The Pulse

Apple und die Jagd nach dem nächsten «grossen Ding»

Vor zehn Jahren ist Apple-Gründer Steve Jobs gestorben und CEO Tim Cook hat das Amt des CEO übernommen. Cook hat den Konzern zu einer Produktmaschine getrimmt, die jedes Jahr eine neue Gerätegeneration – jüngst das iPhone 13 – lanciert. Trotzdem stösst Apple allmählich an Grenzen.

Christoph Gisiger
Drucken

Es ist ein Ereignis, dem die Technologiebranche Jahr für Jahr mit Spannung entgegenblickt: Wie jeden Herbst hat Apple 📈 gestern Dienstag die nächste iPhone-Generation vorgestellt.

Nachdem der Konzern letzten Oktober sein erstes 5G-fähiges Smartphone lanciert hatte, bringen die neuen Geräte erwartungsgemäss zwar keine technologische Revolution mit sich. Dennoch gibt es eine Reihe von inkrementellen Verbesserungen.

Dazu gehören eine längere Betriebszeit der Batterie, schnellere Rechenprozessoren aus Apples hauseigenem Designstudio, mehr Speicherleistung, eine höhere Bildschirmauflösung und vor allem ein besseres Kamerasystem. Das iPhone 13 wird in vier Farben erhältlich sein: Graphit, Gold, Silber und erstmals auch im metallischen Blauton:

Bild: Apple

In den USA wie auch in der Schweiz, in Deutschland und Österreich kommen die Geräte ab diesem Freitag in den Verkauf und werden ab dem 24. September ausgeliefert. Das Standard-Modell kostet in der günstigsten Version 879 Fr., das iPhone 13 Pro und das iPhone 13 Pro Max sind ab 1129 bzw. 1229 Fr. erhältlich. Der Preis für das kleinere iPhone 13 mini beträgt 799 Fr.

Während der Präsentation wartete Konzernchef Tim Cook zudem mit verschiedenen weiteren Produktneuerungen auf. Namentlich aufdatierte Versionen des iPad und iPad Mini sowie die Apple Watch Series 7 mit einem grösseren Display, Schnelllade-Option sowie neuen Farben.

Unter dem Strich hat Apple damit mehr oder weniger geliefert, worüber in den vergangenen Wochen spekuliert worden war. Anders als erwartet, blieb die Ankündigung neuer AirPods-Kopfhörer hingegen aus.

Die Börse reagiert verhalten. Nachdem das Vorgängermodell iPhone 12 letztes Jahr auf guten Anklang traf, rechnen Analysten von Bank of America damit, dass sich der iPhone-Absatz im kommenden Geschäftsjahr (per Ende September 2022) auf nur rund 210 Mio. Geräte beziffern wird. Das sind 13% weniger als die Prognose für zum laufenden Rechnungsjahr.

Die Titel von Apple gingen am Dienstag knapp 1% tiefer aus dem Handel. Der US-Leitindex S&P 500 büsste 0,6% ein. Wie diese Grafik von Bernstein Research zeigt, ist eine leichte Kurseinbusse am Tag der Lancierung eines neuen iPhone allerdings nicht ungewöhnlich:

Dem üblichen Muster im Vorfeld des jährlichen Events entsprechend, verspürte der Kurs von Apple ab Ende August Auftrieb. Seit dem Rekordhoch vom 7. September hat er jedoch mehr als 5% verloren. Gemessen am Stand von Anfang Jahr notieren die Titel damit noch gut 12% im Plus, während der Nasdaq 100 eine Avance von 19% verzeichnet.

Andere Tech-Titanen wie Google, Facebook und Microsoft haben im gleichen Zeitraum gut 35 bis 60% gewonnen. Nur Amazon schneidet schlechter ab als Apple:

Apple: Kursentwicklung

Performance seit Anfang Jahr, in %
Apple
Google
Facebook
Microsoft
Amazon
Nasdaq 100

Einmal mehr stellt sich für Investoren damit die Grundsatzfrage, ob Apples phänomenale Erfolgsstory an der Börse weitergehen kann, oder ob der Konzern den Zenit überschritten hat.

Aus diesem Grund blickt «The Pulse» in der heutigen Ausgabe auf die fundamentale Entwicklung von Apple zurück und setzt sich mit seinen weiteren Perspektiven auseinander.

