The Pulse

Crashgefahr im Chipsektor

Der amerikanische Technologiesektor steckt in einer Gewinnrezession. Die Hoffnungen der Investoren ruhen auf der zweiten Jahreshälfte – und auf weiteren Zinssenkungen der US-Notenbank. 

Christoph Gisiger

Die erste Hälfte des dritten Quartals liegt hinter uns. Ein guter Zeitpunkt also, um eine kurze Bestandesaufnahme des Tech-Sektors zu machen und die Perspektiven für den restlichen Verlauf des Jahres auszuloten.

Klar ist, dass die Entwicklung an den Börsen weiterhin massgeblich von politischen Faktoren und den Zentralbanken abhängt. Auch für Investoren im Tech-Sektor könnte das morgen Donnerstag beginnende Wirtschaftssymposium in Jackson Hole zu einem Schlüsselereignis werden.

Von Fed-Chef Jerome Powell wird am Freitag ein klares Bekenntnis zu weiteren Zinssenkungen erwartet – alles andere wird neue Turbulenzen an den Finanzmärkten verursachen, wobei IT-Aktien besonders gefährdet sind.

Valoren aus dem amerikanischen Tech-Sektor haben sich dieses Jahr trotz der unsicheren Grosswetterlage überraschend wacker geschlagen. Das Branchenbarometer Nasdaq 100 ist seit Anfang Jahr 21% vorgerückt und schneidet weit besser ab als breite Markt gemessen am S&P 500:

Damit stellt sich die Frage, ob das Beste von 2019 bereits hinter uns liegt, oder ob noch weitere Avancen bevorstehen.

In der heutigen Ausgabe befasst sich «The Pulse» deshalb mit den Aussichten im Tech-Sektor. Besondere Aufmerksamkeit kommt dabei der Halbleiterindustrie zu.

Kollateralschäden des Handelskriegs

Die Berichtssaison zum zweiten Quartal ist weitgehend abgeschlossen. Aus der IT-Branche warten mit Synopsys, Analog Devices, Salesforce und HP in der zweiten Wochenhälfte noch einige Nachzügler mit dem Ergebnis auf.

Längst steht fest: Die Zahlen, die IT-Konzerne zum ersten Semester geliefert haben, sind wenig erbaulich. Gemäss dem Datendienst Refinitiv hat sich ihr Gewinn im zweiten Quartal im Vergleich zur Vorjahresperiode um durchschnittlich knapp 3% verringert. Das, nachdem er bereits in den ersten drei Monaten leicht gesunken war.

Verantwortlich dafür ist primär die Abkühlung der Weltwirtschaft. Da IT-Konzerne mehr als 60% ihrer Einnahmen ausserhalb Amerikas erwirtschaften, sind sie gegenüber der globalen Konjunkturentwicklung stark exponiert. Hinzu kommt der Handelskrieg, wo die Branche zwischen die Fronten geraten ist.

Ein anschauliches Exempel dazu ist Cisco Systems. Der grösste US-Netzwerkausrüster enttäuschte vor wenigen Tagen mit dem Ausblick, worauf die Aktien fast 9% eingebrochen sind.

Wie andere IT-Unternehmen leidet der Konzern aus San José unter dem Konjunkturumfeld. Besonders zu denken geben jedoch die Äusserungen des Managements zu China.

Die Volksrepublik ist für Cisco zwar ein relativ kleiner Absatzmarkt. Dennoch ist der Umsatzeinbruch von 25% in China im Ergebnis ersichtlich. Grund für den massiven Rückgang ist, dass staatliche Telecomanbieter keine Projekte mehr an das US-Unternehmen vergeben.

«Wir werden bei der Ausschreibung von Aufträgen ausgeladen», sagte Cisco-Konzernchef Charles Robbins bei der Ergebnispräsentation dazu. «Uns ist es nicht einmal mehr erlaubt, Offerten zu unterbreiten», ergänzte er.

Rezession im Tech-Sektor

Eine Auswertung der Researchfirma FactSet zeigt, dass sich rund 125 Konzerne aus dem S&P 500 bei der Resultatpublikation über negative Auswirkungen der amerikanischen Strafzölle beklagt haben. Zum Vergleich: In der Berichtssaison zum ersten Quartal waren es knapp 90 Firmen.

