The Big Picture

Nichts bringt die Börsen aus der Fassung

Die Aktienmärkte wollen hoch, und sie lassen sich durch nichts beeindrucken. Um nochmals eine Verkaufswelle zu provozieren, wäre eine überraschende, neuerliche Ausweitung der Coronavirus-Epidemie nötig. 

Mark Dittli

Den Aktienmärkten ist das Coronavirus egal. Die Indizes in den USA und in Teilen Europas – inklusive der Schweiz – bewegten sich auch diese Woche auf oder in der Nähe von Rekordständen.

Die Logik der Investoren ist recht simpel: Erstens ist die Covid-19-Epidemie nur eine temporäre Belastung, die sich im ersten Quartal abspielen wird. Ab dem zweiten Quartal wird sich Chinas Wirtschaft erholen und damit auch der Weltwirtschaft wieder positive Impulse verleihen. Und zweitens werden die Notenbanken dafür sorgen, dass die Finanzmärkte immer mit genügend Liquidität versorgt sind.

Diese beiden Argumente vereinen sich in steigenden Aktienkursen.

Es ist evident: Die Märkte wollen hoch, und sie lassen sich durch nichts beeindrucken. Es wäre jetzt schon eine überraschende, neuerliche Ausweitung der Epidemie nötig, um nochmals eine Verkaufswelle zu provozieren. Und momentan sieht es nicht danach aus.

Im dieswöchigen «Big Picture» werfen wir unter anderem abermals einen Blick auf die Zahlen rund um das Coronavirus. Die Themen:

  1. Das Coronavirus-Modell
  2. To Infinity and Beyond
  3. Auch Bernie ist den Börsen egal

1. Das Coronavirus-Modell

Vergangene Woche haben wir im «Big Picture» ein Modell der Analysten der Hongkonger Research-Boutique Gavekal vorgestellt. Es zeigte, wie das Wachstum der neu gemeldeten Erkrankungsfälle allmählich sinkt und die Epidemie nach wenigen Wochen ihren «Gipfel» erreicht haben dürfte.

Tatsächlich ist die Zahl der neu gemeldeten Erkrankungsfälle in China schon seit dem 5. Februar fast jeden Tag gesunken, wie die folgende Grafik von Christopher Wood, dem Chefstrategen von Jefferies, zeigt:

Am 12. Februar ging kurz ein Schock durch die Welt, als China gut 15'000 neue Erkrankungsfälle meldete. Die Erklärung dahinter: Bis anhin galten nur Fälle als bestätigt, die mit einem Rachen-Abstrich nachgewiesen wurden. Neu berücksichtigt die Nationale Gesundheitskommission der Volksrepublik auch klinisch diagnostizierte Fälle, beispielsweise über Röntgen- oder CT-Aufnahmen der Lungen des Patienten.

In der Nacht auf heute Freitag wurden in China weitere 5093 Fälle gemeldet, wovon mehr als 3000 auf Röntgen- oder CT-Diagnosen beruhten. 

Ermutigend ist dagegen die Nachricht, wonach die mit der alten Methode bestätigten Fälle weiter gesunken sind. Auf vergleichbarer Basis weist die Zahl der neu gemeldeten Erkrankungsfälle also weiterhin nach unten.

Wichtig sind nun zwei Dinge: Erstens, dass die Zahl der täglich gemeldeten neuen Erkrankungsfälle nicht wieder wächst, und zweitens, dass sich die Epidemie geografisch nicht weiter ausbreitet.

Zu letzterem Punkt tut es immer noch gut, die Proportionen im Auge zu behalten: Mehr als 80% der weltweit gemeldeten Erkrankungsfälle befinden sich in der Provinz Hubei. Von den per 13. Februar gemeldeten 1381 Todesfällen ereigneten sich 1318 in Hubei.

So drakonisch sie auch ist: Die von der Zentralregierung in Peking befohlene Abschottung der Provinz Hubei scheint ihren Zweck zu erfüllen und eine Ausbreitung des Virus zu verhindern.

Ausserhalb Chinas sind bloss 501 Fälle gemeldet, wobei sich fast die Hälfte der Erkrankten auf einem unter Quarantäne gestellten Kreuzfahrtschiff vor der Küste Japans befinden.

Alles in allem gilt damit weiterhin: Die Epidemie zeigt Signale eines allmählichen Abflauens. Setzt sich der Trend fort, dann ist das Schlimmste bald vorbei – und die Finanzmärkte liegen richtig mit ihrer Erwartung, dass die Wirtschaft bloss eine vorübergehende Delle im ersten Quartal erleiden wird.

2. To Infinity and Beyond

Wie erwähnt: Den Aktienmärkten ist das Covid-19-Virus bereits weitgehend egal. Auch die durch die Virusbekämpfung in China verursachten Störungen der Lieferketten werden von den Börsen als nicht nachhaltig belastend eingestuft.

Eine Bestätigung für diese Einschätzung lieferte gestern Donnerstag Applied Materials, der grösste Ausrüster der Halbleiterindustrie. «In terms of the business, our current assessment is that the overall impact for fiscal 2020 will be minimal. However, with travel and logistics restrictions, we do expect changes in the timing of revenues during the year», sagte CEO Gary Dickerson bei der Präsentation der Quartalszahlen: Die Epidemie habe nach heutigem Wissensstand einen minimalen Einfluss auf das Gesamtjahr, doch der Umsatz werde sich im Jahresverlauf eher nach hinten verlagern.

