The Big Picture

Der Deal ist da – und nun?

Nach der Unterzeichnung des Phase-eins-Abkommens liefert die Hoffnung auf eine Beilegung des Handelskonfliktes keinen Treibstoff mehr für die Börsen. Damit rücken andere Faktoren für die Anleger in den Fokus.

Mark Dittli

Das Abkommen ist unterschrieben. Am Mittwoch setzten US-Präsident Trump und Chinas Vizepremier Liu He im Weissen Haus ihre Unterschrift unter den Phase-eins-Deal zwischen den beiden Supermächten.

Damit ist der Handelskonflikt vorerst auf Eis gelegt – wenn auch bei weitem nicht gelöst.

Was enthält das Abkommen, und was bedeutet es für die Finanzmärkte? Diesen Fragen wollen wir uns im dieswöchigen «Big Picture» widmen.

Die Themen:

  1. Der Deal: was er enthält – und was nicht
  2. Der Deal: die Folgen
  3. Sind die Börsen reif für eine Korrektur?
  4. Bossard, Geberit, Sika: Enttäuschungen werden nicht toleriert
  5. Rosenberg spricht

1. Der Deal: was er enthält – und was nicht

Beide Parteien haben das Abkommen im vollen Wortlaut publiziert.

Überraschend – und positiv zu werten – ist die Tatsache, dass sich die ersten zwei Kapitel des Abkommens den Themengebieten «Schutz geistigen Eigentums» und «Technologietransfer» widmen. Sie sind zwar reichlich schwammig formuliert, doch Peking verpflichtet sich zum Schutz von Patenten und verzichtet darauf, von amerikanischen Unternehmen einen Technologietransfer zu erzwingen, wenn sie in China geschäften wollen.

In einem weiteren Kapitel willigt Peking ein, den heimischen Finanzmarkt noch mehr für amerikanische Banken und Ratingagenturen zu öffnen. Überdies verpflichten sich beide Seiten, ihre eigene Währung nicht zu kompetitiven Zwecken abzuwerten. Dieser Passus hat es dem US-Finanzministerium erlaubt, am Tag vor Unterzeichnung des Deals China von der Liste der offiziell als «Währungsmanipulatoren» designierten Staaten zu nehmen. Der Marktstratege Christopher Wood hatte dieses Szenario vor einer Woche im Interview mit The Market als Win-Win-Lösung bezeichnet.

Der konkreteste Passus betrifft zweifellos die Warenkäufe, zu denen sich Peking in den kommenden zwei Jahren verpflichtet: Demnach soll China seine Importe von amerikanischen Gütern verglichen mit dem Stand von 2017 um 200 Mrd. $ erhöhen. 

Konkret sollen die Käufe von Industrieprodukten über zwei Jahre um 78 Mrd. $ steigen, die Importe von Agrargütern um 32 Mrd., Energieprodukte um 52 Mrd. und Dienstleistungen um 38 Mrd. $.

Das ist für den bekannterweise merkantilistisch denkenden Trump der wichtigste Sieg, den er seiner Wählerbasis verkünden kann.

Was der Deal nicht enthält: Pekings Subventionierungspraxis für die heimischen staatseigenen Betriebe ist mit keinem Wort erwähnt. Dieses heikle Thema, das auch der europäischen Wirtschaft ein Dorn im Auge ist, wurde für die Phase-zwei-Verhandlungen aufgeschoben (für die aber noch kein Zeitplan besteht). Das ist ein Sieg für China.

Wichtig ist abschliessend noch die Feststellung, dass Washington die bereits verhängten Strafzölle nur marginal abbaut. Der grösste Teil der Zölle bleibt bestehen. Trump sagte am Mittwoch, Ziel des Phase-zwei-Deals sei ein kompletter Abbau aller Zölle.

Soviel zum Inhalt des Abkommens. Was sind seine Folgen?

2. Der Deal: die Folgen

Es wird anspruchsvoll sein für China, das versprochene Kaufvolumen von amerikanischen Gütern einzuhalten. Die Zielsetzung für Dienstleistungen, Energieprodukte (voraussichtlich hauptsächlich verflüssigtes Erdgas) und Agrargüter (vor allem Schweinefleisch, Soja und Milchprodukte) dürften noch einigermassen zu erreichen sein – aber mit dem Resultat, dass Chinas Käufe von Agrargütern aus Staaten wie Brasilien, Argentinien, Australien und Neuseeland sinken werden.

Eine grosse Herausforderung wird Pekings Verpflichtung, über zwei Jahre amerikanische Industriegüter im Wert von 78 Mrd. $ zu kaufen. Es ist abzusehen, dass das nur möglich sein wird, wenn China seine Käufe aus Europa drosselt. EU-Handelskommissar Phil Hogan hat diesen Aspekt des Abkommens umgehend kritisiert.

Mit diesen anspruchsvollen Kaufverpflichtungen wird die latente Gefahr bestehen, dass Trump in den kommenden Monaten – beziehungsweise nach seiner möglichen Wiederwahl im November – weiter die Zollpeitsche schwingen wird, sollten sich Chinas Käufe nicht wie vereinbart entwickeln.

Möglicherweise hat Trump mit diesem «Sieg» aber auch ein Eigentor geschossen: Peking könnte den Standpunkt vertreten, dass die Kaufverpflichtungen für Industriegüter nur einzuhalten sind, wenn Huawei nicht mit einem Boykott von amerikanischen Lieferanten belegt wird und wenn Chinas Halbleiterindustrie Chip-Fertigungsmaschinen aus den USA kaufen darf.

