Das hat nicht lange gedauert: Erst Ende letzte Woche waren die Märkte noch im Panikmodus, heute scheint die Angst vor dem Coronavirus vergessen. Das gilt speziell für den Tech-Sektor, wo der Nasdaq 100 am Dienstag ein neues Rekordhoch markiert hat.

An den Börsen hat sich ein Konsens durchgesetzt, der auf zwei Annahmen beruht: Der negative Effekt der Epidemie auf die Wirtschaft ist rasch wettgemacht. Und falls nicht, werden die Zentralbanken einfach noch mehr Liquidität ins System pumpen.

Eine Win-Win-Situation für Investoren also? Keine andere Aktie verkörpert diese sorglose Einstellung momentan mehr als Tesla. Die hoch spekulativen Titel sind seit Anfang Woche unter hohen Volumen weitere 36% vorgeprescht. Seit letztem Sommer sind sie fast 400% avanciert.

Wie es heisst, soll der jüngste Kursschub unter anderem damit zusammenhängen, dass Leerverkäufer ihre Positionen auflösen mussten. Gemäss dem Datendienst S3 Partners haben Short-Seller allein seit Anfang Jahr 8 Mrd. $ mit Wetten gegen den Elektroautohersteller verloren.

Was auch immer der Grund für die Kursavancen sein mag: Mit der fundamentalen Entwicklung von Tesla haben sie wenig zu tun.

Obschon der Konzern bislang in keinem Jahr profitabel gewirtschaftet hat, ist er mit einer Kapitalisierung von 160 Mrd. $ inzwischen mehr wert als die gesamte amerikanische Autoindustrie. Selbst Netflix läuft er als «wertvollstes» Unternehmen mit einem Junk-Kredit-Rating nun den – zweifelhaften – Rang ab.

Fred Hickey, Herausgeber des vielbeachteten Investmentbulletins «The High-Tech Strategist», beschreibt es treffend: «Bei der irrsinnigen Explosion von Teslas Aktienkurs dreht sich alles um drei Dinge: Liquidität, Momentum und Manie.»

Bezeichnend ist dazu folgende Grafik des kontroversen Finanzblogs «ZeroHedge». Sie veranschaulicht die Parallelen zwischen dem parabolischen Kursverlauf von Tesla und dem grossen Bitcoin-Fieber von Ende 2017:

Quelle: ZeroHedge

Quelle: ZeroHedge

Eine kräftige Erholung haben in den vergangenen Tagen ebenso die Aktien von IT-Kolossen wie Apple, Microsoft und Amazon verspürt.

Im Nachgang an die Abschlüsse zum vierten Quartal vergleicht «The Pulse» in der heutigen Ausgabe deshalb die «Big Five» des Tech-Sektors – und zeigt ihre individuellen Stärken und Schwächen auf.

Die Kriterien

Selten haben einige wenige Konzerne die amerikanischen Börsen so stark dominiert wie Apple, Microsoft, Amazon, Facebook und die Google-Holding Alphabet heute.

Die fünf Unternehmen kommen gegenwärtig für 17,5% der Kapitalisierung des S&P 500 auf. Das entspricht der grössten Konzentration seit 1978, als IBM, AT&T, Exxon, General Motors und General Electric ein Gewicht von über 20% im US-Leitindex zukam:

Quelle: Bianco Research

Quelle: Bianco Research

Entsprechend haben die Quartalsergebnisse der «Big Five» in den vergangenen Tagen an den Märkten für Bewegung gesorgt.

Positiv überrascht hat vor allem Amazon dank mehr Disziplin bei den Kosten. Im Gegensatz dazu wurden die Zahlen von Facebook und Google kühl aufgenommen:

Doch wie geht es jetzt mit den Aktien der Tech-Giganten weiter? Wer hat am meisten Potenzial? Und bei welchen Titeln ist eher Vorsicht angebracht? Um diese Fragen zu beantworten, schauen wir uns folgende Kriterien an:

  • Wachstum
  • Profitabilität
  • Aktionärsfreundlichkeit
  • Bewertung

Wachstum

Im heutigen Umfeld, geprägt von durchwachsenen Konjunkturaussichten und ultratiefen Zinsen, stehen Unternehmen mit einer robusten Umsatzentwicklung hoch im Kurs.

Am besten schneidet in dieser Hinsicht Facebook ab. Die Online-Plattform hat den Umsatz im vergangenen Jahr annähernd 27% gesteigert, wobei sich vor allem die Tochter Instagram grosser Popularität erfreut.

Allerdings schwächt sich das Wachstum wegen strengerer Auflagen zur Kommerzialisierung von Nutzerdaten und wegen des alternden Geschäftsmodells allmählich ab, was mitunter ein Grund für die verhaltene Reaktion auf den Quartalsabschluss ist.

