The Big Picture

Die Märkte bleiben auf dünnem Eis

Der wöchentliche Blick auf die Grosswetterlage in der Weltwirtschaft und an den Finanzmärkten.

Mark Dittli

«Trade wars are good, and easy to win.»

«Our performance continues to be negatively impacted by (...) increasing trade tensions and policy uncertainty.»

Zwei Aussagen, von zwei einflussreichen Amerikanern.

Die Erste stammt von Donald Trump; er äusserte sie am 2. März 2018.

Die Zweite stammt von Fred Smith, Chairman von FedEx; er äusserte sie vor drei Tagen, am 17. September, als der Expressdienst seine Quartalszahlen präsentierte und einen enttäuschenden Geschäftsausblick abgab. Der FedEx-Aktienkurs sackte danach 13% in die Tiefe – es war der grösste Tagesverlust in den Titeln seit Dezember 2008.

Die beiden Aussagen symbolisieren das Dilemma, in dem Donald Trump ein gutes Jahr vor den Präsidentschaftswahlen in den USA steckt. Einerseits will er sich bei seiner Wählerbasis als harter Handelskrieger positionieren, der China in die Knie zwingt. Andererseits leiden Teile der amerikanischen Wirtschaft erheblich unter dem Konflikt. 

Soll er gegenüber Peking hart bleiben, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, er hätte einen schwachen Deal gemacht?

Oder soll er eine Einigung mit dem chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping suchen, um die Gefahr einer Rezession im Wahljahr zu minimieren?

Welchen Pfad Trump wählt, wird sich im Oktober weisen, wenn die offiziellen Gespräche zwischen Washington und Peking wieder beginnen.

Das bringt uns zu den Themen im dieswöchigen «Big Picture»:

  1. Gedanken zum Handelskonflikt
  2. Stop & Go in China
  3. Sorgen um das Nadelöhr der Ölversorgung
  4. Powell hat geliefert
  5. Fragen um Softbank

1. Gedanken zum Handelskonflikt

Wenn Washington ruft, muss Brüssel warten. Das haben die Europäer einmal mehr schmerzhaft erfahren müssen.

Der für Handelsfragen zuständige Vizepremier Chinas, Liu He, hätte Ende September nach Brüssel reisen sollen. Die Staaten der EU möchten schon lange ein Investitionsabkommen mit China abschliessen, doch die Verhandlungen kommen nicht voran.

Doch es wird auch dieses Mal nichts. Liu hat die Reise nach Brüssel abgesagt. Damit ist offensichtlich, dass Peking seine kappen Verhandlungsressourcen nach Washington ausrichten will, wo Anfang Oktober die Gespräche zur Beilegung des Handelsdisputs wieder aufgenommen werden sollen.

«Jedes Mal, wenn die Trump-Regierung ruft, rennen die Chinesen nach Washington. Und jedes Mal holen sie sich eine blutige Nase», sagte mir kürzlich ein einflussreicher europäischer Geschäftsmann in China.

Wird es auch diesmal so sein, dass die Gespräche hoffnungsvoll beginnen, bloss um dann in Form eines Tweets aus dem Weissen Haus rüde abgeschossen zu werden?

An den Finanzmärkten ist in den vergangenen Wochen die Hoffnung auf einen Deal – und sei er noch so oberflächlich – gestiegen. In den letzten drei «Big Picture»-Beiträgen (hierhier und hier) haben wir uns bereits diesem Thema gewidmet.

Die Ausgangslage bleibt: Beide Seiten haben ein Interesse an einem Deal, und sei es auch nur ein kurzfristiger Waffenstillstand. Gleichzeitig können es sich weder Trump noch Xi aus innenpolitischen Gründen leisten, schwach auszusehen.

Es wird nicht einfach, da einen gemeinsamen Nenner zu finden.

