The Pulse

Berauschende Perspektiven für amerikanische Cannabis-Aktien

Die Nervosität an den Börsen ist gross. Wer dennoch nach Anlagemöglichkeiten in attraktiven Wachstumswerten sucht, sollte einen Blick auf Cannabis-Valoren werfen.

Christoph Gisiger
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Die Verunsicherung an den Finanzmärkten bleibt gross. Vom unübersichtlichen Kriegsgeschehen in der Ukraine und den schwer abschätzbaren Folgen der Sanktionen gegen Russland über die bevorstehende Zinserhöhung in den USA bis hin zu den negativen Revisionen bei den Gewinnschätzungen halten diverse Faktoren die Börsen auf Trab.

Besonders schwer haben es dieses Jahr Aktien aus dem Tech-Sektor. Der Nasdaq 100 📈 hat in den ersten zwei Monaten über 14% verloren. Das Branchenbarometer hinkt den anderen drei wichtigen Indizes zum amerikanischen Aktienmarkt klar hinterher:

Nasdaq 100

Performance seit Anfang Jahr, in %
Nasdaq 100
S&P 500
Dow Jones Industrial
Russell 2000

Bis sich die Sicht an den Börsen etwas aufklärt, dürfte es noch einige Zeit dauern. Gerade Tech-Aktien stehen in den kommenden Wochen angesichts der anhaltend hohen Inflation sowie der zunehmenden Präferenz für günstige Substanzwerte weitere Bewährungsproben bevor.

Grundsätzlich raten wir in diesem Umfeld eher zu Vorsicht. Wer dennoch nach Anlagemöglichkeiten in attraktiven Wachstumswerten sucht, kann sich beispielsweise eingehender mit Cannabis-Valoren befassen.

Das Nischensegment ist kaum von den Auswirkungen des Kriegs in Osteuropa betroffen und die allgemeine Konjunkturentwicklung hat auf die Branche wenig Einfluss. Auch sind die meisten Cannabis-Unternehmen nach einer ausgeprägten Korrektur ausgesprochen günstig bewertet und expandieren in einem Tempo, das man sonst primär von Anbietern von Cloud-Software kennt.

Aus diesem Grund macht «The Pulse» in der heutigen Ausgabe für einmal einen Abstecher und setzt sich mit den Aussichten für Cannabis-Aktien auseinander.

Der amerikanische Markt für Cannabis

Beim Stichwort Cannabis mag man zunächst vielleicht an die späten Sechzigerjahre denken, als Hippies sich mit Marihuana-Qualm die Sinne vernebelten. Heute hat sich der Mythos um die vermeintliche «Einstiegsdroge» längst in Rauch aufgelöst. Speziell in Nordamerika hat sich Cannabis in den vergangenen Jahren als rasch wachsender Markt etabliert.

Eine Schlüsselrolle spielte Kalifornien, das Cannabis 1996 als erster US-Gliedstaat für medizinische Zwecke legalisierte und damit einen Trend auslöste, der praktisch das ganze Land erfasste. Mit Colorado und Washington haben 2012 die ersten Gliedstaaten Cannabis auch als Genussmittel freigegeben.

In der Mehrheit der US-Bundesstaaten ist die Substanz inzwischen zumindest zur medizinischen Verwendung legal. Mit New York, New Jersey und Virginia bereiten sich gegenwärtig drei weitere Gliedstaaten auf die vollständige Legalisierung vor. Es wird geschätzt, dass allein in diesen drei Bundesstaaten bis 2025 ein Markt mit einem jährlichen Volumen von annähernd 11 Mrd. $ entsteht. Das entspricht fast einem Viertel des erwarteten Umsatzes in den USA.

Der Researchdienst New Frontier Data prognostiziert, dass derzeit rund 44% der erwachsenen US-Bevölkerung legal Zugang zu Cannabis als Genussmittel haben. Verschiedene Formen der medizinischen Verwendung eingerechnet, sind es über 70%. Die Vereinigten Staaten sind damit der weltgrösste Markt, vor China und Indien (wobei die Datenlage in diesen beiden Ländern wohl eher schwierig ist):

Cannabis: Länder mit den meisten Konsumenten

in Mio.

