The Big Picture

Trump und Xi haben es in der Hand

Der wöchentliche Blick auf die Grosswetterlage in der Weltwirtschaft und an den Finanzmärkten.

Mark Dittli

Santiago de Chile, Samstag, 16. November 2019: Das ist der Ort und Tag, an dem sich Donald Trump und Xi Jinping voraussichtlich treffen werden.

In dieses Treffen im Rahmen des Apec-Gipfels setzen die Finanzmärkte zunehmend Hoffnung. Trump und Xi könnten dabei einen Deal besiegeln und den Handelsdisput – zumindest vorübergehend – auf Eis legen.

Sowohl in Washington wie auch in Peking haben sich in den vergangenen Tagen hohe Kabinettsmitglieder zuversichtlich über einen «Phase I»-Deal geäussert.

Dabei geht es freilich nicht um die wirklich kritischen Themen im Wirtschafts- und Technologiekonflikt zwischen den beiden Supermächten. Aller Voraussicht nach dürfte eher eine Art Waffenstillstand präsentiert werden, in dessen Rahmen Trump einige angedrohte Strafzölle zurückzieht, China mehr Agrargüter aus den USA kauft und beide Seiten ihre Absicht verkünden, ein umfassendes Abkommen auszuhandeln.

Das ist die Hoffnung, die die Börsen derzeit antreibt. Ist sie berechtigt?

Diesem und weiteren Themen widmet sich der dieswöchige «Big Picture»-Newsletter:

  1. Ein möglicher Deal im Handelskonflikt
  2. Trump ein Jahr vor der Wahl
  3. Alle Augen auf das Fed
  4. Ein Chart zum Abschied von Mario Draghi
  5. Ein Blick auf die Konjunktur
  6. Revolutionen, Rosneft und Rubel

1. Ein möglicher Deal im Handelskonflikt

Reichen sich Trump und Xi die Hand? Das wird das dominierende Thema an den Finanzmärkten in den kommenden Wochen sein.

Zunächst ein Wort der Warnung: Vor einem Jahr, im Spätherbst 2018, setzten die Märkte ebenfalls kurzzeitig Hoffnung in ein Treffen von Xi und Trump in Südamerika, damals am G20-Gipfel in Buenos Aires. Tatsächlich vereinbarten Washington und Peking damals eine dreimonatige Waffenruhe, um ein umfassendes Abkommen zu verhandeln (was allerdings nicht reichte, um den Ausverkauf an den Börsen zu stoppen).

Dieses Tauwetter endete, als Trump im Frühjahr 2019 neue Strafzölle gegen China verhängte.

Investoren sollten daher nie vergessen: Der «Deal» wird bestenfalls eine oberflächliche Sache sein. Die USA und China stehen in einem fundamentalen Konflikt, der auf Ebene der Wirtschaft, der Technologie und der Geopolitik ausgetragen wird. Dieser Konflikt markiert den Beginn einer neuen Weltordnung, die das 21. Jahrhundert prägen wird.

Doch wird der Blick bewusst auf die kurze Frist gerichtet, besteht tatsächlich ein Szenario, dass ein Handschlag zwischen Trump und Xi die Stimmung an den Märkten abermals heben wird. Ein oberflächlicher «Mini-Deal» ist wohl bereits in den Erwartungen eingepreist, aber eine Einigung mit etwas mehr Substanz könnte die Märkte positiv überraschen.

«Mehr Substanz» wäre beispielsweise, wenn Trump einige der bereits verhängten Strafzölle rückgängig macht, statt bloss auf weitere angedrohte Massnahmen zu verzichten. Ebenfalls «mehr Substanz» wäre, wenn sich die USA und China auf eine Art Währungsabkommen einigten.

Ein derartiger Währungspakt könnte etwa ein Versprechen Pekings umfassen, den Renminbi nicht weiter abzuwerten, und im Gegenzug würde das US-Schatzamt China nicht mehr als Währungsmanipulator designieren.

