The Pulse

Amgen: der schlafende Riese im Biotech-Sektor

Biotech-Aktien treten an Ort – auch der Branchenprimus Amgen. Investoren, die Wert auf Aktionärsfreundlichkeit legen nach günstigen Gelegenheiten suchen, bietet die Kursflaute in Amgen Chancen. Plus: Das Intel-Imperium schlägt zurück.

Christoph Gisiger
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Das Imperium schlägt zurück: Etwa so lässt sich die Kernbotschaft zusammenfassen, die der neue Intel-Chef Pat Gelsinger am Dienstagabend bei seinem ersten grossen Auftritt verkündet hat.

Nach diversen Produktionsproblemen in die Defensive gedrängt, geht Intel bei der Fertigung modernster Computerchips jetzt in die Offensive. Der Konzern wird an seinem Fabrikationsstandort in Chandler, Arizona, zwei neue Werke zur Herstellung modernster Halbleiter errichten. Als Budget sind Investitionen von 20 Mrd. $ vorgesehen.

«Intel ist und bleibt ein führender Entwickler von Fertigungstechnologien, ein bedeutender Hersteller von Halbleitern und ein führender Anbieter von Silizium weltweit», sagte Gelsinger während einer rund 50-minütigen Präsentation mit dem Titel «Intel Unleashed».

In den vergangenen Monaten waren vermehrt Gerüchte aufgekommen, dass Intel die Fertigung der technologisch fortgeschrittensten Prozessoren aufgeben, die Fabrikation abspalten und sich stattdessen auf Auftragsproduzenten wie die taiwanesische Chipschmiede TSMC verlassen soll. Doch davon will das neue Management nichts wissen.

Gelsinger, der die Leitung von Intel am 15. Februar übernommen hat, beabsichtigt mit seiner Strategie das Gegenteil: Intel soll künftig auch Produkte im Auftrag anderer IT-Konzerne produzieren. Eine Folie während seiner Präsentation suggerierte dabei, dass Amazon, Google, Microsoft und Qualcomm künftig solche Dienste in Anspruch nehmen könnten. Ein kurzer Auftritt von Microsoft-CEO Satya Nadella demonstrierte schon einmal, dass der Softwarekonzern Intels Pläne unterstützt.

Intel prognostiziert, dass der weltweite Markt zur Halbleiterproduktion bis 2025 auf rund 100 Mrd. $ pro Jahr wachsen wird. Rund 15% davon dürfte auf modernste Chips mit einer Strukturgrösse von 5 bis 3 Nanometern entfallen:

Gut denkbar ist, dass Intel bei der neuen Strategie Support aus Washington erhält. Der grösste Teil der hochleistungsfähigsten Computerchips wird heute in Taiwan und Südkorea produziert - im unmittelbaren Einflussgebiet Chinas.

Im Februar hat US-Präsident Joe Biden dazu erklärt, dass die heimische Halbleiterproduktion eine Priorität seiner Regierung sei. Die gegenwärtigen Engpässe verdeutlichen, wie wichtig die Branche für immer mehr Wirtschaftsbereiche ist.

An der Börse wird Intels Kampfansage mit Applaus honoriert. Dazu beitragen dürften auch die Beteuerungen des Konzerns, dass das aktuelle Programm zur Entwicklung von Rechenchips der nächsten Generation nach einem erneuten Rückschlag im letzten Sommer jetzt auf gutem Weg sei.

Die Aktien von Intel (The Market hat den Investment Case letzten Oktober hier im Detail präsentiert) rückten am Dienstag im nachbörslichen Handel gut 7% auf 68 $ vor. Sie notieren damit nur noch knapp unter dem Hoch vom Januar 2020. Die Bestmarke aus dem Jahr 2000 hat Intel noch immer nicht egalisiert.

Ebenfalls Auftrieb verspürten nachbörslich Ausrüster wie Applied Materials, ASML und KLA. Auch für Schweizer Zulieferer wie VAT, Comet und Inficon sind die Nachrichten aus dem Silicon Valley grundsätzlich positiv.

