The Big Picture

Die Stunde der Amateure und ein Hochseilakt in China

Der wöchentliche Blick auf die Grosswetterlage in der Weltwirtschaft und an den Finanzmärkten.

Mark Dittli

Erinnern Sie sich an den Kumbaya-Moment in Osaka, als sich Donald Trump und sein chinesischer Amtskollege Xi Jinping vor knapp drei Wochen am G20-Gipfel die Hand reichten?

Die Finanzmärkte frohlockten – doch viel ist aus dem «Deal» zur Beilegung des Handelsdisputs nicht geworden. Die Parteien reden zwar wieder miteinander, doch von einer Einigung ist weit und breit nichts zu sehen.

Trump will, dass China sofort mehr Agrargüter aus den USA kauft – und Peking besteht darauf, dass Trump zuerst seine Strafzölle rückgängig macht.

Das Resultat: Blockade. 

Vor allem die chinesische Seite scheint zum Schluss gekommen zu sein, dass es sich nicht lohnt, Trump ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen einen symbolischen Sieg zu schenken. In den nationalistischen Staatsmedien überwiegt derzeit die Rhetorik des «Langen Marsches», die die Leidensfähigkeit des chinesischen Volkes zelebriert.

An den Börsen scheinen die Handelsstreitigkeiten – USA vs. China, USA vs. EU, USA vs. Indien, Japan vs. Korea – zwar kaum mehr jemanden zu kümmern. Doch die Effekte sind real. Vergangene Woche haben wir im «Big Picture» Singapur als «Kanarienvogel in der Kohlenmine» vorgestellt; wenn die offenste Volkswirtschaft Südostasiens im zweiten Quartal kontrahiert, dann ist das ein Warnsignal für die Weltwirtschaft. 

Diese Woche fügte sich ein weiteres Puzzlestück ins Bild: Singapurs Exporte brachen im Juni um 17,3% ein, das ist der grösste Rückgang seit mehr als sechs Jahren. Die Exporte von Elektronikprodukten sackten um 32% ab.

Das ist alles andere als ein Zeichen einer robusten Weltwirtschaft.

Damit kommen wir zu den Themen im dieswöchigen «Big Picture»:

  1. Die Parallelen zu 2016
  2. Ein Hochseilakt in China
  3. Das Fed und die Stunde der Amateure
  4. Der 31. Juli 2019

1. Die Parallelen zu 2016

Die Abkühlung der globalen Weltwirtschaft ist Tatsache. Die Einkaufsmanagerindizes (PMI) zeigen die Verlangsamung seit Monaten an. 

Eine eindrückliche Grafik präsentiert Christopher Wood, Anlagestratege von Jefferies, in seinem neusten Wochenbericht:

Die hellblauen Balken zeigen den Stand des PMI für das verarbeitende Gewerbe im Juni 2018, die dunkelblauen Balken zeigen die aktuellste Lesung vom Juni 2019.

In allen beobachteten Ländern (mit Ausnahme von Brasilien, Indonesien, Thailand und der Türkei) liegt der PMI gegenwärtig markant tiefer als vor einem Jahr.

Die inverse Zinskurve in den USA, miserable Konjunkturdaten aus Deutschland, katastrophal schwache Automobilverkäufe in Europa (–7,8% im Juni), die Vorlaufindikatoren der OECD und diverse weitere Signale bestätigen das Bild.

Diese Woche haben zudem die Zentralbanken von Indonesien und Südkorea zum Teil überraschend ihre Zinsen gesenkt. Die Bank of Korea kappte ihre Prognose für Südkoreas Wachstum – immerhin die viertgrösste Volkswirtschaft Asiens und die elftgrösste der Welt – im laufenden Jahr von zuvor 2,5% auf neu 2,2%.

Am besten im globalen Konjunkturbild halten sich noch die USA, wo diese Woche die Vorlauf-Indizes der Distriktnotenbanken New York (Empire State Index) und Philadelphia leicht besser ausgefallen sind als erwartet.

Doch auch in Amerika häufen sich die Signale einer Abkühlung. Ein Beispiel aus der Realwirtschaft: Der Eisenbahnkonzern CSX, einer der grössten Frachttransporteure im Land, enttäuschte diese Woche mit seinen Quartalszahlen. Konzernchef James Foote nannte die gegenwärtige Wirtschaftslage «verwirrend» und klagte über eine Schwäche im US-Industriesektor. Die Aktien von CSX verloren am Mittwoch mehr als 10%.

