The Pulse

Die grössten Tops und Flops der IT-Berichtssaison

«The Pulse» präsentiert die wichtigsten Erkenntnisse aus der aktuellen Berichtssaison für die US-Technologiekonzerne. Wer hat positiv überrascht, wer hat enttäuscht? Und vor allem: wie sind die Aussichten für das restliche Jahr?

Christoph Gisiger

Das Gröbste liegt hinter uns. Mit Apple hat am Dienstag das letzte Superschwergewicht aus dem amerikanischen Tech-Sektor die Zahlen zum vergangenen Quartal vorgelegt.

Das Positive vorweg: Apples Umsatz hat sich nach dem Rückgang in den beiden vorherigen Berichtsperioden stabilisiert. Das, obschon der Konzern erstmals seit 2013 weniger als die Hälfte des Umsatzes mit iPhone-Verkäufen erwirtschaftet hat.

Insgesamt haben sich die Einnahmen um magere 1% auf 53,8 Mrd. $ verbessert. Der Gewinn hingegen sank im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 13% auf 10 Mrd. $. Es ist damit bereits die dritte Berichtsperiode in Folge mit abnehmendem Ergebnis.

Fast schon ironisch mutet da der Kommentar von Konzernchef Tim Cook an: «Wir sind begeistert, dass wir über eine Rückkehr zu Wachstum berichten können», lässt er sich in der Medienmitteilung zitieren.

Dennoch reagieren die Investoren wohlwollend: Die Aktien sind am Dienstag im nachbörslichen Handel mehr als 4% vorgerückt. Im Vergleich zu anderen prominenten Exponenten der Branche dürfte sich Apple am Mittwoch somit in der vorderen Hälfte des Klassements einreihen, wenn es um die Kursreaktion auf den Quartalsbericht geht:

Was also sind die wichtigsten Erkenntnisse, die sich im Rückblick auf diese Berichtssaison ergeben? Wer hat positiv überrascht? Welche Entwicklungen sorgten für Enttäuschung? Und vor allem: Wie steht es nun um die Perspektiven für das restliche Jahr?

Diesen Fragen geht «The Pulse» in der heutigen Ausgabe nach.

Probleme im Dreierpack

Engagements im Tech-Sektor haben in den letzten Monaten gute Nerven erfordert. Keine andere Branche im S&P 500 erwirtschaftet einen höheren Umsatzanteil ausserhalb der USA, weshalb IT-Konzerne die Abkühlung der Weltwirtschaft besonders empfindlich spüren.

Auch vom Handelskonflikt mit China sind Tech-Unternehmen überdurchschnittlich stark betroffen. Eine baldige Entspannung zeichnet sich nicht ab, hat US-Präsident Trump doch am Dienstag eine weitere verbale Attacke gegen Peking lanciert.

Hinzu kommen Sorgen um die Verschärfung des regulatorischen Umfelds. Vergangene Woche haben die amerikanischen Wettbewerbshüter angekündigt, dass sie die Geschäftspraktiken von Branchenleadern wie Facebook, Google und Amazon jetzt definitiv unter die Lupe nehmen.

Kein Wunder, gehörten diese drei Problemfaktoren zu den Kernthemen bei den Abschlüssen im Tech-Sektor. Das wichtigste Fazit aus Dutzenden von Unternehmensberichten ist damit, dass fundamental wenig auf eine baldige Aufhellung hindeutet.

Das reflektieren die Prognosen zum zweiten Halbjahr: Rechneten Analysten Anfang Juli für den IT-Sektor mit einem Ergebnisrückgang von 6,4% im dritten Quartal, sind es aktuell zwar «nur» noch 6%. Im Gegenzug sind aber die Schätzungen zum Gewinnwachstum im vierten Quartal von 3,9% auf 3,2% gesunken.

Der Trend zeigt demnach weiter nach unten, wie ein Blick auf die Entwicklung der Gewinnschätzungen illustriert:

In auffälligem Gegensatz dazu steht das Geschehen an der Börse. Aktien aus dem IT-Sektor sind seit Anfang Jahr 33% vorgeprescht und übertreffen damit den breiten Gesamtmarkt. Am besten schneiden Valoren aus dem Subsegment Software ab:

Googles Comeback

Als grösster Gewinner geht Google (Alphabet) aus der Berichtssaison hervor. Die Titel des Internetgiganten sind am Tag nach der Ergebnisveröffentlichung annähernd 10% avanciert. Der Börsenwert des Konzerns ist dadurch in einer einzigen Sitzung um fast 80 Mrd. $ gestiegen. Derzeit beläuft er sich auf 850 Mrd. $.

Die positive Reaktion ist vor allem zwei Punkten zu verdanken: Erstens waren die Erwartungen nach dem verpatzten Abschluss zum ersten Quartal tief angesetzt. Robuste Einnahmen mit Onlinewerbung haben nun Befürchtungen einer gravierenderen Wachstumsverlangsamung gedämpft.

