The Big Picture

Was das Coronavirus für Wirtschaft und Finanzmärkte wirklich bedeutet

Meldungen zur Ausbreitung der Virus-Epidemie dominieren die Schlagzeilen und verunsichern die Finanzmärkte. Die Börsen waren ohnehin reif für eine Korrektur.

Mark Dittli

Coronavirus, Coronavirus, Coronavirus. Man kann keine Zeitung aufschlagen und keine Newsseite anwählen, ohne auf dicke Schlagzeilen zur Coronavirus-Epidemie zu stossen.

Bis dato sind in China 9720 Erkrankungsfälle bestätigt, 213 Menschen sind gestorben. Ausserhalb der Volksrepublik sind bis anhin 101 Erkrankungsfälle bekannt. 

Das Land ist im Krisenmodus. «In China herrscht Lockdown», berichtet Jörg Wuttke, Präsident der EU-Handelskammer in China, im Telefongespräch. «Die Strassen sind leer, die Hotels sind leer, die Büros sind zu.»

Die meisten westlichen Fluggesellschaften, auch Swiss und Lufthansa, haben ihre Flüge nach Festlandchina eingestellt. Starbucks meldet die temporäre Schliessung von mehr als 2000 Cafés in der Volksrepublik; Ikea schliesst seine 33 Möbelmärkte im Land; Toyota hat die Automobilproduktion stillgelegt; Hongkong hat die Bahnverbindungen nach Shenzhen eingestellt; Singapur lässt keine Reisenden aus China mehr ins Land.

Die Schlagzeilen klingen schockierend. Doch aus Sicht der Wirtschaft und der Finanzmärkte ist vieles davon Lärm.

Im dieswöchigen «Big Picture» wollen wir daher versuchen, den Lärm auszublenden und so nüchtern wie möglich abzuwägen, was die Coronavirus-Epidemie für die Finanzmärkte bedeutet.

Die Themen:

  1. Die Zahlen zum Virus
  2. Der Effekt auf Chinas Wirtschaft
  3. Die Bedeutung für die Weltwirtschaft
  4. Die Bedeutung für die Finanzmärkte
  5. Knacknuss Huawei

1. Die Zahlen zum Virus

10'000 Erkrankungsfälle. Noch vor sieben Tagen waren es bloss 1300. Das klingt tatsächlich nach einer dramatischen Entwicklung – eine Verachtfachung der mit dem neuen Coronavirus infizierten Menschen innerhalb von bloss einer Woche. 

Doch diese Verbreitungsrate ist alles andere als überraschend. Seit gut zwei Wochen, seit Chinas Behörden die Zahlen veröffentlichen, wächst die Zahl der Erkrankten jeden Tag um rund 53%.

Der amerikanische Bond-Investor Jim Bianco zeigt die Entwicklung der Erkrankungen in einem täglich aufdatierten Modell:

Quelle: Bianco Research

Quelle: Bianco Research

Die orange Kurve zeigt die modellierte Entwicklung mit einer Steigerungsrate von 53% pro Tag (die Skala ist logarithmisch). Die dunkelblaue Kurve zeigt die bestätigten Erkrankungsfälle, während die hellblaue Kurve die Verdachtsfälle abbildet. Die grüne Kurve schliesslich zeigt die Anzahl der unter Quarantäne gestellten Menschen in China.

Für unsere Betrachtung relevant sind die orange und die dunkelblaue Kurve: Die Zahl der bestätigten Erkrankungen (blau) folgt seit Tagen exakt dem Modell (orange).

Geht die Entwicklung über das Wochenende so weiter, wird die Zahl der bestätigten Erkrankungen bis Montag auf über 40'000 steigen.

Relevant ist nun, zu sehen, ob es der Regierung in China gelingt, die Wachstumsrate der Ansteckungen zu verringern. Das wäre daran sichtbar, dass sich die blaue im Vergleich zur orangen Kurve verflacht. Wie in der Grafik ersichtlich ist, könnte diese Bewegung in den letzten zwei Tagen begonnen haben.

