The Pulse

Crunch Time für Amazon

Das Geschäft des Online-Retail-Riesen wächst langsamer. Dazu belasten höhere Kosten. Ist das bloss ein Ausrutscher, oder fällt Amazon in alte Muster zurück? 

Christoph Gisiger

Die Lage an den Finanzmärkten bleibt ungemütlich. Befürchtungen, dass die Handelsgespräche zwischen den USA und China erneut im Sand verlaufen oder der Konflikt sogar weiter eskaliert, haben den amerikanischen Aktienmärkten am Dienstag erheblich zugesetzt.

Mit den anstehenden Unternehmensabschlüssen kommt in den nächsten Wochen eine zusätzliche Herausforderung auf Investoren zu. Das gilt speziell im Tech-Sektor, wo die Konzerngewinne bereits im ersten Semester stärker als in anderen Branchen gesunken sind.

Der rückläufige Trend dürfte sich in den vergangenen Monaten akzentuiert haben. Ein Anzeichen dafür ist, dass sich Gewinnwarnungen alarmierend häufen: Gemäss dem Datendienst FactSet hat eine Rekordzahl von IT-Konzernen aus dem S&P 500 den Ausblick für das dritte Quartal gedämpft.

Die meisten Warnungen treffen aus den Segmenten Halbleiter (9) und Software (7) ein. Insgesamt mussten 29 Unternehmen aus dem IT-Sektor die Ergebnisprognose seit Ende Juni senken. Das sind nahezu 50% mehr als im Durchschnitt der letzten fünf Jahre vor einer Berichtssaison:

Für die Grundstimmung im Tech-Sektor – und damit für die US-Börsen generell – ist vor allem ein Abschluss relevant: Der Bericht von Amazon.

Kaum ein Unternehmen hat vom Wachstums-Hype während dieser Hausse mehr profitiert als der Online-Riese aus Seattle. Zuletzt haben seine Aktien jedoch merklich an Auftrieb verloren. Umso grösser ist der Erwartungsdruck, wenn der Konzern am 24. Oktober über den Geschäftsgang im dritten Quartal rapportiert.

Aus diesem Grund richtet «The Pulse» in der heutigen Ausgabe einen speziellen Fokus auf Amazon.

Phänomenales Wachstum

Die Fakten lassen wenig Zweifel: Amazon ist die wohl spektakulärste Wachstumsstory dieses Jahrzehnts. Seit 2009 ist der Umsatz von 25 auf über 250 Mrd. $ explodiert. Die Aktien sind allein in den letzten fünf Jahren annähernd 450% vorgeprescht.

Mit dieser überragenden Performance kann kein anderer grosser Tech-Wert mithalten:

Entsprechend stolz ist der Preis: Auf Basis der Analystenschätzungen für die nächsten zwölf Monate handeln die Valoren zum Kurs-Gewinn-Verhältnis 65. Unter den «Big Five» der IT-Branche ist kein anderer Konzern so teuer bewertet.

Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil Amazon im Gegensatz zu Microsoft, Google (Alphabet), Facebook und Apple weder eine Dividende zahlt noch in nennenswertem Umfang eigene Aktien zurückkauft.

Wer vor einem Jahr auf Amazon gesetzt hat, sieht sich deshalb enttäuscht. Nachdem die Titel am 27. August 2018 mit 2012.71 $ letztmals einen Kursrekord markierten, haben sie in den letzten zwölf Monaten knapp 9% verloren. Der breite Markt gemessen am S&P 500 notiert über diesen Zeitraum praktisch unverändert.

Noch schwächer fällt die Performance im Vergleich zu traditionellen Einzelhändlern wie Walmart, Target oder Home Depot aus, die im Jahresvergleich rund 15 bis 30% an Terrain gewonnen haben:

Wo also liegt das Problem?

Gewinnexpansion sorgt für Fantasie

Wie immer an der Börse ist bei simplen Kausalzusammenhängen Vorsicht angebracht. Klar ist aber, dass der Risikoappetit von Investoren in letzter Zeit generell nachgelassen hat.

So kommen auch andere populäre Tech-Titel wie Google und Facebook seit gut einem Jahr kaum vom Fleck. Selbst im Fall von Microsoft hat der Auftrieb in den vergangenen Monaten nachgelassen.

