The Pulse

Amazon gegen Microsoft – Das Duell der Cloud-Giganten

Die beiden US-Technologieriesen dominieren das Geschäft mit Rechendiensten im Internet. Für beide wird die Cloud-Sparte ein immer wichtigerer Bestandteil ihres Umsatzes.

Christoph Gisiger

Jetzt geht es Schlag auf Schlag: Mit Facebook, Google und Amazon warten im restlichen Verlauf der Woche gleich drei Schwergewichte aus dem Tech-Sektor mit ihren Quartalszahlen auf.

Für viel Gesprächsstoff bei den Ergebnispräsentationen werden die neusten Nachrichten aus Washington sorgen. Das US-Justizdepartement hat am Dienstagabend durchblicken lassen, dass es das Wettbewerbsverhalten der grössten IT-Konzerne genauer untersuchen wird.

Mit Blick auf die Konjunkturentwicklung sind ebenso die Berichte der führenden Chiphersteller von grossem Interesse. Nachdem Texas Instruments gestern Dienstag positiv überrascht hat, steht am Donnerstag mit Intel ein weiterer wichtiger Test an.

Freundlich aufgenommen haben Investoren bereits den Abschluss von Microsoft. Der Softwareriese hat sein Cloud-Geschäft im vergangenen Quartal erneut rasant ausgebaut. Umso grösser ist nun der Erwartungsdruck, wenn Amazon am Donnerstag bei der Ergebnispublikation die Zahlen seiner Cloud-Sparte AWS präsentiert.

Aus diesem Grund befasst sich «The Pulse» in der heutigen Ausgabe mit der wachsenden Rivalität der beiden Cloud-Giganten.

Fantasie an der Börse

Geht es nach der Börse, hat Microsoft gegenwärtig die besseren Karten. Die Aktien von «Mr. Softy» sind in den letzten zwölf Monaten rund 29% vorgeprescht und bewegen sich auf Rekordniveau.

Sie distanzieren damit sowohl Amazon wie auch den breiten Markt gemessen am S&P 500:

Ein ähnliches Bild zeigt die Marktkapitalisierung. Microsoft hat sich seit Anfang Mai erneut als wertvollstes Unternehmen der Welt etabliert. Gegenwärtig bringt es rund 1070 Mrd. $ auf die Waage. Dahinter folgen Amazon mit 980 Mrd. $ sowie Apple, Google und Facebook:

Für Fantasie in Microsoft sorgt vor allem ein zentraler Faktor: die Expansion im Cloud-Geschäft. Gemäss dem Researchhaus Gartner wird der Markt für Rechendienste übers Internet dieses Jahr weitere 18% auf über 214 Mrd. $ wachsen, wobei Amazon und Microsoft im Segment Infrastruktur dominieren:

Dass Microsoft auf diesem Gebiet zur Spitze zählt, ist Konzernchef Satya Nadella zu verdanken. Er hat den einst behäbigen Dividendenkoloss zu einer aggressiven Wachstumsmaschine umgebaut, was die Quartalszahlen von letzter Woche illustrieren.

Die Einnahmen im Cloud-Bereich sind gegenüber der Vorjahresperiode um fast 40% auf 11 Mrd. $  geklettert und machen bereits rund ein Drittel des Konzernumsatzes aus. Mit einer Bruttomarge von 65% ist das Segment hochprofitabel.

«Ich bin stolz auf das, was wir in den letzten 12 Monaten erreicht haben. Die Chancen, die vor uns liegen, begeistern mich», sagte Nadella während der Ergebnispräsentation.

Azure: Das Ass von Microsoft

Was können Investoren demnach künftig von Microsoft erwarten?

Einen guten Anhaltspunkt liefert eine neue Studie des Brokers Cowen, der die Abdeckung der Titel vor wenigen Tagen mit einer Kaufempfehlung aufgenommen hat - der typische «Bull Case» also.

Das Cloud-Geschäft umfasst im Fall von Microsoft die Büroanwendungen der Produktepalette Office 365, den Rechendienst Azure, einen Teil des sozialen Geschäftsnetzwerks LinkedIn sowie die Business-Software Dynamics 365.

Unter der Bezeichnung «Commercial Cloud» zusammengefasst, dürfte der Bereich gemäss den Analysten von Cowen fortan praktisch für das gesamte Wachstum von Microsoft aufkommen.

