The Big Picture

Bedrohliche Signale aus dem Service-Sektor

Der wöchentliche Blick auf die Grosswetterlage in der Weltwirtschaft und an den Finanzmärkten.

Mark Dittli

Das war's mit der «Risk On»-Phase an den Börsen.

Zwei Ereignisse haben der Stimmung an den Weltfinanzmärkten in der abgelaufenen Woche einen schweren Schlag versetzt:

  • Der ISM-Einkaufsmanagerindex – sowohl für den Industrie- wie auch für den Dienstleistungssektor – in den USA ist überraschend heftig eingebrochen, und
  • Donald Trump denkt nicht daran, von seiner Strategie der Handelskriege abzurücken. Am Mittwoch stellte er neue Strafzölle auf Güter aus Europa – Flugzeuge, Käse, Wein, Olivenöl, Fleisch – in Aussicht.

Die Märkte haben empfindlich reagiert. An den Börsen gerieten besonders die Aktien von Zyklikern und Banken – in der Schweiz beispielsweise LafargeHolcim, ABB, Credit Suisse und UBS – unter die Räder.

Bonds legten dagegen zu: Die Rendite zehnjähriger Treasury Notes fiel am Donnerstag auf 1,52%. Innerhalb von nur etwas mehr als zwei Wochen ist die Rendite der Treasuries damit um fast 40 Basispunkte gesunken.

«Ein flüchtiger Treibstoff namens Hoffnung», haben wir vor einer Woche geschrieben; dieser Treibstoff droht nun auszugehen.

Das sind die Themen im dieswöchigen «Big Picture»:

  1. Die Industrierezession wird tiefer
  2. Hält der Dienstleistungssektor?
  3. Powell to the Rescue?

1. Die Industrierezession wird tiefer

Der globale Industriesektor fällt immer tiefer in den rezessiven Bereich. Den Schock der Woche lieferte am Dienstag der vom Institute for Supply Management erhobene ISM-Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe in den USA: Der konjunkturelle Frühindikator fiel mit 47,8 auf ein Zehnjahrestief. Ein Wert unter 50 zeigt eine Kontraktion des Sektors an.

Innerhalb von bloss dreizehn Monaten ist der ISM-Index damit von seinem Höhepunkt von 60,8 (August 2018) auf deutlich unter 50 gefallen.

Im Rest der Welt sieht es nicht besser aus: Der Einkaufsmanagerindex (Purchasing Managers Index, PMI) für den Industriesektor Deutschlands verharrte im September mit 41,7 tief im rezessiven Bereich. Auch Italien, Grossbritannien und Spanien liegen deutlich unter 50, während der PMI in der Schweiz überraschend deutlich auf 44,6 absackte.

In Europa konnte sich Frankreich bislang gut halten, wenngleich der dortige Industrie-PMI mit 50,1 nur noch marginal in der Expansionszone liegt. Frankreich zählte in den vergangenen zwölf Monaten zu den wenigen positiven Überraschungen in Europa. Der zweitgrössten Volkswirtschaft des Kontinents ist es sogar gelungen, nach siebzehn Jahren Abbau erstmals wieder neue Arbeitsplätze im Industriesektor zu schaffen:

Quelle: Gavekal

Quelle: Gavekal

Es ist jedoch angesichts der global evidenten Abkühlung mehr als fraglich, ob Frankreich diese Serie wird fortsetzen können.

Für etwas Konjunkturhoffnung sorgte die Meldung, dass der Industrie-PMI in China zuletzt wieder leicht gestiegen ist. Der vom Wirtschaftsmagazin Caixin erhobene Index steht leicht über 50, der von der Regierung erhobene, «offizielle» Index stieg im September immerhin von 49,5 auf 49,8.

Diese Zahlen sind jedoch mit Vorsicht zu geniessen, denn rund um China herum mehren sich die Schwächezeichen:

  • Die Tankan-Umfrage unter den japanischen Unternehmen zeigte ein enttäuschend schwaches Resultat, der japanische Industrie-PMI verharrt auf 48,9.
  • Der Industrie-PMI Südkoreas bleibt mit 48 ebenfalls schwach. Die viertgrösste Volkswirtschaft Asiens erlitt im September einen Exporteinbruch von 11,7%. Die Ausfuhren aus Korea nach China brachen sogar um 22% ein.
  • Auch in den mittelgrossen Volkswirtschaften Südostasiens, Indonesien und Malaysia, zeigt der Industrie-PMI mit 49,1 respektive 47,9 ein kontraktives Umfeld an.

Die konjunkturellen Signale stehen nach wie vor klar auf Abkühlung.

