The Pulse

Die nächste Revolution im Biotechsektor

Moderna und BioNTech haben weniger als ein Jahr benötigt, um ein Vakzin gegen Covid-19 zu finden – dank der mRNA-Technologie. The Pulse wirft einen Blick auf künftige Anwendungsmöglichkeiten.

Christoph Gisiger
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Die Lage an den Börsen bleibt unübersichtlich. Das gilt auch für den amerikanischen Tech-Sektor, wo die Kurse zu Wochenbeginn im Zug der generellen Verunsicherung um den chinesischen Immobilienentwickler Evergrande teilweise deutlich unter Druck gekommen sind.

Der Nasdaq 100 📈 startete am Dienstag zunächst zwar fester in den Handel. Eine kräftige Gegenbewegung blieb jedoch aus, womit zum Schluss der Sitzung lediglich ein Plus von 0,1% resultierte. Seit dem Rekordhoch vom 7. September hat das Tech-Barometer inzwischen rund 4% verloren:

Nasdaq 100

Performance seit Anfang Jahr, in %
Nasdaq 100
S&P 500
Dow Jones Industrial
Russell 2000

Mit der Zinssitzung der US-Notenbank steht heute Nachmittag ein wichtiger Entscheid an. Wie Fed-Chef Jerome Powell Ende August am Wirtschaftssymposium von Jackson Hole signalisierte, will er noch dieses Jahr mit dem Tapering des Stimulusprogramms beginnen. Investoren erhoffen sich deshalb neue Hinweise zu Zeitpunkt und Tempo der Drosselung der Wertschriftenkäufe.

In wenigen Wochen treffen zudem die ersten Unternehmensabschlüsse zum dritten Quartal ein. Nachdem das Gewinnwachstum Ende des ersten Semesters den Zenit erreicht hat, wird die Vergleichsbasis nun fortwährend anspruchsvoller. Gemäss dem Datendienst Refinitiv rechnen Analysten für den S&P 500 📈 mit einer Ergebnisverbesserung von rund 22% in der auslaufenden Berichtsperiode, wogegen es im zweiten Quartal fast 30% waren.

Keine Verlangsamung zeichnet sich demgegenüber bei den Herstellern von mRNA-Impfstoffen Moderna, Pfizer und BioNTech ab. Im Gegenteil: Bei Moderna 📈 erwartet der Konsens allein für das dritte Quartal einen Gewinn von rund 4,2 Mrd. $, nachdem im Vorjahreszeitraum über 230 Mio. $ Verlust resultiert hatten. Ähnlich imposant sieht es beim Konkurrenten BioNTech 📈 aus, für den Analysten einen Quartalsgewinn von gut 4,8 Mrd. $ prognostizieren.

Wie immer an der Börse stellt sich aber die Grundsatzfrage, was mittel- bis langfristig mit einem Unternehmen passiert. Die mRNA-Technologie hat Moderna und BioNTech bei der Entwicklung der Covid-Vakzine zum grossen Durchbruch verholfen. Entscheidend für Anleger ist nun, in welchen Bereichen sich das revolutionäre Verfahren künftig einsetzen lässt, wenn die Pandemie hinter uns liegt.

Aus diesem Grund setzt sich «The Pulse» in der heutigen Ausgabe mit dem Thema mRNA im Detail auseinander und befasst sich mit den neusten Trends in der Forschung.

Der Beginn einer Revolution

Das Tempo ist atemberaubend. Dank der mRNA-Technologie hatten Moderna und BioNTech weniger als ein Jahr benötigt, um ein Vakzin gegen das tödlichste Virus seit der globalen Pandemie zur Zeit der Spanischen Grippe zu finden. Das ist umso eindrücklicher, weil die Entwicklung von Impfstoffen üblicherweise mehrere Jahre erfordert und häufig von Missgriffen und Enttäuschungen geprägt ist.

Der entscheidende Durchbruch kam am 2. Dezember 2020, als das Vakzin von BioNTech und Pfizer als erster Impfstoff gegen Covid-19 eine Notzulassung der britischen Gesundheitsbehörde MHRA erhielt. Kurze Zeit später gab auch der amerikanische Regulator FDA grünes Licht.

Seit China am 11. Januar 2020 die genetische Sequenz des Erregers SARS-CoV-2 publik gemacht hatte, waren damit lediglich 326 Tage bis zur breiten Anwendung eines Impfstoffs vergangen. Fast ebenso schnell kam Moderna zum Erfolg.

