The Big Picture

Die Börsen im luftleeren Raum

Bis zum Beginn der Berichtssaison im Januar erhalten Investoren kaum Aufschluss, ob die Anzeichen der Erholung bei den Unternehmen ankommen. Deshalb sollten sie sich den 18. Dezember merken. Dann rapportiert der Chiphersteller Micron Technology.

Mark Dittli

Die Farce geht weiter.

Eine «Phase One»-Einigung im US-chinesischen Handelsdisput steht kurz bevor. Dann wieder nicht. Dann wieder doch.

Personifiziert wird das Hin und Her von Donald Trump: Am 3. Dezember sagte er am Rand des Nato-Gipfels in London, vielleicht wäre es besser, wenn es keinen Deal mehr vor den US-Präsidentschaftswahlen im November 2020 gebe. «Ich denke das, aber ich sage es nicht», präzisierte Trump.

Ein Tag später, am 4. Dezember, frohlockte Trump in London sodann bereits wieder, eine Einigung stehe kurz bevor. Und prompt: Kaum flimmert die Schlagzeile einer baldigen Einigung über die Bloomberg-Schirme, steigen die Aktienmärkte. Dieses Muster hat sich in den vergangenen Monaten schon unzählige Male wiederholt, und es funktioniert immer noch.

Dabei wäre der «Phase One»-Deal der einfachste Teil: China kauft etwas mehr Soja und Schweinefleisch aus den USA, und Washington fährt einen Teil der im September verhängten Strafzölle zurück. Aber offenbar ist schon dieser Graben zu breit.

In gut einer Woche, am 15. Dezember, tritt die nächste Stufe der von Trump verhängten Strafzölle in Kraft. Das Fenster für einen Deal schliesst sich.

Damit kommen wir zu den Themen im heutigen «Big Picture»:

  1. Die Börsen im luftleeren Raum
  2. Weitere grüne Triebe
  3. China und die Chip-Industrie
  4. Impeachment Time
  5. Das Fed, Dein Freund

1. Die Börsen im luftleeren Raum

Müsste man das Geschehen an den Finanzmärkten in den vergangenen drei Monaten in einem Satz zusammenfassen, dann lautete dieser so: «Zyklische Sektoren wie Industrie und Finanzen fallen mit überdurchschnittlichen Kursgewinnen auf, was eine Indikation dafür ist, dass die Börsen ein Ende der konjunkturellen Abkühlung vorwegnehmen.»

Seit rund drei Wochen hat diese Sektorrotation eine Pause eingelegt; die Märkte sind im Findungsprozess, ob der erwartete Aufschwung auch tatsächlich eintritt.

Die Börsen stehen nun noch gut einen Monat im luftleeren Raum: Wenn die Unternehmen ab Mitte Januar ihre Quartalszahlen und vor allem ihren Ausblick auf 2020 präsentieren, wird sich weisen, ob die Hoffnungen der Märkte berechtigt waren. Sonst droht vor allem den zyklischen Aktien aus dem Industriesektor – in der Schweiz zum Beispiel ABB – ein Rückschlag.

Ein Datum, das sich Anleger merken sollten, ist der 18. Dezember: Dann wird der Speicherchiphersteller Micron Technology über das erste Geschäftsquartal per Ende November Rechenschaft ablegen und seinen Ausblick präsentieren.

Sollte Micron enttäuschen, würde das den heissgelaufenen Halbleitersektor an den Börsen unter Druck setzen. Das ist für die drei Schweizer Halbleiter-Zulieferer VAT, Inficon und Comet relevant, deren Aktien seit Anfang September in Erwartung eines Branchenaufschwungs zwischen 15% (Inficon) und 40% (Comet) zugelegt haben.

In diesem Zusammenhang bemerkenswert ist, dass die Analysten für die im amerikanischen S&P 500 zusammengefassten Konzerne im vierten Quartal mit einem leichten Gewinnrückgang rechnen. Das wäre das vierte Quartal in Folge, dass die 500 wichtigsten US-Unternehmen schrumpfende Gewinne präsentieren – die Gewinnrezession ist längst Tatsache.