2. Hält der Dienstleistungssektor?

Während der Industriesektor weltweit wegbricht, hielt sich das Dienstleistungsgewerbe in den meisten Volkswirtschaften erstaunlich gut. Oft ist von den «Bullen» am Aktienmarkt daher das Argument zu hören, die Industrie sei gar nicht mehr so relevant, weil sie nur noch einen geringen Teil der Volkswirtschaft ausmacht. In den USA beispielsweise trägt der Industriesektor nur noch 11% zum Bruttoinlandprodukt bei.

Aber diese Argumentation ist gefährlich. Sie erinnert an die weit verbreitete Meinung, die Anfang 2007 geherrscht hatte, als viele Stimmen sagten, von der Abkühlung im amerikanischen Immobilienmarkt könne keine Gefahr ausgehen, weil der Sektor weniger als 8% des US-BIP ausmache.

Erste Kratzer sind jetzt zu sehen: In Grossbritannien ist der Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor (Service PMI) auf 49,5 gefallen und zeigt nun ebenfalls eine Kontraktion an. In Deutschland ist der Service-PMI von 52,5 im August auf 51,4 im September gesunken.

Auch in den USA knirscht es: Der ISM-Index für das Dienstleistungsgewerbe fiel im September auf 52,6, nach 56,4 im Vormonat. Das war eine herbe Enttäuschung; Ökonomen hatten im Schnitt mit 55 gerechnet.

Es wird immer deutlicher: Es trifft nicht zu, dass sich der Industrie- und der Dienstleistungssektor entkoppelt haben. Viel eher wird deutlich, dass die Industrie den Weg nach unten weist. Und jetzt allmählich auch der Rest der Wirtschaft kippt.

3. Powell to the Rescue?

Das Muster ist mittlerweile hinlänglich bekannt: Wenn die Konjunkturdaten enttäuschen und die Börsen einknicken, dann richtet sich der Blick der Investoren auf die US-Notenbank.

Am 30. Oktober findet die nächste Sitzung des Offenmarktausschusses des Fed statt. Mittlerweile rechnen die Terminmärkte mit einer Wahrscheinlichkeit von 73% mit einer weiteren Leitzinssenkung um 25 Basispunkte. Noch bis zum Morgen des 1. Oktober, vor der Publikation des ISM-Indikators, lag die Wahrscheinlichkeit bloss auf 40%.

Einmal mehr ruhen die Hoffnungen der Investoren also auf Fed-Chef Jerome Powell, der den Börsen mit einer Zinssenkung neues Leben einhauchen soll.

Dass auch dem amerikanischen Aktienmarkt der Treibstoff für weitere Avancen fehlt, zeigt die Tatsache, dass es dem S&P 500 seit Ende Juni in vier Anläufen nicht gelungen ist, dauerhaft über die Marke von 3000 zu steigen. Seit Anfang 2018 hat sich der US-Leitindex nun unter hohen Schwankungen grösstenteils seitwärts bewegt.

Noch bedenklicher ist das Bild, das der Russell 2000 abgibt. Der Index, der die kleinkapitalisierten US-Werte (Small Caps) umfasst, ist seit seinem Höchst im August 2018 um 15% eingebrochen:

Der Index steht heute auf dem gleichen Niveau wie im September 2017, vor dem kurzlebigen «Sugar High», das die Trump-Regierung Anfang 2018 mit ihren Steuersenkungen ausgelöst hatte.

Auch am bis vor kurzem noch heissen Markt für Börsengänge (Initial Public Offering, IPO) ist die Luft draussen. Mein Kollege Christoph Gisiger wirft in seinem «The Pulse»-Newsletter die Frage auf, ob das Fiasko mit dem IPO von WeWork die Blase im Silicon Valley zum Platzen gebracht hat.

Als ob das alles nicht schon genug Warnzeichen wären, werden sich die amerikanischen Börsen in den kommenden Wochen mehr und mehr mit der Wahrscheinlichkeit befassen müssen, dass die Kandidatin der Demokratischen Partei für die Präsidentschaftswahlen im November 2020 Elizabeth Warren heissen wird.

«Warren könnte das am weitesten links politisierende Staatsoberhaupt in der Geschichte der USA werden: Sie will Banken stärker regulieren, die grossen Tech-Konzerne aufspalten, und sie verspricht, Ölfracking zu verbieten», warnt Louis-Vincent Gave vom Hongkonger Analysehaus Gavekal im Interview mit The Market.

Die Last auf dem Rücken von Powell wird immer schwerer.

Mit diesen Worten bleibt mir, Ihnen ein geruhsames Wochenende zu wünschen. 

Der «Big Picture»-Newsletter fällt nun für zwei Wochen aus – die nächste Ausgabe erscheint am 25. Oktober.

Herzlich,

Mark Dittli und das Team von The Market