Mit Blick nach vorne gibt es für die amerikanische Cannabis-Branche diverse kräftige Wachstumstreiber. Erstens verlagern sich die Anteile am Gesamtmarkt von der illegalen zur legalen Nutzung. Zweitens gewinnt Cannabis als Genussmittel zunehmend an Akzeptanz, womit die Branche strukturell wächst.

Drittens wird intensiv an neuen Möglichkeiten zur medizinischen Verwendung geforscht. Eine Cannabis-Pflanze produziert rund 80 bis 100 Cannabinoid-Moleküle, von denen die Wirkung von THC und CBD am besten bekannt ist. Um weitere Wirkstoffe zu nutzen, laufen in der Pharmaindustrie gegenwärtig mehrere Hundert klinische Testverfahren.

Hinzu kommt, dass die Legalisierung Arbeitsplätze schafft und willkommene Steuergelder einbringt. Illinois beispielsweise hat letztes Jahr annähernd 100 Mio. $ an zusätzlichen Steuergeldern durch die Zulassung von Cannabis als Genussmittel eingenommen. Insgesamt hat der Gliedstaat dank Cannabis 2021 bereits mehr Steuereinnahmen erzielt als mit Alkohol.

Gemäss aktuellen Schätzungen dürfte der Markt für die medizinische Verwendung (in der untenstehenden Grafik als «Medical Sales» bezeichnet) sowie für den Gebrauch als Genussmittel («Adult-Use Sales») dieses Jahr auf ein Volumen von über 31 Mrd. $ steigen. Das, nachdem es letztes Jahr rund 25 Mrd. $ waren. Der illegale Handel («Illicit Market») macht mit etwa 60 Mrd. $ noch immer den grössten Teil aus:

Nach Konsumarten entfallen gemäss dem Researchhaus BDSA rund 50% des Marktvolumens auf das Rauchen von Cannabis-Blüten und vorgedrehten Joints. Weitere 30% entfallen auf Konzentrate, die vorab über Vaping-Stifte konsumiert werden. Rund 14% machen sogenannte «Edibles» wie angereicherte Gummibärchen, Brownies oder Schokolade aus:

Cannabis: Konsumarten

in % des Marktvolumens
Blüten
Konzentrate, inklusive Vapes
Esswaren
Vorgerollte Joints
Andere Konsumarten

Rechtslage auf Ebene der Bundesstaaten

Der Investment Case für amerikanische Cannabis-Unternehmen hängt massgeblich von der weiteren Entwicklung der Rechtslage ab. Cannabis ist mit der Geschichte der Vereinigten Staaten tief verwurzelt. Schon George Washington, der erste Präsident des Landes, baute Hanf als Agrargut an.

Im Zug einer Einwanderungswelle aus Mexiko und einer grossangelegten Anti-Marihuana-Kampagne um den berühmten Propagandafilm «Reefer Madness» wurde Cannabis 1937 verboten. Nachdem der Oberste Gerichtshof das Interdikt 1969 aufhob, lancierte die Nixon-Regierung umgehend den Controlled Substance Act. Als sogenannte «Schedule I»-Droge wird Cannabis damit auf Bundesebene noch immer als illegales Betäubungsmittel in der gleichen Wirkstoffklasse wie Heroin kategorisiert.

Die generelle Präferenz von Wählerinnen und Wählern sowie die Aussicht auf zusätzliche Steuereinnahmen und Arbeitsplätze haben auf Ebene der US-Bundesstaaten in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren jedoch dazu geführt, dass der Konsum mehr und mehr entkriminalisiert wird.

Derzeit erlauben 37 Gliedstaaten die Nutzung von Cannabis als Medikament, 18 haben es ganz legalisiert. Vollständig illegal ist der Konsum nur noch in Idaho, Wyoming, Utah und South Carolina. In Texas, Wisconsin, Iowa, Indiana, Kentucky, Tennessee und Georgia ist inzwischen immerhin der Konsum von CBD erlaubt:

Quelle: DISA

Nach einzelnen Bundesstaaten betrachtet, sind gegenwärtig Kalifornien, Colorado, Washington und Florida die wichtigsten Absatzmärkte. In den kommenden Jahren wird vor allem die Bedeutung von New York, Illinois und Michigan zunehmen:

Quelle: New Frontier Data

Der unterschiedliche Ansatz im Umgang mit Cannabis führt dazu, dass jeder Gliedstaat de facto wie ein eigenes Land eine separate Rechtsgebung praktiziert. Ein Unternehmen, das beispielsweise Cannabis in Kalifornien anbaut, darf das Produkt nicht über die Grenze des Bundesstaates transportieren und in Massachusetts verkaufen. Das, obschon Cannabis in beiden Orten vollständig legalisiert ist.