Bis 2025 sollen die jährlichen Einnahmen des Konzerns dadurch von rund 110 Mrd. $  auf annähernd 230 Mrd. $ steigen. Der Umsatzanteil des Segments nimmt dabei auf knapp 60% zu:

Microsofts stärkster Wachstumsmotor ist Azure, der direkte Gegenspieler von Amazons AWS-Sparte. Sein Umsatzanteil innerhalb des Cloud-Geschäfts soll in den kommenden Jahren auf über die Hälfte steigen, während er bei Office 365 und LinkedIn stetig abnimmt:

Aus Investorensicht besonders attraktiv ist, dass Microsoft im Zug dieser Transformation nach Einschätzung von Cowen die Ebit-Marge auf rund 35% halten kann. Bis 2025 soll sich der Gewinn pro Aktie dadurch von rund 5 auf 10 $ ausdehnen. Das ist ein Zuwachs von etwa 15% pro Jahr.

Die Perle von Amazon

Für Amazon wird Microsoft damit zum gefährlichsten Rivalen. In den Medien sorgt der Konzern von Jeff Bezos zwar meist als Branchenleader im Onlinehandel für Aufmerksamkeit. An der Börse hat er zuletzt jedoch vor allem mit der Cloud-Sparte gepunktet.

Amazon Web Services, kurz AWS, ist als Marktpionier mit über 13 Jahren Erfahrung der Konkurrenz nach wie vor voraus. Die Einnahmen sind in den letzten fünf Jahren von 3 auf über 25 Mrd. $ pro Jahr gestiegen. 2018 hat die Sparte eine operative Marge von knapp 30% erzielt, womit sie für rund die Hälfte des Konzerngewinns aufgekommen ist.

Das Researchteam von Bank of America, das Amazon mit einem Kursziel von 2300 $ zum Kauf empfiehlt, bewertet AWS mit gut 370 Mrd. $. Demgegenüber misst es dem Retail-Bereich 655 Mrd. $ zu und dem Online-Werbegeschäft knapp 125 Mrd. $.

Es erstaunt daher nicht, dass sich Bezos im letzten Aktionärsbrief besonders positiv zu AWS geäussert hat. Die Sparte tritt nun auch vermehrt als eigenständige Marke auf, was ihre wachsende Bedeutung in der Amazon-Gruppe unterstreicht.

Spannende Perspektiven

Im direkten Vergleich wächst Azure von Microsoft zwar schneller als AWS. Das hat aber vor allem damit zu tun, dass das Amazons Cloud-Division wesentlich grösser ist.

Für Investoren entscheidend ist, dass beide Konzerne mit ihrem Cloud-Geschäft schneller als die Branche expandieren, demnach Anteile in einem langfristigen Wachstumsmarkt gewinnen und attraktive Margen erzielen.

Wer als Investor eine wachstumsorientierte Strategie verfolgt, dem eröffnen daher beide Titel spannende Perspektiven.

Zu berücksichtigen sind aber auch wichtige Unterschiede:

Während Microsoft ein reiner IT-Konzern ist, bewegt sich Amazon auf einem breiteren Fundament. So baut das Unternehmen derzeit ebenso die Online-Werbung kräftig aus, womit es ins Kerngeschäft von Google und Facebook vordringt.

Auf Jeff Bezos zu setzen, war für Aktionäre in der Vergangenheit zudem eine ausgezeichnete Wette. Im Fall von Microsoft sind die Titel erst seit der Ablösung von Konzernchef Steve Ballmer im Februar 2014 richtig zum Leben erwacht.

Ein Pluspunkt für Microsoft ist auf kurze bis mittlere Sicht, dass der Konzern nicht in die Untersuchungen der US-Wettbewerbsbehörden involviert ist. Im Gegensatz zu Amazon ist das politische und regulatorische Risiko daher geringer.

Value vs. Growth

Wie immer an der Börse sind für ein Engagement jedoch nicht nur die Qualität und die Aussichten eines Unternehmens ausschlaggebend. Eine ebenso grosse Rolle spielt der Preis, den man dafür bezahlt.

Offenkundig ist unter diesem Aspekt, dass sich die Bewertungen im Cloud-Segment schon seit Längerem in luftigen Höhen bewegen. Der Bessemer Branchenindex beispielsweise ist allein seit Anfang Jahr um fast 50% avanciert.

Entsprechend sind die Aktien von Microsoft (Dividendenrendite: 1,4%) nicht günstig. Auf Basis der Analystenschätzungen für die nächsten zwölf Monate sind sie zum Kurs-Gewinn-Verhältnis 27 anspruchsvoll bewertet. Zum Vergleich: Der zehnjährige Durchschnitt beträgt rund 16.

Ähnliches gilt für Amazon. Das KGV bewegt sich gemäss dem Datendienst S&P Global zwar unter dem langjährigen Mittelwert von 120. Mit knapp 70 erscheint die Bewertung aber nach wie vor astronomisch hoch.

Wer weiss, vielleicht ergibt sich ja bald ein günstigerer Zeitpunkt zum Einstieg, wenn die Börsen abermals in Turbulenzen geraten.