«Facebook prognostiziert für 2020 eine Verlangsamung des Wachstums gegenüber 2019. Das impliziert ein negatives Risiko für die Aktien», meint dazu Laura Martin, IT-Analystin beim Broker Needham.

Auch bei Amazon und Google dürfte das beeindruckende Expansionstempo fortan etwas nachlassen. Ein Treiber bleibt aber immerhin das Cloud-Geschäft, das beide Konzerne 2019 erneut kräftig ausgebaut haben. Die Nachfrage nach Rechenleistungen übers Internet bleibt auf absehbare Zeit robust, wovon ebenso Microsoft profitiert.

Für Apple hingegen sind die Aussichten auf Wachstum eher mässig. Die neuste iPhone-Generation kommt zwar gut an, sodass der Konzern in den letzten zwei Quartalen wieder gewachsen ist. Ausserdem könnte sich das Kerngeschäft mit dem neuen Mobilfunkstandard 5G ab Ende 2020 weiter beleben.

Wie Schätzungen von Analysten zeigen, dürfte Apple aber auch in den kommenden Jahren mit Raten von 6 bis 10% weniger schnell expandieren als die anderen vier Tech-Riesen:

Profitabilität

Wenn es um die Ertragskraft geht, arbeiten Microsoft und Facebook am besten. Der Konsens erwartet, dass die beiden Unternehmen die Betriebsmarge auf Stufe Ebit in der kurzen bis mittleren Frist auf über 35% halten oder sogar leicht steigern können.

Hochprofitabel ist ebenso Apple. Der Markt geht davon aus, dass der Konzern seine operative Marge um 25% halten kann. Das, weil er über eine beneidenswerte Premium-Position im Smartphone-Markt verfügt und das Abwandern von Kunden durch Dienste sowie Accessoires erfolgreich erschwert.

Auch hinsichtlich der Rendite auf dem investierten Kapital (ROIC) führen diese drei Unternehmen das Feld an. Im Fall von Apple etwa beläuft sich die Kennzahl für das vergangene Kalenderjahr auf über 32%. Microsoft und Facebook kommen auf rund 25 bzw. 21%.

Gemischt fällt die Performance von Alphabet aus. Mit einer Ebit-Marge von gut 22% wirtschaftet der Online-Gigant zwar ebenfalls überaus rentabel. Ohne die Sparte «Other Bets», die diverse Zukunftsprojekte umfasst, wäre die Ertragskraft jedoch erheblich grösser.

«Alphabet ist ein bemerkenswert profitables Unternehmen und hat den Luxus, sich verlustreiche Experimente auf Gebieten wie künstliche Intelligenz, selbstfahrende Autos oder High Speed Internet leisten zu können», denkt Michael Pachter, Analyst beim Broker Wedbush Securities.

«Trotzdem bin ich skeptisch, dass sich diese Initiativen dereinst auszahlen werden», wendet er ein. «Investoren würden es vorziehen, wenn das Unternehmen das überschüssige Kapital zum Ausbau der Bereiche Internetsuche, YouTube und Cloud verwenden würde, die alle profitabel sind und wachsen.»

Bedenken dieser Art bestehen ebenso bei Amazon. Unter den «Big Five» weist der Konzern mit gut 5% die dünnste Ebit-Marge aus. CEO und Gründer Jeff Bezos hat allerdings stets klar gemacht, dass er primär an Wachstum interessiert ist und Profitabilität eher als lästige Notwendigkeit sieht.

Zumindest zeigt der Trend in die richtige Richtung: Nachdem der Ausbau des Vertriebsnetzes im Retail-Segment ein halbes Jahr lang erheblich auf die Ertragskraft drückte, hat Amazon in der letzten Berichtsperiode deutlich mehr Gewinn ausgewiesen als erwartet.

Hinzu kommt, dass je nach Sparte grosse Unterschiede bestehen. Während die Margen im Retail-Segment hauchdünn sind, weisen die Cloud-Division AWS und das Geschäft mit Online-Werbung eine ansprechende Profitabilität aus.

Da diese beiden Bereiche ausserdem rasch wachsen, erwarten Analysten, dass sich Amazons Betriebsmarge in den nächsten Jahren gegen 10% ausdehnen wird:

Aktionärsfreundlichkeit

Ähnlich sieht das Bild in Sachen Ausschüttungspolitik aus. Unter den fünf Tech-Titanen ist Amazon das einzige Unternehmen, das weder eigene Aktien zurückkauft noch eine Dividende auszahlt. Eine baldige Änderung ist nicht in Sicht.

Demgegenüber ist Apple mit Abstand am grosszügigsten. Der Konzern hat im vergangenen Jahr 95 Mrd. $ an Investoren ausgezahlt, weltweit schüttet kein Unternehmen mehr aus.

