The Big Picture

Die Märkte hoffen auf einen Deal zwischen Washington und Peking

Der wöchentliche Blick auf die Grosswetterlage in der Weltwirtschaft und an den Finanzmärkten.

Mark Dittli

Das Motto gilt weiterhin: Risk On.

Wir haben die These einer mehrwöchigen Erholungsphase an den Finanzmärkten bereits vor einer Woche im «Big Picture» thematisiert. Die Puzzlesteine dafür liegen immer noch richtig: Das Tauwetter zwischen den USA und China hat sich diese Woche fortgesetzt, und die People's Bank of China hat die geldpolitischen Schleusen überraschend beherzt geöffnet.

Seit dem 5. September, als bekannt wurde, dass Washington und Peking die Gespräche zur Beilegung des Handelsdisputs im Oktober wieder aufnehmen wollen, hat der S&P 500 mehr als 3,3% gewonnen. Die Rendite zehnjähriger Treasury Notes ist um 35 Basispunkte auf aktuell 1,79% gestiegen:

Quelle: Jefferies

Quelle: Jefferies

Der Goldpreis hat zeitweise bis unter 1500 $ je Feinunze korrigiert und liegt damit 4% unter dem Stand vom 4. September.

An den Börsen war eine Sektorrotation zu beobachten; zyklische Aktien wie in der Schweiz Richemont, ABB und LafargeHolcim legten zu, während defensive Bollwerke wie Nestlé Abgaben erlitten. Von der marginal steileren – beziehungsweise weniger inversen – Zinskurve profitierten Finanztitel wie UBS, Credit Suisse und Julius Bär.

Wie geht es jetzt weiter?

Dieser Frage widmen wir uns im dieswöchigen «Big Picture».

Die Themen:

  1. Ein Deal zwischen Trump und Xi?
  2. Der scharfe Hund ist weg
  3. Trump muss um die Wiederwahl fürchten
  4. Die Steilvorlage der EZB
  5. Green Shoots?

1. Ein Deal zwischen Trump und Xi?

Anfang Oktober sollen die offiziellen Verhandlungen zwischen Washington und Peking wieder beginnen.

Bereits tauschen die Seiten «Gesten des guten Willens» aus: Donald Trump kündigte diese Woche an, die geplante Erhöhung der Strafzölle auf Importen aus China im Volumen von 250 Mrd. $ um zwei Wochen zu verschieben. Die Regierung der Volksrepublik stellte in Aussicht, amerikanische Agrargüter wie Soja und Schweinefleisch zu kaufen.

Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang Aussagen, die Chinas Vizepremier Liu He am Donnerstag in einem Treffen mit dem US-China Business Council gemacht hat. Wie die «South China Morning Post» berichtet, soll Liu deklariert haben, dass es in den Gesprächen im Oktober primär um die bilaterale Handelsbilanz und Fragen wie Marktzugang und Investorenschutz gehen soll.

Die Aussagen Lius sind deshalb relevant, weil sie suggerieren, dass das grösste Konfliktthema in den Gesprächen nicht auf der Agenda steht: die Forderung der USA nach externen Kontrollmechanismen, die überwachen sollen, dass China sich an die Vereinbarungen mit Washington hält.

Es war diese Forderung nach Kontrollmechanismen, die Chinas Staatspräsident Xi Jinping im Frühjahr nicht akzeptieren wollte – worauf Trump im Mai den Handelskonflikt eskalieren liess.

Nun öffnet sich eine Möglichkeit: Sollte Trump bereit sein, diese Forderung vorderhand auszuklammern, könnten sich Washington und Peking auf einen limitierten Deal einigen. 

Im Rahmen eines derartigen Deals könnte Trump auf die weitere Erhöhung der Strafzölle verzichten, während Xi die chinesischen Käufe von amerikanischen Agrargütern ausdehnt. Das würde beiden erlauben, ihr Gesicht zu wahren und würde für beide Seiten Vorteile bringen:

  • Trump würde die amerikanischen Konsumenten vor der Weihnachtssaison nicht höheren Preisen auf Spielwaren und Elektronikgeräten aus China aussetzen.
  • Xi ist ohnehin interessiert daran, Schweinefleisch zu importieren, um die von der Schweinepest-Epidemie ausgelöste Explosion der Fleischpreise im Land zu bekämpfen.

