig machen, sodass man nicht einmal von einer Rückkehr zum status quo ante wird sprechen können.

Dennoch gilt unsere These weiterhin, dass die Märkte erfreut auf einen Deal reagieren werden. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Entwicklung am Devisenmarkt: Chinas Währung ist seit September um gut 3% erstarkt, der Dollar kostet wieder weniger als 7 Yuan.

Doch wir wollen uns nicht mit dem Lärm rund um die Frage befassen, ob Trump nun einschwenkt oder seine Meinung einmal mehr wieder ändern wird.

An den Finanzmärkten spielt sich derzeit nämlich eine spannende Entwicklung ab, die nur am Rand mit dem Handelskonflikt zu tun hat. Um diese soll es in diesem «Big Picture» gehen.

Die Themen:

  1. Das Signal der Märkte
  2. Dreht die Industrie?
  3. «Regeln sind für kleine Länder»

1. Das Signal der Märkte

Das globale Konjunkturbild zeigt weiterhin eine Abkühlung. Der von JPMorgan erhobene globale Einkaufsmanagerindex für den verarbeitenden Sektor liegt mit 49,8 marginal im kontraktiven Bereich. Der Index für den Dienstleistungssektor ist im Oktober auf 51 gefallen, der Sammelindex der beiden Sektoren liegt noch auf 50,8 – also nur knapp im expansiven Bereich.

China hat heute seine Handelsstatistik publiziert; die Exporte aus der Volksrepublik sanken im Oktober um 0,9%, die Importe um 6,4% (was leicht besser war als von Ökonomen erwartet).

In den USA zeigen die «Nowcasting»-Modelle der Distriktnotenbanken von New York und Atlanta für das vierte Quartal noch eine Expansionsrate von rund 1% an – es sind hauptsächlich der Konsum und die Staatsausgaben, die bislang ein Abrutschen der US-Wirtschaft in die Rezession verhindert haben.

Deutschlands Industrieproduktion sank im September derweil im Jahresvergleich um 4,3%.

Die Makroindikatoren zeigen also nach wie vor grossmehrheitlich nach Süden.

Erhellend ist nun jedoch das Bild an den Finanzmärkten:

An den Börsen gewinnen die zyklischen, konjunktursensitiven Sektoren an Fahrt. Seit Anfang Oktober haben im MSCI-Weltaktienindex die Sektoren Finanz, Industrie, Grundstoffe und Technologie deutlich besser abgeschnitten als defensive Sektoren wie Basiskonsumgüter:

Zykliker haben seit Anfang Oktober die Nase vorn

Kursveränderung über ein Monat (in %)

Das Bild zeigt sich auch im monatlich von The Market erhobenen Musterportfolio der Qualitätsaktien, die noch vernünftig bewertet sind: Das Portfolio, das seit Monaten ein Übergewicht im Industriesektor aufweist (weil dort die Bewertung noch akzeptabel ist), hat im Oktober seine Vergleichsindizes deutlich geschlagen.

Ein weiterer Indikator: Der Kupferpreis – ein zyklischer Marktindikator – ist seit Anfang Oktober um gut 5% gestiegen, während sich der Goldpreis im selben Zeitraum seitwärts bewegt hat:

An den Rohstoffbörsen hat sich die Zahl der spekulativen Short-Kontrakte auf Kupfer seit Anfang September halbiert.

Das bestätigt das Bild, das auch unser Marktbeobachter Alfons Cortés schon mehrmals beschrieben hat: Die Finanzmärkte nehmen ein Ende der konjunkturellen Abkühlung vorweg.

Ein weiteres wichtiges, positives Marktsignal hat Sandro Rosa in diesem Beitrag thematisiert: Der Aufschwung an den Aktienmärkten hat in den vergangenen Wochen an Breite gewonnen.

Die These einer fortgesetzten «Risk On»-Phase an den Märkten – befeuert von der gesteigerten Liquidität im Finanzsystem – für den Rest des Jahres ist damit intakt.

Die grosse Frage ist dabei freilich, ob die Finanzmärkte den Konjunkturverlauf korrekt einpreisen oder ob sie die Heftigkeit des Abschwungs immer noch unterschätzen.