Zweitens zeigt Google auf der Kostenseite mehr Disziplin. Die Ebit-Marge hat sich nach dem Tief von Ende 2018 weiter auf knapp 24% erholt. Das weckt Erwartungen, dass sich der Konzern auch künftig stärker auf den Ausbau des Gewinns konzentriert:

Dass Google mehr an die Aktionäre denkt, drückt sich ebenso im angekündigten Aktienrückkauf von 25 Mrd. $ aus.

«Es ist inzwischen die vierte Ausweitung des Ausschüttungsprogramms, seit es der Konzern 2015 lanciert hat», meint dazu Michael Pachter vom Broker Wedbush Securities, der die Titel zum Kauf empfiehlt.

Unter den «Big Five» aus dem Tech-Sektor ist Google mit einem Kursplus von 17% seit Anfang Jahr nach wie vor das Schlusslicht. Hält die freundliche Stimmung an den Märkten an, steckt in den Titeln erhebliches Comeback-Potenzial.

Zum Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp 24 auf Basis der Gewinnprognosen für die nächsten zwölf Monate erscheinen sie im historischen Vergleich denn auch nicht übermässig teuer.

Amazon priorisiert Wachstum

Gerade in die umgekehrte Richtung geht der Trend bei Amazon. Während Google den Fokus auf mehr Profitabilität legt, zeichnen sich beim weltgrössten Online-Händler ein neuer Investitionsschub und damit tiefere Margen ab.

Unter den Schwergewichten der amerikanischen IT-Branche hat Amazon mit dem Abschluss aus Sicht von «The Pulse» deshalb am meisten enttäuscht.

Hauptgrund für die steigenden Kosten ist der verschärfte Wettbewerb mit traditionellen Detailhändlern wie Walmart und Target. Um die Marktführerschaft im Online-Segment zu verteidigen, will Amazon künftig fast alle Bestellungen von Prime-Kunden in einem Tag ausliefern.

Das Resultat sind Abstriche bei der Ertragskraft, wie der Rückgang der Betriebsmarge im zweiten Quartal auf rund 5% verdeutlicht:

Wachstum hatte für Amazon zwar schon immer Priorität. Dennoch erfreute das Unternehmen Investoren zuletzt Quartal für Quartal mit Rekordgewinnen. Der scharfe Ergebnisrückgang auf 2,6 Mrd. $ ist ein klares Signal, dass es damit vorläufig vorbei ist:

«Das führt zu einem Schock im System», sagte Finanzchef Brian Olsavsky zur Umstellung des Distributionsnetzes auf schnellere Lieferzeiten. «Wir erwarten, dass wir einige Quartale brauchen werden, um das Ziel zu erreichen. Wenn sich der Staub aber gelegt hat, werden wir unsere Kosteneffizienz allmählich zurückgewinnen.»

Leicht enttäuscht hat ausserdem die Cloud-Sparte AWS, die für rund die Hälfte des Konzerngewinns aufkommt. Ihre Einnahmen haben im Berichtszeitraum zwar beachtliche 37% zugenommen. In den vergangenen Quartalen betrug die Wachstumsrate jedoch über 40%.

Amazon ist im Cloud-Geschäft vor Microsoft und Google weiterhin klar der Marktleader. Die beiden Hauptkonkurrenten expandieren jedoch noch schneller. Umso wichtiger wird der 10 Mrd. $ umfassende JEDI-Grossauftrag des US-Verteidigungsdepartements, für den Amazon und Microsoft in der Endauswahl stehen.

Rekordstimmung im Chip-Sektor

Mit am meisten Spannung sind die Resultate der Halbleiterhersteller erwartet worden. Wer sich mehr Klarheit über die Perspektiven der konjunktursensitiven Branche erhoffte, ist heute jedoch nicht viel weiter.

Der Halbleiter-Index PHLX Semiconductor bewegt sich zwar erneut auf Rekordniveau. Die Abschlüsse der letzten Tage lassen aber viele Fragen offen:

Ein gutes Beispiel ist Texas Instruments. Der Konzern zählt auf dem Papier mit einem Kurssprung von über 7% zu den grössten Gewinnern der Berichtssaison. Die Avance reflektiert jedoch vor allem Erleichterung, dass der Ausblick weniger schlimm ausgefallen ist als befürchtet.

Der Hersteller von Analog-Chips stellt für das laufende Quartal einen Umsatz von rund 3,7 bis 4 Mrd. $ in Aussicht. Das übertrifft die Analystenprognosen, ist allerdings ein Rückgang von rund 10% zur Vorjahresperiode.

Es fragt sich daher, ob es wirklich gerechtfertigt ist, dass die Titel Anfang Woche mit knapp 130 $ ein neues Allzeithoch markiert haben.

Wesentlicher kühler ist die Reaktion auf den Abschluss von Intel ausgefallen. Der führende Hersteller von Mikroprozessoren hat seine darbende Mobilfunkmodem-Sparte für 1 Mrd. $ an Apple verkauft. Wie die Quartalszahlen zeigen, löst das die Probleme im Kerngeschäft aber längst nicht.