Da und dort ist bereits von einem möglichen neuen «Plaza Accord» die Rede. Dieses Abkommen von 1985 läutete eine signifikante Aufwertung des Yen zum Dollar ein.

Xi wird freilich den Teufel tun, auch nur annähernd eine Parallele zum Begriff «Plaza Accord» zu ziehen, denn in Chinas Regierungskreisen herrscht die weit verbreitete – und korrekte – Einsicht, dass dieser Pakt von 1985 den Startschuss zu einer gewaltigen Spekulationsblase in Japan bildete und das Land ruinierte.

Gleichwohl kann festgestellt werden, dass auch Peking durchaus ein Interesse daran hat, das Wechselkursgefüge zwischen dem Renminbi und dem Dollar zu stabilisieren. Auf den ersten Blick könnte man zwar meinen, ein schwächerer Renminbi würde der chinesischen Exportwirtschaft helfen, aber eine Währungsabwertung hätte schädliche Auswirkungen:

  1. Sie schwächt die Kaufkraft der chinesischen Konsumenten.
  2. Sie beschleunigt die Kapitalflucht aus dem Land.
  3. Sie schreckt ausländische Investoren ab.

Besonders der dritte Faktor ist wichtig für Peking, denn die Volksrepublik hat in den vergangenen Jahren erfolgreich den heimischen Aktien- und Bondmarkt für ausländische Investoren geöffnet, wie die folgende Grafik von Jefferies am Beispiel des Bondmarktes illustriert:

Xi Jinping könnte also diese Karte spielen und Hand für ein Währungsabkommen bieten: Er verliert dabei nichts, und Trump könnte es innenpolitisch als Verhandlungssieg verkaufen.

Wird es dazu kommen?

Das wissen wir nicht, zumal der Mann im Weissen Haus schon unzählige Male bewiesen hat, dass er nicht berechenbar ist.

Sollte im Vorfeld des Apec-Gipfels in Chile aber tatsächlich ein substanziellerer Deal ausgearbeitet werden, würden die Aktienmärkte erfreut reagieren. 

Wer sich dafür positionieren will, setzt vorzugsweise auf die asiatischen Börsen, die im bisherigen Jahresverlauf deutlich zurückgeblieben und nicht überbewertet sind: Der MSCI Asia ex Japan ist mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 12,8 bewertet, der MSCI Japan zeigt ein KGV von 13,5. Spottbillig ist der Hang Seng in Hongkong mit einem KGV von 10.

2. Trump ein Jahr vor der Wahl

Am 3. November 2020 wählen die Amerikanerinnen und Amerikaner ihren Präsidenten. Welchen Weg Trump in den Verhandlungen mit China in den nächsten Wochen einschlagen wird, hängt davon ab, wie er sich im Wahlkampf präsentieren will: Ist Trump der harte Handelskrieger, der China in die Knie zwingt? Oder ist er ein «Dealmaker», der ein faireres Verhältnis in der wirtschaftlichen Beziehung der beiden Staaten aushandelt?

Trumps Werdegang lässt auf Letzteres schliessen. Auch Trump weiss, dass er mit einer allzu harten Haltung im Handelskrieg eine Rezession im eigenen Land provoziert – und damit wäre seine Wiederwahl dahin.

Kompliziert wird dieses Gedankenspiel jedoch durch die Tatsache, dass die Gegnerin Trumps mit wachsender Wahrscheinlichkeit Elizabeth Warren heissen wird. Warren steht weit links im Spektrum der Demokratischen Partei und positioniert sich mit einer noch härteren Gangart gegen China.

Die grosse Frage ist, ob sich Trump deswegen ebenfalls für Härte gegen China entscheidet – oder ob er einschwenkt und sich als «Pro Business»-Kandidat gegenüber der feuerschnaubenden Sozialistin positionieren wird.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Strategie Pekings, gegenüber den amerikanischen Konzernen in China konziliant zu bleiben. Die US-Unternehmen werden nicht schikaniert, und obwohl sie im Mai angekündigt wurde, hat Chinas Regierung nie eine Liste mit «unzuverlässigen Unternehmen» aus den USA publiziert.

