The Pulse

Die wichtigsten Tech-Trends im dritten Quartal

Die Aktien von Netflix stehen unter Druck, weil sich die Aussichten eingetrübt haben. Doch auch Amazon und Microsoft kommen nicht mehr recht vom Fleck.

Christoph Gisiger

Investoren, die sich in Unternehmen mit angeblich fantastischen Wachstumsaussichten engagiert haben, sehen sich mehr und mehr mit einer ernüchternden Realität konfrontiert:

Die Bewertung von WeWork ist bereits vor dem Börsengang implodiert, Tesla haben seit Anfang Jahr 33% verloren, und «heisse» Cloud-Titel wie Salesforce, MongoDB oder Workday stehen seit dem Sommer unter Druck.

Der aktuell wohl bedeutendste Fall ist Netflix. Das Unternehmen, das für den Buchstaben «N» im exklusiven Club der FAANG-Aktien steht, hat seit dem enttäuschenden Quartalsabschluss von Ende Juli rund ein Drittel an Wert eingebüsst.

Was ist los? Netflix hat die Unterhaltungsindustrie zweifelsohne aufgerüttelt. Doch jetzt wird der «Disruptor» selbst erschüttert: Mit Disney+ kommt im November ein neuer Streaming-Dienst auf den Markt, der über die branchenweit beste Bibliothek an Inhalten verfügt und Netflix beim Preis klar unterbietet.

Mit HBO Max von AT&T, Peacock von Comcast und Apple TV+ machen Netflix bald weitere Video-Plattformen von Kolossen aus der Telecom- und Medienindustrie die Vorherrschaft streitig. «The Pulse» hat mehrfach darüber berichtet (hier und hier).

Dass sich die Perspektiven des zu fast 14 Mrd. $ verschuldeten Streaming-Konzerns damit erheblich eintrüben, muss inzwischen selbst CEO Reed Hastings einräumen:

«Wir haben uns im vergangenen Jahrzehnt mit vielen Unternehmen konkurriert, doch im November beginnt eine ganz neue Welt», sagte Hastings Ende letzte Woche dem Fachblatt «Variety».

«Der Wettbewerb wird hart. Die Konsumenten werden über eine grosse Auswahl verfügen», ergänzte er.

Das unterscheidet sich auffällig von Hastings früheren Aussagen: «Neue Wettbewerber werden unser Wachstum nicht materiell beeinflussen, weil die Marktverschiebung zu On-Demand-Diensten ein massiver Trend ist und sich unser Angebot abhebt», behauptete er noch vor einigen Monaten.

Seit der Publikation des Interviews hat Netflix mehr als 14 Mr. $ an Wert verloren. Die Börse nimmt die anbrechenden Streaming-Kriege schon seit einiger Zeit vorweg. War Netflix vorübergehend höher bewertet als Disney, hat sich die alte Hierarchie wieder etabliert:

Ausschlaggebend für den Stimmungswechsel war Disneys Investorentag vom 11. April. Damals stellte das «Mouse House» die ersten Details zu seinem Online-Videodienst vor. Heute ist Disney mit knapp 240 Mrd. $ rund doppelt so schwer kapitalisiert wie Netflix.

Auch in anderen Bereichen des Tech-Sektors ist in den vergangenen Monaten einiges passiert. Aus diesem Grund analysiert «The Pulse» in der heutigen Ausgabe die wichtigsten Trends des dritten Quartals.

Gewinnschätzungen sinken weiter

Für viele Tech-Konzerne haben sich die Rahmenbedingungen seit dem ersten Semester verschlechtert: Ein baldiges Ende des Handelskriegs zwischen den USA und China wird immer weniger wahrscheinlich, die Weltwirtschaft verliert zusehends an Dynamik, und die Investitionen von Unternehmen gehen zurück.

Diese Tendenz bestätigen die Vorabschlüsse von Adobe und Broadcom. Beide Konzerne haben Mitte September mit ihrem Ausblick enttäuscht. Aufschlussreich ist vor allem die Einschätzung zur Grosswetterlage des Chipherstellers Broadcom:

«Wir glauben, dass die Nachfrage einen Boden erreicht hat, wegen des unsicheren Umfelds aber auf dem gegenwärtigen Niveau verharren wird», meinte Konzernchef Hock Tan.

Analysten sehen sich vor diesem Hintergrund gezwungen, ihre Schätzungen erneut nach unten zu revidieren. Gemäss dem Datendienst Refinitiv rechneten sie zu Beginn des dritten Quartals für den IT-Sektor mit einem Gewinnrückgang von 6,4%. Jetzt sind es –7,6%.