Unternehmen, die Cannabis anbauen und/oder verkaufen, benötigen deshalb in jedem Bundesstaat eine separate Lizenz; ähnlich wie ein Pharmakonzern, der für das dasselbe Medikament eine individuelle Zulassung in den USA, in Europa und in Japan braucht.

Manche Gliedstaaten wie Kalifornien, Colorado, Oregon und Washington vergeben dabei eine unbeschränkte Anzahl Lizenzen. Andere wie Minnesota, Connecticut, Virginia und New York lassen nur eine beschränkte Anzahl von Unternehmen zum Anbau sowie zur Vermarkung zu.

Multi-State Operators

Als Folge davon haben sich sogenannte Multi-State Operators wie Curaleaf, Green Thumb, Trulieve Cannabis, Cresco Labs und Verano herausgebildet. Kurz MSO genannt, besitzen solche Gesellschaften Lizenzen in verschiedenen Bundesstaaten. Das ermöglicht ihnen zwar gewisse Grössenvorteile. Echte Skaleneffekte lassen sich wegen der Rechtslage bislang aber nur begrenzt erzielen.

Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass sich das Geschäft vom Anbau bis zum Verkauf am Ladentisch kostenmässig nicht über mehrere Bundesstaaten hinweg zu einem einheitlichen Prozess optimieren lässt. Ebenso ist es schwierig, eine konsistente Produktqualität sicherzustellen.

Darüber hinaus ist wegen der unterschiedlichen Rechts- und Steuerlage meist eine komplexe Gesellschaftsstruktur erforderlich. Auch können Cannabis-Unternehmen ihre Ausgaben nicht von der landesweiten Einkommensteuer abziehen, womit sie eine deutlich höhere Steuerquote zahlen als «reguläre» Firmen.

Diese Erschwernisse drücken nicht nur auf die Margen und halten Kapitalgeber aufgrund der hohen Komplexität tendenziell von Investments ab. Ebenso problematisch ist, dass MSO-Unternehmen kaum Zugang zum US-Finanzsystem haben, weil Cannabis auf nationaler Stufe nach wie vor illegal ist.

In den meisten Cannabis-Läden kann man daher nicht mit einer regulären Kreditkarte bezahlen. Ein Grossteil der Transaktionen in der Branche wird mit Bargeld oder über ein regionales Kreditinstitut abgewickelt.

Wenn hingegen eine landesweit tätige Bank oder eine Investmentgesellschaft eine Geschäftsbeziehung mit einem MSO-Unternehmen pflegen würde, müsste sie mit regulatorischen Strafmassnahmen rechnen. Entsprechend hoch sind die Kapitalkosten in der Branche, speziell für kleinere Firmen.

Eine weitere Konsequenz betrifft die Aktienkotierung von MSO-Unternehmen. Wegen der ambivalenten Rechtslage können sich selbst Marktleader wie Curaleaf, Green Thumb Industries oder Verano nicht an den grossen US-Börsen in New York listen lassen. Ihre Titel werden sogar nicht einmal auf alternativen Plattformen wie Robinhood gehandelt.

Stattdessen sind ihre Valoren hauptsächlich an der auf Nebenwerte spezialisierten Canadian Securities Exchange in Kanada kotiert. Ironischerweise werden kanadische Cannabis-Unternehmen wie Tilray Brands, Canopy Growth oder Aurora derweil an der Nasdaq gehandelt, obschon sie (abgesehen von THC-freien Produkten wie Hanfbier) im amerikanischen Cannabis-Markt nicht präsent sind.

Rechtslage auf nationaler Ebene

Der Investment Case für Aktien von MSO-Unternehmen basiert damit primär auf der Legalisierung von Cannabis auf Bundesebene in den USA - und das scheint bloss eine Frage der Zeit.

In der amerikanischen Bevölkerung nimmt die Befürwortung von Cannabis stetig zu. Gemäss der letzten Erhebung des Umfrageinstituts Gallup vom November 2020 sprachen sich 68% der Amerikanerinnen und Amerikaner für die Legalisierung aus. 2017 und 2019 waren es noch 64 respektive 66%.

