The Pulse

Der Chipsektor rückt in den Fokus

Technologieaktien standen in den vergangenen Wochen unter Druck. Die Einschätzungen der Halbleiter-Unternehmen für das zweite Halbjahr dürften deshalb wegweisend für die Branche sein.

Christoph Gisiger

Der Countdown läuft. Nächste Woche treffen die ersten Quartalszahlen aus dem Tech-Sektor ein. Die Erwartungen sind bescheiden. Gemäss dem Datendienst Refinitiv haben Analysten ihre Schätzungen weit nach unten revidiert und erwarten, dass die Gewinne in der IT-Branche um fast 8% gesunken sind.

Die Börse hat sich längst damit abgefunden. Interessieren wird deshalb vielmehr, wie es um den Ausblick auf das zweite Halbjahr steht. Die Abkühlung der Weltwirtschaft und der Handelsdisput zwischen den USA und China haben Tech-Unternehmen in den letzten Monaten besonders stark belastet. Gibt es jetzt endlich erste Anzeichen einer Aufhellung?

Antworten darauf werden die Abschlüsse aus der Halbleiterindustrie geben. Die Geschäftsentwicklung von Branchenriesen wie Intel, Texas Instruments und Applied Materials gilt als guter Vorlaufindikator für die Gesamtwirtschaft. Heute richtet «The Pulse» den Fokus deshalb auf den Chipsektor.

Heftige Schwankungen

Mit der Semicon West findet dieser Tage in San Francisco eine der wichtigsten Messen für Mikroelektronik und Ausrüster der Halbleiterindustrie statt. Auch die Schweizer Unternehmen VAT und Meyer Burger sind vor Ort präsent. Ihre Aktien haben wie andere Werte aus dem Sektor im ersten Halbjahr erhebliche Turbulenzen mitgemacht.

Das US-Branchenbarometer PHLX Semiconductor (vormals Philadelphia Semiconductor Index) preschte Anfang Jahr zunächst weit vor und erreichte gegen Ende April eine neue Bestmarke. Obschon es seither zu erheblichen Schwankungen gekommen ist, notiert der Index gemessen am Stand von Ende 2018 rund 27% im Plus.

Mut machen Investoren die Aussicht auf eine lockerere Geldpolitik und die Entschärfung des Handelskonflikts. Für Entspannung sorgt dabei besonders, dass der Boykott gegen den chinesischen Telecomausrüster Huawei aufgeweicht werden soll.

Hinzu kommt ein zuversichtlicher Ausblick des Speicherchip-Herstellers Micron Technology. Er hat Ende Juni «frühe Signale einer Nachfragebelebung» kommuniziert und damit für Auftrieb im gesamten Sektor gesorgt.

Ein Hoffnungsschimmer lässt sich ausserdem den aktuellsten Absatzdaten entnehmen. Wie der Branchenverband SIA Anfang Juli gemeldet hat, sind die weltweiten Halbleiterverkäufe im Mai zwar weiter um fast 15% gegenüber dem Vorjahresmonat eingebrochen.

Mit gut 33 Mrd. $ sind sie im Vergleich zum April sequenziell jedoch leicht gestiegen, wobei das Volumen in der Region Americas erstmals seit sieben Monaten zugenommen hat:

Quelle: Semiconductor Industry Association

Quelle: Semiconductor Industry Association

Warnsignale aus Taiwan

Andere Nachrichten deuten hingegen nicht auf eine baldige Aufhellung hin. Samsung Electronics, der weltgrösste Produzent von Speicherchips, hat Ende der letzten Woche gemeldet, dass der Konzernumsatz für das zweite Quartal 4% sinken wird. Beim operativen Gewinn, für den letztes Jahr hauptsächlich die Halbleitersparte aufgekommen war, erwarten die Koreaner einen Einbruch von über 50% auf rund 5,6 Mrd. $.

Ebenfalls vorsichtige Töne schlägt GlobalWafers an. Der Hersteller von Siliziumscheiben aus Taiwan informierte Ende Juni, dass er für 2019 nur noch mit geringem Umsatzwachstum rechne. Gemäss dem Fachblatt «Digitimes» hatte Konzerchefin Doris Hu zuvor «viel bessere» Einnahmen als im Vorjahr prognostiziert.