Auf absehbare Zeit dürfte sich daran wenig ändern. Apple sass per Ende Dezember auf einem Cash-Berg von annähernd 100 Mrd. $. Bei der Präsentation der Quartalszahlen hat das Management um Tim Cook das Ziel bekräftigt, den Bestand auf eine «neutrale» Position abzubauen.

Ebenfalls sehr generös ist Microsoft. Das Unternehmen zahlt bereits seit 2003 eine stetig wachsende Dividende, wobei das Volumen seit 2012 Jahr für Jahr deutlich zunimmt. Seit dem Geschäftsjahr 2018 sind auch die Aktienrückkäufe erheblich gestiegen.

Die Valoren von Alphabet und Facebook bleiben zwar dividendenlos. Immerhin schütten die beiden Konzerne inzwischen aber namhafte Beträge über Aktienrückkäufe aus. Im Fall von Alphabet sind es für das vergangene Jahr mehr als 18 Mrd. $, Facebook kommt auf 6,5 Mrd. $:

Ebenso zur Aktionärsfreundlichkeit gehört Transparenz. In diesem Bereich ist Microsoft der Klassenprimus, gefolgt von Amazon. Beide Konzerne weisen sowohl den Umsatz wie auch den Betriebsgewinn der wichtigsten Sparten aus.

Apple und Alphabet zeigen den Umsatz ihrer Divisionen. Bei Alphabet ist das ein Novum, mit dem CEO Sundar Pichai bei der Ergebnispublikation am Montag für eine positive Überraschung sorgte.

Apple hingegen gibt seit Ende 2018 keine Stückzahlen zu den verkauften Geräten mehr bekannt, was aus Investorensicht ein Rückschritt ist.

Klar am Schluss rangiert Facebook. Der Konzern weist keine Zahlen nach Sparten aus und zeigt auch keine Absichten dazu. Wegen der undemokratischen Aktienstruktur hat Konzernchef Mark Zuckerberg das Unternehmen zudem fest unter Kontrolle.

Das Gleiche gilt bei Alphabet für die Unternehmensgründer Larry Page and Sergey Brin.

Bewertung

Investoren, die Anfang 2019 mutig waren und auf die Aktien der «Big Five» gesetzt haben, bereuen es nicht. Alle Titel bewegen sich in der Nähe des Rekordhochs, Microsoft sogar leicht darüber.

Entsprechend stolz sind die Bewertungen. Gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis für die nächsten zwölf Monate von über 70 erscheinen vor allem die Titel von Amazon astronomisch teuer. Allerdings hat sich der Wert in der Vergangenheit meist deutlich über 100 bewegt.

Historisch betrachtet sogar preiswert sind die Aktien von Facebook. Das KGV beträgt derzeit knapp 23, wogegen es sich seit dem IPO im Mai 2012 lange um 25 bis 35 bewegt hat.

Stattlich bewertet, aber nicht überrissen teuer sind Alphabet. Die Titel handeln aktuell zum KGV von 25, was etwa dem Mittelwert der letzten drei Jahre entspricht.

Wesentlich ausgedehnt sind die Bewertungen im historischen Vergleich demgegenüber bei Apple und Microsoft mit 22 respektive fast 31:

Etwas anders sieht die Situation aus, wenn man das Verhältnis von Unternehmenswert zum Umsatz als Bewertungskriterium anwendet.

Gemäss dem Datendienst S&P Global beträgt der Faktor für Amazon knapp 4. Bei Facebook beläuft er sich hingegen auf annähernd 8 und bei Microsoft auf fast 10:

Fazit

Grundsätzlich sind die Titel der fünf IT-Giganten auf dem gegenwärtigen Kursniveau nicht günstig. In einem Umfeld mit freundlichen Finanzmärkten und grossem Risikoappetit dürften sie jedoch weiterhin eine ansprechende Performance erzielen.

Aufholpotenzial könnten vor allem Amazon freisetzen, die den anderen grossen Tech-Werten seit letztem Sommer hinterhergehinkt sind. Nach den erfreulichen Quartalszahlen würde es nicht überraschen, wenn sie nun wieder etwas mehr Dynamik entwickeln.

Ebenso ist aber auch das Risiko von Enttäuschungen gross, wenn nicht alles optimal läuft. Wie abrupt die Stimmung drehen kann, hat der Panikschub von Ende letzter Woche gezeigt. Mit Blick auf die Situation in China ist besonders Apple in einer heiklen Lage.

Ungewissheit birgt auch das politische Umfeld in den USA und in Europa. Gegen Amazon, Apple, Facebook und Alphabet laufen seit Sommer Ermittlungen der US-Wettbewerbshüter. Facebook musste wegen einer Busse der Aufsichtsbehörde FTC allein für 2019 rund 5 Mrd. $ zurückstellen.