Quelle: Gallup

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass die Cannabis-Legalisierung einer der wenigen Bereiche in der US-Politik ist, die echte Chancen auf eine Übereinkunft der beiden grossen Parteien hat. Bei den Demokraten sind 83% dafür, bei unabhängigen Wählerinnen und Wählern 72% und bei den Republikanern 48%.

Dass die Legalisierung bislang trotzdem nicht umgesetzt worden ist, hat primär mit demografischen Aspekten zu tun. Wie die Umfrage von Gallup weiter zeigt, neigen jüngere Wählerinnen und Wähler am stärksten zur Befürwortung, wogegen der Support mit steigendem Alter abnimmt:

Cannabis: demografische Präferenz für Legalisierung

Präferenz nach Altersgruppe
Für Legalisierung
Gegen Legalisierung

Dieses Muster spiegelt sich im amerikanischen Kongress. Das Repräsentantenhaus, wo das Durchschnittsalter relativ tief ist, hat in den letzten Jahren diverse Vorlagen für eine umfassende Legalisierung mit breiter Zustimmung beider Parteien verabschiedet.

Im Senat hingegen, wo das Durchschnittsalter deutlich höher ist (speziell im Fall der republikanischen Parteispitze), wurden diese Vorstösse bisher jedoch stets abgeschmettert. Mit Mitch McConnell steht der republikanischen Fraktion im Senat zudem ein achtzig Jahre alter Vertreter aus dem Bundesstaat Kentucky vor, wo der wichtige Wirtschaftszweig Whiskey in Konkurrenz zu Cannabis steht.

Zum aktuellen Stand stehen im US-Kongress vier Vorstösse für eine neue Cannabis-Gesetzgebung im Raum. Mit dem Marijuana Opportunity Reinvestment & Expungement («MORE») Act, dem Cannabis Administrative and Opportunity («CAO») Act und dem States Reform Act («SRA») zielen drei davon auf eine umfassende Reform ab.

Bei der vierten Vorlage handelt es sich um den Secure and Fair Enforcement («SAFE») Banking Act. Sie ist Anfang Februar als Zusatz des America COMPETES Act zur Förderung der amerikanischen Industrie bereits zum sechsten Mal vom Repräsentantenhaus genehmigt worden und wird nun vom Finanzausschuss des Senats geprüft. Sie sieht zwar keine direkte Legalisierung vor, würde Cannabis-Unternehmen aber einen rechtmässigen Zugang zum amerikanische Bankensystem gewährleisten.

Anlagemöglichkeiten

«Nur schon das geringste Anzeichen einer möglichen Legalisierung auf nationaler Ebene wird unter Cannabis-Aktien ein grosses Feuer legen», sagt Heinz Isler, Anlageberater in Genf mit langjähriger Erfahrung an den internationalen Finanzmärkten. «Die Börse braucht dafür keine offizielle Bestätigung. Bereits einige Worte in die richtige Richtung genügen für den zündenden Funken», fügt er hinzu.

Die besten Aussichten im amerikanischen Kongress hat momentan der SAFE Act. Mit der russischen Invasion in die Ukraine richtet sich der Fokus in Washington zwar vorerst auf die Aussenpolitik. Chuck Schumer, der demokratische Mehrheitsführer im Senat, hat die Verabschiedung der Vorlage jedoch zu einer Priorität erklärt.

«Wie sich die Branche weiterentwickelt, hängt natürlich von diversen Faktoren ab», meint Todd Harrison von der Investmentfirma CB1 Capital, die auf den Cannabis-Sektor spezialisiert ist. «Wir denken aber weiterhin daran, dass wir eine graduelle Reform auf Bundesebene möglicherweise im Rahmen des SAFE Act vor den Zwischenwahlen im Herbst sehen werden», schreibt er in seinem Blog.

Die Börse glaubt momentan allerdings noch nicht so recht daran. Der Anfang September 2020 lancierte MSOS-ETF, der die Kursentwicklung führender Unternehmen aus der amerikanischen Cannabis-Industrie reflektiert, hat seit der Bestmarke vom Februar 2021 fast 63% verloren. Ähnlich verhält es sich mit dem MJ-ETF, der sich vorab auf Valoren von kanadischen Cannabis-Gesellschaften konzentriert:

AdvisorShares Pure US Cannabis ETF (MSOS)

Performance seit Anfang September 2020, in %
AdvisorShares Pure US Cannabis ETF (MSOS)
ETFMG Alternative Harvest ETF (MJ)

Nur um es deutlich zu sagen: Das Risiko bei Investments in Cannabis-Aktien ist überdurchschnittlich hoch. Auch könnte es noch ein gutes Stück Geduld erfordern, bis neue Dynamik in den Sektor kommt.