2. Stop & Go in China

Ein zweiter Grund für die «Risk On»-Stimmung an den Finanzmärkten war in den vergangenen Wochen die Aussicht – oder Hoffnung – auf grössere fiskal- und geldpolitische Stimuli in China. 

Auch für diese Hoffnung gibt es eine gewisse Basis, denn die People's Bank of China (PBoC) hat mehrmals beherzt Liquidität ins Finanzsystem gepumpt, und aus Kreisen um Premierminister Li Keqiang kamen Signale von neuen Fiskalstimuli für Infrastruktur-Investitionen.

Es ist evident, dass sich die Wirtschaft der Volksrepublik markant abkühlt. Chinas Industrieproduktion wuchs im August im Jahresvergleich noch mit 4,4%, was dem schwächsten Wert seit 2002 entspricht. 

Das Wachstum der Anlageinvestitionen (+5,5%) und der Detailhandelsverkäufe (+7,5%) im August hat die Erwartungen der Ökonomen ebenfalls enttäuscht.

Nach wie vor recht robust hält sich dagegen der Immobiliensektor in China. Die Investitionen in Wohnimmobilien sind im August um 13,7% gestiegen, wie die folgende Grafik von Jefferies zeigt:

In den ersten acht Monaten des laufenden Jahres liegt das Wachstum der Immobilien-Investitionen in China bei 14,9%.

Das ist ein Problem, denn: Die PBoC will die Spekulation im chinesischen Immobiliensektor eindämmen und die Schuldenaufnahme der ohnehin bereits in horrendem Mass verschuldeten Immobilienentwickler bremsen. 

Die Zentralbank ist damit zu einer Art «Stop & Go»-Politik gezwungen: Sie will die geldpolitischen Schleusen öffnen, um den heimischen Industrie- und Exportsektor zu stützen und das marode inländische Bankensystem mit Liquidität zu versorgen. Gleichzeitig darf ihre Geldpolitik aber nicht zu expansiv sein, weil sie den Immobiliensektor abkühlen will.

Investoren, die auf eine deutlich expansivere Geldpolitik der PBoC hoffen, könnten also enttäuscht werden. Die Zentralbank dürfte selektiv bleiben.

Ein verhalten zuversichtlich stimmendes Signal kommt derweil aus dem chinesischen Autosektor: Der Ausstoss an Automobilen aus Chinas Fabriken sank im August im Jahresvergleich nur noch um 0,7%, nach einem Absturz von 11,7% im Juli und 17,2% im Juni, wie die folgende Grafik von Gavekal Research zeigt:

Das kann ein Zeichen sein, dass für die Autobranche das Schlimmste vorüber ist. Auto-Aktien wie BMW befinden sich an der Börse seit dem 23. August in einem bis anhin ungebrochenen Aufwärtstrend.

3. Sorgen um das Nadelöhr der Ölversorgung

«Der scharfe Hund ist weg», haben wir vor einer Woche an dieser Stelle geschrieben. Gemeint war John Bolton, der wenige Tage zuvor von Donald Trump aus seinem Amt als nationaler Sicherheitsberater gefeuert worden war. Bolton galt im Weissen Haus als Verfechter einer militärischen Konfrontation mit dem Iran.

Fünf Tage nach Boltons Abtritt geschah der Raketen- oder Drohnenangriff auf die saudische Ölverarbeitungsanlage von Abqaiq, der den Ölpreis am Montag zeitweise um 15% in die Höhe schiessen liess.

Wir wollen hier nicht darüber spekulieren, wie nah Teheran in den Anschlag involviert war. Und auch nicht darüber, wie lange es dauert, bis die Produktion in Abqaiq wieder hochgefahren ist.

Wichtig ist jedoch das, was der Anschlag der ganzen Welt zeigte: Der seit Jahren schwelende Konflikt zwischen den beiden Hegemonialmächten im Nahen Osten, Saudi-Arabien und Iran, kann jederzeit «heiss» werden. Eine Eskalation hätte sofort Auswirkungen auf die Energieversorgung der Weltwirtschaft, denn die Strasse von Hormuz ist nach wie vor das Nadelöhr, durch das vor allem Asien sein Öl bezieht. 