Umgekehrt könnten speziell die Aktien von Alphabet und Facebook davon profitieren, wenn sich der regulatorische Druck lockert. Im Vergleich zu den anderen drei IT-Kolossen sind sie zudem nicht extrem teuer.

Im Fall von Alphabet sind überdies weitere Verbesserungen bei der Aktionärsfreundlichkeit denkbar. Die auf autonome Fahrzeuge spezialisierte Tochter Waymo zum Beispiel könnte sich für externe Investoren öffnen.

Preisbewussten Anleger, die sich bei Engagements gerne auf ein konservatives Sicherheitspolster verlassen, empfiehlt «The Pulse» hingegen, einen günstigeren Zeitpunkt abzuwarten.

Deep Diving

Wie immer an dieser Stelle gibt es hier drei Links, die einen vertieften Einblick in ein aktuelles Thema geben:

  • Die Ankündigung sorgt an der Börse für Applaus: Am 6. April wird Arvind Krishna die langjährige IBM-Chefin Ginni Rometty an der Spitze des Konzerns ablösen. Der Blog «IT Jungle» porträtiert den angehenden CEO und sagt, was der Führungswechsel für die Zukunft von «Big Blue» bedeutet.
  • AI oder künstliche Intelligenz ist ein Schlüsseltrend in der IT-Industrie. Das Human-Centered Artificial Intelligence Institute (HAI) der Universität Stanford katalogisiert deshalb sämtliche Literatur und Daten zum Thema in der neusten Auflage des jährlichen Artificial Intelligence Index Report.
  • Der Konkurs von WorldCom ist bis heute eine der grössten Pleiten Corporate Americas. Hinter dem Fiasko steckte CEO Bernie Ebbers, der aus einem kleinen Unternehmen aus Mississippi während der Internetblase den zweitgrössten US-Fernmeldekonzern zimmerte. 2005 wegen schweren Finanzbetrugs verurteilt, verstarb Ebbers am Wochenende. Die Nachrichtenagentur Reuters hält die Geschichte des «Telecom-Cowboys» in einem Nachruf fest.

Busted!

Es ist ein Ereignis der Superlative: 102 Millionen Zuschauer haben diesen Sonntag das Finalspiel der National Football League zwischen den San Francisco 49ers und den Kansas City Chiefs am Bildschirm verfolgt. Das sind 1,3% mehr als beim letztjährigen Titelkampf zwischen den Los Angeles Rams und den New England Patriots.

Natürlich fliesst bei diesem jährlichen Sportspektakel jeweils Alkohol in rauen Mengen: Gemäss dem Beer Institute, dem amerikanischen Branchenverband der Bierbrauer, dürfte auch dieses Mal Gerstensaft im Wert von rund 1,2 Mrd. $ getrunken worden sein. Hinzu kommen knapp 570 Mio. $ für Spirituosen und über 650 Mio. $ für Wein.

Kein Wunder also, machen viele Amerikaner am Tag danach blau. Schätzungen besagen, dass sich rund 17 Mio. Personen bei ihrem Arbeitgeber krankmelden. Der Montag nach dem Super Bowl ist deshalb auch als «Super Sick Monday» bekannt.

Geflissentlich auf das grosse Spiel vorbereitet hatten sich auch die Insassen des Santa Rita Jail in der Bay Area von San Francisco: Bei einer Razzia am Tag vor der Austragung wurden in der Gefängnisanlage Hunderte von Gallonen selbstgemachten Weins sichergestellt.

Unter Knastologen «Pruno» genannt, handelt es sich in der Regel um eine Mixtur aus Früchten, Fruchtsaft, Zucker und etwas Brot als Hefeersatz für den Gärprozess. In Plastiksäcke abgefüllt, hatten die Häftlinge das Gebräu überall in der Anlage versteckt.

Die Wärter dokumentierten das Resultat der Durchsuchung stolz auf Instagram: «Im Santa Rita Jail wird es morgen keine Super Bowl Party geben. Gute Arbeit von unserem Team, das heute im Dienst war», kommentierte Sergeant Ray Kelly das Beweismaterial.

Konsequenzen hatte die Aktion jedoch nicht. Die Häftlinge wurden nicht bestraft, obschon ihr Vorhaben aufgeflogen war. Auch durften sie sich das Spiel ihres Heimteams trotzdem live ansehen.

Wie die geplante Party erwies sich die Affiche allerdings als Reinfall – die 49ers unterlagen den Chiefs 20 - 31.


Herzliche Grüsse von der US-Westküste und hoffentlich bis nächste Woche,

Christoph Gisiger