Xi hält also die Tür für die amerikanische Wirtschaftselite offen. Es wird spannend sein, zu sehen, ob Trump diese Chance nutzt.

3. Alle Augen auf das Fed

Am 30. Oktober tagt der Offenmarktausschuss der US-Notenbank. Die Terminmärkte gehen mit einer Wahrscheinlichkeit von 90% davon aus, dass Fed-Chef Jerome Powell und seine Kollegen eine Zinssenkung von 25 Basispunkten beschliessen werden.

Am 15. Oktober hat das Fed zudem ein neues Anleihenkaufprogramm gestartet, in dessen Rahmen kurzfristige Treasury Bills im Umfang von 60 Mrd. $ pro Monat gekauft werden. Das Fed vermeidet für diese Strategie den Begriff «Quantitative Easing», sondern spricht von «Reserve Management Purchases». 

Wie schon der Poet James Whitcomb Riley (1849–1916) sagte: Wenn es aussieht wie eine Ente, schwimmt wie eine Ente und quakt wie eine Ente, dann ist es wahrscheinlich auch eine Ente.

Daher: Das Fed hat innerhalb von zwölf Monate eine 180-Grad-Wende vollzogen, senkt die Zinsen und betreibt wieder Quantitative Easing.

«Das Hauptproblem der US-Notenbank ist, dass sie nicht richtig erklären kann, warum sie die Zinsen senkt. Der wahre Grund ist, dass der Markt von ihr weitere Lockerungen fordert und sie sich vor einer Auseinandersetzung mit ihm fürchtet. Wenn der Markt also noch mehr Zinssenkungen will, wird er sie erhalten», sagt dazu Jim Bianco von Bianco Research in Chicago im Interview mit The Market.

4. Ein Chart zum Abschied von Mario Draghi

Bleiben wir beim Thema Zentralbanken. Gestern Donnerstag hat Mario Draghi seine letzte Pressekonferenz als Vorsitzender der Europäischen Zentralbank gegeben. Ende nächster Woche ist seine achtjährige Amtszeit vorbei, und er übergibt an Christine Lagarde.

Wir verzichten an dieser Stelle auf eine lange Würdigung in Worten, sondern zeigen eine Grafik.

Erinnern Sie sich, wie sich in den Jahren nach dem Start der Gemeinschaftswährung in Europa die Staatsanleihenrenditen anglichen, bis kaum mehr ein Renditeunterschied zwischen deutschen und griechischen Staatsanleihen bestand? Und erinnern Sie sich, wie während dem Höhepunkt der Eurokrise 2011 und 2012 die Investoren plötzlich realisierten, wie abgrundtief dumm diese Renditeangleichung war?

Nun, wir sind schon fast wieder soweit:

Die Grafik zeigt den Renditeaufschlag (Spread) spanischer, portugiesischer und griechischer Staatsanleihen zu deutschen Bundesanleihen. Sie stehen wieder dort, wo sie vor dem Ausbruch der Eurokrise waren. Draghi sei Dank.

5. Ein Blick auf die Konjunktur

Das Bild, das sich in der Weltkonjunktur schon seit mehreren Monaten zeigt, hat Bestand: Die Wirtschaft kühlt sich ab.

Die Exporte Japans sind im September um 5,2% eingebrochen, die Importe um 1,5%. Südkorea, eine der offensten, zyklischsten Volkswirtschaften der Welt, meldet für die ersten zwanzig Tage des Monats Oktober einen Exporteinbruch von 19,5%, während die Importe 20,1% schrumpften.

