The Big Picture

Die Börsen setzen auf ein Abflauen der Coronavirus-Epidemie

Die Finanzmärkte setzen ihre Rekordjagd fort. Das verlangsamte Wachstum der neuen Erkrankungsfälle gibt ihnen teilweise recht. Dennoch wäre eine ausgeprägtere Korrektur wünschenswert.

Mark Dittli

War's das schon? 

Die Aktienmärkte haben die Furcht vor der Coronavirus-Epidemie weggesteckt. Der S&P 500 erreichte diese Woche ein Rekordhoch, und auch der Swiss Market Index schaffte es zum ersten Mal über 11'000.

Selbst der CSI 300 in China gewann seit Dienstag gut 5%, nachdem er am Montag, nach der gut einwöchigen Neujahrspause, um 7,9% eingebrochen war.

Und all das, obwohl mit Stand von heute Freitag die Zahl der bestätigten Erkrankungsfälle in China auf über 31'200 und die Zahl der Todesfälle auf 637 gestiegen ist.

Sind die Investoren von allen guten Geistern verlassen? Nein, natürlich nicht. Die Börsen kalkulieren einfach die durchaus rationale Erwartung, dass die Coronavirus-Epidemie bloss eine temporäre Belastung ist, die die Wirtschaftsaktivität im ersten Quartal beeinträchtigt – gefolgt von einer kräftigen Erholung ab dem Frühjahr.

Die Börsen blicken also durch die Epidemie hindurch und erwarten ein baldiges Abflauen der Panik.

Die alles entscheidende Frage ist: Liegen sie damit richtig?

Dieser und einigen weiteren Fragen widmen wir uns im dieswöchigen «Big Picture». Die Themen:

  1. Das Coronavirus-Modell
  2. Ein Held mit Namen Dr. Li Wenliang
  3. Der Zustand der Weltwirtschaft
  4. Börsen: zu hoch, zu schnell?
  5. USA: Die B-Liste der Demokraten

1. Das Coronavirus-Modell

Vergangene Woche haben wir im «Big Picture» den exponentiellen Wachstumstrend beschrieben, dem die Zahl der neu gemeldeten Viruserkrankungen folgt. Damals stieg die Zahl der bestätigten Erkrankungsfälle mit einer Rate von rund 50% pro Tag.

Heute ist klar: Der Pfad is abgeflacht. Momentan melden die chinesischen Behörden täglich rund 3500 neue Erkrankungen. Das ist zwar in absoluten Zahlen viel, aber prozentual wächst die Zahl der neuen Fälle damit nur noch mit 10 bis 15% pro Tag.

Das ist eine signifikante Verlangsamung und damit positiv zu werten.

Ein ebenfalls zuversichtlich stimmendes Signal ist die Tatsache, dass sich die Zahl der neuen Erkrankungs- sowie der gemeldeten Todesfälle nach wie vor auf die Provinz Hubei konzentriert. Von den 637 Todesfällen in der Volksrepublik entfallen 618 auf die Provinz Hubei mit der Metropole Wuhan.

Ausserhalb Chinas hat die Epidemie erst 266 bestätigte Erkrankungs- und zwei Todesfälle (Philippinen und Hongkong) gefordert:

Quelle: Jefferies

Quelle: Jefferies

Das bedeutet, dass die Abschottung der Provinz recht gut zu funktionieren scheint und das Virus nicht besonders gut «reist».

Etwas Perspektive dazu liefern die Analysten der Hongkonger Research-Boutique Gavekal: Die Provinz Hubei zählt gegenwärtig 23 Erkrankungsfälle je 100'000 Einwohner. In den östlichen Küstenprovinzen Chinas, wo ein Grossteil der wirtschaftlichen Aktivität angesiedelt ist, sind es bis dato bloss 0,5 Erkrankungsfälle je 100'000 Einwohner.

Aber Achtung: Für eine Entwarnung ist es viel zu früh. Die lange Inkubationszeit des Virus und die relativ hohe Ansteckungsrate sind tückisch. 

Nun gilt es, die Zahl der täglich neu gemeldeten Erkrankungsfälle im Auge zu behalten. Flacht das prozentuale Wachstum weiter ab, ist es eine Frage der Zeit, bis der «Gipfel» der neuen Erkrankungen erreicht ist und danach auch die absolute Zahl der Fälle abnimmt.