Im Fall von Amazon sind zwei spezifische Entwicklungen bemerkenswert:

Den bisher kräftigsten Schub haben die Titel von Mitte Oktober 2017 bis Ende August 2018 verzeichnet. In diesem Zeitraum hat sich der Kurs mehr als verdoppelt. Der Börsenwert wuchs auf bis zu 995 Mrd. $, womit sich Amazon-Gründer Jeff Bezos vor Bill Gates und Warren Buffett unangefochten als reichster Mann der Welt etablieren konnte.

Das Startsignal zur kräftigen Rally gab damals ein hervorragender Quartalsabschluss, der die Wahrnehmung der Investoren veränderte: Hatte Amazon bislang fast alles Geld kompromisslos in Wachstum investiert, begann sich die operative Marge nun spürbar auszuweiten.

Das weckte Hoffnungen, dass der Konzern die grössten Ausgaben hinter sich hat und der Ertragskraft fortan mehr Priorität zukommt. Diese Annahme bestätigte sich im Lauf der nächsten Quartale, wobei die Gewinnspanne auf Stufe Ebit bis Ende 2018 auf fast 7,5% stieg:

Ernüchternde Realität

An der Börse setzte sich damit die Überzeugung durch, dass Amazon den Gewinn mehr oder weniger nach Belieben steuern könne. Doch dann kam es zu einer weiteren Veränderung:

Ende letztes Jahr sackte das Wachstum plötzlich ab, als Amazon für das vierte Quartal 2018 eine Umsatzzunahme von 19,7% gegenüber der Vorjahresperiode auswies.

Für einen Koloss dieses Kalibers ist das nach wie vor beeindruckend. Erstmals seit dem zweiten Quartal 2015 fiel das Expansionstempo jedoch unter 20%:

Vor drei Monaten setzte es dann eine weitere Enttäuschung ab. Zur Erinnerung deshalb hier nochmals kurz die wichtigsten Fakten zum letzten Quartalsbericht vom 25. Juli:

  • Der Gewinn ging im Vergleich zur vorangegangenen Berichtsperiode von 3,6 auf 2,6 Mrd. $ zurück, nachdem Amazon zuvor einen Rekordgewinn nach dem anderen gemeldet hatte.
  • Der Konzern verfehlte nicht nur mit dem Ergebnis die Erwartungen. Mit einem operativen Gewinn von 2,1 bis 3,1 Mrd. $ blieb auch der Ausblick hinter den Analystenschätzungen zurück.
  • Die Cloud-Sparte AWS, mit Abstand das profitabelste Geschäft, verzeichnete zudem ein leicht schwächeres Wachstum.

Seither haben die Aktien rund 14% eingebüsst.

Temporärer Rückschlag oder Trendwende?

«Amazon hat seit Juni 2015 jedes Quartal einen Gewinn ausgewiesen. Auch konnte der Konzern das Ergebnis jeweils deutlich steigern», meint dazu Michael Pachter vom Broker Wedbush Securities.

«Dennoch blieben vorübergehende Enttäuschungen wie Anfang 2016 und Mitte 2017 nicht aus, worauf die Aktien jeweils eine Verschnaufpause einlegten», räumt Pachter ein. «Wie es aussieht, war der Abschluss zum letzten Quartal ein ähnlicher Dämpfer.»

Ob es sich auch dieses Mal nur um eine temporäre Kursschwäche handelt oder ob ein grösseres Problem besteht, wird die Ergebnispublikation in gut zwei Wochen zeigen.

Analysten rechnen gemäss dem Datendienst S&P Global mit annähernd 21% Umsatzwachstum auf knapp 69 Mrd. $ und einem Gewinn von 4.52 $ pro Aktie nach 5.75 $ im Vorjahreszeitraum.

Vor diesem Hintergrund erscheint ein kurzer Blick auf die einzelnen Geschäftsbereiche lohnenswert.

Amazon setzt sich im Wesentlichen aus drei Teilen zusammen: Das Retailgeschäft ist nach wie vor der weitaus grösste Bereich. Basierend auf Schätzungen für 2020 messen ihm Analysten von Bank of America Merrill Lynch rund 55% des Unternehmenswerts zu.