Angesichts der relativ komplizierten Ausgangslage raten wir dabei eher zu Engagements in einen Fonds wie den MSOS-ETF 📈 oder den MJ-ETF 📈 als zu Wetten auf Einzeltitel. Für Anlegerinnen und Anleger eröffnen sich nach der empfindlichen Korrektur aber aus den folgenden drei Gründen spannende Perspektiven.

  1. Cannabis-Valoren erscheinen auf dem aktuellen Niveau günstig. Dem amerikanischen Branchenleader Curaleaf zum Beispiel traut der Marktkonsens dieses und nächstes Jahr jeweils rund 30% Wachstum zu. Ab 2023 soll ein positiver freier Cashflow resultieren. Zu einem Umsatz-Vielfachen von 3 für 2022 und 2,4 für nächstes Jahr ist die Bewertung damit überaus attraktiv.
  2. Die Margen von MSOS-Unternehmen dürften sich durch eine Vereinfachung der Marktstruktur und geringere Kapitalkosten erheblich verbessern. Ebenso wird vermehrt Konsolidierungsfantasie aufkommen. Aktuellstes Beispiel ist die gut 400 Mio. $ teure Übernahme von Goodness Growth durch den grösseren Wettbewerber Verano, der damit nach New York vordringt.
  3. Wenn Investments in amerikanische Cannabis-Gesellschaften durch den SAFE Banking Act rechtlich unproblematisch werden, wird es voraussichtlich zu einem massiven Mittelzufluss von institutionellen Geldern kommen. Wie der Marktstratege Larry McDonald in diesem Interview mit The Market erklärt, dürfte es in diesem Zusammenhang vor allem auch aus dem passiven Investmentbereich eine ausgeprägte Bewegung in Cannabis-Aktien geben.

Top-Positionen im MSOS-ETF

Börsenwert Umsatz Wachstum Ebitda-Marge Umsatz-Multiple 2022
Curaleaf4,51,1137%23.7%3
Green Thumb Industries4,50,961%32.5%3,3
Trulieve Cannabis3,70,885%42.7%2,6
Cresco Labs20,8117%29.5%2,1
Verano3,40,6236%63.0%3,3
Columbia Care1,20,4213%8.6%2
Ayr Wellness0,90,3110%23.9%1,5
TerrAscend1,10,279%23.0%4,3
Innovative Industrial Properties4,70,275%86.6%14,4
Jushi Holdings0,70,2222%-0.5%2,1

Deep Diving

An dieser Stelle präsentieren wir wie immer einige Links, die einen vertieften Einblick in ein aktuelles Thema geben:

  • Russlands Angriffskrieg hat weltweit Entrüstung und scharfe Sanktionen ausgelöst. Nachdem Online-Plattformen wie Facebook, Twitter und YouTube zuletzt vor allem dafür kritisiert worden sind, dass sie von autoritären Staaten für Propaganda manipuliert werden, haben die vergangenen Tage demonstriert, dass sie ebenso kraftvolle Verstärker für demokratische Stimmen sein können. Branchenkenner Casey Newton geht in seinem Newsletter «Platformer» auf die Macht des Internets und ihre Grenzen im Krieg um die Ukraine ein.
  • Das Silicon Valley ist eines der grössten Innovationszentren der Welt. Eine Schlüsselrolle spielen dabei Wagniskapitalgeber wie Sequoia, Kleiner Perkins, Benchmark und Andreessen Horowitz. Im vor wenigen Wochen veröffentlichten Buch «The Power Law: Venture Capital and the Making of the New Future» geht der Journalist Sebastian Mallaby der Geschichte der Tech-Industrie im Grossraum San Francisco nach. Er ist zu Gast in der aktuellen Folge des Podcast «Masters in Business» mit Barry Ritholtz.
  • Es war eine der grössten Überraschungen der auslaufenden Berichtssaison im Tech-Sektor: Amazon erwirtschaftet mit Online-Werbung inzwischen einen Jahresumsatz von rund 31 Mrd. $. Zum Vergleich: Die Sparte allein erzielt damit mehr Einnahmen als Netflix konzernweit und ist aller Wahrscheinlichkeit nach hoch profitabel. Der Newsletter «SatPost» befasst sich vor diesem Hintergrund im Detail mit Amazons riesigem Werbegeschäft.