Die diese Woche publizierten vorläufigen Einkaufsmanagerindizes (Flash PMI) zeigten kaum Überraschungen:

  • In den USA stieg der Markit-PMI des verarbeitenden Gewerbes leicht auf 51,5, der PMI des Dienstleistungssektors verharrt auf 51 (ein Wert von über 50 zeigt eine Expansion, ein Wert von unter 50 eine Kontraktion der Wirtschaft an).
  • Der Industrie-PMI der Eurozone liegt unverändert auf 45,7, der Dienstleistungssektor in Europa hält sich auf 51,8.
  • Frankreich schneidet im europäischen Umfeld einmal mehr überraschend gut ab.
  • Schlusslicht in Europa bleibt Deutschland, wo der Industrie-PMI tief im rezessiven Bereich verharrt und das Dienstleistungsgewerbe mit einem Rückgang auf 51,2 ebenfalls zur Schwäche neigt.
  • Deutschland und Grossbritannien, die viert- und die fünftgrösste Volkswirtschaft der Welt, flirten beide mit einer Rezession.

Durchzogen ist das Bild, wenn man die Drittquartalsberichte der Unternehmen betrachtet:

  • In den USA fallen grosse Zykliker wie Texas Instruments, 3M und Caterpillar mit enttäuschenden Zahlen auf. Auch Amazon lieferte gestern Donnerstag eine Enttäuschung – übrigens genau wie von Christoph Gisiger in seinem «The Pulse»-Newsletter prognostiziert.
  • Dagegen fallen Chipwerte wie Intel und Lam Research, der Softwaregigant Microsoft und der Autobauer Tesla mit überraschend guten Zahlen auf.
  • In Europa setzt sich das Bild fort, wo beispielsweise ein hoch zyklischer Konzern wie BASF oder der Autobauer Daimler überraschend gut arbeiteten, während die Aktien von Nokia nach schwachen Zahlen abstürzten.
  • In der Schweiz setzte VAT eine positive Note; der Auftragseingang des Halbleiterzulieferers lässt auf eine Belebung hoffen. Auch die Titel des Branchennachbarn Comet liessen sich beflügeln.

6. Revolutionen, Rosneft und Rubel

Zum Schluss noch zwei lose Themen:

«Überall auf der Welt sehe ich kleine Revolutionen, überall sehe ich wütende Menschen. Sie wissen, was Marx lehrt: Revolutionen sind typischerweise das Ergebnis von Inflation. Marx lag in vielen Dingen falsch, aber es stimmt, dass Inflation eine zutiefst destabilisierende Wirkung hat.»

Diese Worte äusserte Louis-Vincent Gave vom Researchhaus Gavekal kürzlich im Interview mit The Market

Heute sehen wir:

  • Ausschreitungen in Chile, mindestens zwölf Tote. Der Auslöser der Proteste: Eine Erhöhung der Ticketpreise der U-Bahn von Santiago.
  • Demonstrationen und Notstand in Ecuador. Der Auslöser: Der Versuch der Regierung, die Subventionen auf Treibstoffen zu kürzen.
  • Proteste in Beirut. Der Auslöser: Eine von der Regierung vorgeschlagene Steuer auf WhatsApp-Anrufen.
  • Ausschreitungen in Hongkong. Der Auslöser: Vorderhand ein umstrittenes Auslieferungsgesetz, doch ein grundsätzlicher Faktor in den Hongkonger Protesten ist der Unmut der jungen Bevölkerung über die steigenden Mietpreise.

Weltweit also Proteste gegen steigende Preise. Und die Zentralbanken beklagen die fehlende Inflation? Think again.

Und zum Schluss noch dies: Der russische Erdölgigant Rosneft hat sich dem Dollar entsagt. An einer Konferenz in Verona sagte Rosneft-CEO Igor Sechin am Donnerstag, der Konzern habe alle seine Lieferkontrakte von Dollar auf Euro umgestellt. 

Damit mindert Rosneft das Risiko, von Washington über den Währungsmarkt mit Sanktionen belegt zu werden. Auch der grösste russische Exporteur von Flüssiggas, Novatek, kündigte am Donnerstag an, seine Lieferungen fortan in Euro abzurechnen.

Mit diesen Schlussgedanken bleibt mir, Ihnen ein erholsames Wochenende zu wünschen.

Danke für Ihre Zeit, die Sie The Market widmen!

Herzliche Grüsse,

Mark Dittli und das Team von The Market