Auch die Prognosen für das vierte Quartal und die erste drei Monate im nächsten Jahr sind weiter gesunken:

Auftrieb lässt nach

Aktien aus dem Tech-Sektor haben entsprechend an Auftrieb verloren. Das Branchenbarometer Nasdaq 100 notiert seit Anfang Jahr zwar annähernd 23% im Plus und hat am 26. Juli mit 8016,95 einen Rekord erreicht.

Den grössten Teil der Avancen hat es allerdings bis zum Frühjahr absolviert. Für das dritte Quartal resultiert unter hohen Schwankungen praktisch keine Kursveränderung:

Differenzierter fällt die Performance einzelner Segmente aus. Am besten haben in den letzten drei Monaten Chipaktien mit einer Avance von gut 10% abgeschnitten. Sie weisen auch für das Gesamtjahr die beste Kursentwicklung im Tech-Sektor aus.

Das, obschon die Fundamentaldaten nach wie vor wenig erbaulich anmuten: Wie der Branchenverband SIA Anfang September meldete, sind die globalen Halbleiterverkäufe im Juli gegenüber dem Vorjahresmonat abermals um fast 16% eingebrochen. Verglichen zum Juni bleiben sie damit auf tiefem Stand:

Quelle: SIA

Quelle: SIA

Besser als der breite Gesamtmarkt (gemessen am S&P 500) haben sich ebenso Werte aus den Segmenten Social Media, Medtech und Hardware geschlagen.

Aktien aus der Software-Branche, die im ersten Halbjahr zu den Spitzenreitern gezählt haben, büssten im dritten Quartal hingegen leicht ein. Am hinteren Ende rangieren weiterhin Biotech-Titel:

Microsofts Dynamik nimmt ab

Unter den grössten Tech-Werten fällt vor allem die nachlassende Kursdynamik von Microsoft auf. Der Softwareriese hat zu den grössten Gewinnern im ersten Semester gezählt. Im Gegensatz dazu haben sich die Papiere über die letzten drei Monate kaum vom Fleck bewegt.

Am besten schneidet Google (Alphabet) ab. Schub haben den Titeln vor allem eine solide operative Leistung sowie die Ankündigung eines Rückkaufprogramms im Umfang von 25 Mrd. $ gegeben. Das Risiko regulatorischer Eingriffe könnte sich zudem als weniger gefährlich erweisen als befürchtet.

Erfreulich haben sich ebenso die Papiere von Apple entwickelt. Entscheidend ist für Investoren nun, was der Konzern beim nächsten Quartalsabschluss zum Absatz der neusten iPhone-Generation sagt, die diese Woche in den Verkauf kommt.

Erste Prognosen deuten auf einen eher verhaltenen Start hin. Analysten des Brokers Piper Jaffray zum Beispiel gehen davon aus, dass sich der Absatz des iPhone 11 ungefähr auf dem Level der vorherigen Version bewegen wird. Weil die Nachfrage nach den günstigsten Modellen am grössten ist, erwarten sie jedoch einen leichten Umsatzrückgang.

Das Schlusslicht unter den «Big Five» ist Amazon. Als Knackpunkt hat sich das Resultat zum zweiten Quartal erwiesen: Das Wachstum in der margenträchtigen Cloud-Sparte AWS war etwas weniger hoch als erwartet. Ausserdem belasten schnellere Auslieferzeiten die Profitabilität des Retail-Geschäfts:

Enttäuschungen im IPO-Markt

Spürbar abgekühlt hat sich der Markt für Publikumsöffnungen. Das reflektiert mitunter der IPO-ETF des Brokers Renaissance Capital. Seit dem Top von Ende Juli hat er rund 14% eingebüsst. Über die letzten zwölf Monate schneidet er sogar schlechter ab als der S&P 500:

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei anfänglichen «Überfliegern» wie Beyond Meat oder CrowdStrike, die seit dem Höchst um jeweils rund 40% korrigiert haben. Die Titel der «Schwergewichte» Uber und Lyft sind derweil noch weiter unter den Emissionspreis gesunken.

Generell hat die Aktivität im IPO-Markt nachgelassen. Das hat mit saisonalen Faktoren zu tun, wagen im Hochsommer doch in der Regel weniger Unternehmen den Gang an die Börse. Eine kräftige Belebung lässt sich seit Anfang September aber nicht erkennen.