Zum Vergleich: Es brauchte fast 50 Jahre, bis es dem amerikanischen Virologen Jonas Salk 1953 gelang, den ersten Impfstoff gegen Kinderlähmung zu entwickeln. Für andere Ansteckungskrankheiten wie HIV oder Zika gibt es bis heute kein Vakzin:

Entwicklung wichtiger Impfstoffe

Entdeckung des Erregers
Lizenzierung des ersten Vakzins in den USA

Der bahnbrechende Erfolg der mRNA-Technologie hat die Pharmabranche erschüttert. Von den «Big Four» in der Impfstoffherstellung – Pfizer, Sanofi, Merck und GlaxoSmithKline – die vor der Pandemie zusammen rund 80% des Weltmarkts kontrollierten, hat heute nur Pfizer dank der Kooperation mit BioNTech ein Vakzin gegen Covid-19 im Portfolio.

Den anderen Branchenriesen ist ein grosses Geschäft entgangen. «Der globale Markt für Impfstoffe umfasste vor der Pandemie ein Volumen von jährlich rund 30 Mrd. $», sagt Hartaj Singh, Biotechanalyst beim US-Brokerhaus Oppenheimer & Co. «Allein mit Covid-Vakzinen dürften dieses und nächstes Jahr rund 50 bis 60 Mrd. $ Umsatz eingenommen werden, also fast doppelt so viel, wie zuvor der Gesamtmarkt ausmachte», fügt er hinzu.

Im Kampf gegen die Pandemie stehen die Impfstoffe im Rampenlicht. Mit monoklonalen Antikörpern gelang es Eli Lilly und Regeneron aber schon letzten Herbst, einen wirksamen Cocktail zur Behandlung von Covid-19 zu finden. Weil Impfstoffe auf unerwartet grossen Widerstand stossen, sind auch diese Therapien zu Blockbuster-Medikamenten avanciert. Regeneron zum Beispiel dürfte dieses Jahr mit der Antikörpertherapie rund 2,9 Mrd. $ einnehmen. 2022 dürften es nochmals rund 1,5 Mrd. $ sein.

Der nächste wichtige Schritt in der Behandlung von Covid-19 könnten antivirale Medikamente sein, die sich wie das Roche-Grippemittel Tamiflu in Form einer Pille einnehmen lassen. Mit Remdesivir von Gilead Sciences ist zwar schon ein ähnliches Produkt auf dem Markt, das dem Biotechkonzern dieses Jahr rund 3 Mrd. $ einbringen dürfte. Seine Wirksamkeit ist jedoch umstritten. Zudem muss das Präparat umständlich durch eine intravenöse Infusion verabreicht werden.

Diese nächste Generation von Covid-Medikamenten wird bereits mit klinischen Tests im fortgeschrittenen Stadium geprüft. Im Optimalfall könnten sie bis Ende Jahr auf dem Markt sein. Im Lead sind Merck, Pfizer und das Biotechunternehmen Atea Pharmaceuticals in Kooperation mit Roche. Fallen die Testresultate positiv aus, dürften sich hier für Anleger spannende Perspektiven eröffnen.

Neue Erkenntnisse, welche die medizinische Forschung im Verlauf der Pandemie gewonnen hat, ebnen möglicherweise den Weg zur Behandlung anderer Krankheiten. Ebenso hat die Pharma- und Biotechindustrie seit dem Ausbruch des Coronavirus eine höhere Aufmerksamkeit in der breiten Bevölkerung erlangt, was sich positiv auf staatliche Investitionen im Gesundheitssektor auswirken könnte.

Vor diesem Hintergrund erscheint es besonders lohnenswert, sich mit künftigen Anwendungsmöglichkeiten der mRNA-Technologie auseinanderzusetzen.

Neue Chancen

An der mRNA-Technologie wird bereits seit den frühen Sechzigerjahren geforscht, wobei sich die Dynamik in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren akzentuiert hat. BioNTech wurde 2008 gegründet, Moderna zwei Jahre später. Mit einem phänomenalen Wirkungsgrad von über 90% gegen die ursprüngliche Variante des Coronavirus haben ihre Covid-Impfstoffe das Potenzial von mRNA-Plattformen eindrücklich demonstriert.