Deep Diving

Wie immer an dieser Stelle finden Sie hier drei Links, die einen vertieften Einblick in ein aktuelles Thema geben:

  • Seit Tim Cook die Leitung von Apple im Sommer 2011 übernommen hat, ist der Börsenwert des Konzerns um über 600 Mrd. $ gestiegen. Nun kommen Gerüchte um seinen Rücktritt als CEO auf. Als Favorit für die Nachfolge gilt Chief Operating Officer Jeff Williams. «Bloomberg Businessweek» stellt ihn in einem Portrait vor.
  • Zolgensma von Novartis ist zum Preis von 2,1 Mio. $ das teuerste Medikament der Welt. Bisher hält sich der Pharmariese jedoch bedeckt, wenn es um Verkaufszahlen der Gentherapie geht, die Ende Mai die US-Zulassung erhalten hat. Das Interesse von Investoren ist jedoch gross, zumal Novartis letztes Jahr 8,7 Mrd. $ für den Zolgensma-Entwickler AveXis hingeblättert hat. Die Fachpublikation «BioPharma Dive» widmet sich der Frage, wie die Markteinführung des Präparats vorankommt.
  • Nach zwei Jahrzehnten intensiver Forschung und Entwicklung ist es endlich soweit: W 38 wird diesen Herbst landen. So lautet der Patentname für die neue Apfelsorte Cosmic Crisp. Sie soll nicht nur eine geschmackliche Revolution auslösen, sondern auch eine ganze Branche aufmischen. Das «California Sunday Magazine» berichtet, wie Farmer auf die «grösste Lancierung eines Einzelprodukts in der Geschichte Amerikas» wetten.

A Crowded Field

Im Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur wird es langsam, aber sicher ernst. Bis zu den Wahlen am 3. November 2020 sind es noch genau 467 Tage. Kommende Woche steht in Detroit die zweite grosse TV-Debatte der Demokraten auf dem Programm.

Hier in Kalifornien richtet sich die Aufmerksamkeit besonders auf Senatorin Kamala Harris. Gemäss der Wettbörse PredictIt rangiert sie derzeit mit ihrer Senatskollegin Elizabeth Warren und Ex-Vizepräsident Joe Biden an der Spitze.

Für den Debatten-Auftritt auf CNN haben sich zwanzig Kandidatinnen und Kandidaten qualifiziert. Das ist allerdings nur ein kleiner Teil des breiten und bunten Feldes, in dem sich gemäss der Federal Election Commission gegenwärtig 791 Personen für das mächtigste Amt der Welt bewerben.

Die «Teilnahmebedingungen» sind simpel: Wer am 20. Januar 2021 ins Weisse Haus einziehen will, muss gebürtiger Amerikaner sein, ein Alter von mindestens 35 Jahren aufweisen und seit mindestens 14 Jahren in den Vereinigten Staaten leben.

Diese Voraussetzungen erfüllt zum Beispiel Vermin Love Supreme, der einen Gummistiefel auf dem Kopf trägt und jedem ein gratis Pony verspricht. Der Performance-Künstler tritt seit 2004 alle vier Jahre als Präsidentschaftskandidat an und hat den Kampf gegen die Zombie-Apokalypse sowie die Forschung an einer Zeitmaschine auf dem Wahlprogramm.

Zu den skurrileren Anwärtern gehört ebenso Mike Gravel: Der 89-jährige Ex-Senator aus Alaska hat zwei Teenager mit seiner Kampagne beauftragt. Er hat bereits über 140’000 $ an Spenden erhalten, womit er sich theoretisch sogar für die CNN-Debatte qualifizieren würde.

Auf der offiziellen Liste der Kandidaten befindet mit Seven the Dog selbst ein Hund (wie das auch immer möglich ist). Er tritt für die Puppy Party an und liefert sich momentan eine erbitterte Schlammschlacht gegen Seymour Cats - eine Katze, die sich für «ehrliche, harte Arbeit und gegen Korruption» einsetzen will.

Schon fast seriös mutet im Vergleich dazu die Kampagne von Dan «Taxation is Theft» Behrman an. Seine ideologische Plattform basiert auf dem Grundsatz, «dass jede Person machen kann, was sie will, solange sie andere nicht verletzt oder bestiehlt».

Mit seinem knallgelben Zylinder als Markenzeichen kandidiert Dan ausserdem für die Aufhebung der US-Notenbank, für kostenfreie Bildung sowie Gesundheitsversorgung, für einen Taco-Truck an jeder Strassenecke und natürlich für die Legalisierung von Ananas auf der Pizza.

Donald Trump sollte sich also besser in Acht nehmen.

Vermin Love Supreme: Der Mann mit dem Gummistiefel.

Vermin Love Supreme: Der Mann mit dem Gummistiefel.

Herzliche Grüsse von der US-Westküste und hoffentlich bis nächste Woche,

Christoph Gisiger