The Pulse

«Big Tech» auf dem Prüfstand

Ende Juli veröffentlichen die Big Five ihre Quartalsresultate. Die Aussichten könnten kaum unterschiedlicher sein. Plus: Der tiefe Fall von Theranos-Gründerin Elizabeth Holmes kommt bald ins Kino.

Christoph Gisiger

Die amerikanischen Aktienmärkte sind zurück in Rekordlaune. Die Wiederaufnahme der Handelsgespräche zwischen den USA und China hat bereits gereicht, um den S&P 500 auf eine neue Bestmarke zu drücken.

Erleichterung ist vor allem im Tech-Sektor zu spüren. Im Gegensatz zum S&P 500 bewegt sich der Nasdaq Composite allerdings nach wie vor unter dem Rekord von Anfang Mai. Auch hat sich schon mehrmals gezeigt, wie rasch der Konflikt erneut eskalieren kann.

Umso wichtiger wird, was die Branche in den kommenden Wochen zum Geschäftsverlauf im zweiten Quartal und den Aussichten sagt. «The Pulse» konzentriert sich in der heutigen Ausgabe deshalb auf die anstehenden Zahlen der IT-Kolosse Microsoft, Amazon, Google, Facebook und Apple.

Grundsätzlich steht die Berichtssaison unter schwierigen Vorzeichen. Gemäss FactSet haben 87 von 113 Unternehmen aus dem S&P 500 die Gewinnprognose für das zweite Quartal gedämpft. Das ist die zweithöchste Anzahl, seit FactSet 2006 mit dem Auswerten der Daten begonnen hat.

Besonders bedenklich: Allein aus dem IT-Sektor sind 26 negative Ankündigungen eingetroffen, was weit über dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre liegt:

Ermutigend ist demgegenüber, dass erste Abschlüsse von Oracle, Cisco Systems und Micron Technology angenehmen überrascht haben. Entscheidend wird es jedoch, wenn die fünf grössten IT-Konzerne mit dem Leistungsausweis an der Reihe sind.

Microsoft: Auf Wolke sieben

Microsoft ist heimlich zum neuen Liebling der Börse avanciert. Es sind die einzigen Aktien unter den «Big Five», die sich nahe ihrer Bestmarke bewegen. Der Softwareriese ist quasi im Tarnkappenmodus zum wertvollsten Konzern der Welt avanciert. Nur er bringt gegenwärtig eine Kapitalisierung von mehr als 1000 Mrd. $ auf die Waage.

Die operative Entwicklung macht klar warum: Microsoft verzeichnet rasches Wachstum mit dem Cloud-Dienst Azure und erwirtschaftet mit den Office-Produkten einen robusten Cashflow. Auf dem aktuellen Niveau sind die Titel von «Mr. Softy» allerdings anspruchsvoll bewertet.

Investoren wollen deshalb von Konzernchef Satya Nadella in erster Linie wissen, ob Microsoft das Expansionstempo auch in Zukunft hoch halten kann – und ob im Cloud-Geschäft ähnlich satte Margen wie beim Konkurrenten Amazon denkbar sind.

  • Datum des Abschlusses: 18. Juli
  • Umsatzprognose: +8,8% auf 32,8 Mrd. $
  • Gewinnprognose: 1.21 $ pro Aktie nach 1.14 $ in der Vorjahresperiode

Amazon: Die Konkurrenz schläft nicht

Amazon ist im Cloud-Segment nach wie vor die unangefochtene Nummer eins. Zuletzt ist Microsoft im Geschäft mit Rechenleistungen übers Internet jedoch schneller gewachsen. Die Quartalszahlen werden zeigen, inwiefern sich dieser Trend in den vergangenen Monaten fortgesetzt hat.

Ebenso wichtig ist, wie es Amazon im Retailgeschäft läuft. Gemäss dem Researchdienst eMarketer machen Onlineverkäufe in den USA jetzt erstmals über 10% der Gesamteinnahmen im Einzelhandel aus. Der Marktanteil von Amazon beläuft sich dabei auf fast 40%.

Traditionelle Retailer rüsten im Onlinehandel jedoch seit Jahren auf – und verbuchen nun erste Erfolge, wie sich im Fall von Target und Walmart zeigt. Amazon reagiert darauf mit kürzeren Lieferzeiten. Die Frage ist, wie sich das auf die Kosten und Margen auswirkt.