Die positive Erfahrung aus der Pandemie dürfte sich bei der Entwicklung weiterer mRNA-Medikamente als wichtiger Vorteil erweisen. «Weltweit sind Gesundheitsbehörden und Regierungen nun gut mit der mRNA-Technologie und den Herstellungsverfahren bis hin zu Wirkung und Nebenwirkung vertraut», sagt Daniel Koller von der Anlagegesellschaft BB Biotech, die in Moderna investiert ist.

Das enorme Potenzial des Verfahrens beruht auf einem revolutionären Prinzip: Stark vereinfacht gesagt sind wir für fast alle Körperfunktionen auf Proteine angewiesen. Die mRNA – die Abkürzung steht für Boten-Ribonukleinsäure – gibt unseren Zellen dabei den Auftrag, welche Proteine sie genau herstellen sollen.

Im Fall der Covid-Vakzine zum Beispiel werden mit mRNA detaillierte Instruktionen an unseren Körper gesandt, um das Spike-Protein zu reproduzieren, das für das Coronavirus typisch ist. Als Reaktion darauf werden spezifische Immunabwehrzellen sowie Antikörper gebildet, die den Erreger später gezielt bekämpfen und eliminieren können, wenn es zu einer Ansteckung kommt.

Mit im Labor erstellten mRNA-Präparaten könnten wir unseren Körper demnach theoretisch auch dazu instruieren, alle möglichen Proteine auf natürliche Weise selber zu fertigen. Diese könnten dann beispielsweise ein Blutgerinnsel verhindern, beschädigte Organe reparieren oder unser Immunsystem gegen Angreifer wappnen.

«Die mRNA-Technologie lässt sich sehr schnell, flexibel und vielseitig einsetzen. Das hat sie als Paradebeispiel bei der Pandemie gezeigt», meint Branchenspezialist Koller. «Wir glauben deshalb, dass sich die mRNA-Technologie als Plattform zur Entwicklung von Medikamenten stark ausbreiten und durchsetzen wird», ergänzt er.

Anhaltspunkte dazu gab Moderna-CEO Stéphane Bancel vor wenigen Wochen am Investorentag des Biotechkonzerns aus Cambridge, Massachusetts. Konkret zählt dazu eine Impfstoff-Kombination, die nicht nur gegen das Coronavirus helfen soll, sondern gleichzeitig auch gegen die saisonale Grippe und später gegen den RSV-Erreger, der eine akute Erkrankung der Atemwege verursacht.

Zudem forscht die Firma an einer ganzen Reihe von weiteren mRNA-Medikamenten: von prophylaktischen Impfstoffen gegen virale Erkrankungen wie Herpes, Zika und HIV über Präparate gegen seltene Krankheiten bis hin zu Therapien gegen Autoimmunkrankheiten und Krebs. In letzterem Bereich arbeitet sie unter anderem mit den Pharmakonzernen Merck und AstraZeneca zusammen.

«Wir gehen davon aus, dass Moderna über ein hohes Umsatzpotenzial bei prophylaktischen Impfstoffen verfügt», denkt Koller von BB Biotech. «Für Anwendungen in anderen medizinischen Bereichen sind die kommerziellen Perspektiven im Vergleich zu den Impfstoffen jedoch kleiner und aus Investorensicht deshalb momentan weniger wichtig», relativiert er.

An einer ganzen Palette von neuen Anwendungen zur mRNA-Technologie forscht auch BioNTech. Wie das Unternehmen aus Mainz per Ende des zweiten Quartals berichtete, befinden sich 15 Produktkandidaten in 18 laufenden Studien.

Zu den Projekten gehören Präparate gegen Malaria, Tuberkulose, Allergien und Multiple Sklerose. In erster Linie setzt BioNTech jedoch auf neue Behandlungsmöglichkeiten im Bereich Onkologie, wo sich ein zusammen mit der Roche-Tochter Genentech entwickelter Wirkstoff gegen Hautkrebs momentan in einer Phase-II-Studie befindet.

Die nächste Generation

Insgesamt forscht derzeit rund ein Dutzend Unternehmen an Anwendungsmöglichkeiten der mRNA-Technologie. Zu den führenden Gesellschaften gehört auch die deutsche Biotech-Firma CureVac aus Tübingen. Ihr zusammen mit GlaxoSmithKline entwickelter Covid-Impfstoff enttäuschte im Juni allerdings mit einem Wirkungsgrad von lediglich 47%.