Diese Gedanken sind alle im Konjunktiv verfasst, da die vergangenen Monate gezeigt haben, wie impulsiv und erratisch Trump seine Meinung ändern kann.

Auch darf ein oberflächlicher Deal niemals über die Tatsache hinwegtäuschen, dass zwischen den USA und China eine neue Ära der Konfrontation begonnen hat, die auf Feldern wie der Geopolitik, der Technologie, der Währungs- und Handelspolitik ausgefochten wird.

Aber so gut wie sicher ist: Die Finanzmärkte würden einen Deal, so oberflächlich er auch ist, mit kräftigen Gewinnen begrüssen.

Sogar ein möglicher Termin für einen Handschlag zwischen Trump und Xi steht schon fest: Die beiden Staatschefs werden am 16. November am APEC-Gipfel in Santiago de Chile sein.

2. Der scharfe Hund ist weg

Trump hat seinen Nationalen Sicherheitsberater John Bolton entlassen. Wie es mittlerweile Standard ist, hat der Präsident diese Personalie per Twitter der Welt mitgeteilt.

Auch dieser Schritt trägt zum Tauwetter zwischen Washington und Peking bei. Bolton war ein ausgesprochener Befürworter der Strategie, die Bürgerproteste in Hongkong mit den Handelsgesprächen zu verbinden. Auch war Bolton ein «Falke» in Bezug auf die Frage der Unabhängigkeit Taiwans.

Mit dem Abgang Boltons, der auch als treibende Kraft hinter der harten Linie gegenüber dem Iran bekannt war, haben sich die geopolitischen Risiken etwas entschärft.

3. Trump muss um die Wiederwahl fürchten

Was hat Trump für ein Interesse daran, mit China einen Deal zu schliessen und den Konflikt vorerst zu entschärfen? 

Ganz einfach: Er muss am 3. November 2020 seine Wiederwahl gewinnen. Es ist evident, dass sich die amerikanische Wirtschaft markant abkühlt und für 2020 auf eine Rezession zusteuert. 

Der von der OECD erhobene konjunkturelle Vorlaufindikator (Leading Economic Indicator, LEI) sank in den USA im Juli im Jahresvergleich um 1,8% – so schwach war der Indikator letztmals im Jahr 2009. 

Mit ein Grund für die Abschwächung sind die von Trump provozierten Handelskonflikte. Ein Deal mit Peking könnte die Dynamik im vierten Quartal wieder wenden.

Das amerikanische Wahlvolk ist aus historischer Erfahrung gnadenlos mit Präsidenten, die in einem Rezessionsjahr zur Wiederwahl stehen. Noch extremer gesagt: Wenn in den Monaten vor der Wahl die Arbeitslosenrate in den USA steigt, hat der Amtsinhaber schlechte Karten. Das mussten bereits Jimmy Carter 1980 und George H.W. Bush 1992 erfahren.

Trump hat unter den Wählerinnen und Wählern der USA bereits heute eine miserable Zustimmungsrate, doch wenigstens in Wirtschaftsfragen schnitt der Präsident in den Augen seiner Bevölkerung bis im Frühjahr noch einigermassen akzeptabel ab, wie die folgende Grafik von BCA Research zeigt:

Doch seit dem Frühsommer, als Trump den Handelskonflikt eskalieren liess und sich die Abkühlung der heimischen Konjunktur akzentuierte, sind auch seine Zustimmungsraten in Wirtschaftsfragen (blaue Kurve) abgestürzt.

Es muss Trump deshalb unbedingt gelingen, die Wirtschaftsdynamik wieder anzufeuern. Kein Wunder, drischt er über Twitter verbal auf Jerome Powell ein, der Vorsitzende des Fed solle endlich die Zinsen weiter senken.

Mit der Präsidentschaftswahl nur wenig mehr als zwölf Monate entfernt, blicken auch die Finanzmärkte immer gespannter auf das Kandidatenfeld der Demokraten.

Der gemässigte Demokrat Joe Biden liegt aktuell in den Umfragen noch an der Spitze (blaue Kurve), doch an zweiter Stelle etabliert sich derzeit Elizabeth Warren (gelbe Kurve):

Quelle: BCA Research

Quelle: BCA Research

Warren vertritt deutlich «linkere» Positionen als Biden, zum Beispiel in Fragen der Besteuerung und der Gesundheitspolitik. 

Sollte sich Warren in den kommenden Monaten an die Spitze des Feldes setzen, dürften die Börsen nervös werden.