Basierend auf Gesprächen mit Branchenexperten berichtet «Digitimes» ausserdem, dass auf Taiwans immense Chipindustrie ein «speziell schwaches zweites Halbjahr» zukomme.

Warnsignale sind nicht nur aus Asien zu vernehmen. Der Researchdienst IHS Markit sah sich unlängst dazu veranlasst, «signifikante Änderungen» an der Umsatzprognose für die globale Halbleiterindustrie vorzunehmen.

Neu rechnet er für 2019 mit 425 Mrd. $ an Einnahmen, womit er die ursprüngliche Schätzung aus dem ersten Quartal weiter um knapp 5% nach unten korrigiert hat. Bereits damals musste er den Ausblick um über 12% senken.

Als Grund gibt IHS Markit «sowohl Probleme mit zu hohen Lagerbeständen wie auch eine schwächere Nachfrage an». Immerhin erwartet das Researchhaus aber, dass sich die Situation im dritten Quartal sequenziell stabilisiere, «so dass dieses Jahr insgesamt ein nicht noch grösserer Rückschlag resultieren wird.»

Lager wachsen

Ein kurzer Blick auf die grössten Produzenten zeigt, dass sich bei Intel zum Beispiel der Lagerbestand per Ende des ersten Quartals auf 7,8 Mrd. $ erhöht hat. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einer Zunahme von fast 10%. Prozentual noch deutlicher gewachsen ist das Inventar bei Nvidia (80%), Micron Technology (45%), AMD (34%) und Microchip Technology (50%).

Mit Schwierigkeiten kämpfen auch Ausrüster. Thomas Diffely, Analyst in Diensten des Brokers D. A. Davidson, hat zu Wochenbeginn die Gewinnschätzungen für Equipment-Hersteller wie Applied Materials, Lam Research sowie Kulicke & Soffa gesenkt und die Empfehlung für die Titel von «Kaufen» auf «Neutral» zurückgestuft.

«Der Fluss an negativen Nachrichten wird voraussichtlich anhalten», hält er im Report fest. «Die lang erwartete Erholung im Bereich Memory-Chips verschiebt sich ins Jahr 2020. Angebot und Nachfrage sind noch immer nicht im Gleichgewicht. Zudem sinken die Preise weiter, wenn auch in etwas weniger schnellem Tempo.»

Zur ohnehin schwierigen Lage kommt die politische Unsicherheit um wichtige Kunden aus China wie Huawei und ZTE hinzu. Betroffen sind davon in erster Linie die Produzenten Skyworks Solutions, Qorvo und Inphi, die gemäss Bank of America 10 bis 15% der Einnahmen mit Huawei erwirtschaften.

Etwas weniger, aber dennoch erheblich exponiert sind Xilinx, Analog Devices und Qualcomm mit einem Anteil von 5 bis 10%.

Die US-Regierung hat am Dienstag angekündigt, amerikanischen IT-Konzernen Lizenzen für Geschäfte mit Huawei auszustellen. Diese können aber ebenso rasch entzogen werden, sollten sich die Fronten im Handelskrieg erneut verhärten.

Auf Texas Instruments achten

Mehr Klarheit wird die Berichtssaison geben. Den Auftakt im IT-Sektor macht IBM am nächsten Mittwoch. Wichtig wird es dann vor allem am 23. und 25. Juli, wenn die Schwergewichte Texas Instruments und Intel die Zahlen publizieren.

Speziell bei der Ergebnispräsentation von Texas Instruments dürfte es sich lohnen, gut hinzuhören. Das, zumal das Management den Ruf geniesst, sich verhältnismässig unverblümt zu den Perspektiven des Sektors zu äusseren.

Die Meinung gemacht hat sich bereits der Branchenkenner Fred Hickey. Er wettet gegen die Aktien von Micron Technology, Texas Instruments, Lam Research sowie KLA-Tencor, wobei letzteres Engagement neu hinzugekommen ist.