Symptomatisch für den gegenwärtigen Zustand der Weltwirtschaft steht der Halbjahresabschluss der Industriegruppe Georg Fischer, der diese Woche publiziert wurde. GF erlitt einen Umsatzrückgang von 4,1% in Europa, einen überraschend starken Einbruch von 13,6% in Asien und immerhin noch ein Wachstum von 3,3% in Amerika.

Heisst das nun alles, dass eine Rezession bevorsteht?

Nicht zwingend – wenngleich ich der Meinung bin, dass die konjunkturelle Abkühlung und ihr Effekt auf die Gewinnentwicklung der Unternehmen von den Finanzmärkten immer noch unterschätzt wird.

Eine ähnlich markante Abkühlung ereignete sich in der Weltwirtschaft bereits 2015 und 2016, die damals jedoch von zwei Seiten effektiv bekämpft wurde:

  • Die damalige Vorsitzende der US-Notenbank, Janet Yellen, rückte von ihrem eingeschlagenen Zinserhöhungskurs ab.
  • Die Zentralregierung in Peking beschloss signifikante geld- und fiskalpolitische Stimulusmassnahmen für die heimische Wirtschaft.

Das bringt uns zum zweiten Teil des dieswöchigen «Big Picture».

2. Ein Hochseilakt in China

Auch in China ist die konjunkturelle Abschwächung evident. Im zweiten Quartal expandierte das Bruttoinlandprodukt noch mit 6,2%. Gemäss einem Bericht der Agentur «Bloomberg» rechnet der grösste Automobilhersteller des Landes, SAIC, für 2019 mit einem Verkaufsrückgang von satten 7%.

Allerdings zeigen sich auch Lichtblicke: Im Juni sind die Detailhandelsumsätze und die Industrieproduktion in China überraschend markant gestiegen. Das zeigt, dass die Zentralregierung mit ihren Ende 2018 beschlossenen Stimulusmassnahmen – dazu zählen Steuersenkungen, die den Konsumenten zugute kommen – durchaus erfolgreich agiert.

Ähnlich grosse Stimuli wie 2016 dürfen allerdings nicht erwartet werden, denn die Regierung hat erkannt, dass der Kreditboom im Land unter Kontrolle gebracht werden muss. Die People's Bank of China (PBoC) ist damit zu einem Hochseilakt gezwungen: Sie muss auf der einen Seite die Geldpolitik locker halten, um die Wirtschaft zu stützen, während sie auf der anderen Seite das marode Bankensystem säubern muss. 

Bis anhin gelingt ihr das bemerkenswert gut, wie die Episode um die Rettung der Baoshang Bank zeigte.

Baoshang ist eine Regionalbank aus der Provinz Innere Mongolei mit einer Bilanzsumme von umgerechnet rund 84 Mrd. $, je nach Schätzung liegt sie damit ungefähr auf Rang 35 der grössten Banken Chinas.

Die Baoshang Bank geriet in Notlage und wurde am 24. Mai von der PBoC und der Banken- und Versicherungsaufsicht unter Zwangsverwaltung gestellt. Das war per se schon ein bemerkenswerter Schritt, weil Probleme mit Regionalbanken bis anhin in der Regel von den Provinzregierungen unter den Teppich gekehrt worden waren.

Sofort kündigte die PBoC an, dass die Einlagen von Kleinsparern zu 100% garantiert seien; sie verhinderte damit einen Sturm auf die Bank. 

Der wichtigste Teil kam jedoch danach: Die grösseren Gläubiger der Baoshang Bank mussten einen «Haircut» von 10 bis 30% ihrer Forderungen akzeptieren. Genau so also, wie es sein sollte, wenn eine gestrauchelte Bank vom Staat gestützt werden muss.

Die Zentralregierung hat damit ein klares Signal gegeben, dass sie es ernst mit ihrer Strategie meint, das jahrelang unkontrollierte Kreditwachstum einzudämmen.

Diese Bankenrettung gelang ohne Verwerfungen im chinesischen Finanzsystem. Das ist wichtig zu wissen, denn in den verschiedenen Provinzen der Volksrepublik vegetieren noch Hunderte weitere Zombie-Banken dahin, die früher oder später saniert werden müssen.

Damit wird klar, dass Investoren nicht mehr auf einen gleich grossen Stimuluseffekt aus China wie im Jahr 2016 hoffen dürfen.

Das bedeutet, die Hoffnungen ruhen noch mehr auf der US-Notenbank.

3. Das Fed und die Stunde der Amateure

Das Fed wird am 31. Juli die Zinsen senken. Das haben diverse Mitglieder des Offenmarktausschusses der Notenbank in den vergangenen Tagen und Wochen unmissverständlich an die Finanzmärkte telegrafiert.