Gemessen am Stand von Ende 2020, als der Aktionärsaktivist Dan Loeb eine grössere Beteiligung in Intel bekanntmachte, sind die Valoren des traditionsreichen IT-Konzerns aus Santa Clara rund 30% avanciert. Das Branchenbarometer PHLX Semiconductor Index hat knapp 8% gutgemacht:

Intel

Performance seit Anfang Jahr, in %
Intel
Nvidia
AMD
TSMC
PHLX Semiconductor Index

Dass Intel im technologischen Wettlauf weiterhin ganz vorne dabei sein will, ist für Investoren begrüssenswert. Abzuwarten bleibt, wie sich die Pläne zur Auftragsproduktion für andere Anbieter entwickeln. Das, zumal der Konzern bislang immer nur eigene Chips hergestellt hat und in diversen Marktsegmenten mit möglichen Kunden konkurrenziert.

Für 2021 ist Intel zum Kurs-Gewinn-Verhältnis 13 zudem immer noch günstig bewertet; speziell im Vergleich zu anderen Herstellern von Rechenprozessoren wie AMD und Nvidia. Wir trauen den Valoren deshalb weiteres Aufholpotenzial zu.

Ein anderer Konzern aus dem amerikanischen Tech-Sektor, der wie Intel im Dow Jones vertreten ist und auf seinem Gebiet technologisch zur Weltspitze zählt, besticht derzeit ebenfalls durch eine attraktive Bewertung und spannende Perspektiven: Amgen.

Aus diesem Grund legt «The Pulse» heute den Bull Case für die Aktien des weltgrössten Biotech-Unternehmens im Detail dar.

Schlechter Tag für Biotech-Aktien

Aktien aus der Gesundheitsbranche hatten am Dienstag einen schweren Stand. Der Sektor-EFT XLV ging gut 1% tiefer aus dem Handel, der Pharma-ETF IHE verlor über 1% und der Biotech-ETF IBB büsste sogar fast 4% ein.

Zu schaffen machte dem Segment die generell angespannte Stimmung an den Leitbörsen in New York. Hinzu kamen ungünstige Nachrichten aus Washington: Der links aussen politisierende US-Senator und mehrfache Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders lancierte - einmal mehr - eine Gesetzesvorlage zur Senkung von Medikamentenpreisen.

Als ob das nicht genug wäre, hat die FDA einem Arthritis-Medikament von AbbVie überraschend eine Abfuhr für eine rasche Zulassung erteilt. Das, nachdem die US-Gesundheitsbehörde bereits in den letzten Wochen gleich mehrere Zulassungsanträge von anderen Biotech-Firmen abgelehnt hatte. An der Börse diskutiert man nun, ob der Regulator unter der neuen US-Regierung generell einen strengeren Ansatz zur Prüfung von Arzneien verfolgen wird.

Angesicht der mässigen Kursperformance grosser Biotech-Konzerne fragt sich allerdings ebenso, wie viel die Aktien von solchen Befürchtungen bereits vorwegnehmen. Während der breite Gesamtmarkt gemessen am S&P 500 in den letzten sechs Monaten mehr als 16% avanciert ist, haben die Titel von Regeneron und Vertex rund 18 bzw. 20% verloren. Biogen notiert fast 2% schwächer. Mit einem Plus von rund 4% schneidet Gilead noch am besten ab.

Auch Branchenprimus Amgen ist seit Ende Oktober nicht mehr vom Fleck gekommen. Der Kurs verharrt um 245 $. Die Titel hinken dem Nasdaq Biotech Index damit ebenfalls hinterher, dem zuletzt vor allem spekulative Werte von kleineren Firmen wie Novavax, Vir Biotechnology und Pandion Therapeutics Auftrieb gegeben haben:

Amgen

Performance über die letzten sechs Monate, in %
Amgen
Gilead Sciences
Biogen
Regeneron
Vertex
Nasdaq Biotechnology Index
S&P 500

Angst vor Preisdruck

Investoren, die Wert auf Aktionärsfreundlichkeit legen und an den teuren US-Aktienmärkten nach günstigen Kaufgelegenheiten suchen, eröffnet diese Kursflaute Chancen. Die Aktien von Amgen notieren rund 6% unter dem Allzeithoch vom Juli 2020. Die Dividendenrendite beträgt respektable 2,9%.

Was das generelle Umfeld betrifft, hat die Branche im Kampf gegen die Pandemie mit der rekordschnellen Entwicklung von Impfstoffen und Antikörpertherapien eindrücklich demonstriert, zu was für spektakulären Durchbrüchen die medizinische Forschung heute fähig ist. Ebenso hat das Coronavirus die strategische Bedeutung des Sektors akzentuiert.