Wenig überraschend haben Unternehmen aus den Bereichen Industrie, zyklischer Konsum und IT die Handelsschranken in ihrem Quartalsabschluss am häufigsten thematisiert:

Für den laufenden Berichtszeitraum sieht es kaum besser aus. Für viele Tech-Unternehmen hat sich die Situation seit Ende Juni weiter verschärft. Aktuell rechnet der Analystenkonsens für das dritte Quartal damit, dass die Gewinne im Sektor annähernd 8% sinken.

Auch wenn es noch kaum jemand laut sagt: Der amerikanische IT-Sektor steckt damit bereits in einer Rezession. Erst ab dem vierten Quartal rechnen die Analysten wieder mit marginalen Gewinnen:

Die Hoffnung stirbt zuletzt

An der Börse überwiegt hingegen weiterhin die Hoffnung auf eine baldige Erholung der Unternehmensgewinne. Das Risiko böser Überraschungen ist daher gross, müssen Analysten doch auch die Schätzungen für das vierte Quartal und die ersten drei Monate des nächsten Jahres stetig nach unten revidieren:

Beträchtlich ist das Potenzial für Enttäuschungen im Halbleitersektor. Das, zumal die Branche äusserst sensibel auf die Konjunkturentwicklung reagiert und Veränderungen meist zuerst spürt.

Wie labil Chip-Aktien sind, hat sich in den vergangenen Wochen einmal mehr gezeigt: Der Halbleiterindex PHLX Semiconductor ist seit dem Rekordhoch von Ende Juli zwischenzeitlich mehr als 12% gesunken.

Seither hat er sich etwas erholt und notiert gemessen am Stand von Anfang 2019 noch gut 30% im Plus:

In starkem Kontrast dazu steht der durchwachsene Geschäftsgang. Die weltweiten Chipverkäufe sind im letzten Quartal um fast 17% auf knapp 100 Mrd. $ eingebrochen, wie Daten des Branchenverbands SIA zeigen:

«Die globale Halbleiterindustrie befindet sich zur Jahresmitte weiterhin in einer Phase mit abnehmenden Einnahmen», steht dazu in der Medienmitteilung. «Die Verkäufe sind im Vergleich zum Vorjahr über alle bedeutenden Absatzregionen und Produktkategorien hinweg gesunken», heisst es weiter.

Ernüchternd ist ebenso die Einschätzung von IHS Markit: «Die Halbleiterindustrie beginnt das zweite Halbjahr in erbärmlicher Verunsicherung», konstatiert der Researchdienst. Wie es weitergehe, hänge wesentlich von den Handelsbeziehungen zwischen den USA und China ab.

Lager überborden

Der Handelskrieg ist nicht das einzige Problem für die Chip-Industrie. Der Branche machen auch übervolle Lager immer mehr zu schaffen.

Ein kurzer Blick auf die Vorräte der fünf grössten US-Chipkonzerne zeigt, dass sich der Lagerbestand zu Ende des zweiten Quartals kaum verringert hat. Im Fall von Intel und Nvidia ist er sogar erheblich gestiegen:

Die Branchenbeobachter von IHS Markit denken deshalb, dass eine Korrektur in der Fertigung von Halbleitern bevorsteht.

«Die Kombination aus schwacher Nachfrage und disproportional hohen Produktionsraten hat die Industrie völlig aus dem Gleichgewicht gebracht», bemerken sie in einem Zwischenbericht. «Als Resultat davon sieht sich die Branche mit einem schwerwiegenden Angebotsüberhang konfrontiert.»

Unternehmensnachrichten bestätigen diese Bedenken. Applied Materials, der weltgrösste Ausrüster der Chipindustrie, hat letzte Woche einen Umsatzrückgang von 14% für das vergangene Quartal gemeldet. Der Gewinn ist mehr als 40% eingebrochen.

Das Management von Applied Materials fürchtet, dass es bis Ende Jahr im gleichen Stil weitergeht. «Wir erwarten 2019 keine Erholung. Wir rechnen erst 2020 damit», sagte Finanzchef Daniel Durn während der Telefonkonferenz mit Analysten.

Die Hoffnung auf eine Belebung des Chipmarkts basiert nun primär darauf, dass der neue Mobilfunkstandard 5G ab dem kommenden Jahr einen neuen Zyklus in Gang setzten wird. Konkrete Anzeichen dafür gibt es bisher allerdings kaum.

