The Pulse

Das Space-Portfolio

Fünfzig Jahre nach der Mondlandung erlebt die Raumfahrt eine Renaissance. Schub geben speziell Privatfirmen wie SpaceX und Blue Origin. Aber auch an der Börse eröffnen sich Möglichkeiten, am neuen Wettlauf ins All zu partizipieren.

Christoph Gisiger

In der Nacht auf Freitag soll es endlich so weit sein: Nach zwei abgebrochenen Startversuchen will SpaceX einen Stapel von sechzig Mini-Satelliten in den Orbit befördern. Die Mission ist der Beginn des Projekts Starlink, das flächendeckend ultraschnelles Internet aus dem All ermöglichen soll.

Unternehmensgründer Elon Musk gerät wegen der Probleme von Tesla zwar zusehends unter Druck. In der Venture-Capital-Szene gilt SpaceX jedoch als eine der spannendsten Wetten auf das Comeback der Raumfahrt.

Das 2002 gegründete Unternehmen aus Los Angeles hat erst vor wenigen Wochen weitere 500 Mio. $ an Mitteln aufgenommen. Insgesamt hat es von Investoren inzwischen rund 2,1 Mrd. $ erhalten und ist mit einer Bewertung von annähernd 30 Mrd. $ eines der grössten Unicorns.

Offizielle Zahlen zum operativen Geschäft gibt es nicht. Gemäss Sheila Kahyaoglu, Analystin beim Broker Jefferies, dürfte SpaceX letztes Jahr mit dem Abschuss von Weltraumraketen rund 2 Mrd. $ Umsatz erwirtschaftet haben. Das ist die höchste Summe in der Branche. Wichtigster Auftraggeber ist die US-Weltraumbehörde NASA.

Weltweit wird der Markt für den Start von Raketen von einem halben Dutzend Unternehmen dominiert. Ausser SpaceX gehört dazu die United Launch Alliance (ULA), ein Joint-Venture von Boeing und Lockheed Martin.

Zu den Branchenleadern zählen auch die Northrop-Grumman-Division Orbital ATK, Arianespace aus Europa, Khrunichev aus Russland sowie Mitsubishi Heavy Industries aus Japan.

Quelle: Jefferies

Quelle: Jefferies

Internet aus dem Weltall

Mit Starlink will sich SpaceX jetzt eine neue Einnahmequelle erschliessen. Das Programm sieht vor, in den nächsten Jahren Tausende Satelliten von der Grösse eines Toasters in der Umlaufbahn zu installieren. Künftig sollen die Einkünfte aus den Breitband-Diensten dann helfen, Missionen zur Besiedelung des Mars zu finanzieren.

Ob sich Musks kühne Pläne auszahlen, ist, wie bei Tesla, ungewiss. Selbst Gwynne Shotwell, die für das operative Geschäft von SpaceX verantwortlich ist, hat unlängst gesagt, sie wisse nicht, ob sich mit Starlink tatsächlich Geld verdienen lasse.

Den Blick nach den Sternen richtet auch ein anderer prominenter Exponent aus dem US-Technologiesektor. Jeff Bezos verkauft jedes Jahr für rund 1 Mrd. $ Aktien seines Unternehmens Amazon, um die Weltraumfirma Blue Origin zu finanzieren. Vor wenigen Tagen hat er erstmals ein Vehikel zur Landung auf dem Mond präsentiert.

Mit dem Projekt Kuiper will Bezos ebenfalls rund 3200 Satelliten für einen globalen Internetservice ins All schicken. An einem ähnlichen Unterfangen arbeitet die britische Firma OneWeb, die vom japanischen Tech-Konglomerat SoftBank mitfinanziert wird. Der Geschäftsmann Richard Branson will mit Virgin Galactic derweil Weltraumflüge für Touristen anbieten.

Mission zum Mond

Ein halbes Jahrhundert nach der ersten Landung auf dem Mond kommt der Wettlauf zur Exploration des Weltraums damit neu in Schwung. Weltweit wurden im vergangenen Jahr über 110 Raketen ins All abgefeuert, was einer Zunahme von gut 25% entspricht.

Wie Ende der Sechzigerjahre spielen nationale Interessen eine zentrale Rolle. So ist der chinesischen Raumfahrtbehörde CNSA Anfang Jahr erstmals in der Geschichte der Menschheit die Landung einer Sonde auf der dunklen Seite des Monds gelungen.

Die Vereinigten Staaten haben sich mit dem Artemis-Programm das Ziel gesetzt, bis 2024 wieder Menschen auf den Mond zu bringen. In den folgenden Jahren soll auf dem grauen Trabanten sogar eine permanente Basis errichtet werden.