Fundamental spricht für Engagements zudem vor allem der demografische Wandel. Statistisch betrachtet fallen die weitaus grösste Ausgaben für die Gesundheitsversorgung in den letzten zwei Lebensjahren eines Menschen an. Im Kernmarkt Amerika ist die bevölkerungsreiche Generation der Babyboomer inzwischen 57 bis 75 Jahre alt:

Quelle: Milken Institute

Quelle: Milken Institute

Politische Interventionen stellen natürlich stets ein Risiko dar. Das ist aber nicht neu, und passiert ist trotz zahlreicher Ankündigungen in den letzten Jahren bislang kaum etwas, wenn es um die Senkung von Medikamentenpreisen geht.

Mit der marginalen Mehrheit der Demokraten im Kongress sind die Aussichten auf eine tiefgreifende Reform des US-Gesundheitssystems ohnehin gering (hier mehr Einzelheiten dazu). Auch wird sich Präsident Biden als gemässigter Demokrat kaum für radikale Massnahmen stark machen.

Zumindest bis zu den Zwischenwahlen im Herbst 2022 dürfte die US-Regierung den Fokus deshalb auf andere Bereiche richten: «Die Medikamentenpreise werden in den nächsten Jahren zwar weiterhin eine Top-Priorität sein», meinen dazu die Healthcare-Analysten von Credit Suisse. «Vorstösse wird die Biden-Administration aber vor allem dort unternehmen, wo es um den Ausbau der Gesundheitsreform Obamacare und der staatlichen Krankenkasse Medicaid geht.»

Breit diversifiziertes Portfolio

Amgen passt damit praktisch in jedes Aktiendepot. Was am 8. April 1980 als kleine Firma in der kalifornischen Stadt Thousand Oaks unter dem Namen Applied Molecular Genetics begann, ist heute ein Weltkonzern mit über 140 Mrd. $ Börsenwert.

Weniger imposant sieht die Entwicklung allerdings über die letzten fünf Jahre aus. Der Aktienkurs ist zwar immerhin 65% avanciert. Dem Nasdaq Biotech Index wie auch dem S&P 500 hinkt er aber hinterher:

Amgen: Performance über letzte fünf Jahre

in %
Amgen
Nasdaq Biotechnology Index
S&P 500

Im Vergleich zu anderen Biotech-Konzernen zeichnet sich Amgen durch ein ausgesprochen breit diversifiziertes Portfolio mit zahlreichen Original-Medikamenten und verschiedenen Biosimilar-Produkten aus. Insgesamt umfasst es mit Herzkrankheiten, Krebs, Bluterkrankungen, Nierenproblemen, Knochenproblemen sowie chronischen Entzündungen sechs verschiedene Therapiegebiete und hat dem Unternehmen letztes Jahr über 25 Mrd. $ Umsatz eingebracht.

Dass Amgen Ende August als erster Biotech-Konzern ins Blue-Chip-Barometer Dow Jones Industrial aufgenommen wurde, verdeutlicht nicht nur die wachsende Bedeutung der Branche. Es ist auch ein klares Gütezeichen dafür, dass sich das Unternehmen als verlässlicher Leader in der globalen Gesundheitsindustrie etabliert hat.

Der Fokus von Amgen richtet sich primär auf das Marktsegment mit den höchsten Margen: US-Patienten, die privat versichert sind. Fast 75% der Einnahmen stammen aus dem Heimmarkt. Die Stärken des Konzerns liegen dabei in zwei Bereichen: Er liefert ausgezeichnete Arbeit bei der Forschung nach Medikamenten und beweist ebenso viel Geschick bei der Akquisition von Wirkstoffen.

Letzteres gilt sowohl für den Übernahmepreis wie auch für die Weiterentwicklung und Vermarktung. Das Paradebeispiel dafür ist Enbrel. Amgen hatte den Wirkstoff gegen die Gelenkentzündung Arthritis Ende 2001 im Zug der 16 Mrd. $ teuren Akquisition von Immunex übernommen. Heute ist er mit jährlichen Einnahmen von 5 Mrd. $ das umsatzstärkste Medikament im Portfolio.

Das bis 2028 patentgeschützte Präparat ist sogar auf gutem Weg dazu, als eines der meistverkauften Medikamente in die Geschichte einzugehen. Der Researchdienst Evaluate schätzt, dass Enbrel von der Lancierung bis 2024 total rund 140 Mrd. $ einbringen wird.

Die Arznei würde dadurch auf der historischen Bestseller-Liste an dritter Stelle nach der Arthritis-Therapie Humira von AbbVie und dem Cholesterol-Senker Lipitor von Pfizer rangieren.