Der gesamte Kursgewinn des S&P 500 von 24% seit Anfang 2019 ist also nicht auf steigende Unternehmensgewinne, sondern einzig und allein auf eine Bewertungsexpansion zurückzuführen. Wie mein Kollege Gregor Mast in seiner Analyse des von The Market entwickelten Fair-Value-Modells schreibt, ist der US-Aktienmarkt gegenwärtig rund 50% überbewertet:

S&P 500 ist deutlich überbewertet

S&P 500
Fairer Wert

Freilich kann die Bewertung per se nie als Timing-Indikation für eine Korrektur dienen. Aktienmärkte können jahrelang überbewertet bleiben.

Aber es ist evident: An den Börsen hat sich viel Hoffnung auf einen zyklischen Aufschwung aufgebaut. Die Unternehmen müssen diese Hoffnung in den nächsten Monaten bestätigen.

2. Weitere grüne Triebe

Eine «Superwoche» der Konjunkturindikatoren liegt hinter uns. In allen relevanten Volkswirtschaften wurden die Einkaufsmanagerindizes (PMI) des Industrie- und des Dienstleistungssektors publiziert.

Die positivste Überraschung lieferte China, wo sowohl der offizielle wie auch der vom Wirtschaftsmagazin «Caixin» erhobene PMI wieder eine Expansion anzeigen. Die vom China-Spezialisten Jörg Wuttke präsentierte These scheint sich zu bestätigen, wonach Chinas Wirtschaft einen zyklischen Aufschwung erlebt.

Leicht über den Erwartungen fielen auch die PMI in Europa und Japan aus. Die grösste Enttäuschung kam von der weltgrössten Wirtschaft: In den USA sank der ISM-Index des verarbeitenden Gewerbes überraschend auf 48,1, der Index des Dienstleistungssektors ermässigte sich auf 53,9.

Insgesamt ist der globale PMI für das verarbeitende Gewerbe mit 50,3 wieder in marginal expansives Territorium geklettert:

Es kann also weiterhin von grünen Trieben im globalen Konjunkturbild gesprochen werden, wobei der wichtigste Schwingfaktor China ist.

In Japan hat die Regierung derweil ein 121 Mrd. $ schweres fiskalpolitisches Stimulusprogramm beschlossen, um die heimische Wirtschaft zu stützen. Wie mein Kollege Sandro Rosa in dieser Analyse schreibt, bietet der japanische Aktienmarkt weiterhin Potenzial.

Alle Erwartungen übertroffen hat am Freitag der monatliche US-Arbeitsmarktbericht: Demnach wurden in der amerikanischen Wirtschaft im November 266'000 neue Stellen geschaffen. Ökonomen hatten mit 180'000 neuen Stellen gerechnet. 

Spannend bleibt der Dollar: Es wäre eine Bestätigung für das sich aufhellende Konjunkturbild in der Welt, wenn sich die US-Währung abschwächt. Diverse Gründe sprechen auch für eine Dollarschwäche, doch bis anhin hat sich der Greenback stark gehalten.

Aktuell liegt der handelsgewichtete Dollarindex (blaue Kurve in der Grafik) auf 97.44 und damit leicht unter seinem 200-Tages-Durchschnitt (orange): 

In den vergangenen zwölf Monaten ist der Dollar jedes Mal wieder erstarkt, wenn er seine 200-Tages-Durchschnittslinie berührt hatte.

Vielleicht bricht der Dollar dieses Mal nach unten aus. Das wäre ein bullishes Signal für die Börsen, vor allem für Emerging Markets.

3. China und die Chip-Industrie

Chinas Wirtschaft ist auf Halbleitertechnologie aus den USA angewiesen. Das ist ein Trumpf, den Washington in der strategischen Auseinandersetzung zwischen den beiden Supermächten hält. Um diesen Mangel zu beheben, versucht Peking mit milliardenschweren Investitionen, eine heimische Chipindustrie zu entwickeln.

«Es wird noch eine lange Zeit dauern, bis China in der Halbleitertechnologie auf Weltniveau spielen kann», sagt Mike Shiao, der als Chief Investment Officer Asien für den Asset Manager Invesco arbeitet. Das grösste Problem für China sei der Mangel an Know-how und der fehlende Zugang zu Chipdesign-Technologien. «China liegt diesbezüglich noch Generationen hinter Taiwan und Korea», sagt Shiao.