Im Gegensatz zum «Space Race» während des Kalten Kriegs vergeben staatliche Raumfahrtbehörden wie die NASA und ihr europäisches Pendant ESA heute vermehrt Aufträge an den Privatsektor. Entsprechend eröffnen sich auch Partizipationsmöglichkeiten an der Börse.

«Wegen hoher Investitionen und häufiger Verzögerungen ist es für Unternehmen im Bereich Raumfahrt bisher schwierig gewesen, Geld zu verdienen. Für Investoren, die einen wirklich langfristigen Horizont haben, sehen wir nun jedoch unendliche Weiten zum Investieren», meint das Researchteam von Bank of America in etwas euphorischem Ton.

Aktien für das Space-Portfolio

Einen ersten Ansatzpunkt für ein Space-Portfolio bieten Boeing und Lockheed Martin. Zu ihrem breit diversifizierten Geschäft, dass sich primär auf die Luftfahrt konzentriert, zählen auch Aktivitäten in der Raumfahrt. Ähnliches gilt für die französischen Konkurrenten Thales und Safran.

Wichtige Akteure sind ebenso Northrop Grumman, Raytheon und Harris. Bei ihnen macht das Space-Geschäft mit 20 bis 30% bereits einen relativ bedeutenden Anteil am Umsatz aus. Northrop beispielsweise hat letztes Jahr für 9,2 Mrd. $ den Raketenhersteller Orbital ATK übernommen.

Die «reinste» Wette auf ein Abenteuer im Weltall ist Aerojet Rocketdyne. Der Hersteller von Raketentriebwerken aus El Segundo erwirtschaftet rund 40% des Umsatzes mit Raumfahrtaktivitäten. Er ist ein Zulieferer für das Space Launch System, mit dem die NASA das 2011 ausser Betrieb genommene Space Shuttle ersetzen will.

Aus ethischer Sicht müssen sich Investoren allerdings im Klaren darüber sein, dass diese Unternehmen alle in der Rüstungsindustrie aktiv sind.

Raumfahrt-Ausrüster

Börsenwert (in Mrd. $) Umsatzanteil Space-Geschäft in % KGV Rendite Kursperformance 12 Monate (in%)
Aerojet Rocketdyne 3 40
24 - 32,6
Harris 22,2 30
21 1.5% 22,1
Raytheon 51,1 24
15 2.1% -13,5
Northrop Grumman 53,7 20
16 1.7% -3,9
Lockheed Martin 97,2 18
16 2.6% 7,3
Kratos 2,2 15
59 - 83,8
L3 Technologies 19,3 9
20 1.4% 25,2
Boeing 201,8 5
21 2.3% 2,1

Das mit Abstand wichtigste Segment des Markts dreht sich um Satelliten. Gemäss dem Branchenverband SIA macht es rund drei Viertel der 360 Mrd. $ aus, die vergangenes Jahr weltweit in die Raumfahrt investiert worden sind. Hier sind die Wachstumsraten zwar nicht exorbitant, mit jährlich 3 bis 4% aber robust.

Zu den kotierten Betreibern kommerzieller Satellitendienste gehören unter anderem SES, Viasat und Echostar.

Satellitendienst-Anbieter

Börsenwert (in Mrd. $) Anzahl aktivierter Satelliten KGV Rendite Kursperformance 12 Monate (in%)
SES (Luxembourg) 7,4 61
24 5.5% 11,3
Intelsat (Luxembourg) 2,9 57
- - 48,2
Eutelsat (Frankreich) 4,1 38
11 8.1% 1,1
EchoStar (USA) 4,2 19
53 - -14,1
Inmarsat (GB) 3,2 17
42 2.9% 39,4
Viasat (USA) 5,4 4
149 - 43

Zudem sind auch Engagements über Hersteller von Komponenten möglich. Der US-Konzern Ball etwa stellt nicht nur Aluminiumdosen her, sondern auch Verkleidungen von Satelliten. Ein anderer Zulieferer ist Hexcel, ein Produzent von Fiberglas-Verstärkungen.

Trotz spannender Perspektiven wäre es aber zu optimistisch, einen neuen Investitionsboom wie beim Wettrüsten zwischen den USA und der Sowjetunion im Kalten Krieg zu erwarten. Mit Blick auf wachsende Sozialkosten und hohe Schulden haben für Regierungen heute andere Herausforderungen Priorität.

In den USA sind die Staatsausgaben für Raumfahrt mit mehr als 0,2% des Bruttoinlandprodukts nach wie vor am grössten. Als Neil Armstrong am 21. Juli 1969 den ersten Schritt auf dem Mond machte, beliefen sie sich jedoch auf 4,4% des BIP.

Quelle: BofA Merrill Lynch

Quelle: BofA Merrill Lynch