Neue Umsatzrenner

Konzernchef Bob Bradway, der das operative Geschäft seit bald elf Jahren leitet und zuvor für Morgan Stanley als Investmentbanker im Pharmasektor tätig war, hat beim Abschluss zum vierten Quartal wie gewohnt einen konservativen Ausblick abgegeben.

Analysten gehen gemäss dem Datendienst S&P Global Market Intelligence davon aus, dass Amgen den Umsatz in den nächsten zwei Jahren um jeweils rund 4% verbessern wird. Der Gewinn soll 2021 von 7,3 auf 9,7 Mrd. $ steigen. Nächstes Jahr soll er weiter auf 10,4 Mrd. $ wachsen.

Nachdem letztes Jahr wegen der Pandemie weniger Patienten zum Arzt gegangen sind, dürfte das Geschäft zudem zyklisch von einer Normalisierung des Gesundheitssystems profitieren. Simpel gesagt: Es werden wieder mehr rezeptpflichtige Medikamente verschrieben, was Amgen hilft.

Auf mittlere Frist werden die Medikamente Prolia und Xgeva eine immer wichtigere Rolle spielen. Beide basieren auf dem 2018 von der FDA zugelassenen Wirkstoff Denosumab gegen die Knochenerkrankung Osteoporose, an der vor allem Frauen im fortgeschrittenen Alter leiden. Im Fall von Xgeva wird Denosumab als Zusatzmedikament bei der Behandlung von Knochenkrebs eingesetzt.

Viel Umsatzpotenzial hat ebenso Otezla. Amgen hatte die weltweiten Rechte am Arthritis-Medikament im Spätsommer 2019 dem Konkurrenten Celgene für 13,4 Mrd. $ abgekauft, der im Zug der Übernahme durch Bristol-Myers Squibb einen Teil seines Portfolios abstossen musste.

Analysten trauen dem Präparat ab 2024 einen jährlichen Umsatz von 4,5 Mrd. $ zu. Wachstum verspricht auch das Geschäft mit Biosimilars, das in den nächsten Jahren auf Einnahmen von gegen 3 Mrd. $ expandieren könnte:

Amgen: Prognose zur Umsatzentwicklung nach Medikamenten

in Mrd. $
Enbrel
Prolia
XGeva
Otezla
Biosimilars
Übrige Medikamente

Vielversprechende Pipeline

Erst rudimentär abschätzen lässt sich das Potenzial der Forschungspipeline. Derzeit hat Amgen gleich zwei Medikamente in petto, denen die FDA ein bevorzugtes Zulassungsverfahren gewährt hat - auch das ist für einen Biotech-Konzern eher selten.

Die Branchenspezialisten des Brokers Oppenheimer trauen Amgens Pipeline insgesamt einen maximalen Kapitalwert (Net Present Value) von 67,5 Mrd. $ zu. Basierend auf einer Erfolgswahrscheinlichkeit von 40% resultieren daraus gut 27 Mrd. $ oder 47 $ pro Aktie.

Als Erstes wird die US-Gesundheitsbehörde bis spätestens am 16. August einen Entscheid zu Sotorasib fällen. Der potenziell erste Hemmstoff gegen das Krebsprotein KRAS soll bei der Behandlung von Lungenkrebs zum Einsatz kommen und gehört zu den Präparaten, die in der Onkologie gegenwärtig mit am meisten Spannung verfolgt werden.

In der zweiten Jahreshälfte wird zudem ein Entscheid zum Asthma-Präparat Tezepelumab erwartet, dessen Prüfung von der FDA ebenfalls bevorzugt behandelt wird. Darüber hinaus hat Amgen im Oktober 2019 für rund 2,7 Mrd. $ eine Beteiligung am chinesischen Onkologie-Spezialisten BeiGene erworben und Anfang März für 1,9 Mrd. $ Five Prime Therapeutics übernommen.

Zum Portfolio der kleinen Biotech-Firma aus San Francisco gehört das Magenkrebs-Medikament Bemarituzumab, das für grossangelegte Tests der Phase III bereit ist.

Guter Zeitpunkt für Engagements

«Amgen ist ein schlafender Riese», sagt Cole Smead, Co-Portfolio Manager bei Smead Capital. Die auf Value-Strategien spezialisierte Investmentboutique aus Seattle ist bereits seit 2008 in den Titeln investiert. Per Ende 2020 kam die Beteiligung für gut 5% des Anlageportfolios auf.