Und zum Schluss noch dies: Black Mamba

Wie viel ist ein farbig bedrucktes Stück Karton wert? Manchmal mehr als 2 Mio. $, wie sich vor wenigen Tagen bei einer spektakulären Versteigerung des auf Sammelkarten von amerikanischen Sportstars spezialisierten Auktionshauses PWCC herausgestellt hat.

Natürlich handelt es sich um kein gewöhnliches Exemplar. In Fachkreisen offiziell als «1997-98 Metal Universe Precious Metal Gems Emerald Card» bezeichnet, stellt die Sammelkarte des Herstellers Beckett den mehrfachen NBA-Titelgewinner Kobe Bryant dar, der im Januar 2020 zusammen mit seiner Tochter bei einem Helikopterunfall in Los Angeles tödlich verunglückt ist.

Das rare Zeitdokument des einstigen Topspielers der L.A. Lakers mit dem Übernahmen «Black Mamba» ist nicht das einzige Sammelstück, für das astronomisch viel Geld bezahlt wird. In der Liga der teuersten Sammelkarten mit einem Preis von mehr als 2 Mio. $ spielt Bryant nun mit anderen legendären Ausnahmekönnern wie Luka Doncic und Michael Jordan mit. Den Rekord mit 5,2 Mio. $ hält eine «2003-04 Upper Deck Exquisite Collection RPA Parallel Card» von LeBron James, der derzeit in Diensten der Lakers steht.

Speziell an der Spielerkarte von Bryant ist, dass es sich nicht um ein Stück aus seiner ersten Saison als Profispieler in der NBA handelt, was an den Tauschbörsen üblicherweise besonders viel wert ist. Auch ist das Exemplar weder mit einem Autogramm noch mit einem Stück des Spielertrikots oder anderen Memorabilien versehen. Offenbar spielt das für den anonymen Käufer aber weniger eine Rolle.

Generell spielt sich im Markt für Spielerkarten ein massiver Boom ab. So hat zum Beispiel im letzten Herbst ein weiteres Stück mit Michael Jordan einen Auktionspreis von 2,7 Mio. $ erzielt. Für eine Karte, die den eben zurückgetretenen NFL-Footballspieler Tom Brady in seiner ersten Saison als Profi bei den New England Patriots zeigt, wurden im April knapp 2,3 Mio. $ bezahlt; ein Rekord für eine Footballkarte.

Auch weitere Anzeichen machen deutlich, dass der Markt heissläuft. Topps, wie Beckett ein Hersteller von Sammelbildern, wurde letzthin bei einer Finanzierungsrunde in einem SPAC-Deal mit 1,3 Mrd. $ bewertet. Derzeit wird sogar an ein Dokumentarfilm über das Comeback der Produzenten von Sportkarten gedreht.

Chancen erhofft sich vom neuen Boom ebenso eBay. Das Online-Auktionshaus eBay investiert in einen Service auf seiner Internetseite, der es Sammlern ermöglichen soll, die Preisentwicklung von Spielerkarten besser zu verfolgen. Ein Venture-Capital-Fonds mit Namen «Mint 10» spezialisiert sich zudem auf Investments in Sammelbilder.

Das alles weckt ungute Erinnerungen an die grosse Manie mit Sammelkarten gegen Ende der Achtzigerjahre. Aktien von Unternehmen wie Topps und Beckett wurden an der Börse damals ähnlich hochgejubelt wie bis vor einigen Monaten Titel von unprofitablen Tech-Unternehmen. Wie damals zählt heute ausser der Freude am Sammeln oft der «Schutz vor Inflation» als Kaufargument für Sammelkarten.

Doch wie schon bei der letzten Blase dürfte auch diese Hausse letztlich mit der gleichen nüchternen Erkenntnis enden: Die meisten Spielerkarten sind halt doch nur ein Stück Karton.

Bild: PWCC

Herzliche Grüsse von der US-Westküste und hoffentlich bis nächste Woche,

Christoph Gisiger