Zehn Jahre nach Steve Jobs

Der Beginn eines technologischen Umbruchs kristallisiert sich oft erst im Rückblick heraus. So ist es auch, als Apple-Chef Steve Jobs am 9. Januar 2007 an der MacWorld in San Francisco auf die Bühne tritt und verkündet: «We're going to make some history together today - Wir werden heute zusammen etwas Geschichte schreiben.»

Mit dem Konzern aus Cupertino geht es zu dieser Zeit bereits rasch aufwärts. Jobs, der 1997 als CEO zurückgekehrt ist, hat Apple mit dem Musikspieler iPod zu einem Riesenhit verholfen, der Verkauf von Mac-Rechnern wächst robust. Mit der Lancierung des ersten iPhone landet er jetzt seinen grössten Coup.

Steve Jobs an der MacWorld-Konferenz vom 9. Januar 2007.

Steve Jobs an der MacWorld-Konferenz vom 9. Januar 2007.

Angetrieben von Apples Innovationskraft hat das Smartphone inzwischen unseren Alltag revolutioniert und das Internet jederzeit und überall zugänglich gemacht. Führende Mobiltelefon-Anbieter von damals wie BlackBerry, Nokia oder Motorola sind längst nicht mehr im Geschäft. Apple ist mit einer Kapitalisierung von rund 2,5 Bio. $ der wertvollste Konzern der Welt.

Steve Jobs selbst erlebt allerdings nur die Anfänge dieses gewaltigen Erfolgs. Im Mai 2010 übertrifft Apple den Börsenwert von Microsoft, doch der CEO ist von seiner Krebserkrankung bereits stark geschwächt. Als Apple am 9. August 2011 schliesslich Exxon Mobil vom Spitzenplatz als wertvollstes Unternehmen verdrängt, hat er sich bereits aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Er stirbt am 5. Oktober 2011.

Apple: Marktkapitalisierung

In Mrd. $
Apple
Microsoft
Exxon Mobil

Sein Nachfolger Tim Cook hat Apple seither durch stetige Verbesserungen zu einer hochprofitablen Produktionsmaschine optimiert. Mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks bringt der Konzern jeden Herbst eine neue Smartphone-Generation auf den Markt. Mit Zusatzgeräten, Accessoires und Diensten hat Cook zudem ein ganzes Ökosystem um das Kernprodukt geschaffen.

Zu den wenigen Ausnahmen gehörte eine leichte Verzögerung im letzten Jahr, als sich der Verkaufsstart des iPhone 12 wegen der Erschütterungen der globalen Lieferketten um einige Wochen hinausschob. Wie der reibungslose Launch der neusten Produktlinie vom Dienstag demonstriert, hat Apple inzwischen auch dieses Problem gemeistert.

Wenn Cook gegen Ende Oktober den Jahresabschluss präsentiert, rechnen Analysten mit einem weiteren Rekordergebnis. Der Umsatz dürfte 33% auf rund 366 Mrd. $ wachsen. Obschon Mac-Rechner und iPad-Tablets dank Trends wie «Work from Home» am meisten von der Pandemie profitiert haben, kommt das iPhone noch immer für fast 55% der Einnahmen von Apple auf.

Tim Cook und Apples Erfolgsstory

Tim Cook, seit August 2011 CEO von Apple.

Tim Cook, seit August 2011 CEO von Apple.

Seit Tim Cook am 24. August 2011 offiziell das Steuer bei Apple übernahm, ist sein operativer Leistungsausweis nahezu makellos. Schauen wir uns seinen «Track Record» deshalb anhand von einigen Grafiken an.

In den letzten zehn Jahren ist Apple relativ gesehen zwar weniger stürmisch gewachsen, als während der kräftigsten Expansionsphase unter der Ägide von Steve Jobs in den Jahren 2004 bis 2010:

Apple: Umsatzentwicklung

Wachstum der Einnahmen im Vergleich zum Vorjahr, in %
Prognose (2021)

Auch stagniert der iPhone-Absatz bereits seit dem Superzyklus von 2015 auf rund 200 Mio. Geräten pro Jahr:

Apple: verkaufte iPhone-Geräte pro Jahr

In Mio.
Prognose (2021)

Dank teureren iPhone-Modellen, der Expansion ins margenträchtige Geschäft mit Diensten wie dem App Store sowie neuen Peripheriegeräten wie der Apple Watch und AirPods gelang es Cook absolut betrachtet jedoch, den Umsatz kontinuierlich auszubauen...