Weitere Namen sind Ethris, Arcturus Therapeutics, eTheRNA immunotherapies, ReCode Therapeutics und Strand Therapeutics. Mit der 3,2 Mrd. $ teuren Übernahme von Translate Bio versucht auch der französische Pharmariese Sanofi, sich im Bereich mRNA besser zu positionieren.

«Nach einer umfassenden Bestandesaufnahme von mRNA-Gesellschaften und ihrer Pipeline stellen wir fest, dass abgesehen von Covid-19 – wenig überraschend – Ansteckungskrankheiten, Onkologie und Lungenkrankheiten zu den meisten Indikationen zählen», hält eine aktuelle Branchenstudie der japanischen Bank Mizuho fest.

Durch die Pandemie hat sich die Ausgangslage in diesem Segment des Biotechsektors massiv verändert. Gemäss den Schätzungen des Research-Teams von Mizuho werden Moderna und BioNTech dieses und nächstes Jahr jeweils rund 20 Mrd. $ mit ihren Covid-Impfstoffen verdienen. Die beiden Präparate gehören damit zu den umsatzstärksten Medikamenten der Welt:

Medikamente mit weltweit grösstem Umsatz

Medikament Erkrankung Unternehmen Jahresumsatz
HumiraArthritisAbbVie20,4
ElasomeranCovid-19Moderna20,3
ComirnatyCovid-19BioNTech19,1
KeytrudaKrebsMerck14,4
RevlimidKrebsBristol Myers Squibb12,2
EliquisBlutgerinnselBristol Myers Squibb/Pfizer9,2
ImbruvicaKrebsAbbVie/Johnson & Johnson8,4
EyleaAugenkrankheitenRegeneron/Bayer8,4
StelaraEntzündliche HauterkrankungenJohnson & Johnson7,9
OpdivoKrebsBristol Myers Squibb7,9
BiktarvyHIVGilead Sciences7,3
XareltoBlutgerinnselBayer/Johnson & Johnson6,9

Dieser Geldsegen gibt beiden Konzernen gewaltigen Schub und eröffnet ihnen die Möglichkeit, aggressiv in ihre Zukunft zu investieren mit dem Ziel, die Zulassung für diverse weitere Impfstoffe und neue Medikamente zu erhalten.

«Moderna wird Ende nächstes Jahr flüssige Mittel im Umfang von rund 30 Mrd. $ auf der Bilanz halten. Bei BioNTech werden es etwa 15 bis 20 Mrd. $ sein», sagt Biotech-Analyst Hartaj Singh. «Sie werden dieses Geld nutzen, um neue Technologien und andere Unternehmen zu kaufen», führt der Branchenexperte der Investmentbank Oppenheimer & Co. aus.

Im Gespräch weist er daraufhin, dass bestimmte technische Probleme beim Einsatz von mRNA-Technologie dank dem Durchbruch bei den Covid-Impfstoffen überwunden werden konnten. Basierend auf diesem Fortschritt von BioNTech und Moderna dürfte es anderen Firmen demnach künftig ebenfalls leichter möglich sein, mRNA-Medikamente zu entwickeln.

«In den nächsten 12 bis 24 Monaten wird es in der Venture-Capital-Szene einen enormen Geldfluss in den Bereich mRNA geben», meint Singh, der den Biotechsektor seit langer Zeit verfolgt. «In einem bis zwei Jahren werden wir dann zahlreiche mRNA-Firmen sehen, die an die Börse kommen», glaubt er.

Seiner Ansicht nach werden kleinere Startup-Unternehmen mit Finanzmitteln von 100 bis 200 Mio. $ aber keine Chance gegen die beiden Branchenleader haben. «Anders als Moderna und BioNTech werden sie deshalb nicht einen ganzheitlichen Plattform-Ansatz verfolgen, sondern sich auf ein einzelnes mRNA-Medikament konzentrieren und dabei auf ein ‹One-Hit-Wonder› wetten», denkt er.

Implikationen für Investoren

An der Börse sorgt der Erfolg der Covid-Impfstoffe für viel Begeisterung. Der Kurs von Moderna ist allein seit Anfang Jahr weitere 315% vorgeprescht, womit das Unternehmen der beste Performer im Nasdaq 100 ist.

Mit einer Kapitalisierung von 175 Mrd. $ wird es derzeit höher bewertet als gestandene Konzerne wie Amgen oder Bristol-Myers-Squibb und tritt Branchenriesen wie Merck, AstraZeneca und Novartis auf Augenhöhe entgegen.