Die Analysten von Gavekal haben auf Basis des bisherigen Verlaufs ein Modell entwickelt, das den Höhepunkt der Epidemie mit gut 225'000 Erkrankungsfällen auf Anfang März prognostiziert:

Mit Stand von heute Freitag, 7. Februar, hätte die Zahl der Erkrankungsfälle gemäss dem Gavekal-Modell 38'082 erreichen sollen:

Effektiv sind mit Stand von heute weltweit 31'477 Fälle bestätigt, die Realität liegt also schon leicht unter dem Modell.

Es wird spannend sein, zu sehen, ob am 9. Februar die Schwelle von 50'000 Fällen überschritten wird.

Nochmals: Die Lage ist unübersichtlich, zahlreiche Fälle dürften auch noch nicht korrekt gemeldet sein. Das Virus kann überraschend an neuen Orten auftauchen.

Aber alles in allem scheinen die Finanzmärkte gemäss aktuellem Wissensstand nicht unrecht mit ihrer Erwartung zu haben, dass der schlimmste Teil der Epidemie bald vorüber ist.

2. Ein Held mit Namen Dr. Li Wenliang

In Wuhan ist am Donnerstag ein Arzt mit Namen Dr. Li Wenliang gestorben. Er war einer der «Whistleblower», die im Dezember Alarm schlugen und den Behörden in Wuhan vorwarfen, den Ausbruch der neuartigen Viruserkrankung zu vertuschen.

Dr. Li hat sich in seiner Arbeit mit dem Virus angesteckt und ist nun daran gestorben.

Wieso ist das relevant?

In den sozialen Medien Chinas entlädt sich dieser Tage ein Sturm der Kritik über der Führung der Kommunistischen Partei. Die Funktionäre werden der Lüge bezichtigt, die Wut der Bevölkerung richtet sich gegen das gesamte System.

Der Korrespondent des «Economist» in Schanghai, Simon Rabinovitch, meldet über Twitter, er habe noch nie einen derartigen Sturm an Emotionen in den sozialen Medien gesehen:

Das zeigt, dass die Coronavirus-Epidemie nicht bloss eine wirtschaftliche Herausforderung für die Parteispitze um Xi Jinping ist, sondern auch eine politische.

Und was macht die Parteiführung? Sie umarmt den Helden. Das Aussenministerium, der Botschafter Chinas in Washington, die Sprachrohre «China Daily» und «Global Times» – sie alle würdigen und loben Dr. Li:

Selbstverständlich steckt dahinter Kalkül: Mit der Heldenverehrung stellt sich Peking an die Seite des Volkes und geht auf Distanz zu den lokalen Parteispitzen und Behörden in Hubei. 

Die Schuldigen sitzen nicht in Peking, sondern in Wuhan.

3. Der Zustand der Weltwirtschaft

Die Epidemie wird die chinesische und damit auch die Weltwirtschaft im ersten Quartal zweifellos hart treffen. Es ist müssig, zu versuchen, die Abschwächung in einer Prozentzahl zu definieren. Der Schlag wird auf jeden Fall hart sein.

«Chinas Regierung ist der wirtschaftliche Schaden momentan völlig egal; sie will die Epidemie unter Kontrolle kriegen, und zwar schnell», sagte Jörg Wuttke, Präsident der EU-Handelskammer in China, diese Woche im Interview mit The Market.

Die stillgelegte Metropole Wuhan ist ein wichtiges Zentrum der Automobil-, Stahl-, Bildschirm- und Halbleiterindustrie.

Folgenschwer sind die Auswirkungen der Produktionsausfälle und der Blockade vieler Transportwege in China auf die Lieferketten in vielen Industrien. Foxconn, der wichtigste Auftragsfertiger von Apple, meldet zum Beispiel, dass seine Produktion voraussichtlich noch bis Ende Februar eingeschränkt sein wird.

Die Epidemie trifft die Weltwirtschaft in einem denkbar ungünstigen Moment. Die Weltkonjunktur zeigte in den vergangenen Monaten eindeutige Signale einer zyklischen Erholung. Die zu Beginn dieser Woche publizierten Einkaufsmanagerindizes – ein wichtiger Vorlaufindikator – für den Monat Januar bestätigten die Festigung. Der ISM-Index in den USA beispielsweise stieg von 48,5 auf 50,9.

Die Einkaufsmanagerindizes wurden freilich vor der deutlichen Ausweitung der Coronavirus-Epidemie erhoben, so dass die jüngsten Zahlen momentan wenig Aussagekraft haben.