Als hartnäckiger Problemfall erweist sich zudem die 2017 für 13,7 Mrd. $ akquirierte Bio-Supermarktkette Whole Foods. Um den Verkauf anzukurbeln, hat Amazon im April Preiskürzungen vorgenommen. Das könnte sich ebenfalls in den Zahlen bemerkbar machen.

Interessieren wird schliesslich auch, wie es Amazon mit Online-Werbung läuft. Konzernchef Jeff Bezos hat sich damit ein neues Wachstumsfeld erschlossen und grast im Revier der Platzhirsche Facebook und Google (Alphabet) immer mehr ab.

  • Datum des Abschlusses: 25. Juli
  • Umsatzprognose: +18,2% auf 62,5 Mrd. $
  • Gewinnprognose: 5.51 $ pro Aktie nach 5.07 $ in der Vorjahresperiode

Facebook und Google: Im Bann Washingtons

Die beiden Internetriesen sehen sich mit gravierenden regulatorischen Herausforderungen konfrontiert. Ihre Titel haben denn auch die grössten Abgaben erlitten, als die US-Wettbewerbshüter Anfang Juni angekündigt haben, den Tech-Sektor unter die Lupe zu nehmen.

Das Kernthema bei den Quartalsergebnissen wird deshalb das Geschehen in Washington sein. Facebook zum Beispiel hat per Ende März bereits 3 Mrd. $ zur Klärung eines Rechtsstreits mit der Aufsichtsbehörde FTC zurückgestellt. Unklar ist, ob weitere Kosten hinzukommen.

Operativ hält beide Konzerne die Veränderung des Nutzerverhaltens auf Trab. Inhalte im Internet werden immer mehr über mobile Geräte konsumiert. Das macht es für Facebook und Google schwieriger, Geld mit Werbung zu verdienen.

Ein Blick auf den Umsatz von Google illustriert, dass sich das Wachstum bereits seit Anfang 2018 kontinuierlich verlangsamt. Für das zweite Quartal rechnen Analysten mit einer Stabilisierung des Tempos. Aber Achtung: Google verfehlte bereits die Umsatzerwartungen für die ersten drei Monate, worauf die Aktien empfindlich reagiert haben.

  • Datum des Abschlusses von Google: 25. Juli
  • Umsatzprognose: +17% auf 38,3 Mrd. $
  • Gewinnprognose: 11.99 $ pro Aktie nach 11.75 $ in der Vorjahresperiode

Noch deutlicher macht sich dieser langfristige Trend bei den Einnahmen von Facebook bemerkbar. Wie Konzerngründer Mark Zuckerberg bei der Publikation der Zahlen zum ersten Quartal gewarnt hat, dürfte die Wachstumsverlangsamung im restlichen Verlauf des Jahres anhalten.

Im Vergleich zu den anderen vier IT-Kolossen expandiert Facebook aber noch immer am schnellsten.

  • Datum des Abschlusses von Facebook: 24. Juli
  • Umsatzprognose: +24,7% auf 16,5 Mrd. $
  • Gewinnprognose: 1.87 $ pro Aktie nach 1.74 $ in der Vorjahresperiode

Apple: Problem mit China

In der schwierigsten Lage befindet sich Apple. Analysten erwarten zwar, dass der Umsatz nach dem Einbruch in den beiden Vorquartalen zumindest stagniert hat. Unter den «Big Five» ist Apple jedoch der einzige Konzern, bei dem ein Gewinnrückgang erwartet wird.

Das Grundproblem ist, dass Apple weiterhin stark vom iPhone abhängig ist. Im weitgehend gesättigten Mobilfunkmarkt ist der Konkurrenzdruck dabei enorm. Durch immer teurere Geräte konnte sich Apple lange auf Wachstumskurs halten. An der Börse nehmen die Zweifel an dieser Strategie jedoch zu.

Hinzu kommen Fragen zu China. Nach einem abrupten Einbruch haben sich Apples Einnahmen in der Region im ersten Quartal stabilisiert. Das Unternehmen ist im Handelsstreit jedoch besonders stark exponiert – sowohl was Absatz wie auch Produktion anbelangt. Die Situation in China wird damit bei der Ergebnispräsentation zentral sein.

Wichtig ist ebenso, ob es Apple-Chef Tim Cook tatsächlich gelingt, das Geschäft mit Diensten wie Apple Music, Apple Pay und bald auch einem Streaming-Service nennenswert auszubauen. Denn so will er den Rückgang der iPhone-Einnahmen dämpfen.