Apple: Umsatzentwicklung

Jährliche Konzerneinnahmen, in Mrd. $
Prognose (2021)

...und die Ertragskraft konstant auf hohem Niveau zu halten:

Apple: operative Marge

Gewinnspanne auf Stufe Ebit, in %

Zudem hat Apple den massiven Zufluss an freien Mitteln genutzt...

Apple: freier Cashflow

In Mrd. $

...um im grossen Stil eigene Aktien zurückzukaufen:

Apple: Ausschüttungen

In Mrd. $
Rückkäufe
Dividenden

Gemäss dem Datendienst S&P Global Market Intelligence hat sich die Anzahl ausstehender Titel dadurch in den vergangenen zehn Jahren von rund 26 auf 16,5 Mrd. verringert. Diese Verdichtung des Aktienkapitals um rund 36% hat massgeblich dazu beigetragen, den Gewinn pro Aktie trotz der nachlassenden Wachstumsdynamik massiv zu steigern:

Apple: Gewinnentwicklung

Ergebnis pro Aktie, in $

An der Börse wurde das entsprechend honoriert. Während der Amtszeit von Cook ist der Kurs von Apple satte 1000% avanciert und schlägt damit den Nasdaq 100 sowie den S&P 500 um Längen:

Apple: Kursperformance unter CEO Tim Cook

In %
Apple
Nasdaq 100
S&P 500

Cook konnte damit vermeiden, was in der Tech-Industrie nicht selten passiert: Der Nachfolger eines genialen Unternehmensgründers scheitert nach der Stabübergabe kläglich. Prominente Beispiele dafür sind Steve Ballmer bei Microsoft im Nachgang von Bill Gates oder Kevin Rollins bei Dell nach der Ablösung von Michael Dell.

In den letzten zehn Jahren, in denen Cook die Geschichte von Apple geprägt hat, ist der Börsenwert des Konzerns um mehr als 2100 Mrd. $ gestiegen. Gemäss dem Wirtschaftsmagazin «The Economist» hat kein anderer CEO in seiner Amtszeit mehr Wert für die Aktionäre geschaffen, nicht einmal Jeff Bezos oder Warren Buffett:

Tim Cooks Leistungsausweis als Apple-CEO

Jahre als CEO Steigerung des Börsenwerts Pro Jahr
Tim CookApple102125
212,4
Satya NadellaMicrosoft7,61973
261,4
Jeff BezosAmazon24,11770
73,3
Sundar PichaiGoogle/Alphabet61448
239,7
Mark ZuckerbergFacebook9,3949
102,4
Elon MuskTesla11,2699
62,7
Warren BuffetBerkshire Hathaway44,9648
14,4
Jack MaAlibaba5224
45,1

Das nächste «grosse Ding»

Wie bei anderen grossen Tech-Konzernen müssen sich Investoren damit grundsätzlich fragen, ob sich die imposante Geschäftsentwicklung der vergangenen Jahre fortsetzen kann – oder ob es zur Bildung eines dauerhaften Plateaus kommt, oder der Zenit vielleicht sogar überschritten ist.

Dass Apple die besten Tage hinter sich habe, behaupten Pessimisten bereits seit dem Tag, an dem Steve Jobs gestorben ist. Bisher haben sich solche Prophezeiungen stets als falsch erwiesen.

Gerade im lukrativen Segment von Smartphone-Geräten mit einem Stückpreis von 500 $ oder mehr ist der Konzern bis heute der unangefochtene Leader – und dürfte das auf absehbare Zeit auch bleiben:

Quelle: Bank of America

Im Gegensatz zu anderen Tech-Kolossen wie Google und Facebook ist Apple auch nicht in politische Kontroversen um Fake News und Wahlbetrug verwickelt. Da der Versuch, ins Geschäft mit digitaler Werbung einzusteigen, gescheitert ist, kann sich das Unternehmen zudem mit dem Schutz der Privatsphäre seiner weltweit gut 1 Mrd. zahlungskräftigen Nutzer profilieren.