Ermutigend ist bis anhin, dass die Infektion nur in 2,2% der Fälle tödlich endete. Damit ist das neue Coronavirus gemäss aktuellem Wissensstand deutlich weniger tödlich als das Sars-Virus: In der Sars-Epidemie von Anfang 2003 starben 9,6% der erkrankten Personen.

Daher: Ja, die Coronavirus-Epidemie sorgt für dicke Schlagzeilen. Doch die Zahl der bisherigen Erkrankungs- und Todesfälle relativiert sich, wenn man bedenkt, dass in einer «normalen» Grippesaison weltweit zwischen 300'000 und 650'000 Menschen am Influenza-Virus sterben.

2. Der Effekt auf Chinas Wirtschaft

Chinas Wirtschaftswachstum wird im ersten Quartal ohne Zweifel einen signifikanten Dämpfer erleiden. Hotels, Restaurants, Kaffeeketten, Kinos, Fluggesellschaften und unzählige weitere Unternehmen sind mit Einnahmenausfällen konfrontiert.

Wuhan, Ausgangspunkt der Epidemie, ist ein Verkehrsknotenpunkt und ein Zentrum der chinesischen Automobil- und -Zulieferindustrie. Schätzungen zufolge werden 6% aller in China hergestellten Automobile in Wuhan produziert. Das ist deshalb wichtig, weil der chinesische Automobilsektor in den vergangenen Monaten – nach einem heftigen Abschwung in der ersten Jahreshälfte 2019 – Signale einer Belebung gezeigt hatte. Diese wird nun abgewürgt.

Eine Indikation für die weitere Entwicklung liefert die Sars-Erfahrung von 2003: Im ersten Quartal 2003 brach Chinas Bruttoinlandprodukt um zwei Prozentpunkte von 11,1 auf 9,1% ein. Sobald die Epidemie im Frühjahr 2003 abgeflacht war, sprang die Wirtschaft jedoch sofort wieder an und holte den Rückstand rasch auf.

Unter der Annahme, dass die neue Coronavirus-Welle ebenfalls im Frühjahr abflauen wird, ist auch dieses Mal bloss mit einem temporären Einbruch zu rechnen, der im Rest des Jahres kompensiert wird.

3. Die Bedeutung für die Weltwirtschaft

Während der Sars-Welle vor 17 Jahren entsprach China 4% der gesamten globalen Wirtschaftsleistung. Die Volksrepublik war erst gut ein Jahr zuvor in die Welthandelsorganisation WTO aufgenommen worden.

Heute bringt China ein Gewicht von 17% der globalen Wirtschaftsleistung auf die Waage. Das Land ist verglichen mit 2003 in ungleich höherem Mass in die globalen Wertschöpfungsketten eingebunden. Sinnbildlich für die Einbindung Chinas in die Weltwirtschaft steht der Personenverkehr. Im Jahr 2002 reisten 16,6 Millionen Chinesen ins Ausland, 2018 waren es 162 Millionen:

Quelle: Jefferies

Quelle: Jefferies

Der temporäre Abschwung in Chinas Wirtschaft wird daher auch den Rest der Welt treffen. Als Indikation dieser Erwartung dient der Kupferpreis, der sich in den vergangenen zwei Wochen um mehr als 10% vergünstigt hat:

An den Finanzmärkten spielt sich eine Flucht in sichere Anlagen ab; der  Dollar-Index ist um fast 2% erstarkt. Die Rendite zehnjähriger U.S. Treasury Notes ist seit Anfang Jahr um 35 Basispunkte gesunken:

Genau so, wie der Virusschock die Automobilindustrie in einem ungünstigen Zeitpunkt trifft, wird auch der Chip-Sektor in den kommenden Wochen und Monaten unter Beobachtung stehen.

Die Belebung des Halbleiterzyklus hat im vierten Quartal das Wirtschaftswachstum Südkoreas und Taiwans beflügelt. Mehrere Branchenschwergewichte wie Intel, Taiwan Semiconductor und gestern Donnerstag auch – mit Vorbehalten – Samsung Electronics haben sich in den vergangenen Tagen zuversichtlich zu den Geschäftsaussichten im laufenden Jahr geäussert. 