Entsprechend verhalten ist der Ausblick: Intel-Chef Bob Swan warnte, dass er vor allem wegen der angespannten Handelsbeziehungen zu China für das zweite Halbjahr «etwas vorsichtiger sei» als vor drei Monaten.

Nicht besser klingt es bei AMD. Intels kleinerer Rivale hat am Dienstag mit dem Ergebnis ebenfalls enttäuscht. Er stellt für das dritte Quartal einen Umsatz von bis zu 1,85 Mrd. $ in Aussicht, wogegen am Markt bislang mit fast 2 Mrd. $ gerechnet worden sind. Die Aktien sind im nachbörslichen Handel darauf über 4% eingebrochen.

Deep Diving

Wie immer an dieser Stelle gibt es hier einige Links, die einen vertieften Einblick in drei aktuelle Themen geben:

  • Die exorbitant hohen Gesundheitskosten in den USA sind ein heisses Thema bei den demokratischen Präsidentschaftsdebatten von dieser Woche. Am Beispiel von Humira, dem meistverkauften Medikament der Welt, zeigt das Wirtschaftsblatt «Forbes» auf, wie skrupellos der Pharmahersteller AbbVie gegen günstigere Varianten des Wirkstoffs vorgeht.
  • Die Venture-Capital-Branche boomt. Mit nachhaltigem Erfolg auf Startup-Unternehmen zu wetten, erfordert jedoch viel Knowhow. Ein neues Buch von Tom Nicholas, Wirtschaftsprofessor an der Harvard University, geht den Anfängen von Wagniskapital-Investitionen bis zum Walfang im 19. Jahrhundert nach. Das Magazin «New Republic» liefert dazu eine unkonventionelle Rezension.
  • In der Entwicklung von Riechstoffen spielt sich eine heimliche Revolution ab. Ein Schlüsselrolle spielt der Einsatz künstlicher Intelligenz. Der Schweizer Marktführer Givaudan etwa hat dazu unlängst eine digitale Plattform unter dem Namen Carto lanciert. Das Fachblatt «Glossy» berichtet, wie Computer die Kreation von Parfums aufmischen.

Pumped Up

Die Erfolgsgeschichte von Microsoft hat nicht nur Bill Gates und seinen kürzlich verstorbenen Mitbegründer Paul Allen unermesslich reich gemacht. Auch Steve Ballmer schwimmt im Geld.

Der vormalige Microsoft-CEO ist seit 2014 der grösste Privataktionär des Software-Konzerns. Gemäss der letzten Offenlegung hält er mehr als 300 Mio. Aktien. Im Bloomberg Billionaires Index rangiert er mit einem Vermögen von über 50 Mrd. $ unter den zwanzig reichsten Menschen der Welt.

Ballmer, der 1980 als Mitarbeiter Nummer dreissig zu Microsoft stiess und das operative Geschäft bis 2014 während vierzehn Jahren leitete, machte vor allem mit seinen euphorischen Gefühlsausbrüchen Schlagzeilen.

Besonders legendär ist seine Selbstinszenierung während einer Unternehmenspräsentation im September 2000, als er minutenlang brüllend wild auf der Bühne herumhüpfte. Von seinem «Monkey Boy Dance» wird bis heute gesprochen.

Vor wenigen Tagen war es wieder einmal soweit. Ballmer ist inzwischen Besitzer des Basketball-Clubs Los Angeles Clippers, für den er 2014 rund 2 Mrd. $ zahlte. Mit Kawhi Leonard and Paul George hat das Team nun zwei der hochkarätigsten NBA-Spieler verpflichtet.

Bei ihrer Willkommenszeremonie liess es sich Ballmer vor versammelten Fans und Medien natürlich nicht nehmen, etwas aus seinem Repertoire zum Besten zu geben.

Wie in alten Zeiten schrie er ins Mikrofon, verwarf unkontrolliert die Hände und spornte das Publikum fanatisch zum Applaudieren an. Kein Wunder, war seine Showeinlage an diesem Abend in den Sportnachrichten ein Topthema.

Mit den Clippers, die es bisher noch nie in die Finalrunde geschafft haben und seit Ewigkeiten im Schatten der LA Lakers segeln, hat Ballmer Grosses vor. Davon zeugt das Projekt für ein neues Stadion im Stadtteil Inglewood, das rund eine Milliarde Dollar kosten soll.

Für die Fans bleibt damit nur zu hoffen, dass dem Team mit Ballmer als Besitzer mehr Erfolg vergönnt ist als seinen Aktionären bei Microsoft.

Während seiner Zeit als CEO entwickelte sich der Softwareriese zwar zu einem zuverlässigen Dividendenzahler. Die Aktien kamen aber mehr als ein Jahrzehnt lang nicht vom Fleck. Doch als Ballmer im August 2013 den Rücktritt ankündigte, sprang der Kurs an einem Tag über 7%.

Herzliche Grüsse von der US-Westküste und hoffentlich bis nächste Woche,

Christoph Gisiger