Die Frage ist einzig noch, ob Fed-Präsident Jerome Powell und seine Kollegen die Zinsen um 25 oder gleich um 50 Basispunkte (Bp) senken werden.

John Williams, Präsident der Distriktnotenbank New York, sagte gestern Donnerstag in einer öffentlichen Rede, es sei besser, die Leitzinsen angesichts der sich abschwächenden Wirtschaft «rasch und präventiv» zu senken. Wallstreet interpretierte das als Signal eines beherzten Schrittes: An den Futuresmärkten stieg die Wahrscheinlichkeit einer 50-Bp-Zinssenkung umgehend auf nahezu 70%.

Wenige Stunden später krebste die Distriktnotenbank von New York zurück und liess über einen Sprecher verlauten, die Rede von Williams sei «akademischer Natur» gewesen und sei nicht im Zeichen des Zinsentscheides vom 31. Juli gestanden. Sofort sank an den Futuresmärkten die eingepreiste Wahrscheinlichkeit einer 50-Bp-Senkung wieder auf unter 50%.

So amateurhaft kommuniziert nicht einmal die Zentralbank Moldawiens. Schon Jerome Powell hat in den vergangenen Wochen mehrmals die Erwartungen, die er selbst geschürt hatte, korrigieren müssen.

Nun gut – morgen Samstag beginnt die «Blackout Period», dann werden sich bis nach der Sitzung des Offenmarktausschusses keine Exponenten des Fed mehr öffentlich äussern. Ist auch besser so.

4. Der 31. Juli 2019

Der Offenmarktausschuss tagt am 30. und 31. Juli, der Zinsentscheid wird nach Ende der Sitzung bekanntgegeben.

Es ist müssig, an dieser Stelle zu spekulieren, ob es nun 25 oder 50 Bp sein werden. Interessanter ist die Frage, wie die Märkte darauf reagieren werden.

Es ist gut möglich, dass die Aktienmärkte enttäuscht reagieren, falls es «nur» 25 Basispunkte sind. Die aufgebaute Erwartungshaltung der liquiditätssüchtigen Börsen ist dermassen gross, dass sie mit einem Viertelprozent wohl nicht zufrieden sind. Auch der Dollar – der handelsgewichtete Dollar-Index hält sich bis anhin erstaunlich stabil um 97 – dürfte sich dann kaum abschwächen, was wiederum diverse Börsen in den Emerging Markets belasten dürfte.

Sollten Powell und seine Kollegen jedoch tatsächlich 50 Bp liefern und überdies signalisieren, dass sie die Zinsen in den kommenden Monaten noch weiter senken, dann würden die Aktienmärkte aller Voraussicht nach mit einem Feuerwerk reagieren.

Gelingt es dem Fed überdies, den Dollar markant zu schwächen, dann wäre das auch der Startschuss für eine kräftige Rally in den Emerging Markets.

Wer als Investor auf dieses Szenario setzen möchte, kauft:

  • den S&P 500, und besonders die US-Technologieriesen Alphabet (Google), Microsoft, Amazon, Facebook und Apple.
  • die «Blasenkandidaten», die mein Kollege Gregor Mast in dieser Analyse vorgestellt hat: Aktien, die ungeachtet ihrer bereits hohen Bewertung unter Investoren überaus beliebt sind.
  • Aktien von qualitativ hochwertigen Unternehmen, die in der Nullzinswelt als Bondersatz dienen: Nestlé, Diageo, Unilever, Givaudan, Coca-Cola, Heineken, Procter & Gamble, Novartis, Roche, Lindt & Sprüngli, etc.
  • Gold und Aktien von Goldförderern.
  • Emerging Markets.

Ach, und wer sich in der Zwischenzeit Sorgen über Europa machen will: Italiens Innenminister Matteo Salvini überlegt sich derzeit, ob er die Regierungskoalition aufkündigen und Neuwahlen provozieren will. Er rechnet sich – durchaus realistische – Chancen aus, dass er mit seiner Lega mehr als 30% der Stimmen erreichen und die neue Regierung dominieren könnte.

Genau das, was Europa noch brauchte...

Damit bleibt mir, Ihnen ein schönes und sonniges Wochenende zu wünschen. Falls Ihnen Ferien bevorstehen: Geniessen Sie's – und schauen Sie ab und zu bei themarket.ch rein!

Danke, dass Sie uns Ihre Zeit widmen.

Herzlich,

Mark Dittli