Auch der Börsenwert von BioNTech hat sich seit Anfang Jahr annähernd 320% auf rund 83 Mrd. $ erhöht. Demgegenüber notiert der Kurs des Konkurrenten CureVac 34% im Minus:

Moderna

Performance seit Anfang Jahr, in %
Moderna
BioNTech
Nasdaq Biotechnology Index
CureVac

In den Aktien von Moderna und BioNTech ist damit schon reichlich Zukunftsfantasie eingepreist. Auf Basis der Analystenschätzungen für 2022 und 2023 handeln die Aktien von Moderna gemäss dem Datendienst S&P Global Market Intelligence zu einem Umsatz-Multiple von 8,3 bzw. 15,2. Bei BioNTech beträgt das Verhältnis von Unternehmenswert zu Einnahmen rund 4 respektive 6,5.

In beiden Fällen ist das Bewertungsniveau damit überaus anspruchsvoll. «Es ist zwar klar, dass die Covid-Impfstoffe einen erheblichen Beitrag zur globalen Konjunkturerholung leisten», meinen dazu die Biotech-Analysten von Bank of America.

«Um die aktuelle Bewertung von Moderna zu rechtfertigen», wenden sie ein, «muss man aber erstens annehmen, dass der Konzern von 2022 bis 2038 jedes Jahr 1 bis 1,5 Mrd. Dosen an Covid-Vakzinen verkaufen wird, und zweitens von einer 100%-Erfolgswahrscheinlichkeit für die gesamte Pipeline mit einem aggregierten jährlichen Spitzenumsatz von 30 Mrd. $ ausgehen.»

Wie immer bei transformativen Technologien ist das Spektrum möglicher Szenarien für Investoren gross – beim Upside wie auch beim Downside. Den grössten Risikofaktor für den Kurs stellt unmittelbar wohl die mögliche Zulassung der eingangs erwähnten «Covid-Pille» dar. Wer preisbewusst ist und auf die Bewertung achtet, wartet deshalb ab und hofft darauf, dass sich nach einem Kursabschlag eine günstigere Möglichkeit zum Einstieg eröffnet.

Gerade umgekehrt verhält es sich mit etablierten Biotech-Konzernen wie Amgen, Vertex, Gilead oder Regeneron: Ihre Valoren handeln zu historisch günstigen Bewertungen. Seit wir Anfang August letztmals auf diesen Sachverhalt aufmerksam gemacht haben, fällt die Performance zugegebenermassen durchwachsen aus. Amgen und Vertex haben 6 respektive 7% verloren, während der S&P 500 nur 1% eingebüsst hat.

Immerhin konnte Gilead fast 4% an Terrain gewinnen. Der kräftige Kursschub von Regeneron verdeutlicht zudem, dass der Knopf plötzlich aufgehen kann. Die Titel notieren seit Anfang Mai 32% höher, wobei ein wesentlicher Teil des Kursanstiegs in den letzten anderthalb Monaten erfolgte.

Wir bleiben deshalb zuversichtlich und denken, dass auch in Amgen und Vertex weiterhin viel Potenzial schlummert.

Regeneron

Performance seit Anfang Jahr, in %
Regeneron
Gilead Sciences
S&P 500
Nasdaq Biotechnology Index
Amgen
Vertex Pharmaceuticals

Deep Diving

An dieser Stelle präsentieren wir wie immer drei Links, die einen vertieften Einblick in ein aktuelles Thema geben:

  • Arthur Rock ist einer der Gründerväter des Silicon Valley. Der heute 95-Jährige gehörte zu den ersten Investoren von Unternehmen wie Intel, Apple, Scientific Data Systems und Teledyne. Ebenso spielte er eine Schlüsselrolle bei der Gründung des Halbleiterkonzerns Fairchild Semiconductor, der die Basis für die moderne Chipindustrie legte. In einer mehrteiligen Serie mit dem Titel «Rock of Ages» geht der Blog «Cloud Valley» der faszinierenden Geschichte des Branchenpioniers nach. Hier ist der erste Teil.
  • Rüstungskonzerne wie Lockheed Martin, Raytheon Technologies und Northrop Grumman arbeiten traditionell eng mit dem amerikanischen Militär zusammen. Im heutigen Zeitalter der Cyber-Kriege nimmt die Bedeutung von künstlicher Intelligenz und Internet-Technologien jedoch rasch zu. Der Branchenkenner Alec Ross legt im Magazin «The Atlantic» dar, wie sich das Pentagon derzeit eine ganze Armee von Computerspezialisten aus der amerikanischen IT-Industrie aufbaut.
  • Videospiele werden immer mehr zum sozialen Treffpunkt. Das Metaverse, eine Art digitales Universum der Zukunft, auf das man jederzeit von überall her zugreifen kann, gehört zu den Megatrends im Tech-Sektor. Justin Waldron, Gründer des Startups Playco und Mitbegründer des Videogame-Herstellers Zynga, äussert sich im Podcast «Founder’s Field Guide» mit Patrick O'Shaughnessy zu den wichtigsten Entwicklungen in der Branche und wohin die virtuelle Reise künftig gehen könnte.

Und zum Schluss noch dies: Streaming Wars

Die amerikanische Unterhaltungsindustrie erlebt einen historischen Umbruch. Wie tiefgreifend die Erschütterungen in der Branche sind, hat sich dieses Wochenende bei den Emmy Awards gezeigt, dem wichtigsten Fernsehpreis in den USA.

Inzwischen sind es bald zehn Jahre her, seit Netflix mit der Gangsterkomödie «Lilyhammer» die erste eigene TV-Show lancierte. Diesen Sonntag hat der Streaming-Pionier im Microsoft Theater in Downtown Los Angeles nun insgesamt 44 Preise gewonnen – mehr als jedes grosse Fernsehnetzwerk.

Gemäss «Bloomberg News» hat Netflix in den letzten vier Jahren über 100 Emmy-Nominationen erhalten. Mit «The Crown», einem von Sony Studios produzierten Epos über die englische Königsfamilie, hat der Konzern dieses Jahr erstmals den Spitzenplatz in der Schlüsselkategorie «Beste Dramaserie» belegt. Mit den Hollywood-Stars Olivia Colman und Josh O’Connor hat die aufwändig gemachte Serie (eine Folge kostet über 10 Mio. $) auch gleich in den Sparten «Beste Hauptdarstellerin» und «Bester Hauptdarsteller» abgesahnt.

Andernorts kommt es ebenfalls zu fundamentalen Verschiebungen. Disney+, der populäre Streaming-Dienst des Disney-Konzerns, ist zwar erst zwei Jahre alt. Dennoch hat er bei den diesjährigen Emmy-Verleihungen bereits mehr Preise erhalten als das TV-Netzwerk ABC, einst das Aushängeschild des weltgrössten Unterhaltungsriesen aus Burbank.

Mit Apple feierte ein weiterer prominenter Vertreter der Tech-Branche eine grosse Nacht. Mit der Sendung «Ted Lasso», die sich um einen amerikanischen Trainer einer britischen Fussballmannschaft dreht, hat der neue Streaming-Dienst Apple TV+ den Emmy Award für die beste Comedyserie gewonnen. Jason Sudeikis, der die Hauptrolle spielt, wurde zudem mit dem Preis als bester Hauptdarsteller in dieser Kategorie ausgezeichnet.

Alles deutet daraufhin, dass Apple (wie auch Amazon) fortan in Hollywood eine immer grössere Rolle spielt. Mit Produktionen wie «The Morning Show», dem Space-Drama «For All Mankind» oder den Comedyserien «Mythic Quest» und «Mr. Corman» bietet der IT-Riese Zuschauern bereits qualitative Spitzenunterhaltung. Als Konzernchef Tim Cook letzte Woche die neuste iPhone-Generation präsentierte, wartete er denn auch als Erstes mit einem eindrücklichen Herbst-Lineup an TV-Premieren auf.

Allerdings konnten nicht alle Streaming-Plattformen brillieren. Einen empfindlichen Dämpfer hat Hulu mit «The Handmaid’s Tale» erlitten. Das düstere TV-Drama war zwar in 21 Kategorien für einen Preis nominiert, ging am Schluss jedoch komplett leer aus. Das ist ein neuer Negativrekord an den Emmy-Verleihungen. Die bislang grösste Enttäuschung musste AMC Networks 2012 mit «Mad Men» verkraften, als trotz 17 Nominierungen kein einziger Award resultierte.


Herzliche Grüsse von der US-Westküste und hoffentlich bis nächste Woche,

Christoph Gisiger