Dass es Peking aber ernst ist, zeigt diese Recherche des Wirtschaftsmagazins «Nikkei Asian Review»: Demnach hat China mehr als 3000 Halbleiter-Ingenieure aus Taiwan abgeworben, unter anderem mit der Aussicht auf eine Verdoppelung des Gehalts und kostenloser Ausbildung für Kinder.

Zeitgleich kaufen chinesische Unternehmen gemäss einer Recherche von Bloomberg gegenwärtig so viele Halbleiter aus den USA, wie sie nur können, um von einem möglichen Lieferstopp nicht auf dem falschen Fuss erwischt zu werden.

Das bestätigt: Technologie ist eines der Felder, auf denen der strategische Konflikt zwischen China und den USA ausgetragen wird.

4. Impeachment Time

Es ist offiziell: Das von den Demokraten dominierte Abgeordnetenhaus hat ein Amtsenthebungsverfahren (Impeachment) gegen Trump eingeleitet. Er habe im Zusammenhang mit der Ukraine-Affäre sein Amt missbraucht.

Das gibt zwar dicke Schlagzeilen, aber die Wahrscheinlichkeit ist immer noch praktisch Null, dass der von den Republikanern dominierte Senat «seinen» Präsidenten aus dem Weissen Haus werfen wird.

Der Grund dafür ist einfach: Trump geniesst in der Basis der republikanischen Wählerschaft überaus hohe Zustimmungsraten von rund 90%. Wie die folgende Grafik von BCA Research zeigt, liegen Trumps Zustimmungsraten in der Republikanischen Partei sogar noch über dem Durchschnitt seiner Vorgänger Bush Junior und Senior, Reagan, Nixon, Ford und Eisenhower: 

Es wäre politischer Selbstmord für jeden republikanischen Senator, sich von Trump abzuwenden.

Die BCA-Grafik zeigt auch eindrücklich: Für Richard Nixon war das Spiel 1974 erst aus, als sich die Basis der Republikanischen Partei von ihm abwandte. Davon ist bei Trump noch nichts zu sehen.

Man darf nicht vergessen: Trump ist der Mann, der im Wahlkampf prahlte, er könne am helllichten Tag einen Menschen auf der Fifth Avenue in New York erschiessen, und seine Basis würde ihn immer noch lieben...

Aus Investorensicht ist das Impeachment-Verfahren aber doch nicht bloss irrelevanter Lärm. Steht Trump innenpolitisch und medial nämlich unter Druck, kann er jederzeit einen Konflikt im Ausland suchen und so den starken Mann markieren.

Offensichtliche Spielfelder für einen derartigen Ausbruch sind Nordkorea (was ist aus der grossen Liebe zwischen Kim und Trump geworden?) und der Iran. Auch ist es kein Zufall, dass Trump just in der Woche der Impeachment-Anhörungen mit neuen Strafzöllen gegen Frankreich, Brasilien und Argentinien um sich schlägt.

5. Das Fed, Dein Freund

Am 10. und 11. Dezember trifft sich der Offenmarktausschuss der US-Notenbank zu seiner nächsten Sitzung. Die Terminmärkte sind sich einig: Das Fed wird keine Senkung der Leitzinsen beschliessen.

Doch auch wenn Fed-Chef Jerome Powell mit seiner Zinspolitik «on hold» bleibt, darf nicht unterschätzt werden, dass die US-Notenbank seit September eine entscheidende Rolle in der «Risk On»-Bewegung an den Finanzmärkten gespielt hat. 

Seit Powells Entscheid, den unter Stress geratenen Interbankenmarkt zu stützen und wieder US-Staatsanleihen zu kaufen, wächst die Fed-Bilanz wieder – und die Märkte lieben es:

Eigentlich sollten die Stützungsmassnahmen des Fed temporär sein, und eigentlich will Powell die Treasury-Käufe nach wenigen Monaten wieder beenden. 

Aber wetten wir, dass die Fed-Bilanz auf Expansionskurs bleibt? Denn sollte Powell wieder auf «Quantitative Tightening» umschwenken, fliegen ihm nicht nur die Finanzmärkte um die Ohren, er wird auch einen furiosen Donald Trump im Nacken haben. Und so wird aus «temporär» wohl schon bald «permanent» werden.

Mit diesen Schlussgedanken bleibt mir, Ihnen für die Zeit zu danken, die Sie The Market widmen. 

Geniessen Sie Ihr Wochenende!

Herzlich,

Mark Dittli und das Team von The Market