Eine Indikation dazu liefern Daten aus Asien.

2. Dreht die Industrie?

Noch im Frühjahr war die weit verbreitete Hoffnung unter Investoren, dass Chinas Regierung – genau wie Ende 2015 – der Weltwirtschaft abermals zu Hilfe eilen und signifikante Konjunkturstützungsprogramme beschliessen wird. 

Dieses Szenario ist nicht eingetroffen. Peking stimuliert die heimische Wirtschaft zwar, beispielsweise mit Steuersenkungen und Liquiditätshilfen der Zentralbank (diese Woche auch in Form einer marginalen Zinssenkung), aber nicht annähernd in einem Ausmass wie Ende 2015.

Trotzdem deutet einiges darauf hin, dass der globale Industriesektor nun einen Boden gefunden hat. Die Einkaufsmanagerindizes für das verarbeitende Gewerbe liegen in den meisten Ländern zwar deutlich unter der Expansionsschwelle von 50, aber immerhin fallen sie nicht mehr weiter.

Zwei weitere Signale präsentieren die Analysten von Gavekal Research. Nach einem kräftigen Absturz haben sich demnach die Verkäufe von Halbleitern sowie die Exporte von Elektronikgeräten in Asien stabilisiert:

Auch hier gilt: Die Veränderungsraten sind zwar teilweise noch negativ, doch sie fallen nicht mehr weiter. Die Bewegung im Grenzbereich hat gedreht. Die jüngst publizierten Geschäftszahlen und Zwischenberichte asiatischer Halbleiterhersteller wie Samsung Electronics, SK Hynix und TSMC scheinen das Bild zu bestätigen.

Auch in einem zweiten, arg gebeutelten Bereich sehen die Gavekal-Analysten eine Bodenbildung: Der chinesische Automobilsektor habe sich nach seinem Abschwung im Frühsommer stabilisiert, schreiben sie.

Es dürfte sich für Investoren also weiterhin auszahlen, sich zyklisch zu positionieren und die Sektoren Industrie, Rohstoffe, Technologie, Finanzen sowie Emerging Markets zu favorisieren.

3. «Regeln sind für kleine Länder»

Zum Schluss noch einige Gedanken zum Thema Geopolitik. Diese Woche war Philip Hammond für das Swiss International Finance Forum in Zürich. Der vormalige Aussenminister und Schatzkanzler Grossbritanniens sprach über die Perspektive, wonach die Weltwirtschaft zwischen den USA und China in zwei Einflusssphären zerfällt – und sich andere Länder möglicherweise früher oder später gezwungen sehen, sich für eine Sphäre zu entscheiden.

Hammond hat dabei ein entscheidendes Thema aufgeworfen: Die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaute, vom Westen dominierte Welthandelsordnung basierte auf dem breit akzeptierten Grundgedanken, dass ein regelbasiertes Welthandelssystem im Interesse aller Teilnehmer ist. 

Diese Basis sei heute nicht mehr gegeben. Die beiden Wirtschafts-Supermächte der Gegenwart, die USA und China, seien zum Schluss gekommen, dass multinational vereinbarte Regeln für sie nicht gelten müssen, da sie mächtig genug sind, anderen Ländern ihre Handelskonditionen aufzuzwingen.

«Damit bleiben die Länder Westeuropas sowie Kanada, Japan und einige wenige weitere Staaten, die ein vitales Interesse daran haben, das regelbasierte Welthandelssystem aufrecht zu erhalten», sagte Hammond. Doch Europa sei geostrategisch betrachtet ein Leichtgewicht. «Die Europäische Union ist zwar der grösste Wirtschaftsraum der Welt, doch geostrategisch hat sie keine Macht. Weder Washington noch Peking nehmen Europa als ebenbürtige Gestaltungsmacht ernst», warnte Hammond. 

«Wir könnten vor einer Zukunft stehen, in der Regeln nur noch für kleine Länder gelten», sagte Hammond.

Mit diesen Schlussgedanken bleibt mir, Ihnen ein schönes Wochenende zu wünschen. Vielen Dank für Ihr Interesse und Ihre Zeit, die Sie The Market widmen.

Herzliche Grüsse,

Mark Dittli und das Team von The Market