Hickeys grösste Put-Position ist Micron Technology, wie er in der neuesten Ausgabe seines vielbeachteten Investmentbulletins «The High-Tech Strategist» schreibt:

«Microns freier Cashflow ist verdampft. Das hat das Unternehmen dazu gezwungen, Aktienrückkäufe im vergangenen Quartal praktisch zu stoppen. Innerhalb der nächsten zwei Quartale wird Micron Geld verlieren», sagt er voraus.

Deep Diving

Wie immer an dieser Stelle finden Sie hier drei Links, die einen vertieften Einblick in ein aktuelles Thema geben.

  • Amazon ist mit einer Kapitalisierung von 980 Mrd. $ einer der drei wertvollsten Konzerne der Welt. An den Erfolg von Gründer Jeff Bezos glaubten am Anfang allerdings nur wenige. Die Online-Publikation «Gizmodo» blickt auf die Anfänge in den Neunzigerjahren zurück, als sich die Leute über das Unternehmen als «Amazon.toast» oder «Amazon.bomb» lustig machten.
  • Youtube hat sich zu einem kräftigen Wachstumsmotor des Google-Mutterkonzerns Alphabet entwickelt. Die 2006 für knapp 1,7 Mrd. $ akquirierte Sparte sorgt jedoch zusehends für negative Schlagzeilen, wenn es um den Umgang mit extremistischen und kriminellen Inhalten geht. Das Wochenmagazin «The New Yorker» berichtet vom Kampf um die Zukunft der Video-Plattform.
  • Im Schweizer Bergdorf Gondo wurde bis Ende des 19. Jahrhunderts nach Gold gegraben. Heute wird in den alten Minen am Simplon Pass nach einem anderen Schatz gesucht: Das Unternehmen Alpine Tech nutzt sie, um Bitcoin, Ethereum und andere Kryptowährungen zu «schürfen». Das Magazin «Wired» hat sich vor Ort ein Bild gemacht.

Beverly Hills, 90210

Der Börsengang von Uber bleibt für Publikumsaktionäre ein Flop. Die Aktien des Fahrdienstes bewegen sich auch zwei Monate nach dem IPO weiterhin unter dem Emissionspreis von 45 $.

Anders sieht es für Insider wie Unternehmens-Mitbegründer Garrett Camp aus. Der Tech-Milliardär und seine Partnerin Eliza Nguyen haben sich vor Kurzem eine weitere Luxusvilla in Los Angeles gekauft. Zum Preis von 72,5 Mio. $ ist es sogar die teuerste Immobilientransaktion in Beverly Hills.

Wie das Hollywood-Branchenblatt «Variety» berichtet, stand das mondäne Anwesen nicht öffentlich zum Verkauf. Aktuelle Bilder sind deshalb ausgesprochen rar. Im April hat die lokale Dependence von Rolls Royce jedoch einen pompösen Werbe-Event abgehalten, was immerhin ein paar flüchtige Eindrücke ermöglicht.

An der Adresse mit der prominenten Postleitzahl 90210 sind die beiden neuen Besitzer in guter Gesellschaft. Ganz in der Nähe wohnt bereits Markus Persson, der das populäre Videospiel Minecraft erfunden hat. Sein Grundstück hat seit 2014 mit 70 Mio. $ bisher den Rekord für den grössten Deal gehalten.

Camps Immobilienportfolio ist nun um ein Schmuckstück reicher. In L.A. besitzt er ausserdem zwei luxuriöse Häuser in der Nähe des Sunset Strip. Hinzu kommen eine Liegenschaft im New Yorker Trendviertel SoHo sowie mindestens ein Anwesen in San Francisco.

Dort hat sich die neue IPO-Welle überraschenderweise bisher nicht auf den Immobilienmarkt durchgeschlagen. Anders als erwartet, ist in der Bay Area trotz der vielen frischgebackenen Tech-Millionäre ein neuer Boom im Häusermarkt ausgeblieben.

Gemäss dem Branchenexperten John Burns Real Estate Consulting verzeichnet das Silicon Valley derzeit sogar die hartnäckigste Immobilienflaute in Amerika. In San Jose hat sich Entwicklung der Preise verglichen mit dem Stand vor einem Jahr um 26% abgeschwächt. In San Francisco resultiert eine Abnahme von 16%.

Herzliche Grüsse von der US-Westküste und hoffentlich bis nächste Woche,

Christoph Gisiger, Redaktor