Falls der Abschwung in China länger als bloss zwei bis drei Monate dauert, dürfte auch die Belebung der Halbleiterbranche in Gefahr sein. Wer sich für das Thema interessiert: Christoph Gisiger hat in seinem aktuellen «The Pulse»-Newsletter einen Blick auf die Chip-Branche geworfen.

4. Die Bedeutung für die Finanzmärkte

Das nach aktuellem Kenntnisstand wahrscheinlichste Szenario ist immer noch, dass die Coronavirus-Epidemie im Frühjahr abflauen und damit sowohl China wie auch die Weltwirtschaft nur temporär belasten wird.

Die Aktienmärkte waren nach einer mehrmonatigen, heftigen Aufwärtsbewegung ohnehin reif für eine Korrektur. In der manisch-depressiven Art, die für die Aktienmärkte charakteristisch ist, dürften die Börsen in den kommenden Wochen noch mehrmals von Angstschüben belastet werden.

Insgesamt sind wir aber der Meinung, dass es sich bloss um eine vorübergehende Korrektur handelt und Rückschläge Kaufgelegenheiten darstellen. Das gilt auch für die Börsen in Emerging Markets, inklusive China, Hongkong, Korea und Taiwan.

5. Knacknuss Huawei

Zum Schluss noch ein vom Coronavirus losgelöstes Thema: Huawei. Die «NZZ» hat heute eine eindrückliche Reportage vom Hauptsitz des Mobilfunktechnologie-Konzerns publiziert. 

Wie kein anders Unternehmen steht Huawei im Brennpunkt der wirtschaftlichen und technologischen Rivalität zwischen China und den USA. US-Aussenminister Mike Pompeo hat in Europa heftig lobbyiert – besser gesagt: Druck ausgeübt –, dass Huawei von Projekten zum Bau der 5G-Mobilfunkinfrastruktur ausgeschlossen wird.

Diese Woche hat Pompeo sowohl in Brüssel wie auch in London eine Schlappe eingefangen. Die EU-Kommission hat am Mittwoch auf ein Verbot von Huawei verzichtet; Brüssel überlässt die Entscheidung den Regierungen der einzelnen Länder. Bereits am Tag zuvor hatte die Regierung des Vereinigten Königreichs beschlossen, Huawei mit Auflagen weiterhin zuzulassen.

Doch auch innerhalb der USA ist die Opposition gegen Huawei nicht geschlossen. Das Handelsministerium unter der Leitung von Wilbur Ross hat wochenlang darauf hingearbeitet, auch Zulieferer von Huawei mit scharfen Sanktionen zu belegen. Das hätte zum Beispiel dazu führen können, dass Taiwan Semiconductor keine in Taiwan hergestellten Chips mehr an Huawei liefern dürfte, weil im Produktionsprozess Designs oder Maschinen aus den USA verwendet werden.

Doch Wilbur Ross kam mit seiner Forderung nicht durch – weil das Pentagon sein Veto einlegte. Das US-Verteidigungsministerium setzte durch, dass die Sanktionen gegen Huawei nicht verschärft werden.

Der Grund: Auf direktem und indirektem Weg erhält die amerikanische High-Tech-Industrie gemäss Schätzungen von Gavekal Research pro Jahr Aufträge im Wert von deutlich mehr als 100 Mrd. $ von chinesischen Konzernen wie Huawei. Eine Verschärfung der Sanktionen hätte zu einem Wegfall dieser Einnahmen geführt, was wiederum die Mittel gekürzt hätte, die in den USA für Forschung und Entwicklung zur Verfügung stehen. Das wollte das Pentagon verhindern, denn von den F&E-Ausgaben der Tech-Konzerne profitiert auch die Rüstungsindustrie.

Mit diesen Schlussgedanken bleibt mir, Ihnen für die Zeit zu danken, die Sie The Market widmen.

Geniessen Sie Ihr Wochenende – und erschrecken Sie nicht, wenn sie am Montag eine dicke Schlagzeile von 40'000 Coronavirus-Erkrankungen lesen!

Herzlich,

Mark Dittli und das Team von The Market