Was der Anschlag auch zeigte: Die Produktionsanlagen in Saudi-Arabien sind in erheblichem Mass verletzlich. Und wenn das für Saudi-Arabien gilt, dann gilt das auch für die Anlagen im Emirat Abu Dhabi, dem Verbündeten Riads im Konflikt mit dem Iran.

4. Powell hat geliefert

Die US-Notenbank hat am Mittwoch wie erwartet die Leitzinsen um 25 Basispunkte gesenkt. Fed-Chef Jerome Powell hat es – im Gegensatz zu seinen früheren, eher stümperhaften Auftritten – auch geschafft, den Zinsentscheid kohärent zu kommunizieren. Mein Kollege Christoph Gisiger liefert in dieser Analyse mehr dazu.

Nach der Zinssenkung ist vor der Zinssenkung – daher widmen sich die Finanzmärkte bereits dem nächsten Treffen des Fed-Offenmarktausschusses am 30. Oktober. Gegenwärtig rechnen die Terminmärkte bereits mit einer Wahrscheinlichkeit von 43% mit einer abermaligen Zinssenkung Ende Oktober. 

Das Fed war der grosse Fisch, doch abseits des Rampenlichts haben in den vergangenen Tagen auch die Zentralbanken der Türkei, Vietnams, Hongkongs, Indonesiens und Brasiliens die Zinsen gesenkt: Die Liquiditätsschleusen öffnen sich weiter.

5. Fragen um Softbank

Kennen Sie Masayoshi Son? Der 62-jährige Japaner ist Chairman und CEO der Softbank-Holding, die unter anderem mit frühen Investitionen in Yahoo und Alibaba gross wurde und die heute Telecom-, Kabel- und Mobilfunknetze in Japan und anderen Ländern besitzt.

Zahlreiche Schlagzeilen schrieb Son mit dem fast 100 Mrd. $ schweren Vision Fund, der in Tech-«Einhörner» wie Slack und Uber in den USA oder ByteDance in China investiert ist – und der derzeit Schwierigkeiten bekundet, den Officesharing-Dienstleister WeWork an die Börse zu bringen.

Eine Recherche von Bloomberg lässt nun aufhorchen: Masayoshi Son hat 38% seiner Anteile an Softbank im Wert von rund 9 Mrd. $ als Pfand für Lombardkredite bei 19 verschiedenen Banken hinterlegt, darunter bei Credit Suisse und Julius Bär. Son soll sich demnach auch 3 Mrd. $ aus den Kassen von Softbank ausgeliehen haben, um in den Vision Fund zu investieren. Seine Anteile am Vision Fund soll er gemäss Bloomberg wiederum als Pfand für Lombardkredite hinterlegt haben.

So weit, so gut, schliesslich sind die Softbank-Aktien seit Anfang Jahr in Tokio um rund 26% gestiegen.

Aber Leverage hat bekanntlich immer zwei Seiten. Er erhöht die Gewinne in der Aufwärtsbewegung – und er erhöht die Verluste, wenn die Preise eines Tages südwärts rauschen.

Für Jim Grant, Verfasser des «Grant's Interest Rate Observer», ist Softbank der «Inbegriff des aktuellen Boomzyklus», wie er in seinem aktuellen Kundenbrief schreibt. Wer weiss, vielleicht wird Softbank – beziehungsweise Masayoshi Son – dereinst auch zum Inbegriff des Absturzes.

Erfahrung hätte er: Masayoshi Son verlor im Dotcom-Crash der Jahre 2000 und 2001 rund 70 Mrd. $...

Mit dieser frohen Botschaft bleibt mir, Ihnen ein sonniges Wochenende zu wünschen. Danke für die Zeit, die Sie The Market widmen.

Herzliche Grüsse,

Mark Dittli und das Team von The Market