Auch hier gilt: Alles hängt davon ab, ob China in wenigen Wochen wieder auf «Normalbetrieb» gehen und die Erholung beginnen kann. Falls ja, dann wird die Weltwirtschaft keinen nachhaltigen Schaden nehmen, zumal Peking rasch Stimulusmassnahmen beschliessen dürfte, um das verlorene erste Quartal aufzuholen.

4. Börsen: zu hoch, zu schnell?

Das Coronavirus hat die Börsen nur gerade eine Woche verunsichert. Für westliche Indizes wie den S&P 500 oder auch den SMI war der Rückschlag minimal, es kann noch nicht einmal von einer Korrektur die Rede sein (wobei in der Schweiz freilich sensitive Werte wie Swatch Group, Dufry, DKSH oder Kühne+Nagel herbere Einbussen erlitten haben).

Das jeweils am Montag von The Market erhobene, aus neun Stimmungsindikatoren zusammengesetzte Risk Barometer zeigte diese Woche erhöhte Nervosität, aber von ausgeprägtem Pessimismus konnte noch keine Rede sein:

Das zeigt die nach wie vor starke Tendenz unter Investoren, jeden Rückschlag zu kaufen («buy the dip»), zumal sie fest davon ausgehen, dass die Notenbanken immer rettend einspringen werden, wenn die Finanzmärkte in Turbulenzen geraten.

Trotzdem: Eine etwas deutlichere Korrektur wäre nach dem rasanten Anstieg der Börsenkurse in den vergangenen Monaten gesünder gewesen. Die Börsen bleiben damit in den kommenden Tagen und Wochen anfällig auf Rückschläge, besonders falls Schlagzeilen von neuen Coronavirus-Fällen ausserhalb Chinas erscheinen sollten.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass der Bondmarkt und der Goldpreis die Zuversicht des Aktienmarktes noch nicht teilen: Die Rendite zehnjähriger U.S. Treasury Notes verharrt auf 1,64%, die Zinskurve ist flach wie ein Brett, und der Goldpreis bleibt starr auf 1570 $ je Unze.

Timing-Aussagen für die Finanzmärkte sind immer problematisch, aber wahrscheinlich wird es in den kommenden Wochen bessere Kaufgelegenheiten an den Börsen geben.

5. USA: Die B-Liste der Demokraten

Die Welt wird nicht bloss vom Coronavirus in Atem gehalten. Es gibt auch noch Donald Trump.

Diese Woche endete das Impeachment-Verfahren gegen den Präsidenten im Senat wie erwartet mit einem Freispruch. Trump hat die Republikanische Partei fest in der Hand.

In Iowa begannen die Vorwahlen der Demokraten am Montag mit einem Desaster, weil die Auszählung der Stimmen nicht funktionierte. 

Kurz gesagt produzierte Iowa zwei Gewinner – Pete Buttigieg und Bernie Sanders – und einen Verlierer: Joe Biden. 

Doch Biden, ein gemässigter Kandidat, darf noch nicht abgeschrieben werden. In den nationalen Umfragen liegt der frühere Vizepräsident von Barack Obama immer noch in Führung. 

Mehr und mehr zeichnet sich ein Rennen von vier «B-Namen» ab: Bernie (Sanders), Joe Biden, Pete Buttigieg und Michael Bloomberg. Letzterer, der acht Jahre als Republikaner die Stadt New York regiert hatte, hat in den vergangenen Wochen in den Umfragen zugelegt.

Für die Finanzmärkte ist die Lage relativ simpel: Mit Biden, Buttigieg und Bloomberg könnten sie gut leben. Das sind zentrumsnahe Demokraten, die überdies in Sachen Freihandel liberaler sind als Trump. Das rote Tuch für die Märkte bleibt weiterhin Bernie Sanders (und Elizabeth Warren, deren Stern aber allmählich sinkt).

Ein weiteres Erstarken von Sanders würde daher die Nervosität an den Börsen steigen lassen.

Das sind die Daten der nächsten Vorwahlen:

  • 11. Februar: New Hampshire
  • 22. Februar: Nevada
  • 29. Februar: South Carolina
  • 3. März: «Super Tuesday» mit Vorwahlen in 14 Staaten, darunter Kalifornien, Texas und Massachusetts.

Für Joe Biden wird der 29. Februar zum Tag der Entscheidung. Wenn er in South Carolina, einem Staat mit grosser afroamerikanischer Bevölkerung, nicht gewinnt, ist er am Ende.

Mit diesen Schlussgedanken bleibt mir, Ihnen für die Zeit zu danken, die Sie The Market widmen.

Geniessen Sie Ihr Wochenende!

Herzlich,

Mark Dittli und das Team von The Market