«Das Unternehmen gehört zu den qualitativ hochwertigsten Konzernen im S&P 500. In dieser Hinsicht sind die Aktien ausserordentlich günstig», ergänzt Smead im Gespräch.

Die Qualität von Amgen drückt sich mitunter in der Entwicklung des freien Cashflows aus. Er ist seit Anfang 2010 von rund 5 auf 10 Mrd. $ gestiegen. Analysten prognostizieren für dieses und nächstes Jahr einen Zufluss von freien Mittel im Umfang von jeweils über 10 Mrd. $:

Amgen: freier Cashflow

in Mrd. $
Prognose (ab 2021)

Ebenso erstklassig ist die Ausschüttungspolitik. Amgen hat 2011 mit der Zahlung einer Dividende begonnen. Seither ist sie stetig von jährlich 0.56 auf 6.40 $ je Aktie gewachsen. Für 2021 rechnet der Konsens mit einer Barausschüttung von rund 6.90 $ je Titel.

Hinzu kommt der kontinuierliche Rückkauf eigener Aktien. Er erreichte 2018 im Zug der US-Steuerreform eine Höchstsumme von fast 18 Mrd. $. Per Ende 2020 belief sich der ausstehende Betrag des aktuellen Buyback-Programms auf 3 Mrd. $:

Amgen: Ausschüttungspolitk

in Mrd. $
Aktienrückkäufe
Dividende

Angesichts des ausgezeichneten Leistungsausweises, der gesunden Bilanz, der ansprechenden und relativ gut abschätzbaren Geschäftsperspektiven sowie der grosszügigen Ausschüttungspolitik ist die Bewertung wenig anspruchsvoll. Auch im Vergleich zu anderen führenden Biotech-Konzernen sind die Titel attraktiv.

Auf Basis der Analystenschätzungen für die nächsten zwölf Monate beträgt das Kurs-Gewinn-Verhältnis 14,5. Zum Vergleich: Für den Nasdaq Biotech Index beziffert sich das KGV auf über 60, für den S&P 500 beläuft es sich auf knapp 23. Relativ zum Gesamtmarkt war Amgen in den letzten zwanzig Jahren noch nie so günstig:

Amgen: relative Bewertung so günstig wie noch nie

Kurs-Gewinn-Verhältnis für nächste zwölf Monate, Amgen vs. S&P 500

Wir massen uns nicht an, vorherzusagen, wie es in den kommenden Tagen, Wochen oder Monaten mit dem Kurs weitergeht. Wer sich aber jetzt in Amgen engagiert, langfristig denkt und etwas Geduld aufbringt, wird viel Freude an den Aktien haben.

Kennzahlen bedeutender Biotech-Konzerne

Börsenwert Umsatz Ebit -Marge ROIC KGV Rendite
Amgen141,526,4736,714,114,52,9
Gilead81,124,8545,414,394,4
Illumina60,83,9119,96,281,1-
Vertex55,56,9246,221,919-
Regeneron48,912,0339,616,110,5-
Biogen40,710,5634,615,214,5-
Incyte17,62,89–9–5,624,5-
BioMarin13,91,82–4,9–1,264,4-

Deep Diving

An dieser Stelle präsentieren wir wie immer einige Links, die einen vertieften Einblick in ein aktuelles Thema geben:

  • Bill Gurley ist im Silicon Valley eine lebende Legende. Er startete seine Karriere als IT-Ingenieur bei Compaq, arbeitete später für Credit Suisse First Boston und war schliesslich der Lead Analyst beim IPO von Amazon. Noch immer ein guter Freund von Jeff Bezos, ist er heute Partner beim Wagniskapitalgeber Benchmark Capital, wo er an Investments wie GrubHub, Nextdoor, OpenTable, Zillow und Uber massgeblich beteiligt war. Im Podcast «Masters in Business» mit Barry Ritholtz spricht Gurley über seine Karriere in der IT-Industrie sowie an Wallstreet und sagt, weshalb er den konventionellen IPO-Prozess für hochgradig korrupt hält.
  • Die Aktien von Tesla haben seit dem Hoch von Ende Januar gut 25% verloren. Mit VW drückt in Europa jetzt ein etablierter Autohersteller im Markt für Elektrofahrzeuge kräftig aufs Tempo. Umso interessanter wird, was mit dem neuen Tesla-Standort in Brandenburg passiert. Das TV-Magazin «Frontal21» des Fernsehsenders ZDF zeigt in einer investigativen Reportage, wie Elon Musk von den lokalen Behörden Subventionen einkassiert, sich über Umwelt- sowie Personalauflagen hinwegsetzt und selbst bei der Namensgebung der neuen Fabrik bloss an die optimale Vermarktung von Tesla denkt.
  • Der Venture-Capital-Investor Marc Andreessen hat 2011 einen oft zitierten Essay verfasst, wonach Software die Welt erobert und in immer mehr Branchen vordringt. Heute müsste es heissen, dass AI bzw. künstliche Intelligenz die Welt erobert, denn Software wird immer häufiger von Computern geschrieben. Spannende Einblicke dazu gibt das neue Buch des erfahrenen Tech-Journalisten Cade Metz mit dem Titel: «Genius Makers: The Mavericks Who Brought AI to Google, Facebook, and the World.» Die Zeitung «The News & Observer» hat dazu ein lesenswertes Interview mit dem Autor geführt.