Erhebliche Zweifel hat auch Fred Hickey, Herausgeber des vielbeachteten Investmentbulletins «The High-Tech Strategist». Wie er in seinem monatlichen Marktkommentar schreibt, suggeriere das gegenwärtige Kursniveau von Chipaktien zwar eine gesunde Erholung im zweiten Halbjahr.

«Obschon das dritte Quartal bereits weit fortgeschritten ist, gibt es jedoch keine Hinweise für die Erholung. Die Diskrepanz zwischen den Fundamentaldaten und den Bewertungen ist eine der grössten, die ich je gesehen habe – möglicherweise sogar die grösste überhaupt», warnt der Branchenveteran.

Deep Diving

Wie immer an dieser Stelle gibt es hier drei Links, die einen vertieften Einblick in ein aktuelles Thema geben:

  • Zahlreiche Abgänge im Top-Management eines Unternehmens sind oft ein Hinweis für schwerwiegende Probleme. Besonders hohe Fluktuationen gibt es bei Tesla, wo kürzlich selbst Technologie-Chef und Mitgründer JB Straubel den Hut genommen hat. Die «Los Angeles Times» nimmt die hohe Personalfluktuation beim Elektroautohersteller unter die Lupe.
  • Google pflegt ein Arbeitsklima, in dem sich Mitarbeitende so fühlen sollen, als würden sie immer noch ein Studentenleben führen. Eine unbeabsichtigte Folge davon ist, dass nun wie an Universitäten heftige Kontroversen um Themen wie Rassismus, Geschlechtergleichheit und die Kooperation mit der US-Armee ausbrechen. Das Tech-Magazin «Wired» beleuchtet in einer Reportage, was sich derzeit im Inneren des IT-Riesen abspielt.
  • Selten trifft die Ankündigung eines Börsengangs auf so skeptische Resonanz wie im Fall von WeWork. Entsprechend ausführlich wurde in den letzten Tagen über die Absurditäten im IPO-Prospekt des mit rund 47 Mrd. $ bewerteten Bürovermieters berichtet. Die beste Analyse liefert der Finanzjournalist Matt Levine in seiner Kolumne für «Bloomberg».

Sour Grapes

Der Handelskrieg zwischen den USA und China kennt keine Gewinner, aber immer mehr Verlierer. Zu Letzteren zählt auch eine Branche, von der man wenig hört, wenn es um Sanktionen und Strafzölle geht: Kaliforniens Weinindustrie.

Edler Rebensaft aus erstklassigen Anbaugebieten wie Sonoma und Napa geniesst längst ein internationales Top-Renommé. In den Jahren 2006 bis 2016 sind die Weinexporte aus den USA von 840 Mio. auf über 1,6 Mrd. $ gestiegen, wobei rund 90% der Ausfuhren aus Kalifornien stammen.

Für die Winzer im Golden State hat der chinesische Absatzmarkt im Zug der Globalisierung an Bedeutung gewonnen. Die Volksrepublik war bis 2017 sogar die am schnellsten wachsende Exportdestination. Umso empfindlicher sind die Folgen des Handelsdisputs zu spüren.

Als Vergeltungsmassnahme gegen Trumps Einfuhrschranken belastet China amerikanischen Wein inzwischen mit Steuern und Zöllen von über 90%. Die Belastung ist damit doppelt so hoch wie bei der Konkurrenz aus Frankreich. Bei Wein aus Chile und Australien sind es nur 26%.

Es erstaunt daher nicht, dass immer mehr Weinliebhabern in China der Durst nach kalifornischen Importmarken vergeht.

Das verdeutlichen die Zahlen: US-Weinexporte nach China sind im ersten Semester 2019 um 33% eingebrochen. Der Handelskrieg ist auch der Grund, warum die weltweiten Ausfuhren bereits letztes Jahr auf das niedrigste Niveau seit 2012 gefallen sind.

Präsident Trump dürfte der Schaden der Weinhersteller allerdings wenig kümmern: Er ist mit Kalifornien nicht nur bei Themen wie Umwelt und Migration auf Konfrontationskurs, sondern bekanntlich auch abstinent.

Herzliche Grüsse von der US-Westküste und hoffentlich bis nächste Woche,

Christoph Gisiger