Wie Google, Facebook und Amazon sieht sich Apple allerdings zusehends mit regulatorischem Druck konfrontiert. Aktuelles Beispiel ist das Gerichtsurteil im Prozess um den App Store gegen den Videospiel-Entwickler Epic Games, das in den vergangenen Tagen für Gesprächsstoff sorgte. (Wir haben uns hier im Detail mit dem Verfahren und seinen möglichen Konsequenzen befasst).

Gemäss dem Urteilsspruch ist Apple kein Monopolist. Den schlimmstmöglichen Prozessausgang für einen grossen Tech-Konzern haben Apples Spitzenanwälte damit erfolgreich vermieden. Auch hat das Unternehmen in neun der insgesamt zehn Anklagepunkte Recht erhalten. In einem entscheidenden Aspekt hat das Gericht jedoch zugunsten von Epic Games entschieden.

Demgemäss dürfen App-Entwickler ihre Nutzer künftig auf eine separate Website oder einen separaten Zahlungsdienst umleiten, um die Gebühr von 30% zu umgehen, die Apple auf Transaktionen im App Store erhebt. Nach Schätzungen des Branchenkenners Benedict Evans dürften sich Apples Einnahmen in diesem Bereich letztes Jahr auf rund 15 Mrd. $ belaufen haben, wobei 80 bis 90% davon aus Videospielen stammen.

Gemessen am letztjährigen Konzernumsatz von 275 Mrd. $ entspricht das weniger als 5%. Hinzu kommt aber, dass derzeit auch eine Untersuchung der US-Wettbewerbsbehörden gegen Google läuft. Dabei geht es unter anderem um die rund 10 Mrd. $, die Google jährlich an Apple zahlt, damit iPhone-Nutzer Google als Suchmaschine verwenden. Nur zum Vergleich: Die beiden Beträge entsprechen zusammen mit rund 25 Mrd. $ etwa dem letztjährigen Umsatz von Netflix.

Nachdem die Pandemie Apple abermals zu einem Boom verholfen hat, verlagert sich der Fokus damit zusehends darauf, was das nächste «grosse Ding» für den Konzern sein könnte. Eine neue, bahnbrechende Innovation könnte umso wichtiger werden, weil das iPhone-Geschäft zwar lukrativ bleiben, im weitgehend gesättigten Smartphone-Markt aber weniger schnell wachsen dürfte.

Was Tim Cook in dieser Hinsicht plant, ist seit Jahren Gegenstand von wilden Spekulationen. Bekannt ist immerhin, dass Apple gegenwärtig an zwei grösseren Projekten arbeitet.

Einerseits gehört dazu ein Elektroauto, das möglicherweise auch über Technologie für autonomes Fahren verfügen wird. Intern Projekt «Titan» genannt, ranken sich darum bereits seit 2015 Gerüchte. Wie es heisst, soll der Konzern derzeit mit einer Flotte von knapp 70 Wagen Strassentests in Kalifornien durchführen. Nach diversen personellen Wechseln an der Spitze wird nun Kevin Lynch die Leitung des Projekts übernehmen, der bislang für die Apple Watch verantwortlich war.

Das zweite grössere Projekt dreht sich um eine «smarte Brille», mit der man z.B. Fotos und Videos aufnehmen kann und die mit Augmented Reality Nutzern bei der Navigation durch den Alltag hilft. An ähnlichen Projekten arbeiten andere Tech-Konzerne wie Facebook und Snap. Auch Google hat sich daran versucht, bislang allerdings ohne kommerziellen Erfolg.

In beiden Fällen sind die Aussichten auf einen baldigen Durchbruch ungewiss. Zumindest vorerst bleibt Apple somit primär ein Smartphone-Hersteller. Obschon der Konzern eines der qualitativ besten Unternehmen der Welt ist, sind wir daher nach wie vor der Ansicht, dass die Aktien stolz bewertet und anfällig auf Rückschläge sind.