Bei vielen dieser Dienste geht es allerdings um Smartphone-Spiele. Es fragt sich daher, wie dieses Geschäft langfristig wachsen soll, wenn der iPhone-Absatz weiter sinkt. Umso brisanter ist der Entscheid des Supreme Court vom Mai, dass Klagen gegen Apple wegen marktbeherrschenden Verhaltens in Zusammenhang mit dem App-Store zulässig sind.

  • Datum des Abschlusses: 30. Juli
  • Umsatzprognose: +0,4% auf 53,5 Mrd. $
  • Gewinnprognose: 2.10 $ pro Aktie nach 2.34 $ in der Vorjahresperiode

Deep Diving

Wie immer an dieser Stelle finden Sie hier drei Links, die einen vertieften Einblick in ein aktuelles Thema geben.

  • Quantencomputer könnten zum nächsten «grossen Ding» werden. Ihre ungeahnte Rechenleistung soll künftig ganz neue Möglichkeiten in Bereichen wie künstlicher Intelligenz oder der Entwicklung von Medikamenten eröffnen. Gemäss dem Magazin «Scientific American» könnte die Quantenrevolution bereits dieses Jahr beginnen.
  • Action-Streifen mit Superhelden sind für Hollywood zum grössten Umsatzrenner geworden. Kein Studio verdient mit Gerechtigkeitskämpfern wie Captain America, Iron Man oder Spiderman mehr Geld als die Disney-Tochter Marvel. Die «Harvard Business Review» analysiert die Blockbuster-Maschine aus ökonomischer Perspektive.
  • Das Silicon Valley steht nicht nur für die Gegend zwischen San Jose und San Francisco. Es ist der Inbegriff für die amerikanische Tech-Industrie und die Kultur in der Branche generell. Wer sich darin zurechtfinden will, benötigt das passende Vokabular. Die Zeitung «The Guardian» macht sich mit einem Silicon-Valley-Wörterbuch über all die trendigen Tech-Floskeln lustig.

Bad Blood

Es ist der wohl spektakulärste Betrugsfall in der amerikanischen Venture-Szene: Das Medtech-Startup Theranos versprach, dass es mit einem einzigen Tropfen Blut Dutzende von Krankheiten diagnostizieren könne.

Unternehmensgründerin Elizabeth Holmes liess sich dafür in den Medien als visionäre Entrepreneurin feiern und präsentierte sich als weibliche Inkarnation von Steve Jobs. Wie der Apple-Gründer machte sie sich einen schwarzen Rollkragen-Pulli zum Markenzeichen.

Dieser Tage steht Holmes erneut in den Schlagzeilen. Jedoch aus anderen Gründen: Ein Bundesgericht in San Jose hat entschieden, dass es nächsten Sommer zum Prozess gegen die 35-Jährige und ihren ehemaligen Geschäftspartner/Lover Ramesh «Sunny» Balwani kommt. Den beiden droht eine Strafe von bis zu zwanzig Jahren Gefängnis.

Für Zweifel an der angeblichen Erfolgsstory von Holmes hat es zunächst wenig Anlass gegeben. Als eines der grössten Unicorns aus dem Silicon Valley wurde Theranos auf dem Zenit zu rund 9 Mrd. $ bewertet. Holmes Vermögen wurde auf 4,5 Mrd. $ geschätzt.

Der Verwaltungsrat des Jungunternehmens war mit Koryphäen gespickt: Unter anderem haben Henry Kissinger, der Sterne-General und spätere US-Verteidigungsminister James Mattis sowie der frühere Wells-Fargo-Chef Richard Kovacevich dem Aufsichtsgremium angehört.

Zu den grössten Investoren zählten zudem der Medienzar Rupert Murdoch, die Familie von Walmart-Gründer Sam Walton sowie die amtierende US-Bildungsministerin Betsy DeVos.

Was kann da schon schief gehen? So ziemlich alles, wie der investigative Journalist John Carreyrou am 16. Oktober 2015 aufdeckte. Sein legendärer Artikel im «Wall Street Journal» zeigte auf, dass die vermeintlich revolutionäre Blutdiagnose von Theranos nichts weiter als massiver Betrug war.

Theranos ist heute von der Bildfläche verschwunden. Carreyrou hat derweil einen Pulitzer-Preis erhalten und seine Recherchen zum Bestseller mit dem Titel «Bad Blood» verarbeitet. Darauf basierend kommt demnächst auch ein Kinofilm heraus, in dem Jennifer Lawrence als Elizabeth Holmes die Hauptrolle spielt.

Herzliche Grüsse von der US-Westküste und hoffentlich bis nächste Woche,

Christoph Gisiger, Redaktor