Hinzu kommen Enttäuschungen: WeWork legt die geplante Publikumsöffnung mangels Nachfrage von Investoren bis auf Weiteres auf Eis, und mit SmileDirectClub ist der volumenmässig grösste Börsengang (1,4 Mrd. $) im dritten Quartal in einem Fiasko geendet.

Die Titel des Unternehmens, das Zahnspangen per Postversand verkauft, sind am ersten Handelstag 28% eingebrochen. Das entspricht dem schwächsten Debüt in diesem Jahr.

Der Rückschlag hat Konzernchef David Katzman offenbar derart irritiert, dass er JPMorgan-CEO Jamie Dimon im Nachgang persönlich angerufen hat, zumal dessen Bank beim IPO die Federführung hatte.

Umso interessanter wird, wie die Börse im späteren Verlauf dieser Woche Peloton empfängt. Das unprofitable Startup, das sich auf Fitness-Velos mit interaktiven Trainingsprogrammen spezialisiert, strebt eine Bewertung von rund 7 Mrd. $ an, was am unteren Ende der geplanten Preisspanne liegt.

Deep Diving

Wie immer an dieser Stelle gibt es hier einige Links, die einen vertieften Einblick in ein aktuelles Thema geben:

  • WeWork-Chef Adam Neumann erleidet ein ähnliches Schicksal wie Uber-Gründer Travis Kalanick: Er musste am Dienstag sein Amt als CEO quittieren und wird sich künftig auf die Aufgaben eines «Non-Executive Chairman» beschränken. Zudem wird bei WeWork über eine Welle von Entlassungen diskutiert. Immer öfter taucht deshalb die Frage auf, ob beim Bürovermittler Betrug im Spiel ist. In dieser Hinsicht sorgt ein Blog-Eintrag mit pikanten Details für Gesprächsstoff. Aber Achtung: Der Verfasser lässt sich nicht genau eruieren.
  • WeWork ist nicht das einzige prominente Unicorn, das in gravierenden Schwierigkeiten steckt. In den USA läuft eine grossangelegte Gesundheitskampagne gegen E-Zigaretten. Das bringt Juul als grössten Hersteller in Probleme. Zudem knöpfen sich die Justizbehörden gemäss dem «Wall Street Journal» jetzt das Unternehmen vor. Die Stossrichtung der Ermittlungen gegen das mit rund 40 Mrd. $ bewertete Startup ist zwar noch unklar. Für Grossaktionär Altria, der 13 Mrd. $ in Juul investiert hat, sind das aber keine guten Nachrichten, wie eine Analyse von «CBS News» aufzeigt.
  • Eine Eskalation in Hongkong ist für die Finanzmärkte ein beträchtliches Risiko. Der öffentliche US-Radiodienst NPR legt in einer Reportage offen, wie die chinesische Regierung für virtuelle Attacken gegen die Protestbewegung ein Heer von falschen Twitter-Profilen einsetzt, die über Jahre hinweg etabliert worden sind.

Chamber Music

Es ist eine humanitäre Katastrophe: In Kalifornien nimmt die Zahl der Obdachlosen rapid zu. Das gilt speziell für die urbanen Zentren.

In San Francisco haben letztes Jahr 30% mehr Menschen auf der Strasse gelebt. In Los Angeles beläuft sich der Zuwachs auf rund 15%.

Dieser Trend ist nicht nur aus menschlicher Sicht tragisch. Auch wirtschaftlich macht er vor allem Besitzern von Kleinfirmen zu schaffen, weil Obdachlose, die vor Läden herumlungern, Kunden abschrecken.

Eine unkonventionelle Lösung ergreifen deshalb immer mehr Betreiber von 7-Eleven-Shops, die es in vielen US-Städten fast an jeder Strassenecke gibt: Sie spielen aus Lautsprechern vor ihren Filialen lautstark klassische Musik ab, was Obdachlose und Bettler vertreibt.

Warum Meisterwerke von Mozart, Beethoven oder Verdi einen solchen Effekt haben, ist schwierig zu sagen. Gemäss der «Los Angeles Times» stellt der Hauptsitz von 7-Eleven inzwischen jedoch bereits Lautsprecheranlagen mit einem Standard-Repertoire an Klassik-Hits als Grundequipment für Ladenbetreiber aus.

Herzliche Grüsse von der US-Westküste und hoffentlich bis nächste Woche,

Christoph Gisiger