Besonders Aktien aus dem Gesundheitssektor – in der Schweiz Novartis und Roche – werden dann voraussichtlich unter Druck kommen.

4. Die Steilvorlage der EZB

Der Offenmarktausschuss der US-Notenbank wird am 18. September mit grösster Wahrscheinlichkeit die Leitzinsen um 25 Basispunkte senken.

Vor einer Woche war Fed-Chef Powell in der Schweiz und unterhielt sich an der Universität Zürich mit dem Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank, Thomas Jordan, über Geldpolitik. Einige Schlagzeilen verkündeten danach die Aussage Powells: «Wir erwarten keine Rezession in den USA», sagte der oberste Währungshüter Amerikas.

Wie schön.

Was man noch hätte anfügen können: Das Fed hat nie in den letzten fünfzig Jahren eine Rezession korrekt prognostiziert. Powells Aussage erinnert an die Worte seines Vor-Vorgängers Ben Bernanke, der am 10. Januar 2008 sagte: «Wir erwarten keine Rezession in den USA.»

Bevor das Fed nächste Woche das Geschehen an den Märkten dominiert, stand diese Woche die Europäische Zentralbank im Fokus.

Wie erwartet hat die EZB den Einlagensatz um 10 Basispunkte auf –0,5% gesenkt. Zudem hat der Ende Oktober abtretende EZB-Chef Mario Draghi die Wiederaufnahme des Anleihenkaufprogramms angekündigt.

Man darf gespannt sein, was die SNB am kommenden Donnerstag, 19. September, in ihrer geldpolitischen Lagebeurteilung verkünden wird.

Die wichtigsten Aussagen Draghis bezogen sich allerdings nicht auf die – in diesem Ausmass erwarteten – geldpolitischen Massnahmen. Bemerkenswert waren vielmehr seine klaren Forderungen an die Finanzministerien Europas: Der Italiener sagte, es sei jetzt endlich an der Zeit, dass der wirtschaftlichen Abschwächung in Europa mit fiskalpolitischen Massnahmen begegnet werde.

Ein Adressat dieser Worte ist zweifellos Berlin, wo der Bundeshaushalt seit nunmehr fünf Jahren steigende Überschüsse erreicht:

Quelle: Jefferies

Quelle: Jefferies

Im grossen Bild der globalen Finanzmärkte ist die Frage, ob die Regierungen der Eurozone ihre Investitionsbudgets nun etwas erhöhen oder nicht, von geringer Relevanz.

Für Europas Konjunktur viel wichtiger ist die Frage, ob Chinas Regierung die heimische Wirtschaft weiter kräftig stimuliert. Momentan stehen die Signale dort eher auf Grün, doch Peking hat in den vergangenen Quartalen schon mehrmals mit einer «Stop-and-Go»-Politik in der Geld- und Fiskalpolitik verwirrt.

5. Green Shoots?

Alles in allem deuten die Signale immer noch auf eine globale Konjunkturabkühlung hin. In 31 von 37 beobachteten Ländern ist der OECD-Vorlaufindikator im Juli gefallen.

Doch zwei Signale lassen aufhorchen. Die Exporte aus Taiwan, einer überdurchschnittlich offenen, zyklischen Volkswirtschaft, sind im August um 2,6% gestiegen. Die Exporte von Elektronikgütern legten 7,5% zu, wie die folgende Grafik von Jefferies zeigt:

Darin ist gewiss ein Substitutionseffekt aus dem Handelskonflikt enthalten, doch die Trendwende in den Exporten Taiwans ist signifikant.

Auf einen weiteren möglichen «grünen Keim» im globalen Bild der Weltwirtschaft weisen die Strategen der kanadischen BCA Research hin: Demnach entwickeln sich die Aktien des Automobilsektors seit rund drei Wochen besser als der Gesamtmarkt. Der Aktienkurs von BMW, um nur ein Beispiel zu nennen, hat sich um mehr als 10% erholt.

Die BCA-Analysten werden das als Zeichen, dass die globale «Automobil-Rezession» ihren Tiefpunkt durchschritten hat.

Mit diesen verhalten optimistischen Schlussgedanken bleibt mir, Ihnen ein sonniges und erholsames Wochenende zu wünschen.

Möge Trump seine Twitter-Impulse zügeln! 

Danke, dass Sie The Market Ihre Zeit widmen.

Herzliche Grüsse,

Mark Dittli und das Team von The Market