Seit Ende Januar, als eine kurze Panikwelle eine Mini-Korrektur provoziert hatte, ist der S&P 500 bereits mehr als 4,7% vorgerückt. Der Swiss Market Index hat seit Anfang Februar ebenfalls gut 4,5% gewonnen.

Wie gut die Stimmung unter den Investoren bereits wieder ist, zeigt das wöchentlich erhobene Risk Barometer von The Market:

«Buy the Dip» heisst in der «alternativlosen» Null- und Negativzinswelt weiterhin die Maxime: Jeder Rückschlag an den Börsen wird gekauft.

Das Bild an den Börsen ist umso bemerkenswerter, weil so ziemlich alle anderen Segmente der Finanzmärkte weiterhin klassische «Risk Off»-Signale abgeben: Der Goldpreis verharrt um 1575 $ je Feinunze, die Rendite zehnjähriger U.S. Treasury Notes steht seit drei Wochen kaum verändert um 1,6%, während Fluchtwährungen wie der Dollar und der Franken erstarkt sind.

Der handelsgewichtete Dollarindex hat sich seit Anfang Jahr um nahezu 3% auf über 99 verteuert:

Auch dass der Franken zum Euro auf den höchsten Stand seit Sommer 2015 gestiegen ist, würde unter normalen Umständen am Schweizer Aktienmarkt für mehr Nervosität sorgen. Doch dieses Mal scheint es den Investoren egal zu sein. Eben: Die Börsen wollen hoch.

Als ungünstig erweist sich im Nachhinein unsere zu Beginn des Jahres geäusserte Empfehlung, angesichts des sich abschwächenden Dollars auf Aktien aus Emerging Markets sowie als Contrarian-Wette auf die günstig bewerteten Aktien aus dem Ölsektor zu setzen.

Das sind offensichtlich keine Zeiten für Contrarians. Die Musik – und das Momentum – spielt weiterhin in den grosskapitalisierten Qualitäts-Wachstumsaktien und damit ganz besonders im S&P 500 oder noch eher im stärksten aller Indizes, dem Nasdaq 100. 

3. Auch Bernie ist den Börsen egal

Nicht nur das Coronavirus – auch die Vorwahlen der Demokratischen Partei in den USA scheinen den Börsen egal zu sein. Am Dienstag war mit New Hampshire der zweite Staat im Vorwahlzirkus an der Reihe. Nicht unerwartet machte Bernie Sanders vor Pete Buttigieg das Rennen. Eine weitere herbe Niederlage – wenige Tage nach Iowa – musste Joe Biden einstecken, der in den nationalen Umfragen immer noch vorne liegt.

Spannend werden jetzt die nächsten zwei Staaten, Nevada am 22. und South Carolina am 29. Februar. Nevada hat einen grösseren Anteil hispanischer Wähler, während South Carolina eine grosse afroamerikanische Bevölkerung beheimatet. Gewinnt Biden in South Carolina nicht, ist er erledigt.

Auch Elizabeth Warren, die einstige Favoritin, schlingert. Kann sie das Blatt bis zum «Super Tuesday» am 3. März nicht wenden, dürfte auch ihre Kandidatur am Ende sein. Spannend wird es dann, falls Warren offiziell Bernie Sanders unterstützt und das linke Lager der Partei geschlossen hinter dem selbstdeklarierten Sozialisten aus Vermont steht.

Trump geniesst derweil übrigens mit 48% die höchste Zustimmungsrate seit Beginn seiner Präsidentschaft vor drei Jahren – es wird für die Demokraten also ohnehin nicht einfach, ihn zu schlagen:

Quelle: Jefferies

Quelle: Jefferies

Am gefährlichsten würde Trump wahrscheinlich Michael Bloomberg, der acht Jahre lang als Republikaner die Stadt New York regiert hatte und dem zugetraut werden kann, dass er einen grossen Teil der gemässigten Mitte – auch im Lager der Republikaner – für sich gewinnen kann.

An den Wettmärkten werden Bloomberg bereits die zweitbesten Chancen für eine Nomination eingeräumt, wobei der 77-Jährige in Staaten wie Florida und Georgia sogar schon in Führung liegt:

Quelle: Bianco Research

Quelle: Bianco Research

Kein Wunder, richtet Trump sein Twitter-Feuer dieser Tage verdächtig oft gegen Bloomberg:

Vielleicht lässt der bisherige Siegeszug von Bernie Sanders die amerikanischen Börsen also aus einem ganz simplen Kalkül kalt: Die Finanzmärkte trauen Sanders nicht zu, dass er Donald Trump im November schlagen kann – was bedeuten würde, dass die Party weitergeht.

Und falls die Demokraten einen gemässigten Zentrumskandidaten wie Michael Bloomberg, Joe Biden, Pete Buttigieg oder Amy Klobuchar aufstellen, kann die Party ohnehin weitergehen – egal, wer gewinnt.

Mit diesen Schlussgedanken bleibt mir, Ihnen für Ihre Zeit zu danken, die Sie The Market widmen.

Geniessen Sie Ihr Wochenende!

Herzlich,

Mark Dittli und das Team von The Market