Dahinter folgen die Cloud-Sparte AWS sowie das Geschäft mit Online-Werbung. Die beiden Einheiten kommen für 35 respektive 10% des Börsenwerts auf:

Konkurrenz holt auf

Interessieren wird deshalb in erster Linie, wie sich die Kosten im Retail-Geschäft entwickelt haben. Mit Walmart konnte Amazons grösster Konkurrent Mitte Augst mit überraschend positiven Zahlen aufwarten. Die Einnahmen im Online-Versand legten satte 37% zu.

Auch im Wettbewerb mit anderen Einzelhändlern sieht sich Amazon vermehrt herausgefordert. Um die Marktführerschaft zu verteidigen, vollzieht der Konzern deshalb gegenwärtig eine weitere Transformation:

Jeff Bezos startete Amazon vor 25 Jahren mit dem Ziel, jedem Kunden jedes Buch verkaufen zu können. Als nächsten Schritt dehnte er die Produktepalette auf praktisch jeden denkbaren Gegenstand aus. In einer dritten Phase verkürzte er dann die Standard-Lieferzeit auf zwei Tage.

Seit diesem Jahr arbeitet der Konzern nun an der nächsten Stufe: Die Auslieferung von Bestellungen soll nur noch einen Tag dauern. Das ist mit beträchtlichen Investitionen ins Vertriebsnetz verbunden, wie Finanzchef Brian Olsavsky Ende Juli ausführte:

«Wir erwarten, dass wir einige Quartale brauchen werden, um das Ziel zu erreichen. Wenn sich der Staub aber gelegt hat, werden wir unsere Kosteneffizienz allmählich zurückgewinnen», sagte er bei der letzten Ergebnispräsentation.

Investoren wollen deshalb wissen, ob die Ausgaben im Retail-Bereich weiter gestiegen sind. Das, nachdem Amazon das Budget von 800 Mio. $ im zweiten Quartal überschritten hatte.

Im Visier der Kartellwächter

Ein genaues Augenmerk wird sich ebenso auf die Cloud-Sparte richten. Amazon hat die Einnahmen mit Rechendiensten übers Internet in den letzten fünf Jahren von 3 auf über 25 Mrd. $ gesteigert. Inzwischen kommt AWS für annähernd 60% des operativen Gewinns auf.

Amazon ist zwar nach wie vor der mit Abstand grösste Anbieter von Cloud-Diensten. Microsoft und Google wachsen jedoch schneller. Dass die Expansionsrate von AWS im zweiten Quartal erstmals unter 40% gefallen ist, könnte damit auf einen verschärften Wettbewerb hindeuten.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Wie andere grosse Tech-Konzerne ist Amazon ins Visier der amerikanischen Wettbewerbshüter geraten. Als Besitzer der Washington Post sieht sich Jeff Bezos zudem regelmässig Kritik aus dem Weissen Haus ausgesetzt.

Wenig überraschend hat das US-Verteidigungsdepartement die Vergabe eines Grossauftrags im Umfang von 10 Mrd. $ deshalb auf Eis gelegt. Für das sogenannte Jedi-Projekt standen AWS und Microsoft in der Schlussrunde.

Eröffnen die US-Behörden ein Kartellverfahren gegen Amazon, dürften sich die Chancen auf den prestigeträchtigen Auftrag jedoch in Luft auflösen.

Deep Diving

Wie immer an dieser Stelle gibt es hier einige Links, die einen vertieften Einblick in ein aktuelles Thema geben:

  • Kaum ein Tag vergeht ohne Negativschlagzeilen zu WeWork. Von den Finanzmärkten abgeschnitten, hofft der Konzern nun auf einen 4 Mrd. $ grossen Notzuschuss von SoftBank und JPMorgan. Empfehlenswert ist zu diesem Drama der aktuelle Blog-Eintrag von Scott Galloway. Der Ökonomieprofessor von der New York University zieht darin Parallelen zwischen unprofitablen Unicorns wie WeWork und der TV-Kultshow «Breaking Bad». So viel sei bereits verraten: SoftBank-Chef Masa Son kommt in der Hauptrolle als «Heisenberg» vor.
  • Jack Ma hat am Dienstag sein Amt als CEO von Alibaba offiziell niedergelegt – am gleichen Tag, an dem er seinen 55. Geburtstag feierte. Was genau hinter seinem seltsamen Rücktritt als Chef des E-Commerce-Giganten steckt und weshalb Alibaba im Prinzip nichts anderes als ein verlängerter Arm der Kommunistischen Partei Chinas ist, legt ein aufschlussreiches Meinungsstück im Magazin «AND» dar.
  • Elon Musk hat vor wenigen Tagen mit viel Pomp seine Pläne zur Mars-Besiedlung am Zweitsitz von SpaceX in Texas vorgestellt. Ob es jemals soweit kommt, steht in den Sternen. Um den Standort seines Raumfahrtkonzerns auszubauen, will der kontroverse Entrepreneur und Tesla-Chef jetzt aber das kleine Dorf Boca Chica ganz in der Nähe aufkaufen. Dagegen regt sich Widerstand, wie eine Reportage der «Los Angeles Times» berichtet.

Don’t do it

«Don't do the crime if you can't do the time – begeh kein Verbrechen, wenn Du nicht eine Gefängnisstrafe dafür absitzen kannst.» Das war der Slogan von TV-Kommissar Tony Baretta in der gleichnamigen Krimiserie «Baretta» aus den späten Siebzigerjahren.

Der Ausspruch fungiert auch prominent im Soundtrack zur Show mit dem Titel «Keep Your Eye on the Sparrow». Von Sammy Davis Jr. interpretiert, avancierte er zu einem Klassiker der Funk-Ära.

Jordan Mouton muss diese Lektion nun auf die harte Tour lernen. Der 39-jährige Rapper aus Kalifornien, der zuweilen unter dem «Künstlernamen» Big Cheeze für sein Label namens «Mega Million Music» auftrat, dürfte für längere Zeit hinter schwedische Gardinen wandern.

Anfang Woche gestand er vor einem Gericht in Sacramento, dass er Investoren um rund 550'000 $ betrogen hat. Das, indem er sich als Organisator von Musik-Konzerten mit Top-Stars wie Rihanna, Snoop Dogg und der Band Maroon 5 ausgab.

Ein Teil des Geldes aus den krummen Deals hat Big Cheeze in klassischer Gangster-Manier im Casino verspielt, meldet die Lokalzeitung «The Modesto Bee». Zudem hat er in eine Bewässerungsanlage investiert – vermutlich zur illegalen Zucht von Hanf, wie ein früherer Polizeibericht nahelegt.

Die Affäre erinnert an den Skandal um das Fyre Festival im Frühling 2017. Im Gegensatz zur kolossal gescheiterten Luxus-Party auf einer Privatinsel in den Bahamas hat sich Big Cheeze aber nicht einmal die Mühe gemacht, einen Musik-Event zu organisieren.

Wie hoch seine Strafe ausfallen wird, entscheidet das Gericht Mitte März. Im Maximum drohen ihm zwanzig Jahre Gefängnis und 250’000 $ Busse. Auch muss er die geprellten Investoren in vollem Umfang entschädigen.

Juristisch zu verantworten hat er sich für Überweisungsbetrug sowie für die Fälschung von Unterschriften und Dokumenten. Im Fall von Rihanna etwa gab er sich wahlweise als Organisator einer frei erfundenen «Asia Monster Tour» oder «Asian Monster Tour» aus.

Einem anderen Investor gaukelte er vor, dass er Snoop Dogg als Manager, Berater und Repräsentant in China sowie im asiatischen Raum generell repräsentiere.

Anstatt sich als Geschäftspartner von Snopp Dogg auszugeben, hätte sich Big Cheeze wohl besser eingehend mit dem «Werk» des Hip-Hop-Moguls vertraut gemacht.

Dann hätte er vielleicht auch die Warnung von Kommissar Baretta befolgt, zumal Snoop Dogg – bürgerlicher Name: Calvin Broadus – den Themensong zur Krimiserie 1998 als Coverversion in sein Repertoire aufgenommen hat.

Herzliche Grüsse von der US-Westküste und hoffentlich bis nächste Woche,

Christoph Gisiger