Deep Diving

An dieser Stelle präsentieren wir wie immer drei Links, die einen vertieften Einblick in ein aktuelles Thema geben:

  • Amazon Web Services (AWS) ist die Perle von Amazon. Der Cloud-Dienst ist der weltgrösste Anbieter von Rechen- sowie Speicherinfrastruktur übers Internet und trägt rund 60% zum operativen Gewinn des Online-Riesen bei. Wie der Bereich sein Geld verdient, hält der Konzern allerdings weitgehend geheim. Umso spannender ist dieser Einblick des Börsensenders «CNBC» ins Räderwerk von Amazons Cash-Maschine.
  • Die rekordtiefen Zinsen sorgen an den Finanzmärkten für einen Boom. Das gilt speziell für die Venture-Capital-Szene, wo viele Jungunternehmen nahezu im Geld schwimmen. Mark Suster, der Gründer von Upfront Ventures, der grössten Wagniskapitalfirma in der pulsierenden Startup-Szene von Los Angeles, berichtet auf seinem Blog aus persönlicher Erfahrung, wie sich die Landschaft in der Branche durch die Liquiditätsflut verändert hat.
  • Mit kühleren Temperaturen und der Grippesaison steht diesen Herbst möglicherweise nochmals eine grössere Covid-Welle bevor. Doch wie geht es danach weiter? Gemäss Scott Gottlieb, dem vormaligen Chef der US-Gesundheitsbehörde FDA, Verwaltungsrat von Pfizer und einem der akkuratesten Experten im bisherigen Verlauf der Pandemie, wird sich die Welt auf Dauer mit dem Coronavirus arrangieren müssen. Was das genau für unseren Alltag bedeutet, legt er in diesem Beitrag für das Magazin «The Atlantic» dar.

Und zum Schluss noch dies: Big Donors

Der Entscheid ist rasch gefallen: Der Recall, mit dem Kaliforniens demokratischer Gouverneur Gavin Newsom abgewählt werden sollte («The Pulse» berichtete), ist deutlich gescheitert.

Nach dem Wahlzirkus der vergangenen Monate stand viel auf dem Spiel. Zu Wochenbeginn flog US-Präsident Biden deshalb persönlich mit der Air Force One in die Hafenstadt Long Beach ein, um Wähler im Grossraum Los Angeles für Newsom zu mobilisieren.

Unter dem Strich hat die ganze Übung Behörden, politische Organisationen und private Spender Unmengen an Geld gekostet. Gemäss einer Auswertung der «Los Angeles Times» auf Basis öffentlicher Daten wurden im Zusammenhang mit dem Recall insgesamt annähernd 130 Mio. $ für Spenden ausgegeben.

Dem Lager, das den Recall ablehnte, flossen davon 83 Mio. $ zu. Der Rest ging an die Befürworter. Hinzu kamen gut 275 Mio. $ an organisatorischen Kosten für den Bundesstaat und lokale Wahlbezirke.

Als Gegenkandidaten zu Newsom traten fast ausschliesslich Republikaner an. Am meisten Geld erhielt mit rund 13,8 Mio. $ der kontroverse Radiomoderator und Trump-Supporter Larry Elder. Der Reality-TV-Star und vormalige olympische Goldmedaillengewinner Caitlyn Jenner, bekannt aus «Keeping Up with the Kardashians», konnte immerhin fast 900’000 $ für seine/ihre Kampagne einsammeln.

Grösster privater Geldgeber ist mit 9,7 Mio. $ John Cox. Der Immobilientycoon aus der Nähe von San Diego unterstützte damit seine eigene Kampagne, nachdem er bereits 2018 bei den offiziellen Gouverneurswahlen erfolglos kandidiert hatte. Mit einer Spende im Umfang von 100’000 $ fungiert ebenso der Tech-Investor und selbsternannte «SPAC-King» Chamath Palihapitiya auf der Liste der grössten Recall-Supporter.

Auch im Lager, das sich gegen einen frühzeitigen Regierungswechsel in Sacramento ausspricht, waren diverse prominente Repräsentanten der Tech-Industrie vertreten. Allen voran zählten dazu Netflix-Gründer Reed Hastings und seine Frau Patty Quillin. Mit einer Donation von 3,1 Mio. $ waren sie die grössten Geldgeber unter den Recall-Gegnern. Zu diesen zählte auch der Investor George Soros mit einer Spende von gut 1 Mio. $.

Mit Blick auf die erbärmliche Verfassung von Kaliforniens Wasserversorgung, Stromnetzen, Strassen und öffentlichen Bildungseinrichtungen fragt sich nach dem klaren Entscheid, ob all die Millionen nicht besser sinnvolleren Zwecken gedient hätten. Das, zumal die nächsten Gouverneurswahlen im Golden State ohnehin bereits in rund einem Jahr stattfinden.


Herzliche Grüsse von der US-Westküste und hoffentlich bis nächste Woche,

Christoph Gisiger