Eine weitere mögliche, nachteilige Folge des Phase-eins-Abkommens: Solange China seine Kaufverpflichtungen einhält, wird es Trump wenig Angriffsfläche für weitere protektionistische Poltereien bieten. Das könnte den US-Präsidenten dazu animieren, mit neuen Strafzöllen gegen Europa vorzugehen. Im Wahlkampfjahr 2020 wird er sich die Chance nicht nehmen lassen, sich seiner Wählerbasis gegenüber als knallharter Dealmaker zu positionieren.

Die kurzfristig wichtigste Folge des Deals hat sich im Währungsgefüge eingestellt: Der Renminbi ist auf den höchsten Stand seit Sommer geklettert, die chinesische Valuta hat sich seit ihrem Tiefpunkt Anfang September um 4,5% verteuert. 

Damit dürfte einer neuerlichen Abschwächung des Dollars – und somit einer Fortsetzung der Börsenavancen in Emerging Markets – nichts im Weg stehen.

3. Sind die Börsen reif für eine Korrektur?

Die Reaktion der Finanzmärkte auf die Unterzeichnung des Phase-eins-Abkommens waren lauwarm. Wieso herrschte nicht mehr Euphorie, dass die Ungewissheit des eskalierenden Handelskonflikts nun gebannt ist? 

Ganz einfach: In der Erwartung des Deals hatten die Aktienmärkte seit Oktober bereits kräftig zugelegt. Der S&P 500 hat in den letzten drei Monaten mehr als 12,5% gewonnen. Der Deal war längst eingepreist.

Die Frage ist nun, wie es an den Börsen weitergeht. Die Hoffnung auf eine Beilegung des Handelskonfliktes liefert keinen Treibstoff mehr, zumal abzusehen ist, dass die Phase-zwei-Verhandlungen wahrscheinlich erst nach den Präsidentschaftswahlen in den USA auf die Agenda kommen.

Damit rücken andere Faktoren in den Fokus:

Erstens die Geldpolitik der US-Notenbank. Es steht ausser Frage, dass die Liquiditätshilfen des Fed seit Ende September eine entscheidende Rolle für die Börsenavancen im vierten Quartal gespielt haben. Sollte Fed-Chef Jerome Powell den Versuch unternehmen, die Märkte verbal auf ein Zurückfahren dieser Liquiditätshilfen vorzubereiten, wären Kurseinbussen so gut wie sicher.

Zweitens die Gewinnentwicklung der Unternehmen. Die Hoffnung auf eine Belebung der Weltkonjunktur und damit auf steigende Gewinne hat die Börsen angetrieben. Diese Hoffnung muss nun von den Unternehmen bestätigt werden, wenn sie in den kommenden Wochen ihre Geschäftszahlen und ihren Ausblick auf 2020 präsentieren.

Drittens der US-Wahlkampf. Am 3. Februar geht mit dem Bundesstaat Iowa der Vorwahl-Zirkus los. Er wird die Märkte beschäftigen, bis die Abgeordneten der Demokratische Partei am 16. Juli die Person bestimmen, die am 3. November gegen Donald Trump antreten wird. Sollte sich herauskristallisieren, dass Elizabeth Warren oder Bernie Sanders in den Umfragen wieder an Momentum gewinnen, würde das die Börsen belasten.

Alles in allem betrachtet wären die Börsen nach den kräftigen Avancen im vierten Quartal reif für eine Korrektur. Auch die ausgelassene Stimmung spricht dafür.

4. Bossard, Geberit, Sika: keine Toleranz für Enttäuschungen

In der Schweiz haben in den vergangenen Tagen mit Bossard, Geberit und Sika drei konjunktursensitive Unternehmen ihren Vorabschluss für das vierte Quartal publiziert. Und alle drei konnten die hohen Erwartungen nicht erfüllen. Die Börse reagierte ungnädig mit Einbussen zwischen 5% (Geberit) und 15% (Bossard).

Eine besonders kalte Dusche lieferte Bossard. Der Schraubenhändler zählt weltweit Tausende von Kunden und gilt als Frühzykliker. Seine Verkäufe sanken im vierten Quartal auf vergleichbarer Basis um gut 7%. Von einer konjunkturellen Erholung war im Geschäftsgang von Bossard also noch herzlich wenig zu spüren. Seinen Ausblick auf 2020 wird das Zuger Unternehmen erst am 4. März präsentieren.

Kommende Woche werden mit Tornos, Arbonia, Huber+Suhner, Autoneum, Belimo, Mikron und Starrag eine Reihe weiterer Schweizer Industrieunternehmen ihre Umsatzzahlen für das vergangene Jahr publizieren.

5. Rosenberg spricht

Zum Schluss noch eine Leseempfehlung für das Interview, das mein Kollege Christoph Gisiger mit dem kanadischen Ökonomen und langjährigen Marktbeobachter David Rosenberg geführt hat.

Rosenberg, dem zu Unrecht das Image eines «Permabären» anhaftet, legt im Gespräch dar, weshalb er auf Aktien aus dem Erdölsektor, auf Japan, Emerging Markets und auf Gold setzt. Zudem spricht er einen Punkt an, der den teuer bewerteten US-Aktienmarkt im laufenden Jahr prägen wird: Die Gewinne der amerikanischen Unternehmen entwickeln sich seit vier Quartalen rückläufig, eine Gewinnrezession in den USA ist längst Tatsache.

Rosenberg warnt auch davor, den robusten Zustand des US-Konsums unhinterfragt in die Zukunft fortzuschreiben. In der Tat: Die Aktien des Detailhandelsriesen Target brachen am Mittwoch nach schwachen Viertquartalszahlen um 10% ein.

Es bleibt spannend.

Vielen Dank für die Zeit, die Sie The Market widmen. Geniessen Sie Ihr Wochenende!

Herzlich,

Mark Dittli und das Team von The Market