Und zum Schluss noch dies: Container Tales

In den Vereinigten Staaten klingt die Pandemie ab. Die Auswirkungen des Coronavirus auf den globalen Gütertransport werden aber auch in Amerika noch für geraume Zeit anhalten.

Jüngstes Beispiel ist Nike. Weil die Häfen an der US-Westküste seit Monaten durch die enorme Zahl an einlaufenden Containerschiffen blockiert sind, hat der weltgrösste Sportartikelhersteller letzte Woche mit den Quartalszahlen die Erwartungen verfehlt.

Wegen der Logistikpässe gingen Nikes Einnahmen in Nordamerika im Vergleich zur Vorjahresperiode um 10% zurück. Von Nordstrom über Urban Outfitters bis hin zu Peloton haben sich in den letzten Wochen diverse Konsumgüterunternehmen ebenfalls über verstopfte Häfen, einen weltweiten Mangel an Schiffscontainern und zu wenig Personal bei Lastwagenfirmen beklagt. Viele von ihnen befürchten, dass sich diese Probleme bis ins zweite Halbjahr hinziehen werden.

Konkrete Zahlen zum Ausnahmezustand liefern die neusten Containerstatistiken aus der San Pedro Bay, dem grössten Logistikkomplex der westlichen Hemisphäre. In der Meeresbucht rund eine Autostunde südlich von Downtown Los Angeles warten noch immer Dutzende von Frachtschiffen ungeduldig darauf, ihre Last abzuladen. Rund 40% aller Container-Importe in die USA werden hier abgewickelt.

Im Port of Los Angeles wurden im Februar annähernd 800’000 Schiffscontainer umgeschlagen; rund 47% mehr als im Vorjahresmonat, als die Pandemie die Weltwirtschaft zum Stillstand brachte. Das Frachtvolumen ist damit zum siebten Monat in Folge im Vorjahresvergleich gestiegen. In der 114-jährigen Geschichte des Hafens wurden im Februar noch nie so viele Güter verladen.

Rekordzahlen meldet ebenso der Schwesterhafen, der Port of Long Beach. Dort stieg das Containervolumen im Februar um über 43% auf mehr als 770’000 Stück. Die bisherige Bestmarke aus dem Februar 2018 wurde damit um nahezu 110’000 Container übertroffen. Fast alle Importe, die in der San Pedro Bay auf Lastwagen und Güterzüge umgeladen werden, kommen aus Asien, primär aus China und Hongkong.

«Das Kaufverhalten der Konsumenten lässt nicht nach», berichtet Gene Seroka, Direktor des Port of Los Angeles. «Da mehr Leute geimpft werden, die Stimulus-Checks in der Post eintreffen und mehr Einkaufsläden ihre Tore öffnen, haben amerikanische Verbraucher nun mehr Shopping-Optionen.» fügt er während eines Lageberichts hinzu. Auch für März und April geht Seroka von einem aussergewöhnlich regen Betrieb in der San Pedro Bay aus.

Der Boom ist allerdings ziemlich einseitig. Während sich die Einfuhren auf Rekordniveau bewegen, haben die Ausfuhren im Port of Los Angeles im Februar um 25% abgenommen. Im Port of Long Beach gingen sie um 5% zurück. Der grösste US-Exportschlager bleiben damit leere Container, die auf der anderen Seite des Pazifiks dann umgehend mit neuen Waren zur Verschiffung aufgefüllt werden.

Die nächste Ausgabe von «The Pulse» erscheint am 7. April. Es würde mich freuen, wenn Sie auch dann wieder dabei sind.

Herzliche Grüsse von der US-Westküste,

Christoph Gisiger